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Marianne Gallen, Torsten Brügge und Wolf Schneider bloggen zu den Themen Spiritualität, Psychologie und Bewusstseinsentwicklung.

Der Weise kann mich mal!

Veröffentlicht von am in Torsten Brügge
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Der Weise kann mich mal!

- Erleuchtungsstress abschütteln

 

Identifizierung total egal

Es gibt ein interessantes Zitat von meinem Lehrer Sri Poonjaji: „Einen wahrhaft Erleuchteten kümmert es nicht, ob er identifiziert ist oder nicht!“ Aus der Sichtweise des Advaita bedeutet „identifiziert“, dass man an die Realität der Erscheinungswelt glaubt, sich mit einer individuellen Person, deren Eigenschaften und Geschichte auf eine leidvolle Weise gleichsetzt und darüber seine wahre Natur als unangetasteter Frieden übersieht. Manchmal wird es dann zum Ideal erklärt, dass man als „weiser erleuchteter Mensch“ nie wieder an die Realität der Erscheinungswelt glaubt und sich auch gar nicht mehr mit seinem Körper identifiziert. Sri Poonjaji , der von vielen als ein meisterhafter Lehrer des Advaita wertgeschätzt wurde, rüttelt mit seiner Aussage kräftig an dieser Idealvorstellung.

Sein Ausspruch, dass es einem befreiten Menschen nicht kümmert, ob er Identifizierung erlebt oder nicht, kann in zwei Richtungen verstanden werden. Es könnte als Einladung zu einer nachlässigen Beliebigkeit missverstanden werden, als wenn es vollkommen egal wäre, ob wir gerade unsere Ich-Gedanken glauben, damit die begrenzte Identifikation mit einer Person erleben und damit auch Unklarheit und Leiden für uns selber und andere erschaffen. Das meinte Poonjaji mit Sicherheit nicht. Seine sonstige Vermittlung spiritueller Selbsterforschung und das Beispiel seines alltäglichen Lebens zeigt das sehr deutlich.

 

Über-Ich-Idealsieruungen von Erleuchtung

Was er – meiner Ansicht nach – mit dieser Aussage andeuten wollte, ist eine tiefere Ebene von Freiheit, die nicht an einem Ideal der Nicht-Identifikation oder eines Zustandes ständiger Klarheit anhaftet und diesen eine übermäßige Bedeutung gibt. Insofern kann diese Aussage eine große Entlastung und Gelassenheit mit sich bringen, die uns von dem „Über-Ich“ Anspruch, immer klar, nicht-identifiziert und bloß-keinem-Gedanken-glaubend durch die Gegend laufen zu müssen, befreit. Denn glauben wir an strenge spirituelle Konzepten wie „Erleuchtung bedeutet, dass ich meine wahre Natur niemals vergessen darf“, hat das oft missliche Auswirkungen. Es verstärkt die Identifikation mit einem Ego, das überhöhten Ansprüchen hinterher jagt und glaubt, sich selbst in Richtung vollkommener Erleuchtung trimmen zu müssen.

Außerdem liegt bei einer solchen Haltung oft eine Verwechslung von absoluter und relativer Ebene vor. Es stimmt: Auf der absoluten Ebene sind wir der Erleuchtungs-Geist, der niemals von der Erscheinungswelt berührt wird. Hier waren wir, sind wir und werden wir niemals identifiziert sein. Von hier aus wird kein einziger Gedanke als wahr geglaubt. Diese Reinheit stillen Gewahrseins allerdings auf eine Person oder einen Menschen im Sinne einer feststehenden Eigenschaft wie „vollkommen erleuchtet“ oder „vollständig verwirklicht“ zu projizieren, birgt Gefahren. Damit erschaffen wir das Ideal eines „spirituellen Übermenschen“, jagen ihm nach oder halten uns gar selbst für einen solchen, bloß weil wir Einblicke in unsere wahre Natur erhascht haben und wir den Geschmack der Nicht-Identifikation aus eigener Erfahrung kennen. Der Stolz, über eine vermeintlich eigene Perfektion kann sehr leicht ein neues und umso fetteres Ego aufbauen. Zugleich werden wir diesen idealisierten Anspruch auf Vollkommenheit auch auf Andere Anwenden. Sind wir uns nicht bewusst, dass die Idee einer perfekt erleuchteten Person den strengen Ansprüchen unseres Über-Ichs und seinen falschen Vorstellungen von spiritueller Vollkommenheit entspringen, neigen wir dazu, Andere zornig oder mit unterdrückter Wut, aber einem innerlich moralisch erhobenen Zeigefinder ihre Unvollkommenheit zu predigen. Dabei halten wir uns selbst vielleicht für den moralisch einwandfreien Vertreter höchster Wahrheit.

Das Fatale dabei: Eine solche Haltung verstärkt eher die typisch strengen und rigiden Strukturen unseres Ichs. Sie dient deshalb keineswegs der Vermittlung spiritueller Freiheit und Friedens, sondern bewirkt oft genau das Gegenteil.

 

Frieden mit der spirituellen Unvollkommenheit

Wer diese inneren Dynamik klarer durchschauen möchte, empfehlen ich das Studium der 1er-Fixierung im Enneagramm, zum Beispiel im Buch „Das spirituelle Enneagramm“ von Eli-Jaxon-Bear. Erst wenn wir unsere Über-Ich-Strukturen klar durchschauen, ihnen damit die Energie entziehen und zu einer wahrhaft friedvollen Haltung mit allen vermeintlichen „Unvollkommenheiten“ – einschließlich den spirituellen – finden, können wir für uns selbst allumfassenden Frieden finden und ihn auch authentisch vermitteln.

Dann macht es überhaupt nichts aus, wenn wir von Zeit zu Zeit einen Gedanken glauben oder uns identifizieren. Im Gegenteil: Genau solche Momente lehren uns neue Demut, dass unsere „vollkommene Erleuchtung“ nur eingebildet war und immer noch weiteres Durchschauen und umfassendere Befreiung möglich ist. Wer propagiert, er selbst oder sein Lehrer/seine Lehrerin wären von allen Tendenzen der Fehl-Identifikation oder der möglichen Anhaftung an Glaubensmuster befreit, legt den Verdacht nahe in bloßen Konzepten von Erleuchtung eingeschlafen zu sein, statt endlos weiter für die Arroganz des Mind wachsam zu sein. Sri Poonjaji empfahl: „Wachsamkeit bis zum letzten Atemzug!“, damit die subtile Verfestigung neuer Identifikationsmuster – auch gerade der spirituellen –  erkannt und gleich wieder gelöst wird. Ist das ein Widerspruch zu seiner ersten Aussage? Aber Ja. Das ist ja gerade das tolle an guten Lehrern: Sie widersprechen sich oft. So kann der Mind nicht an gewohnten Denkmustern festhalten. Echte transrationale Erkenntnisfähigkeit überschreitet eine „Entweder-oder-Haltung“ und kann das „Sowohl-als-auch“ wertschätzen.

Die befreiende Botschaft „Ein wahrhaft Erleuchteter kümmert es nicht, ob er identifiziert ist oder nicht“ kann uns entspannen. Und mit der Gelassenheit vertieft sich unsere lebendige Erfahrung, dass kein Gedanke wahr ist und die Identifikation mit einer Peron unser wahres Wesen niemals berührt hat.

Om in Mauer

 

Erleuchtungsstress abschütteln

Wir dürfen sogar „vergessen, wer wir wirklich sind“, denn die tiefste Stille, die wir sind, hat mit diesem Vergessen aber auch überhaupt kein Problem. Eine Meta-Bewusstheit umfasst somit sowohl klare, bewusste, nicht-identifizierte Zustände als auch die wertfreie, bewusste, liebevolle Annahme von Zuständen der Unbewusstheit und Identifikation. Dann können wir klar erkennen, dass wir das sind, was den Wechsel dieser Zustände bezeugt und zugleich unangetastet bleibt. Ansonsten laufen wir Gefahr in der Falle, die Edgar Hofer treffend als „die Identifikation mit der Nicht-Identifikation“ betitelt, stecken zu bleiben. Das ist vielleicht die am schwersten zu durchschauende spirituelle Verzerrung, die es überhaupt gibt, weil sie sich als so überaus erleuchtet gibt und auch – oberflächlich empfunden – so anfühlt.

Es ist eine Gratwanderung. Einerseits ist es ungeheuer wichtig, identifizierte und verwirrte Geisteszustände von der Klarheit des Erleuchtungsgeistes zu unterscheiden. Andererseits sollten wir uns nicht vom falschen Ideal einer idealisierten persönlichen Erleuchtung in Erleuchtungs-Stress versetzten lassen.

Wenn wir Sätze hören oder lesen, die mit „Der Erleuchtete ist immer…“ „Der Weise weiß jederzeit….“ „Der Erwachte bleibt ständig…“  Können wir in uns selbst prüfen, ob wir solche Aussagen als wohltuende Hinweise auf das Potential umfassender Freiheit kosten oder uns derartige Verallgemeinerungen eher in eine tiefere Identifikation mit der „Ich-bin-nicht-gut-genug“-Trance versetzen. Im ersten Fall sind wir der Erläuterung dieser Weisheit vielleicht sehr dankbar. Im zweiten Fall dürfen wir uns ein herzhaft befreiendes „Der Weise kann mich mal…“ erlauben, uns den Erleuchtungsstress abschütteln und alle Idealisierungen von Erleuchtung über Bord schmeißen. Und komisch: Plötzlich sind wir selbst ein Stück erleuchteter als die Prediger der vollkommenen Erleuchtung ;-). Aber auch diesen Gedanken sollten wir schnell wieder über Bord schmeißen und am besten selber in die heiligen Wasser des NICHTS hinterher springen. Hier lassen wir sämtliche in Sprache gegossenen Einsichten wieder in die STILLE REINEN NICHT-WISSENS zerfließen.


Torsten Brügge, Amrum, Oktober 2013

www.bodhisat.de

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