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Marianne Gallen, Torsten Brügge und Wolf Schneider bloggen zu den Themen Spiritualität, Psychologie und Bewusstseinsentwicklung.

Lebensfluss und ewiges Wasser - Zuversicht im Angesicht von Krankheit

Veröffentlicht von am in Torsten Brügge
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Gesundheit – ein zerbrechliches Gut

Um die Weihnachtszeit erfuhr ich von einem jungen Mann, der gerade unter den Auswirkungen einer heftigen akuten körperlichen Krankheit litt. Dabei bleibt für ihn und seine Familie im Moment ungewiss, ob diese Erkrankung nur ein akutes, vorübergehendes Ereignis darstellt oder ob es die Gefahr von wiederkehrenden Krankheitsattacken gibt. In letzterem Fall könnte dies das Leben des jungen Mannes in manchen Bereichen stark einschränken.
Ganz nebenbei: Die Gefahr einer einschneidenden Erkrankung besteht natürlich für jeden von uns. Jederzeit könnte uns ein Unfall oder ein unerwartetes Gebrechen erwischen. Das würde unsere bisherigen Lebensgewohnheiten vielleicht massiv verändern. Gesundheit ist ein zerbrechliches Gut. Das ist uns oft nicht bewusst, solange wir uns eines relativ gesunden Körpers erfreuen. Der Kontakt mit konkreten Krankheitsfällen im persönlichen Umfeld macht uns diese Möglichkeit wieder bewusst. Und darin liegt ein Geschenk, uns auf das wesentliche Heilsein auszurichten.

Zuversicht im Angesicht von Krankheit

Nachdem ich die Information bezüglich des jungen Manns bekommen hatte, arbeitete es ein wenig in mir. Zunächst stieg ein wohlwollendes kleines Gebet auf. Auf einer ganz menschlichen Ebene wünschte ich ihm, dass sich seine körperliche Gesundheit stabilisieren würde. Es wäre doch erfreulich, wenn nie wieder ein solcher Krankheitsschub auftreten würde. Das ist bei dieser Symptomatik durchaus möglich.
Doch falls nicht, wie könnte ich diesem Menschen, für den Fall dass ich einmal in Kontakt mit ihm kommen würde, anschaulich erläutern, welche spirituelle Zuversicht es auch im Angesicht akuter und auch wiederkehrender körperlicher Erkrankung gibt. Ich bin mir sehr sicher, dass es möglich ist, unter jeden Lebensumständen und im Angesicht jedes Schicksalsschlages die Dimension tiefen Friedens zu erfahren. Dieser Frieden hatte sich mir bei meinem ersten Erwachenserlebnis 1991 offenbart und war seitdem zur Grundlage meines Lebens geworden ist – auch in Phasen körperlicher Krankheit oder seelischen Schmerzes. Ich persönlich habe das Glück – bis auf einige Ausnahmen – insgesamt einen recht gesunden Körper zu haben. Deshalb beruht meine Behauptung nur teilweise auf tatsächlicher Erfahrung. Allerdings gibt es auch Beispiele für die These eines von Krankheit unberührten Friedens. Eines davon spiegelt der indische Weise Sri Ramana Maharshi (http://de.wikipedia.org/wiki/Ramana_Maharshi) wieder. Er litt die letzten Jahre seines Lebens unter zahlreichen heftigen Krankheitssymptomen: Gelenkverschleiß der Knie, eine massive Wirbelsäulenverkrümmung und Krebs. Trotzdem wird berichtet, dass er unberührt von diesen körperlichen Belastungen und Einschränkungen in tiefem inneren Frieden verweilte und dies sehr kraftvoll ausstrahlte. Das weist darauf hin, dass es eine Ebene von Heilsein gibt, für die körperliche Gesundheit nur zweitrangig ist.

Behindert glücklich

Es gibt auch jetzt herausragende Menschen, die trotz einer starken körperlichen Behinderung ein erstaunlich glückliches Leben führen und viele andere Menschen inspirieren. Thomas Quasthoff wurde als schwer Contagan-Geschädigter geboren. Dennoch gelang ihm eine sehr erfolgreiche Karriere als begnadeter Bassbariton-Sänger. Er lehrt als Professor an der Hochschule für Musik in Berlin. (http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Quasthoff)
Der heute als  Motivationstrainer arbeitende Nick Vuhicic kam 1982 in Melbourne/USA ohne Arme und Beine nur mit einem Fuß ähnlichem Ansatz mit zwei Zehen auf die Welt. Das Leiden an seiner schweren Behinderung änderte sich nach seiner Aussage, als er als junger Mann seine Behinderung nicht mehr als Strafe, sondern als Herausforderung und Auftrag Gottes begriff. Heute motiviert er viele Menschen in schwierigen Situationen zu Zuversicht und Vertrauen ins Leben. Das verbindet  er mit einer göttlichen Instanz. 2011 antwortet er in einem Interview der Stuttgarter Zeitung auf die Frage, welche Bedeutung Gott für ihn hätte: „…Ich vertraue ihm voll und ganz. …Er hilft Dir in schwierigen Situationen, wenn du selbst nicht mehr weiterweißt. Natürlich ändern sich Dinge nicht. Du kannst Dir zum Beispiel keine Arme und Beine von ihm wünschen, aber sein Frieden und seine Liebe helfen mir, damit zurecht zu kommen.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Nick_Vujicic)
Solche Beispiele machen deutlich, dass auch mit extremen körperlichen Einschränkungen ein erfülltes und friedvolles Leben möglich ist. Dabei zeigt sich ein Paradox: Aus der hingebungsvollen Akzeptanz der eigenen Einschränkungen erwächst eine ungeheure Kraft und Entschlossenheit, sein Leben voll zu leben.

Lebensfluss mit Hindernissen

Ein Verständnis der Gleichzeitigkeit von Schicksalsschlägen und der Gewissheit innerer Zufriedenheit könnte man in der Metapher des Lebensflusses beschreiben. Stellen wir uns vor, jedes individuelle Leben wäre eine Reise eines Wassertropfen von der Quelle eines Flusses bis hin zu seiner Mündung ins Meer. Jeder Lebensfluss ist dabei einzigartig. Es gibt unzählige Arten von Bächen, Flüssen und Strömen. Manche fließen den ganzen Weg vom Ursprung bis zum Ziel in recht sanften Bahnen. Für sie gibt es kaum Hindernisse oder Brüche ihres Laufes. Andere Lebensflussreisen sind unberechenbar: Ein Tropfen treibt ruhig dahin. Dann stürzt er unvermittelt einen hohen Wasserfall herab. Dabei trifft er hart auf steinigen Untergrund. Für den Tropfen fühlt es sich an als würde er fast zerbrechen. Doch es schleudert ihn nur in eine seichte Bucht. Die Strömung beruhigt sich. Alles wird wieder ruhig und friedlich. An anderen Stellen trifft der Fluss auf Hindernisse. Hier staut sich das Wasser. Es scheint als würde der Tropfen nur langsam fortkommen. Vielleicht macht es sogar den Eindruck von totalem Stillstand. Dann baut sich Druck auf. Irgendwann fegt die Wucht des Wassers das Hindernis beiseite. Der Fluss ergießt sich mit neuer Kraft in Richtung Meer. Oder der angestaute Wasserdruck lässt den Fluss einen völlig neuen, vielleicht besseren Lauf finden. An manchem Abschnitt entstehen ungewöhnliche Wirbel und Strömungen. Sie schwemmen unseren Wassertropfen sogar wieder Flussaufwärts. Dann scheinen wir gegen den Strom schwimmen zu müssen. Die Umgebung leistet uns Widerstand. Schließlich wendet sich auch hier wieder die Strömung in Richtung Meer. Plötzlich werden wir leicht von den Wassermassen getragen und geleitet. Es fühlt sich an, als würden wir einfach dahin schweben. Wir überlassen uns dem Strom. Er bringt uns sicher ans Ziel.
Wir könnten uns noch viele andere Wege eines Wassertropfens von der Quelle bis ins Meer vorstellen. Es gibt unendlich viele. Doch ist es nicht erstaunlich? Irgendwie findet jeder Wassertropfen – früher oder später - seinen Weg in den Ozean.

Ewiges Wasser

Und es gibt noch Erstaunlicheres: Der immerwährende Kreislauf des Wassers. Die Atome aus denen unser Wasser besteht sind älter als die Erde selbst. Man vermutet, dass sie zwischen 5 und 10 Milliarden Jahre alt sind. Die Menge des Wassers auf der Erde ändert sich – außer bei Meteoriteneinschlägen – nicht. Das Wasser zirkuliert in einem ewigen Kreislauf: Von den Meeren und Seen des Planeten verdunstet es, steigt als Wasserdampf auf und hält sich ein paar Tage in der Atmosphäre. Dann regnet es ab und fließt wieder über die Flüsse in die Meere. Bis sich das gesamte Wasser in allen Weltmeeren vollständig erneuert hat vergehen im Mittel nur ca. 2600 Jahre. Die meisten Wassermoleküle haben also im Laufe der Erdgeschichte schon Millionen mal den Weg von einer Wasserquelle an Land zurück ins Meer gemacht.

Gelassen im Fluss

Der Metapher vom Lebensfluss eines Wassertropfen gibt das eine schöne Portion Gelassenheit: Wie wäre es, wenn sich der Tropfen auf seine ureigenste Natur des Wasserseins besinnen würde? Wenn er sich wieder mit dem Wissen verbindet, dass er aus der formlosen Wassermasse in Seen und Ozeanen hervorgegangen ist? Zu ihrem eigenen Vergnügen hat sie sich in die Formen von Wassertopfen aufgespalten, um auf diese Weise vielfältige Reisen anzutreten. Doch egal was einem Wassertropfen gerade zustößt, ob er gerade seicht dahin fließt, im brackigen Schlamm steckt oder hart auf die Steine in Stromschnellen geschlagen wird, er ist und bleibt das ewige Wasser des Lebens! Die Reisewege mögen manchmal gar nicht harmonisch erscheinen. Und es gehört auch dazu, dass der Tropfen seine ursprüngliche Natur vergisst. Deshalb ist es nur verständlich, dass er manchmal wütend darauf ist, umhergeschmissen zu werden. Vielleicht hat er zeitweise Angst vor der nächsten unberechenbaren Flussbiegung oder verzweifelt daran, dass der Fluss scheinbar ins Stocken gerät. Zugleich kann sich der Tropfen jederzeit seiner wahren Natur besinnen und in sich spüren, wie er das ewige ungetrübte Wasser ist. Ausgestattet mit dieser Gewissheit, wäre es nur noch zweitrangig, ob der Lebensfluss des Tropfens in sanften Schwüngen oder mit harten Brüchen strömt. Er könnte in Frieden mit Allem sein. Und wenn er es wäre, könnte das eine wunderbare Botschaft für Andere ausstrahlen: „Hey, ich bin das Wasser des Meeres - schon jetzt. Und Du bist es auch – schon jetzt. Egal wo und wie es uns gerade herumwirbelt.“ Allein diese Erkenntnis könnte das Leben des Tropfens zu einem vollkommen Sinn erfüllten Leben machen.
Vielleicht würde ich dem jungen Mann diese Geschichte von den Tropfen im Lebensfluss und vom ewigen Wasser erzählen. Und vielleicht würde er ahnen, dass es sich lohnt nach innen zu schauen und herauszufinden, was unseren wahren Wesenskern ausmacht. Dann wird es möglich, mit Allem in Frieden zu sein.

Torsten Brügge, Baden-Baden 2013

 

 

 

 

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