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Marianne Gallen, Torsten Brügge und Wolf Schneider bloggen zu den Themen Spiritualität, Psychologie und Bewusstseinsentwicklung.

Verletzlichkeit als Zugang zum Heilsein - Hanuman reißt sich den Brustkorb auf

Veröffentlicht von am in Torsten Brügge
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Während unseres Aufenthalts am Ganges im Norden von Indien besuchten wir vor ein paar Tagen einen bekannten Ashram in einem Dorf nördlich von Rishikesh. Hier werden jeden Abend von Schülern einer Sanskrit Schule und ihrem Guru hingebungsvoll Bhajans (spirituelle Lieder) zu Ehren der Göttin Ganga direkt am Fluss gesungen. Dem Gesang zu lauschen und der Hingabe sowohl der Inder, als auch der westlichen Besucher des Ashrams zuzusehen, ist ein Genuss.

 

Dabei sitzt man direkt an den schnell treibenden, türkisen Fluten des Ganges und spürt deutlich, wie der Fluss des Lebens stetig Alles mit sich hinfort reißt. Dieses Wegreißen ist tatsächlich befreiend. Mag sein, dass unser Denken an manchen Stellen sagt „Nein, das will ich behalten. Das will ich nicht hergeben. Es tut weh loszulassen.“ Doch je mehr wir uns der Vergänglichkeit aller Erfahrungen stellen und hingeben, desto freier lassen wir los und desto schöner ist es, die Hände und das Herz offen zu haben für das nächste Geschenk, das uns der Fluss des Lebens entgegen treibt. Außerdem öffnen wir uns erst dann der Möglichkeit, auch all unsere Sorgen und festgefügten, begrenzten Identitäten wegwaschen zu lassen. Dabei wird ganz von alleine die mystische Dimension des unpersönlichen Beobachters offenbar, der unangetastet von allem Kommen und Gehen am verlässlichen Ufer sitzt, in Ruhe und Gelassenheit wissend, dass das Ewige und das Vergängliche eins sind.

 

Am Eingang des Ashrams entdeckte ich eine nagelneue ca. 5 Meter hohe Statue des hinduistischen Affengottes Hanuman. Es ist ein beeindruckendes Standbild besonders wegen der gewaltsame Geste Hanumans: Mit seinen eigenen Händen reißt er sich selbst den Brustkorb in der Mitte auf und legt sein rotes, wundes Herz offen (siehe Foto).

Egal was Hanuman als mythologische Figur im Reigen des indischen Pantheon bedeutet, für mich gab es eine unmittelbar Resonanz dieser Geste mit dem spirituellen Potential der Öffnung für unsere menschliche Verletzlichkeit, die sich mir so oft als Eingangstor zu und Vertiefung von innerem Frieden gezeigt hatte: Die Verletzlichkeit - egal von wem oder von was sie ausgelöst wurde - in voller Gänze zulassen. Sich nicht schützen. Den Schmerz brennen zu lassen, ohne zu flüchten, ohne Gegenwehr, ohne Opfergeschichte, ohne Tätervorwurf, ohne jedes gedankliche Ausweichen oder in-Ordnung-bringen-wollen. Dieses schlichte, reine, manchmal äußerst schmerzliche Brennen befreit tatsächlich. Jedes mal wenn es ganz zugelassen wird, transzendiert es sich selbst in eine heilsame, sich selbst genügende Erfüllung. Das Zulassen von Verletzlichkeit wirkt so als ein direkter Zugang zu dem göttlichen Heilsein, das wir alle sind.

 

Zwei Tage später erfuhr ich noch eine überraschende aber passende Ergänzung zu der  Hanuman-Statue am Ganges: Tatsächlich gibt es in ihr eine elektrisch angetriebene Mechanik, die das rote Herzfleisch Hanumans in regelmäßigen Abständen öffnet und schließt. Wenn es sich öffnet, kommen im Herz die Göttergestalten von Rama und Sita zum Vorschein (auf dem Foto leider nicht zu sehen). Als ich die Statue zwei Tage zuvor sah und fotografierte, gab es allerdings ein für Indien immer noch typischen „Powercut“ (Stromausfall), der die Mechanik außer Kraft setzte. So sah ich nur das rote Fleisch, nicht aber den göttlichen Kern des Herzens.

 

Was für eine Offenbarung: Im brechenden und aufbrechenden Herzen finden wir nur noch mehr Göttlichkeit. Diese Symbolik macht noch mal deutlicher, dass die alten religiösen Mythen nicht nur „naive“ Geschichten zur Erklärung der Welt sind, sondern – richtig verstanden - eine tiefere mystische Erkenntnis zum Ausdruck bringen, bzw. dazu einladen sie unmittelbar zu erfahren.

 

Dass die Öffnung für Verletzlichkeit zutiefst heilsam wirkt, wird nicht nur auf spirituellem Wege deutlich, sondern zeigt sich auf eine überraschend frische Weise sogar in der Wissenschaft.

 

Die Sozialwissenschaftlerin Brene Brown forschte in einer qualitativen Studie danach, welche innere Haltung Menschen zu erfüllten und sich mit anderen verbunden fühlenden Wesen werden lässt. Zu ihrer eigenen Überraschung fand sie heraus, dass es diejenigen sind, die verletzliche Gefühle, wie Unsicherheit, Angst, Scham, Minderwert, Trauer, Verzweiflung oder Frustration in sich nicht ablehnten, sondern diese aus ganzem Herzen umarmten. Dadurch waren sie fähig, die Schönheit in der Verletzlichkeit zu spüren.

 

Sie konnte die Ergebnisse ihrer eigenen Forschung kaum glauben, da sie in ihrem eigenen Erleben solchen Gefühlen lieber gänzlich aus dem Weg ging und hoffte dadurch glücklich werden zu können. Deshalb öffnete Brown sich neben ihrer beruflichen akademischen Forschung ihrem eigenen inneren Erleben mit Hilfe einer erfahrenen Therapeutin. Über einen längeren teilweise schwierigen Prozess entdeckte sie dann in sich selbst, dass die Öffnung gegenüber Verletzlichkeit tatsächlich enorm heilsam und befreiend wirkt.

 

In kurzen Vorträgen, die sie über ihre Forschungsarbeit und ihre innere Erfahrungen hält, spricht sie auf wunderbar frische und Herz öffnende Weise über „The Power of vulnerability“ (Die Kraft der Verletzlichkeit). Die You-Tube-Videos (leider nur in englisch) sind sehr empfehlenswert.

 

Link zum Video: http://www.youtube.com/watch?v=iCvmsMzlF7o


Grüße vom Ganges

Torsten

 

 

 

 

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