Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Bücher

Wie man den Weg nach innen von Pop-Esoterik unterscheidet

Details

Wie man den Weg nach innen von Pop-Esoterik unterscheidet
© Cornerstone pixelio.de

Esoterik - quo vadis?

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia definiert »Popsongs« durch Einfachheit und Wohlklang, durch »angenehm empfundene einfache Harmonieabfolgen« sowie »leicht einzuprägende (meist nachsingbare) Melodiefolgen. Das haben sie durchaus mit dem »Papageno« aus Mozarts Zauberflöte oder Schillers »Freude, schöner Götterfunken« in Beethovens 9. Sinfonie gemeinsam. Ein gravierender Unterschied: Popsongs heißen so, weil sie momentan »populär« sind, morgen aber vielleicht bzw. wahrscheinlich schon nicht mehr.

Von der Esoterik zur Pop-Esoterik

Das trifft auch auf die Pop-Esoterik zu. Esoterik bezieht sich zunächst auf einen nach innen gerichteten Erkenntnisweg. Doch mit dem Aufblühen von Magnetismus, Spiritismus, Okkultismus und Theosophie entstanden populäre esoterische Schulen, die breiten Anklang in der Öffentlichkeit fanden. Der Weg nach innen wurde zunehmend exoterisch, öffentlich. Und die Esoterik formte immer neue Moden aus bis hin zum Strom jener junger Menschen, die zum Ende des 20. Jahrhunderts zu Hunderttausenden zu Bagwan alias Osho nach Indien pilgerten. Der wohl erfolgreichste Esoteriker des Westens war Rudolf Steiner, auf dessen Einfluss hin einerseits die biologisch-dynamische Anbauweise und die Waldorfschulen entstanden, andererseits aber auch die Anthroposophische Gesellschaft, die »das Zentrum einer zeitgemäßen christlich-esoterischen Geistesschulung bildet, »durch die der Mensch auf vollbewusstem Weg zur Erkenntnis und Erforschung übersinnlicher Welten gelangen kann«.

Wolf Schneider kennt die esoterische Szene in- und auswendig. Nach einem Studium der Natur- und der Geisteswissenschaften wurde er eine Regenzeit lang buddhistischer Mönch und gibt seit 1985 die Zeitschrift Connection bzw. connection spirit heraus als Magazin fürs Wesentliche und Vorreiter einer neuen Lebenskunst. Esoterische Themen nahmen und nehmen dort seit jeher einen wichtigen Platz ein. Mit anderen Worten: Schneider ist Eso-Experte oder, wie er es bescheiden formuliert: »... als Redakteur eines in dieser Szene angesiedelten Magazins steht man sozusagen 'knietief' im Jargon. Aufgrund der Überdosierung des Stoffs kann das zu allergischen Reaktionen führen...« Pop-Esoterik versteht er als »eine mit den modernen Massenmedien und unserer heutigen, schnelllebigen Konsumkultur kompatible Mischung aus Volksweisheit, Philosophie light, den üblichen Phrasen der Lebensberater und Motivationstrainer sowie einem Kondensat der Religionen und Philosophien aller geografischen Regionen und Epochen - einmal kurz durch den Mixer gedreht, denn püriert ist die Sache leichter verdaulich«.

Wie man den Weg nach innen von Pop-Esoterik unterscheidet
© Regina Kaute pixelio.de

Das meiste ist Ballast

Entnommen ist dieses Zitat seinem neuen Buch »Kleines Lexikon esoterischer Irrtümer«. Darin beschreibt er weniger (aber auch) die Abwege der Esoterik als vielmehr geistige Missverständnisse bzw. irrige Abwege von Themen wie Anderswelt, aufgestiegene Meister, Ekstase, inneres Kind, Lichtarbeit, Psychose, Samadhi, Tarot, Unsterblichkeit, Wunscherfüllung, Yin/Yang oder Zen. Mit seinem Buch wendet sich Schneider an Menschen mit einem Hang zum Esoterischen, die er insgesamt als Gutmenschen versteht: »Der typische Esoteriker ist nett, mitfühlend, optimistisch, neugierig und aufgeschlossen, aber leider auch sehr leichtgläubig.« Dass Schneider selbst ein gutes Stück dieses Weges hinter sich hat, beweist er, wenn er schreibt: »Das meiste, was einem Wahrheitssucher auf seinem Weg begegnet, erweist sich früher oder später doch als Ballast.« In diesem Punkt wolle sein kleines Lexikon helfen. Eigene Erfahrungen könne es nicht ersetzen, aber »vielleicht den einen oder anderen Umweg abkürzen«.

Chirurgie als Placebo

Das ist sympathisch. Und so sympathisch wie einleuchtend (bis erleuchtend) bleibt der Journalist Schneider auch über weite Strecken der locker und humorvoll geschriebenen lexikalischen Einträge hinweg. Dass ihm dabei gelegentlich auch die Feder einmal sehr spitz gerät, macht die Lektüre umso vergnüglicher, etwa, wenn er beim Stichwort Offenheit Karlfried Graf Dürckheim zitiert, der zu überschwänglich offenen Esoterikern gesagt haben soll: »Du bist so offen, dass es reinregnet« oder wenn er zur »Kraft aus der Stille« lakonisch anmerkt: »Kraft der Stille? Unsinn, die Stille ist einfach still.«

Doch um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Schneider möchte sich keineswegs über Esoteriker lustig machen. Gerade, weil er sie und ihr Anliegen ernst nimmt, will er eben das eine oder andere gerade rücken. Dass ihm dabei auch gelegentlich ein Schuss in die Gegenrichtung aus der Flinte schießt, zeigt sein Eintrag zum Thema Placebo. Es sei nämlich bewiesen, dass 70 Prozent der Wirkung eines Medikaments dem Placebo-Effekt zu verdanken sei. Und Wasser auf die Mühlen der Esoteriker gießt er mit der Anmerkung, dass dies auch auf die Wirkung chirurgischer Scheinbehandlungen zuträfe. Schließlich seien auch »die meisten chirurgischen Verfahren ... nicht placebo-getestet«.

Bobby Langer

Bobby Langer, Jg. 53, Redakteur und Vater von drei Kindern, lebt in Würzburg. Seit 35 Jahren beschäftigt er sich mit spirituellen Themen und hat Erfahrung mit Zen, Yoga und Meditation.

Links

  • »Die Dreieinigkeit von Körper, Geist und Seele ist eines der beliebtesten Klischees der Esoterik. Aber es hat einen Haken: Man weiß nicht so genau, was damit gemeint ist. Wo ist hier das in der Esoterik so beliebte Herz? Vergessen? Wie peinlich! Müsste der Mensch nicht eine Vierheit sein aus Körper, Seele, Geist und Herz? Oder ist mit der Seele das Herz gemeint? Und was ist mit dem Energiekörper? Rätsel über Rätsel. Womit bewiesen wäre, dass das Wesen des Menschen wirklich ein Geheimnis ist.«
    Aus: Wolf Schneider, Kleines Lexikon esoterischer Irrtümer
  • www.equinox-ex.de
   
© Connection AG 2015