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Wie das Buch »Das Gebet« von Tonio Kling entstand

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Das Gebet
Das Gebet im connection-Shop

Liebe darf auch körperlich sein

Zehn Jahre ist es her, da kam ein langjähriger connection-Leser auf mich zu und sagte, er habe ein Buchprojekt, das er bei uns veröffentlichen wolle. Nur bei uns würde es passen. Es seien Geschichten, die er selbst erlebt habe. Sie seien wirklich so geschehen, genau so, aber als Arzt und Psychotherapeut in eigener Praxis (irgendwo in Süddeutschland) könne er es sich nicht leisten, die unter seinem Namen zu veröffentlichen.

»Warum nicht unter deinem Namen?« fragte ich. »Es sind Geschichten, die zugleich mystisch und erotisch sind. Die erotischen Verlage nehmen sie nicht an wegen des religiösen-mystischen Elements, und den spirituellen Verlagen sind diese Texte viel zu explizit erotisch. Das passt nur bei euch.« Oh, dachte ich, nur bei uns? Wirklich? Aber er hatte recht. Auch mir fiel auf Anhieb kein Verlag ein, der explizit erotische Texte veröffentlichte, die zugleich von so tiefer Mystik durchtränkt waren wie etwa die von Rumi, Meister Eckart der Mechthild von Magdeburg.

Ich las ein bisschen rein in die Texte und war entzückt. Hast du das wirklich alles erlebt? Ja, hatte er. Mit einer Frau, mit der er noch immer in Beziehung stand. Aus ihrer Perspektive heraus hatte er das Buch geschrieben. Sie wusste natürlich davon, hatte alle Texte gelesen und bestätigt, obwohl es seine Worte waren, die Worte eines Mannes. Je mehr ich ihn erzählen hörte, umso mehr war ich fasziniert. Etwas so tief die erotische Mystik Verherrlichendes hatte ich, in der Literatur unserer Zeit jedenfalls, noch nicht gelesen, und ich sagte zu.

Dann wählten wir die Geschichten aus. Er hatte mehr als zwölf, wollte sie aber als eine Art Jahrbuch nach den Jahreszeiten ordnen, so dass in jeden Monat eine Geschichte fallen würde. Nach einigem Zögern stimmte ich auch dieser Anordnung zu.

Jede der Geschichten habe ich ein bisschen bearbeitet. Es war aber nicht viel dran zu machen. Er hatte sie im Rausch der Erinnerung an diese Stunden geschrieben, die er mit dieser Frau verbracht hatte, und das Gefühl übertrug sich auf den Leser. Jedes Mal, wenn ich wieder eine von ihnen durchgearbeitet hatte, schwebte ich selbst eine Weile in dieser Stimmung: Alles ist eins, wir gehören alle zusammen, Liebe durchdringt alles. Einige der Geschichten sind zu meinen Lieblingsgeschichten geworden, und auch die anderen sind gut: Das Meerwasser schmeckt überall salzig, und das Salz dieser so körperlichen, erotischen Liebe durchdringt alle diese Texte.

Dann ging es ans Titelbild. Er wünschte sich ein ganz bestimmtes: »Das Gebet« von Man Ray. Auch hier zögerte ich, gab aber schließlich nach, obwohl es uns einiges kostete. Das Bild ist wunderschön, keine Frage, aber würde es die Leser auch ansprechen? Würde es sie zu diesen Geschichten hinlocken. Es zeigt den wunderschön runden Po einer Frau, darunter ihre Hände und Füße, wie im Gebet gefaltet, in einer dezenten schwarz-weiß Aufnahme.

Den wirklichen Namen des Verfassers dieser Texte darf ich euch hier natürlich nicht nennen, er praktiziert ja noch immer als Psychotherapeut. »Welche Mutter würde mir ihre Tochter dann noch in die Praxis schicken, wenn sie diese Texte gelesen hat«, witzelte er, dabei wussten wir beide, dass sie vermutlich Mutter wie Tochter gut gefallen würden. Aber sowas erwartet man einfach nicht von einem anständigen Psychotherapeuten, mit dem man über die Krankenkasse abrechnen kann. Im Buch heißt der Autor Tonio Kling – der Name sollte einen schönen Klang haben. Immer mal wieder wurde ich verdächtigt, dass das ein Pseudonym von mir sei, und jedes Mal fühlte ich mich geschmeichelt.

Wir haben das Buch inzwischen in zweiter Auflage. Leider habe ich dafür irgendwann nach Erscheinen der zweiten Auflage die Preisbindung aufgehoben. Seitdem verkaufen wir es für 6,99 Euro. Das ist viel zu billig. Ich dachte damals wohl, in einer Art die Welt umarmenden Geste, dass ich es auf diese Weise »für jeden« zugänglich machen könnte. Aber es ist nicht für jeden. Wer es liest, weiß, was ich damit meine.

Wir haben noch ein paar hundert Stück davon auf Lager und wollen in der Zeit den Preis nicht nochmal ändern. Also los! Es passt gut in dieses Frühjahr, in dem die alten Werte wackeln und die Menschen sich wieder auf das besinnen, was das Wichtigste ist: die Liebe. Und die darf auch eine körperliche sein.

Wolf Schneider

   
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