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Die Entmaterialisierung des Geldes

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Die Entmaterialisierung des Geldes
Wahlkampf in der Schweiz. Foto: Kiegeland

Geiz ist ungeil

»Geiz ist geil«, behauptete eine deutsche Kette für Unterhaltungselektronik bis vor kurzem, und entfachte damit nicht nur einen ruinösen Preiswettbewerb, sondern sorgte auch für die Servicewüste Deutschland und eine Insolvenzwelle. Burkhard Kiegeland sieht einen Zusammenhang zwischen Geiz und Gier und setzt dieser zerstörenden Mentalität das Bild von der »Haut der Erde« entgegen.

Nun wird also in vielen Ländern gegen die Gier demonstriert. Mit der Bewegung »Occupy Wallstreet« in den USA springt der Protest gegen den Turbokapitalismus auf europäische Städte über. Viele Menschen demonstrieren gegen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, gegen die Raffgier, gegen die Kälte einer nur noch am Profit orientierten Welt der großen Geschäfte, des großen Geldes und des Raubbaus an der Natur und am Menschen.

Ich war in den vergangenen Wochen viel zu auswärtigen Seminaren unterwegs, zum Beispiel nach Wien. Oft, um auch meine Kinder zu besuchen, mit dem Auto. Diese langen Autobahnfahrten nutze ich gern für mein Interesse an Literatur und Zeitgeschichte. Ich habe also immer Hörbücher dabei, sowie Podcasts von Rundfunksendungen.

So hörte ich ein Interview mit dem Geldsoziologen Aldo Haesler, er stammt aus der Schweiz und lehrt in Frankreich. Was tut ein Geldsoziologe? Er forscht über Themen wie Geld als Kommunikationsmittel, Geld als Selbstzweck und, wie Aldo Haesler, über die Entmaterialisierung des Geldes und die immer unüberschaubarer gewordenen Geldflüsse der global agierenden Finanzmärkte.

Entmaterialisierung

Entmaterialisierung zum Beispiel heißt, dass wir immer weniger Geld tatsächlich als Münzen oder Scheine in die Hand nehmen und den Großteil unseres Geldverkehrs über Konten, Karten und das Internet abwickeln.

Es bedeutet auch, dass Geld in den vergangenen 40 Jahren immer mehr zum Selbstzweck geworden ist, sich von den Produkten abgelöst und – so Haesler – sozusagen in die Stratosphäre abgehoben habe. 1973 habe es noch ebenso viel Geld wie Güter geben, 1989 sei dann die Geldmenge bereits 90mal größer gewesen als jene der Güter.

Würde die heute riesig gewordene Geldmenge sich materialisieren, wäre der Crash in Gestalt zum Beispiel von Hyperinflation unvermeidlich, weil ihm keine materiellen Werte gegenüber stünden. Dann wäre die Geld-Blase geplatzt wie es ja schon geschehen sei.

Die Entmaterialisierung des Geldes
Foto: Kiegeland

Geld als Selbstzweck

Geld als Selbstzweck und seine Entmaterialisierung verändert den Umgang der Menschen miteinander – bis hinein in die Liebesbeziehungen. Geld sei das letzte soziale Band, das uns zusammenhält und die Erwartungen nicht enttäuscht, sagt Haesler. Mit seiner Entmaterialisierung gehe eine entscheidende Bindekraft der Gesellschaft verloren: ich gebe, um etwas zu erhalten. Als Beispiel nennt er den Wandel in der Paarbeziehung.

Noch in den 70er Jahren seien sie geprägt gewesen von Tauschverhandlungen wie »du bringst den Mülleimer runter und ich wasche ab«. Das sei zwar auch nicht immer rosig gewesen, doch noch gebunden an das lateinische »do ut des«: gebe um zu erhalten.

Heute laute die Haltung vielfach so: »Ich bin ein Pokerspieler, allein in dieser Welt und versuche, meine Ressourcen zu optimieren.« Jeder spielt nur noch sein Stück, jeder pokert für sich. Die Gegenseitigkeit geht verloren. Geiz ist geil.

Haesler nennt eine US-amerikanische Studie: Im Verlauf von nur 20 Jahren ist der Intimkreis – die guten Freunde – des durchschnittlichen US-Bürgers von 12,5 Personen auf 2,5 Personen geschrumpft.

Verantwortung

Neulich hörte ich in einem großen Elektromarkt zu, als ein Kunde sich über das Ausbleiben eines bestellten Geräts beschwerte. Der junge Mann, an den er sich wandte, erklärte sofort, er könne leider nicht helfen, weil er nicht jener Verkäufer sei, der die Bestellung angenommen habe, und der zuständige Verkäufer sei an diesem Tag nicht anwesend. Erst nach einem erregt geführten Wortwechsel schaute der Verkäufer im Computer nach, wo er jedoch nichts fand. Es folgte ein weiterer Wortwechsel, und dann erst war der Verkäufer bereit, Namen und Adresse des Kunden aufzuschreiben und der Bestellung nach zu gehen. Nicht ohne zu betonen, dass er eigentlich nicht zuständig sei.

Aldo Haesler spricht von den unsichtbaren Geldflüssen und den langen Handlungsketten. Das Schnäppchen aus dem Supermarkt – ob es von Kindern in einem armen Land hergestellt worden ist – wer weiß das? Sein Ursprung bleibt angesichts der Kette von Händlern, Großhändlern, Importeuren, Zwischenhändlern, Endverteilern und Käufern im Dunkeln. Und greifen Kontrollen wirklich? Man kauft das Schnäppchen, es zählt der eigene Vorteil. Geiz ist geil.

Haesler: Niemand trage mehr eine unmittelbare Verantwortung, das Handeln sei in weiten Bereichen anonym geworden. Und begonnen habe diese Entwicklung im Jahr 1973, da wurden die Finanzmärkte entfesselt. Geld wurde zum Selbstzweck ohne Gegenwert.

Auf der Rückfahrt von Wien hörte ich eine weitere Rundfunksendung, sie lief unter dem Titel »Die Haut der Erde». Doch zuvor noch ein paar Sätze zu einem oft missverstandenen Begriff.

Was ist eigentlich Spiritualität?

Das fragte mich neulich jemand, der sich darüber wunderte, dass er in den unterschiedlichsten Zusammenhängen auf diesen Begriff gestoßen war. Im Katalog eines Wellness-Hotels, in einer Werbung für bei einem privaten Fernsehsender tätige Astrologen und Wahrsager, in der Beschreibung asiatischer Kampfkunst und natürlich in den Broschüren von Glaubensgemeinschaften.

Oft begegnet man, wenn von Spiritualität die Rede ist, dem im abendländischen Denken traditionellen Dualismus. Es sei die geistige Welt im Gegensatz zur materiellen, oder die innere Welt im Gegensatz zur äußeren. Doch das sind Fehldeutungen.

Herkunft und ursprüngliche Bedeutung führen uns zu Worten wie »Atem«, »Hauch«. David Steindl-Rast, der Benediktinermönch und Brückenbauer zwischen Christentum und Buddhismus übersetzt Spiritualität mit »Atem des Lebens«. Das ist eine sehr schöne Übersetzung.

Atem des Lebens – spürt man dem Wort nach, öffnet sich ein unermesslicher Raum. Geben und nehmen, Weite und Tiefe, Ganzheit, Einheit, Natur und Natürlichkeit fallen mir ein und die grenzenlose Schöpfung, aus der wir kommen und mit der wir auf allen Ebenen verbunden sind.

Geld an sich nährt nicht. Was nährt ist Verbundenheit, Wärme, Nähe, Freundschaft, Liebe.

Die Haut der Erde

Da erzählten Bodenforscher aus ihrem Fachgebiet. Ein 100 x 100 Meter großes Weideland von 30 Zentimeter Tiefe in mittlerer Höhenlage zum Beispiel enthält 25 Tonnen lebende Organismen – Pilze, Mikroben, Kleinstlebewesen. Das ist 3-4mal mehr Leben als über dem Boden. Auch sei alles pflanzliche Leben unter der Oberfläche über Mykorrhizen miteinander verbunden und stehe in einem Informationsaustausch. Und zwar über die Artengrenzen hinweg!

Eine Forscherin beschrieb dies an einem Beispiel. Man stelle sich einen dichten Wald vor, in dem ein Bäumchen heranwächst und noch zu klein ist, um in der Gesellschaft der umgebenden hohen Bäume ans Licht zu kommen. Hier würden nun die großen Bäume über die Mykorrhizen helfen und nähren, bis das Bäumchen ans Licht gewachsen ist und die eigene Photosynthese in Gang bringt.

Hier zeigt uns die Natur den Atem des Lebens. Hier können wir die natürlichen Verhältnisse am Werk sehen. Nämlich die Verbundenheit von allem mit allem in dieser Schöpfung, die Vielfalt aus der Einheit, und dass bei allen äußerlichen Unterschieden das eine das andere nährt und von ihm Nahrung erhält.

Der Pokerspieler, allein auf dieser Welt und nur daran interessiert, die eigenen Ressourcen zu optimieren, hat sich weit vom Atem des Lebens, von den natürlichen Verhältnissen entfernt. Denn wo jeder sich als getrennt vom Nächsten begreift, hören nähren und genährt werden auf. Geld an sich nährt nicht. Was nährt ist Verbundenheit, Wärme, Nähe, Freundschaft, Liebe.

Die Triebkräfte des von Aldo Haesler skizzierten Pokerspieles sind der mangelnde Selbstwert, sind die Ängste und die versäumte Versöhnung mit einem selber, mit der Herkunft und dem Leben überhaupt. Doch dies habe ich oft genug beschrieben – wie auch, dass der Weg zum »Wir« jener zur Nahrung ist und zu wahrer Spiritualität.

Burkhardt Kiegeland

Burkhardt Kiegeland, Jg. 42, der »Herz-Meister«, ist seit nun 1980 bekannt für seine »Herz-Eröffnungs-Seminare« und sein »Herz-Projekt«. Er war Schüler von Osho und Michael Barnett. Aus seinem früheren Zentrum »Weisser Lotus« ist er in die Schweiz ins Berner Oberland übersiedelt und hat unter dem Begriff »Eins und Sein« ein neues Zentrum ins Leben gerufen. Website: www.einsundsein.org

   
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