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Marianne Gallen, Torsten Brügge und Wolf Schneider bloggen zu den Themen Spiritualität, Psychologie und Bewusstseinsentwicklung.

Torsten Brügge

Torsten Brügge schreibt über befreiende Spiritualität und psychospirituelle Bewusstseinsentwicklung.

Veröffentlicht von am in Torsten Brügge

ein Text von Torsten Brügge und Padma Wolff

Dieser Tage wird einem tragischen Flugzeugabsturz viel Aufmerksamkeit zuteil. Dabei kamen am 24.3.2015 150 Menschen ums Leben. Die meisten Deutsche und Spanier, darunter 16 Schülerinnen und Schüler. Der Schock und der Schmerz der Hinterbliebenen stößt auf große Anteilnahme. Unzählige Menschen fühlen mit ihnen. Die Betroffenheit in Deutschland, Spanien, Frankreich und darüber hinaus ist riesig. Angehörigen der verstorbenen Passagiere, Mitschülern und den Kollegen des getöteten Flugpersonals wird psychologische Krisenbegleitung angeboten. Es wird viel getan, um das Leiden der Hinterbliebenen in einem natürlichen Trauerprozess erträglicher zu machen und in Richtung einer heilsamen Integration zu bahnen. Das ist gut so. Der Umgang mit dem Schicksalsschlag von Seiten der Politiker, Berichterstatter, Helfer und anderen Beteiligten kommt uns fast schon vorbildhaft vor. Verständnis wird spürbar. Privatsphäre wird respektiert. Gefühle dürfen fließen. Im Schmerz zeigt sich sogar tiefe Verbundenheit, wie auch Herr Gauck anerkannte. Hier kommt der humanistische Geist unserer westlichen Gesellschaft wohltuend zum Ausdruck. Das berührt uns positiv.

Kein Aufwand, keine Kosten werden gescheut, um die Ursachen herauszufinden. Lösungsversuche werden vorgeschlagen, damit so etwas nicht wieder passieren kann.

Zugleich kommen uns die vielen Toten in den Sinn, die in unseren wohlhabenden Ländern immer wieder nur allzu leicht vergessen werden. Zahlen sprechen da eine deutliche Sprache: Bei dem Flugzeugabsturz kamen an einem Tag 150 Menschen ums Leben. Am selben Tag starben - wie an jedem anderen Tag im Jahr - ca. 8000 Kinder unter fünf Jahren weltweit an den Folgen von Unterernährung (Zahlen von 2013*). Das sind schier unvorstellbare Zahlen: JEDEN TAG sterben weltweit durchschnittlich 8000 KINDER unter fünf Jahren an Hunger. Und nochmal: JEDEN TAG 8000 KINDER! Das sind 2,9 Millionen im Jahr. Und das sind nur die Kinder unter fünf Jahren. Die Anzahl der älteren Kinder und Erwachsenen, die verhungern, sind uns aktuell nicht bekannt.

Wie oft hören wir davon in den Tagesnachrichten? Wer spricht darüber seine Anteilnahme und sein Mitgefühl aus? Welche Politiker reisen zu den Sterbeplätzen dieser Kinder? Welche Journalisten berichten über diese tragischen Schicksale? Welche Medien widmen dieser Katastrophe ihre Schlagzeilen? Welche Hilfe erhalten die Geschwister, Eltern und Freunde der verstorbenen Kinder? Und was unternehmen wir und unsere Politiker an ernsthaften Bemühungen dagegen? Wo bleiben die Schweigeminuten, Trauergottesdienste und Vorbeugemaßnahmen gegen die [tägliche!] Wiederholung dieses Entsetzens?

Anteilnahme am Leiden direkt bei uns vor Ort ist wichtig. Wir wollen uns keineswegs dagegen aussprechen. Im Gegenteil: Wie wäre es, wenn wir dieses Mitgefühl ab jetzt sogar ausweiten könnten? Es ist auch nur natürlich, dass Mitgefühl leichter zugänglich wird, wenn uns das Unglück näher betrifft, wenn uns bewusst wird, wie leicht es auch uns und unsere Liebsten hätte treffen können. Nur wie wäre es, diese Gelegenheit auch zu nutzen, uns das Leiden "da draußen im Rest der Welt" von Zeit zu Zeit ebenso ins Bewusstsein zu rufen. Was wenn uns diese Menschen genauso nahe stünden? Wenn wir ebenso leicht in ihre Situation hätten hineingeboren werden können? Genau genommen kennen die meisten von uns sie nicht weniger persönlich als die Toten dieses Flugzeugabsturzes.
 
Wie wäre es, wenn die Hauptnachrichtensendungen die nächsten Tage jedes Mal mit dem Aufmacher beginnen würden: "Heute sind wieder 8000 Kinder unter fünf Jahren an Unterernährung gestorben." Nur eine Woche lang nur dieser eine Satz. Jeden Tag neu. Jedes Mal mit echter Anteilnahme. Jedes Mal mit einer Träne mehr im Auge. Vielleicht stellen sich am Ende dieser Woche ein paar mehr von uns die Frage: "Was kann ich tun, um diese Zahl zu verringern?" Und sei es noch so klein, was wir dazu beitragen können. Aber wollen wir nicht zumindest unseren Teil dazu tun, dass dieses Leiden so vieler unserer Mitmenschen nicht weiter einfach totgeschwiegen wird, als ob es uns nichts anginge?

Also, jetzt wissen wir, dass wir es können: Mitfühlen und Anteilnehmen. Jetzt noch mal für alle Menschen bitte!

 

Torsten Brügge & Padma Wolff, Hamburg 28.3.2015


*(Durchschnittszahlen 2013 Quelle: Levels & Trends in Child Mortality, UNICEF 2013)

Welthungerkarte 2013
Link zur Karte in hoher Auflösung (als PDF)
 

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Veröffentlicht von am in Torsten Brügge

von schmutziger Massenvernichtung zu sauberer Energie

In den Tagesnachrichten vom 20.10.15 ist folgende Meldung aktuell: "Deutschland hat im ersten Halbjahr 2015 fast so viele Rüstungsgüter ins Ausland verkauft wie im ganzen Jahr zuvor. Das ist eine wesentliche Erkenntnis aus dem Rüstungsexportbericht für Januar bis Juni 2015." Der folgende Blogbeitrag von Ende 2014 bleibt damit hoch aktuell:

29. Dezember 2014:

Gerade zu Weihnachten sind Moral-Predigten eher nicht angebracht. Doch dieses Thema lässt mich nicht kalt: Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt. Zwar mit großem Abstand zu den USA und Russland, aber diese zweifelhafte Bronzemedaille ist "uns" im Moment sicher.

Traurige Rekorde

Allein von den "guten deutschen" G3-Sturmgewehre sind heute 15 bis 20 Millionen Stück in der Welt im Umlauf und werden zum Töten von Menschen eingesetzt. Noch „besser“ ist das G36. Mit ihm kann man ein Menschleben per gezieltem Kopfschuss auf 400 Meter Entfernung auslöschen. Gerade bei den Kleinwaffen sind die deutschen Waffenbauer ganz groß. Doch das harmlose „klein“ hat es global gesehen in sich. Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan erklärte 2006: „Auf Grund des Gemetzels, das sie anrichten, könnten Kleinwaffen tatsächlich treffend als ‚Massenvernichtungswaffen’ bezeichnet werden.“

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Quelle: Kleinwaffen sind Massenvernichtswaffen
http://sicherheitspolitik.bpb.de/konventionelle-waffen/hintergrundtexte-m5/kleinwaffen-die-wahren-massenvernichtungswaffen
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Doch die deutsche Rüstungsindustrie kann viel mehr. Panzer, Raketen, U-Boote und Flugzeuge, militärische Überwachungs- und Aufklärungssystemen, Computerlösungen für Kriegsprobleme und militärische Dienstleistungen Runden das Rüstungsexportpaket ab. 2006 lieferte Deutschland an 141 Länder Waffen (Zahl gesichert). 2013 waren es wohl „nur“ ca. 110 (Zahl ungesichert). Zur Erinnerung: Wir haben im Moment 193 Staaten auf diesem Planeten. Nach Adam Riese hat Deutschland 2006 an ca. 70% aller Staaten Waffen geliefert. Darauf soll ich als Deutscher stolz sein? Tut mir Leid. Dafür würde ich mich eher in Grund und Boden schämen, würde ich mich mit meiner nationalen Zugehörigkeit identifizieren.


Terrorzucht durch Bombenwahnsinn
 
Und wofür werden diese Waffen eingesetzt? Im Zwischenbericht der Bunderregierung zum Waffenexport im ersten Halbjahr 2014 steht unter zahlreichen Empfängerländern an erster Stelle – ratet mal! - ISRAEL. Für welchen Wahnsinn diese deutschen Waffen mit eingesetzt werden haben wir ja gerade im Sommer 2014 gesehen: Die militärische Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und Israelis – oder besser der „Bombensturm auf Gaza“. Auf Spiegel-Online gibt es eine Grafik zur Bilanz der Opferzahlen und Zerstörungen: Todesopfer auf palästinensischer Seite rund 2000. Todesopfer auf israelischer Seite ca. 70. Auf das Verhältnis von Leicht- und Schwerverletzten schauen wir lieber erst gar nicht. Es würde vermutlich um ein Vielfaches mehr zu Ungunsten der Palästinenser ausfallen. Die Israelis werden durch die „eiserne Kuppel“ geschützt. Dieser Raketenschirm ist sehr effektiv. Er fängt bis zu 90% (Zahl von 2012 / heute wahrscheinlich noch mehr) der palästinensischen Raketenangriffe direkt ab. Der Rest landet meist in unbewohntem Gebiet. Wenn trotzdem Israelis getötet oder verletzt werden, ist jeder Einzelfall davon zu bedauern und zu betrauern. Aber womit fangen die Menschen im Gaza-Streifen die tonnenweise fallenden Bomben der Israelis ab? Diese Menschen werden mal gerade von dünnen Betondecken geschützt. Die Explosion der Bomben fegen diese mit Leichtigkeit weg. Dann durchbohren wie Zahnstocher weiche Butter Bombensplitter Menschfleisch. Manche spielende Kinder am Strand wurden auch mal ganz direkt von israelischem Beschuss zerfetzt.
Und das ist ja nicht alles: In Gaza wurden in dieser Zeit  knapp 8000 Gebäude von israelischen Bomben getroffen. Davon ca. 3700 vollkommen zerstört,  1900 schwer geschädigt und 2100 leicht beschädigt. Die israelischen Gebäudeschäden zeigt die Grafik von Spiegel-Online gar nicht erst auf – ihre Zahl ist vermutlich vernachlässigbar.

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Quelle: Die Welt – Nov 2012 - Eiserne Kuppel – Der modernste Raketenschirm der Welt
http://www.welt.de/politik/ausland/article111262008/Eiserne-Kuppel-der-modernste-Raketenschirm-der-Welt.html
Quelle: Spiegel-Online / Zerstörungen in GAZA 2014
http://www.spiegel.de/politik/ausland/gaza-streifen-grafiken-ueber-zerstoerung-und-zu-opferzahlen-a-988399.html
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Wie kann man eine solche Unverhältnismäßigkeit von Vernichtung und Zerstörung rechtfertigen? Tut mir Leid, mir fällt da nichts ein. In mir lösen diese Zahlen immer mal wieder verzweifelte Wut, Trauer und Hilflosigkeit aus. Und wenn ich dann noch in Betracht ziehe, dass deutsche Waffen diesen Wahnsinn unterstützen, macht mich das noch betroffener!

Ich bin mir auch sicher, dass solche brutale Gewalt nur wieder mehr Gegengewalt hervorruft. Der Journalist Jürgen Todenhöfer nennt diese Taktik „Terrorzuchtprogramm“. Deshalb ist es langfristig auch für die Israelis eher schädlich, wenn sie derart unverhältnismäßig töten, verletzen und zerstören.
Der Mainstream der deutschen Massenmedien lässt solche Fakten links liegen oder gewichtet sie viel zu wenig. Da werden dann schon Opfer- und Zerstörungszahlen angegeben, aber oft ohne die dahinter stehende Unverhältnismäßigkeit offen zu legen. Deshalb möchte ich diese hier ins Bewusstsein rufen. Die Betroffenheit – so meine Zuversicht - kann dann manchmal zu neuen Perspektive und politischer Orientierung führen.

Rüstungswirtschaft ade

Wie wäre es mit einer frischen aus dem Slogan der Friedensbewegung der 80er Jahre abgewandelten Redewendung, die auch eine politisch-wirtschaftliche Neuausrichtung einfordert: „Sturmgewehre zu Windkraftanlagen“. Wir könnten es auch auf Demo-Plakate schreiben:

„S T U R M G E W E H R E    Z U    W I N D K R A F T A N L A G E N“

Das ist gar nicht so unrealistisch: Die Frankfurter Rundschau veröffentlichte einen Artikel über die Bedeutung der deutschen Rüstungswirtschaft. Sie kommt zu dem Schluss: „Trotz Milliardenumsätzen ist die deutsche Rüstungsbranche eher unbedeutend für die Gesamtwirtschaft.“  Von 42 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland kommt die Rüstungsindustrie nur auf einen Anteil zwischen 0,2 und 0,8 Prozent.

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Veröffentlicht von am in Torsten Brügge

Liebe Blog-Leser,

als kleines "Weihnachtsgeschenk" von der Connection und mir hat Wolf Schneider schon jetzt der Online-Veröffentlichung meines gerade in der Print-Version der aktuellen Ausgabe der "connection spirit" erschienenen Artikels zugestimmt. Das Thema "Frieden" passt ja auch gut zu den kommenden Feststagen.

Titel des Artikels: "Frieden - innen und außen. Was die Politischen von den Spirituellen lernen können – und umgekehrt"

Ich wünsche allen Lesern ein friedvolles Weihnachtsfest, die Entdeckung und Vertiefung von innerem Frieden, der dann auch von ganz allein ins Außen ausstrahlt.

herzlich

Torsten Brügge

Im folgenden ist der Artikel als Textversion aufgeführt. Er kann aber auch als PDF mit grafischem Layout hier heruntergeladen werden.

Frieden - innen und außen.
Was die Politischen von den Spirituellen lernen können – und umgekehrt


Die Kluft ist uralt. Schon als Diogenes zum Griechenherrscher Alexander sagte »Geh mir aus der Sonne«, waren die einen mehr innenweltorientiert (so sehr Diogenes auch die Sonne schätzte), die anderen mehr außenweltorientiert. Auch heute noch ist das so, und der Respekt voreinander ist meist sehr gering. Unsere heutige prekäre Weltlage verlangt jedoch, dass die beiden Seiten einander nicht mehr verachten. Die Meditierer können von den Aktivisten lernen und die politisch Engagierten von den Meditierern

Leute, die sich für das Wohl der Menschheit engagieren, könnte man – so scheint es mir manchmal – in zwei Lager aufteilen: »die Politischen« und »die Spirituellen«. In beiden Gruppen sollte man zunächst zwischen weniger hoch und höher entwickelten Formen des Engagements unterscheiden.
Unreife politische Einstellungen spiegeln sich in fundamentalistischer Geisteshaltung wider. Hier werden die eigenen Grundsätze als die einzig wahren verstanden. Man hält an vorgegebenen Regeln und Ideologien fest oder fordert eine Rückbesinnung auf diese ein. Wer das akzeptiert, verhält sich gesellschaftskonform und genießt Unterstützung. Die Gesinnung zu hinterfragen ist unerwünscht. Fremde Überzeugungen lässt man nicht gelten. Andersdenkende werden ausgeschlossen. Im Extremfall kämpfen Fundamentalisten mit radikalen und gewalttätigen Mitteln um gesellschaftliche Vormacht.

Reife Politik
Menschen mit einer reifen politischen Einstellung verfügen über eine offene Grundhaltung. Sie hinterfragen bestehende Denkmuster und lassen Kritik an eigenen Wertvorstellungen zu. Sie interessieren sich für die Sichtweisen anderer. Sie wollen sie nachvollziehen, um ihren eigenen Horizont zu erweitern. Dadurch entwickeln sie Toleranz auch für abweichende Meinungen. Reife politische Entscheidungsfindung erwächst aus argumentativem Austausch. Man schaut über den Tellerrand der eigenen Gruppeninteressen hinaus und bezieht das Wirken komplexer Systemzusammenhänge ein. Widersprüche zwischen Thesen und Antithesen lösen sich in umfassenderen Synthesen auf. Geschieht dies nicht, bleibt die Möglichkeit zu demokratischer Mehrheitsbildung.
 
Befreiende Spiritualität
Auch im Feld der Spiritualität gibt es unreife und reife Ausformungen. Erstere sind von egozentrischen Wunscherfüllungsfantasien durchzogen. Hier herrscht magisches Denken vor. Man glaubt, alles Ersehnte – quasi per Knopfdruck – kraft der eigenen Gedanken herbeizaubern zu können. Oder solche Allmachtsfantasien werden nach draußen projiziert, dann sollen Götter oder gottgleiche Gurus einen erlösen. Dazu muss man ihnen gefallen und sich unterwerfen. Zu dieser Art von Spiritualität gehört die Faszination für Symbole und Rituale. Religiöse Schriften werden wortwörtlich interpretiert. Wer daran glaubt, wird selig. Alle anderen werden als ungläubige Zweifler verbannt. Extreme Verzerrungen unreifer Spiritualität führen zu Heiligem Krieg und Terror im Namen der eigenen Gottesbilder.
Das Integrale Modell nach Ken Wilber bezeichnet diese Art der Spiritualität als prärational (prä = vor, ratio = Vernunft). Manchmal wird sie mit reifer, transrationaler (trans = über/hinaus) Spiritualität verwechselt, weil beide Formen einen nicht-rationalen Charakter haben. Doch beide unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Reife spirituelle Erkenntnis achtet den Wert der Vernunft, entlarvt aber auch ihre Begrenztheit. Sie gewinnt einen befreienden Abstand zu Denkprozessen. Die Ratio wird vom Herrscher im Kopf zum Diener einer höheren Intelligenz. Dabei wandeln sich Entweder-oder-Standpunkte zu – manchmal paradox erscheinenden – Sowohl-als-auch-Sichtweisen. Weitsicht und Intuition blühen auf. Schließlich erfährt Bewusstsein sich selbst jenseits von gedanklichen Reflexionen. Im Aufleuchten stillen Gewahrseins kommen sämtliche trennenden Vorstellungen zur Ruhe. Sogar unser sonst fragloses Ich-Gefühl, eine von der Welt und anderen getrennte Person zu sein, wird als Illusion erkannt. Der Glaube an seine Realität löst sich im Erleben eines alles verbindenden Einsseins auf. Daraus erwächst umfassendes Mitgefühl. Der persönliche Wille gibt sich dem größeren Gefüge des göttlichen Plans hin. Sowohl wiederauftauchende Selbst- und Weltbilder als auch persönliche Bedürfnisse werden jetzt in der Weiträumigkeit innerer Freiheit und natürlicher Erfüllung erfahren.

Egozentrische Weicheier
Eigentlich sollte man meinen, dass Menschen mit einem reifen politischen bzw. spirituellen Engagement viel gemeinsam hätten. Doch noch in jüngster Vergangenheit konnten sich beide Lager häufig nicht riechen. Klischees führten zu gegenseitiger Abwertung (wenn hier im Folgenden von »den Spirituellen« und »den Politischen« die Rede ist, sind damit die unreifen Formen von Engagement gemeint):
Die Politischen sahen die Spirituellen als eine Art egozentrischer Weicheier. Sie warfen ihnen vor, auf Yogamatte und Meditationskissen ihre Bestellungen beim Universum bloß für ihr eigenes Wellness-Glück zu tätigen. Bedürfnis nach innerer Versenkung mit einem Buddhalächeln auf den Lippen? Das sind doch bloß Sehnsüchte nach der Rückkehr in die Gebärmutter. Gewaltfrei kommunizieren? Das ist feige Vermeidung echter Konfrontation. Mit Schattenarbeit die eigenen Gefühle annehmen? Nichts als unnütze Nabelschau. Im Urlaub zum Schweige-Retreat ins Kloster? Ist verantwortungslose Weltflucht. In der Arbeitspause die TAZ liegen lassen und auf den Atem achten? Noch so ein bequem eigennütziger Spinner. Auf einen Satz wie »Der Yogi im Himalaya trägt genauso zum Weltfrieden bei wie der Friedensaktivist bei Amnesty International« erntete der Spirituelle ein verächtliches Kontra: »Noch alle Tassen im Schrank? Wer wirklich Eier in der Hose hat – oder einen gesunden Eierstock im Rock –, geht auf Demos, besetzt Häuser oder setzt sich sonstwie konkret für Gerechtigkeit und Freiheit ein!«

Zwangsaktivisten mit Helfersyndrom
Auch die Spirituellen konnten gut über die Politischen lästern: Das sind doch alles Zwangsaktivisten mit Helfersyndrom. Gegen das Leid in der Welt ankämpfen? Wie unbewusst. Hehre politische Motive sind allein auf unverarbeitete, seelische Schattenanteile zurückzuführen. Der Spiri ist sich sicher: Politische Aktivisten bekämpfen im Außen (der Spiri-Jargon spricht gerne von »dem Außen«), was sie im Inneren nicht integrieren können. Gelassenheit und Glück unabhängig von äußeren Bedingungen in sich selbst finden? Ist bei diesen Getriebenen doch Fehlanzeige. Stehen ihnen Frust und Unzufriedenheit nicht ins Gesicht geschrieben? Voller Groll und Ängste ziehen sie in die Schlacht für Frieden und Freiheit in der Welt – wie soll das denn gelingen? Das ruft doch nur das hervor, was sie da einbringen: noch mehr Groll und Ängste, weitere Feindbilder, neuen Hass und neue Kriege. Eine Partei gründen und sich für Unterdrückte einsetzen? Ach ja, das Helfersyndrom. Oberflächenkosmetik für die eigene Hilflosigkeit und Abwehr des eigenen Schmerzes. Der Einladung der Aktivisten: »Komm doch auch mal zur Friedensmahnwache oder poste was politisch Aufgeklärtes im Web« entgegnete der Spirituelle mild lächelnd: »Wahre Freiheit ist nur in Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung zu finden. Schau nach innen! Erst wenn du mit dir selbst in Frieden bist, kannst du Frieden in der Welt bewirken!«

Homo spiripolitens?
Auch heute finden sich noch Spuren dieser Lagerkämpfe. Zugleich hat sich die spirituell-politische Landschaft verändert. Es wäre verfrüht, schon jetzt einen neuen Homo spiripolitens oder Homo polispiritens auszurufen. Doch es gibt immer mehr politisch engagierte Menschen, die auch eine spirituelle Grundhaltung an den Tag legen. Und die spirituell Engagierten fühlen sich zunehmend zu politischen Betrachtungen und Handlungen hingezogen.
Um besser zu verstehen, wie politisches und spirituelles Denken und Handeln zusammenhängen, liefert uns die buddhistische Philosophie wertvolle Hinweise. Die »vier edlen Wahrheiten« sind die ersten Erörterungen des Buddhas kurz nach seinem Erwachen. Sie werden als wesentliche Zusammenfassung von Buddhas Lehre gesehen. Kurz lauten sie:

1. Das (unerwachte) Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll.
2. Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung.
3. Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden.
4. Zum Erlöschen des Leidens führt der Edle Achtfache Pfad.

Besonders die zweite der vier edlen Wahrheiten über die Ursache des Leidens kann uns die Augen öffnen. Wir brauchen nämlich Gier, Hass und Verblendung nur aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, um klar zu sehen, was die Spirituellen und die Politischen verbindet und unterscheidet.

Eine Wirklichkeit – zwei Welten
Was sind diese zwei Perspektiven, die das Puzzle vervollständigen? Die Antwort ist nahezu banal: innen und außen. Der Unterschied ist einfach. Nehmen wir an, wir schließen die Augen und spüren in uns hinein. Was entdecken wir da? Haben wir gerade warme Hände oder frösteln sie? Drehen sich unsere Gedanken darum, wie dieser Text weitergeht, oder um den letzten Streit mit nahen Menschen? Ist unsere Stimmung eher heiter, getrübt oder ganz unauffällig? Wir spüren Empfindungen unserer Sinne. Wir beobachten unsere Gedanken und inneren Bilderwelten. Wir fühlen Stimmungen. Wir spüren die schlichte Tatsache, bewusst zu sein. Das ist die Innenwelt.
Öffnen wir die Augen, sehen wir die Außenwelt. Wir schauen wieder auf die Buchstaben dieses Textes, in der Zeitschrift oder auf dem Bildschirm. Wir hören Geräusche. Wir riechen die Luft. Säßen wir gerade in einem Café, würden wir beobachten, was Menschen um uns herum tun. Stellen wir uns vor, wir würden aus unserem Stuhl heraus in die Luft schweben, immer weiter nach oben. Erst sehen wir die nahe Umgebung, unsere Stadt oder unser Dorf. Wir steigen weiter empor. Wir sehen auf unser Heimatland hinab. Dann auch auf Nachbarländer und ganze Kontinente. Jetzt beobachten wir das politische Weltgeschehen. Wir gucken auf wohlhabende Länder, in denen Frieden herrscht. Dort geht es vielen Menschen gut. Wir sehen auch arme Gegenden mit chaotischen Verhältnissen. Hier werden Menschen unterdrückt. Sie leiden Mangel. Sie hungern, sie verhungern. Es gibt auch Kriegsgebiete. Wir sehen Panzer rollen und Bomben explodieren. Häuser werden zerstört, Körper zerfetzt, Leichen verfaulen. Beim Betrachten der Welt fällt unser Blick auf entsetzlich viel Leid.
Die zwei Grunddimensionen von innen und außen sind für den amerikanischen Philosophen Ken Wilber wichtige Elemente seines »Integralen Modells des Bewusstseins«. Nach Wilber sollten wir bei Betrachtungen der Wirklichkeit immer beide Perspektiven – die äußere und die innere – gleichberechtigt würdigen. Sie besitzen beide Gültigkeit. Denn beide untersuchen die Wirklichkeit. Beide wollen Klarheit. Und beide wollen Freiheit vom Leiden! Nur eine der zwei Perspektiven als »die einzig wahre Wahrheit« zu verklären, führt zu verengter und irreführender Erkenntnis.

Gier, Hass und Verblendung lösen
Jetzt brauchen wir nur noch die Dimensionen von innen und außen mit der zweiten edlen Wahrheit des Buddhas von den Ursachen des Leidens zu verknüpfen. Schon wird uns klar, was es mit den Spirituellen und den Politischen auf sich hat. Beide Lager haben vieles gemein: Sie sind beide feinfühlig für das Leiden des Menschen. Sie erkennen beide Gier, Hass und Verblendung als wesentliche Ursachen dieses Leidens. Sie streben beide die Freiheit von Gier, Hass und Verblendung und damit das Erlöschen des Leidens an.
Doch die Weise, wie sie das tun, unterscheidet sich: Die Spirituellen betonen die Innenperspektive. Sie wollen über den gewöhnlichen inneren Kummer und die menschliche Unzufriedenheit hinausgehen. Sie plädieren für eine aufrichtige Auseinandersetzung mit den eigenen inneren Dynamiken von Gier, Hass und Verblendung. Sie erkennen, dass das ständige Verlangen nach mehr und mehr nur zu mehr und mehr Leiden führt. Sie lösen sich vom Zwang, stets haben und verändern zu wollen. Sie lassen auch die ewigen Selbst- und Weltverbesserungsprogramme zur Ruhe kommen. Und, oh Wunder: Sie entdecken eine innere Erfüllung, die sich selbst genug ist. Sie spüren ein Glück, das keine äußeren Ursachen braucht.
Die Spirituellen erforschen auch ihren Hass. Sie erkennen, wie Widerstand, Abwehr und Ablehnung innerliche Enge erzeugen. Sie lernen loszulassen, sich zu öffnen, anzunehmen. Selbst den heftigsten Schmerz umfangen sie mit Einverständnis und Liebe. Dadurch schmilzt Zorn hinweg. Darunter kommt allumfassender Frieden zum Vorschein. Die Spirituellen erhellen mutig die dunkelsten Ecken ihrer Psyche. Sie durchschauen die Verblendung durch zunächst weitgehend unbewusste Glaubenssätze des Mangels, Misstrauens und Kampfes. Sie lösen sich von der Identifikation mit einer begrenzten und von anderen getrennten Form. Das mündet in der mystischen Erfahrung unbegrenzter Weite und des Einsseins aller Wesen.

Empörung und Entsetzen nutzen
Auch die Politischen sind feinfühlig gegenüber Gier, Hass und Verblendung. Sie erkennen diese schädlichen Gifte und ihre Auswirkungen in der Außenwelt. Sie empören sich darüber, wie Habsucht in der Welt zu Ungerechtigkeit führt. Sie sind entsetzt darüber, dass Menschen unter Willkür und Brutalität leiden müssen. Sie hören die Lügen und Propaganda der Mächtigen und sind erschüttert. Das alles zu Recht! Es gibt verdammt viel herzzerreißendes Leid in der Welt. Dafür empfinden die Politischen Mitgefühl. Sie wollen helfen. Ihre Lösungsversuche sind – gemäß ihrer Wahrnehmungsausrichtung – auf die Außenwelt bezogen. Sie treten für bessere Gesetze und gerechtere Machtverhältnisse ein. Sie wollen eine ausgeglichene Verteilungspolitik, ein faires Wirtschaftssystem, friedliche Formen der Konfliktlösung. Sie fordern Transparenz für politische und wirtschaftliche Abläufe. Ihnen sind Nachhaltigkeit und Umweltschutz wichtig. Die Politischen wollen, dass alle Menschen in Fülle, äußerem Frieden und mit freiem Zugang zu Informationen leben. Das sind achtenswerte Ziele. Für einen kleinen Teil der Menschheit – vor allem im westlichen Kulturkreis – gilt das heute schon in einem erfreulichen Ausmaß. Dafür dürfen wir den politisch engagierten Vorreitern und ihrem oft selbstlosen Einsatz dankbar sein.

Das Gift der Einseitigkeit
Die Politischen und die Spirituellen haben beide gute Absichten. Beide laufen aber Gefahr, in die Falle der Einseitigkeit zu geraten. Vor allem dann, wenn eine Seite glaubt, sie hätte einen Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit gepachtet. Das Motto der Spirituellen »Erst inneren Frieden, dann Engagement für die Welt« führt im Extrem zu egozentrischer Nabelschau. Dann geht es nur noch um das persönliche Glück. »Das Leiden der Welt ist doch bloß Illusion. Hauptsache, ich habe meinen Frieden in mir.« Das ist die traurige Losung einer halbgebackenen und damit giftigen Spiritualität.
Die Politischen neigen zum anderen Extrem: »Erst wenn der Weltfrieden hergestellt ist, können wir auch innere Erfüllung erleben.« Das ist ein Aufschieben von Glück im Namen einer falsch verstandenen Selbstlosigkeit. Es verleitet dazu, das Innenleben außer Acht zu lassen. Eigene Schattenanteile von Wut, Angst und Hilflosigkeit werden unerkannt nach außen projiziert. Leben die Politischen Empörung, Entsetzen und Erschütterung ohne innere Weisheit aus, fördert dies neue Feindbilder und den Krieg von gegensätzlichen Standpunkten. Die Folge sind zerstörerische Lösungsversuche. »Einige böse Menschen sind immer noch für die Todesstrafe. Das regt mich echt auf. Wir sollten diese Schweine umbringen!« Solche oder auch schon harmlosere ähnliche Gedanken sind der Anfang von abermaligem Faschismus. Statt Frieden zu säen, streuen die Politischen wieder mal den Samen der Gewalt und wundern sich über die Ernte. Der buddhistische Weise Nagarjuna sagte im zweiten Jahrhundert: »Es gibt nur eine falsche Sicht: die Überzeugung, meine Sicht ist die einzig richtige.«

Sowohl als auch
Werden wir uns der schädlichen Auswirkungen der Extreme bewusst, verlassen wir die Irrpfade wieder. Wir entdecken eine heilsame Weitsicht: Anstelle des Entweder-oder zwischen Spiritualität und Politik eröffnet sich uns ein kraftvolles Sowohl-als-auch. Beide Seiten können voneinander lernen. Die Politischen brauchen ein höheres Maß an klärender Innenschau. Ein bewusster Umgang mit Wut, Angst und Hilflosigkeit kann ihre Handlungsweisen von zerstörerischen Impulsen bereinigen. Ein Verständnis für das Innenleben des Menschen fördert gegenseitiges politisches Einfühlen von Konfliktpartnern. Das erleichtert friedvolle Kommunikation und wirksame Lösungsentwicklung. Nicht zuletzt dürfen auch die Menschen, die sich stark politisch engagieren, sich erlauben, in der schon jetzt zugänglichen Erfüllung unseres spirituellen Wesenskernes zu ruhen. Was nützt es ihnen und ihren Zielen, wenn sie, getrieben von guten Motiven, sich für politische Ziele verausgaben und dabei unzufrieden sind und ausbrennen? Außerdem sind sie weniger glaubhaft, wenn sie frustriert sind und auch so wirken. Politisch engagierten Menschen, die mit der spirituellen Quelle in sich verbunden sind, steht viel mehr Kraft zur Verfügung. Sie strahlen Freude aus, so dass man Lust bekommt mitzumachen und sie zu unterstützen, was ihre Wirkung verstärkt.
Aber auch die Spirituellen können von den Politischen lernen: Die feinfühlige und genaue Innenschau des geübten Meditierers kann sich auch auf die Wahrnehmung der Außenwelt richten. Erwachen und Bewusstwerdung heißt auch, eine weite, vorurteilslose Sicht auf das regionale, nationale und globale Weltgeschehen zu entwickeln. Bei Themen wie Informationsvielfalt, Meinungsfreiheit, Verteilungsgerechtigkeit, demokratischer Mitbestimmung, Konfliktbewältigung, Umweltschutz und vielen mehr ist auch praktisches Handeln angesagt. Dazu können die Politischen anregen und mit ihrem Fachwissen unterstützen. Der Spirituelle darf auf seinem Meditationskissen gerne ein bewusstseinserweiterndes »Ooooom« hauchen und in die Tiefen reinen Seins abtauchen, aber wenn er zugleich sein Geld zum Zwecke maximaler Rendite bei einem Mensch und Umwelt rücksichtslos ausbeutenden Unternehmen »arbeiten lässt«, ist er halbseitig blind: Die Außenwelt ist die andere Hälfte des zu Betrachtenden. Ein hohes Maß an Unbewusstheit in Bezug auf die Außenwelt stellt auch die Tiefe der besten Innenschau in Frage. Hier muss der Spirituelle sich vom Politischen aufklären und Taten folgen lassen.

Raus aus dem Hinterstübchen
Je mehr spirituelle Weisheit und politisches Verständnis zusammenfließen, desto echter und wirksamer entfalten sich innerer und äußerer Frieden. Vereinzelt gab es schon immer Persönlichkeiten mit dieser potenten Mischung: Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, Aung San Suu Kyi und der Dalai Lama bewirkten und bewirken Großes – vermutlich gerade durch ihre spirituelle Tiefe. Heute scheint die Zeit reif dafür, dass mehr und mehr Menschen den Mut haben, spirituelle und politische Sichtweisen zu verbinden, und das nicht nur im Hinterstübchen eines intimen Freundeskreises. Das kann eine Herausforderung sein. Der politisch aktive Künstler Konstantin Wecker schrieb 2014 auf seiner Online-Plattform: »In der linken Szene ist es teilweise Ehrensache, in Sachen Spiritualität rationalistisch drüber oder wenigstens gleichgültig danebenzustehen. Auch in diesem Webmagazin hatten wir teilweise mit Gegenwind zu kämpfen, wenn wir es wagten, den Bereich des Geistigen oder Göttlichen nicht ausschließlich in den Kategorien einer Verschwörung zwischen Kapital und Vertröstungstheologie zu betrachten.« Das ist auch der Grund für sein neues Buch »Mönch und Krieger«, wo Wecker ganz offen die These aufstellt, dass »Spiritualität in der politischen Arbeit nicht nur erlaubt ist (quasi als verschämtes Gebet zwischen zwei Demos), sondern diese sogar befeuern kann.« (http://hinter-den-schlagzeilen.de/2014/06/20/konstantin-wecker-politik-braucht-spiritualitaet-22/). Seit August 2014 arbeitet Konstantin in der Redaktion von Connection Spirit mit. Auch das werte ich als ein Zeichen, dass diese beiden Seiten endlich zusammenwachsen. Es ist höchste Zeit dafür!

Für alle Wesen
Die Wirklichkeit, die da zu sich selbst erwacht, hat zwei Gesichter: ein inneres und ein äußeres. Es ist ein einziges, unauflösbar miteinander zusammenhängendes Sein, das sein selbst erschaffenes Drama des Leidens in menschlicher Form zu durchschauen beginnt und transzendieren will. Mein Lehrer Sri Poonjaji begann seine Veranstaltungen mit spirituellen Suchern meist mit dem tiefen Brummen eines langgezogenen Oms. Er beendete die Treffen mit den Worten »Mögen alle Wesen in Frieden und Harmonie leben. Mögen alle Wesen ihre wahre Natur erkennen. Om Shanti.« (Shanti ist das Sanskrit-Wort für Frieden.) Dieses kleine Gebet floss ganz natürlich aus seiner tiefen Erkenntnis bedingungsloser Erfüllung und Liebe. Es deutet die Ahnung an, dass Frieden – innerer und äußerer Frieden – nicht nur für einige wenige Auserwählte möglich ist, sondern sich auf alle Wesen erweitern kann. Möge es so sein.


Der hier in der Textversion aufgeführte Artikel kann auch als PDF mit grafischem Layout hier heruntergeladen werden.

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Veröffentlicht von am in Torsten Brügge

 

Wahnsinn Wachstumszwang

Sind wir daran interessiert, wie sich eine erwachte, spirituelle Sichtweise auch auf politische Felder ausdehnen könnte, so gehört die Beleuchtung des Themas „Wirtschaftswachstum“ dazu.

Eine natürliche „spirituelle Intuition“ bestand für mich schon lange Zeit darin, dass hinter der ewigen Forderung des Politik- und Wirtschaftsmainstream nach stetigem Wirtschaftswachstum ein riesengroßes Fragezeichen auftauchte.

Meine inneren spirituellen Erfahrungen zeigten mir, dass es bei der Entdeckung wahrhafter Befriedigung darum geht, aus dem Zwang zum ewigen „mehr, besser, weiter“ auszusteigen. Der Ehrgeiz, immer mehr besitzen und sein zu wollen ist vielmehr Hürde als Hilfe. Die Erkenntnis unserer wahren Natur eröffnet sich eher durch die Demut, alles Wollen hinzugeben. Innere Freiheit offenbart sich durch Loslassen unserer alten Vorstellungen über uns und die Welt – und auch den Ideen darüber, dass uns materieller Wohlstand echtes Glück garantieren könnte. Insofern ist vieles am Erwachen eher Abgeben anstelle von Herholen, Entrümpeln anstelle von Anhäufen, Verringern anstelle von Vermehren, Verlieren anstelle von Gewinnen.

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Veröffentlicht von am in Torsten Brügge

 

 

 

Dualistische Sichtweisen in politischen Konflikten entlarven

Eine "spirituelle Durchdringung" politischer Themenfelder hat für mich auch immer etwas damit zu tun, typisch dualistische und damit trennende Denk- und Sichtweisen aufzudecken. Die finden sich meist dort, wo einseitige Informationsverbreitung betrieben wird. Man klopft abwertende Feindbilder fest und hüllt sich selbst in ein idealisiertes Mäntelchen von Rechtschaffenheit und Unschuld. Im Extremfall werden solche verblendeten Perspektiven als "berechtigte Kriegsgründe" für die Anwendung von grausamer Gewalt missbraucht.

Spirituelle Klarheit durchdringt diesen Schleier, da sie einen Abstand zu den sonst oft so selbstverständlichen, politischen Glaubenssätzen schafft. Sie durchschaut die Propaganda und öffnet sich für die Wahrnehmung eines breiteren Feldes von Perspektiven. Daraus ergibt sich ein Einfühlungsvermögen für alle Seiten eines Konfliktes und die Achtung aller berechtigten Bedürfnisse. Die Wahrscheinlichkeit für friedliche Lösungen wächst. Manchmal geschieht diese Öffnung einfach dadurch, dass wir uns Informationsquellen zuwenden, die nicht dem Mainstream der Einseitigkeit huldigen.

 

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Eigene Standortbestimmung im Feld von Spiritualität und Politik

In nächster Zeit werde ich in den meinem Blog hier, in Facebook-Gruppen (zum Beispiel in der von mir neu gegründeten Facebook-Gruppe „Spiritualität und Politik“) und auch in Zeitschriftenartikeln vermutlich einiges zu äußerlichen Aspekten von Politik und Weltpolitik veröffentlichen. Mein Tätigkeitsschwerpunkt als spiritueller Lehrer und Begleiter liegt eigentlich eher auf der Einladung zur Bewusstwerdung innerer spiritueller Wesenqualitäten. Diese Orientierung wird auch weiterhin so bleiben. Dennoch werde ich mich zunehmend wahrscheinlich auch zu anderen Themen äußern. Da wird es dann um Geostrategie gehen, um den Kampf um Welt-Energie-Ressourcen, um imperiale Wirtschaftsdominanz, ja sogar um die Arbeit von Geheimdiensten und deren verdeckter Kriegsführung. Manche meiner Leser wird diese Behandlung von handfesten weltpolitischen Themen vielleicht überraschen – ehrlich gesagt verwundert es mich selbst. Aber anscheinend ist es für mich an der Zeit, dort auf Perspektiven hinzuweisen, die ich als wichtig erachte. Für diese Öffnung für weltpolitische Themen möchte ich in diesem Blogbeitrag eine klärende Standortbestimmung aufzeigen, wie Weltzugewandtheit und Weltabgewandtheit im Rahmen spiritueller Erkenntnis verstanden werden können.


Drei Phasen von Weltbeziehung

Mir scheint es so, dass die Entfaltung spiritueller Erkenntnis in Bezug auf das Feld gesellschaftlichen und politischen Engagements grob in drei Phasen aufgeteilt werden kann. Die Übergänge solcher Phasen sind fließend. Manchmal können Teilstränge der einen Phase schon innerhalb einer anderen Phase auftreten. Wem die folgende Beschreibung als „zeitliche Phasen“ zu gewagt vorkommt, kann sie auch als drei „grundlegende Weltbeziehungsqualitäten“ betrachten, die wir jeden gegebenen Moment verschiedenartig erfahren können. Wie jedes einfache Modell, handelt es sich um ein nur grobes Schema für in Wahrheit vielschichtigere Phänomene. Zur Vereinfachung macht es aber durchaus Sinn, es schematisch als Ablauf in der Zeit zu sehen. Dann könnten wir drei Phasen unterscheiden:

   Phase I    –  egozentrische Weltzugewandtheit
   Phase II   –  befreiende Weltabgewandtheit
   Phase III  –  selbstlose Weltzugewandtheit  


Phase I: Ich muss die Welt verbessern

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Herzzerreißende Rache
Die neusten Entwicklungen im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern erlebe ich als herzzerreißend schmerzlich. Drei israelische Jugendliche wurden entführt und kaltblütig umgebracht. Entsetzen und der Schmerz der Angehörigen und anderer Israelis sind wohl kaum zu ermessen. Die Wut auf die Ausführenden solcher Gräultaten ist zunächst verständlich. Der archaische Anteil unserer menschlichen Psyche reagiert auf solchen Schmerz rasch mit Gedanken an gewalttätige Rache. Noch schmerzhafter ist, dass es in Nahost nicht bei Rache-Gedanken bleibt. Tatsächlich gab es grausame Vergeltungsschläge. Die lösen dann rasch die typische Spirale von Gewalt und Gegengewalt aus. In diesen Tagen schraubt sie sich wieder mächtig in die Höhe. Beide Parteien gehen nach demselben primitiven Prinzip vor: Rache.
Im Angesicht dieses schon Jahrzehnte andauernden Schlagabtausches kam bei mir der Gedanke auf "Das ist wie im alten Testament: Auge um Auge. Zahn um Zahn." Die Bibelstelle im 2. Buch Mose klingt wie eine genaue Handlungsanweisungen für einen Schlachter oder Folterknecht: „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule.“ Doch dann wurde mir klar: Das Auge-um-Auge-Prinzip entspricht keineswegs den Vergeltungsmaßnahmen der gegnerischen Parteien im nahen Osten. Bei den Israelis ist das vordergründig sehr offensichtlich. Mit Zahlen von Todesopfern zu hantieren ist eine heikle Sache, da sie den dahinter liegenden Schmerz der Betroffenen mit kühler Statistik ausblenden. Doch die nackten Ziffern haben in diesem Konflikt eine Aussagekraft, die man nicht ignorieren kann.


Schlimme Unverhältnismäßigkeit
Die „Zeit“ schrieb Ende 2012: „Auch wenn die Israelis einen Preis zahlen, steht er in keinem Verhältnis zu dem der Palästinenser. Die – bisher – beispiellose Gewaltanwendung während der Offensive Gegossenes Blei im Jahr 2008/2009 zeigte sich allein schon im extrem ungleichen Verhältnis der Opferzahlen: Den 1.400 palästinensischen Toten standen 13 israelische gegenüber.“ (http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-11/israel-gaza-militaer-hamas-angriffe) In den anderen Phasen des Konflikts war das Zahlenverhältnis nicht derart extrem, doch es fiel immer massiv zu Ungunsten der Palästinenser aus. Und diese Opferzahlen sind kein Zufall, sondern auf den bewussten Einsatz der vielfach stärkeren Militärmittel Israels zurückzuführen.


Von wegen faire Vergeltung
Ich will hier keineswegs das Vorgehen der Palästinenser mit ihren ebenso grausamen Selbstmordattentaten und dem wiederkehrenden Raketenbeschuss israelischer Wohnviertel rechtfertigen. Sie gehen ebenso nach einem archaischen Racheprinzip vor. Würden die radikalen Kräfte in Palästina über zerstörerische Mittel verfügen, würden sie vermutlich ebenso unverhältnismäßig töten. So stellt auch die ständige Gewaltbedrohung der  israelischen Bevölkerung durch palästinensische Extremisten ein große Belastung da. Doch die Unverhältnismäßigkeit der Gewaltanwendung zu Ungunsten Palästinas scheint für mich erschreckend offensichtlich.
In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie viele Menschen auf beiden Seiten im Zuge der Gewaltspirale, die auf den Mord an den drei israelischer Jugendlichen folgt, sterben müssen. Schon jetzt während ich schreibe sind neben den 3 Todesopfer auf israelischer Seite 120 Todesopfer auf palästinensischer Seite zu beklagen. Ganz zu schweigen von dem Leid all der Verwundeten und den langfristigen Kriegsfolgen der massiven Zerstörungen. Heute habe ich die Nachricht gehört, dass mittlerweile 1100 Luftangriffe mit insgesamt 800 Tonnen Bomben auf den Gazastreifen, ein Gebiet halb so groß wie Hamburg, gefallen sind. Dort gibt es keine Bunker oder Schutzräume! 
Erst durch die Offensichtlichkeit der drastischen Unverhältnismäßigkeit wurde mir klar: Das Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Prinzip dient tatsächlich als intelligente Abmilderung ausufernder archaischer Blutrache. Auf der Ebene von Vergeltung bringt dies immerhin eine gewisse Fairness: „Schlägst Du mir einen Zahn aus, darf ich Dir auch einen ausschlagen. Aber wirklich nur einen!" Wenn schon auf Vergeltung nicht verzichtet wird, wäre es doch wünschenswert, sich wenigstens an dieses biblische Prinzip zu halten! Das würde die Gewalt um vieles mindern.


Innehalten im Racheimpuls
Zugleich ist eine nachhaltige Befriedung der Gewalt erst in Sicht, wenn das Vergeltungsprinzip grundsätzlich hinterfragt und auf Racheakte verzichtet wird. Die Gestalt Jesu im neuen Testament bietet genau dieses andere Modell: „Wenn dich einer auf rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die linke hin“. Damit lädt Jesus zu einem radikalen Innehalten im Rachereflex ein. Das bedeutet nicht, dass Gewaltverzicht immer die Lösung ist. Kommt Gewaltlosigkeit nicht aus innerer Überzeugung, sondern ist nur äußerliche verordnet, wird sie nicht nachhaltig wirken. Doch wenn rachsüchtige Vergeltung als unvermeidliche Lösungsstrategie dargestellt wird, so zeigt Jesus hier eine andere reifere Wahlmöglichkeit auf.
Im Racheimpuls innezuhalten ist wahrlich keine Kleinigkeit. Denn damit verzichten wir auf Verteidigung und Gegenwehr. Sich nicht zu wehren, bedeutet die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit unseres Seins als körperliches und soziales Wesen zuzulassen. Wir gehen das Risiko ein, dass unsere Identität als Körper und unsere erweiterten Identitäten mit Partnerschaft und Familie ausgelöscht werden. Das ist die direkte Begegnung mit Todesangst und Verlustserdenschmerz. Um trotz Todesbedrohung innezuhalten, braucht es die Bereitwilligkeit den Schmerz, der den Racheimpuls antreibt, unmittelbar zu spüren. Schrecken. Trauer. Hilflosigkeit. Verzweiflung. Das sind tiefere Schichten brennender Gefühle, die wir gewöhnlich durch das Ausagieren des Zornes oberflächlich entladen oder kontrollieren wollen.
Solches unmittelbare Fühlen ist schon in eher harmlosen Alltagssituationen eine Herausforderung: Unser Chef stutzt uns Recht. Unser Nachbar will uns vervollkommnen. Unser Lebenspartner hat schon wieder etwas an uns auszusetzen. Blitzschnell taucht ein Racheimpuls auf. Als archaische Überlebensstrategie ist das ganz natürlich. Wir alle verfügen über das Stammhirn eines Alligators als einen Teil unseres dreiteiligen Gehirns. Das hat einen Beißreflex und schlägt gerne blitzschnell um sich, wenn es sich bedroht fühlt. Meist mildert unser sozialeres Säugetiergehirn den Impuls ab. Es weiß, dass wir uns auch anpassen müssen, wenn wir in der Herde überleben wollen. Wir bleiben freundlich und zugewandt. Unsere Großhirnrinde korrigiert auch mit gedanklichen Kommentare: „Das kannst du jetzt nicht so einfach rauslassen.“ Oft finden wütende Racheimpulse dann über einen Umweg doch ihren Ausdruck. Wir sind beleidigt. Wir zürnen heimlich. Wir schmollen und grollen. Meist in der Hoffnung, der Andere möge dadurch doch endlich seine Schuld einsehen und sich anders verhalten.


Alchemie des Schmerzes
Doch es gibt auch die Möglichkeit, den Rachegedanken – so normal ihr auftreten auch ist - nicht zwanghaft zu folgen. Dann eröffnet sich eine mystische Alchemie. Wir erfahren, wie ein Innehalten in Wut, Schmerz und Angst uns erstaunlicherweise zu innerem Frieden durchbrechen lassen kann. Das ist keine Zauberei, sondern eine Sache psychologisch-spiritueller Reife und direktem Erleben. Es ist möglich, in mitten von Trauer und Verzweiflung süße, transzendente Liebe zu erspüren. Es ist möglich, durch das freie Zulassen von Wut zu gelassener Kraft und liebevoller Klarheit zu finden. Es ist möglich, Angst unmittelbar zu erleben und durch sie hindurch zu allumfassendem Vertrauen in die Unberechenbarkeit des Lebens zu erwachen. Durch solche „inneren Alchemie“ weitet sich unser Identitätsgefühl von einem um sein Leben fürchtenden kleinen Ichs zum großen ICH-ICH des ewigen Seins. Von dort aus ist es ganz natürlich, ohne die schädlichen Auswirkungen von Schuld- und Vergeltungsgedanken zu leben und zu handeln. Das ist jedenfalls meine Erfahrung mit all den Wellen von heftigen Gefühlen, die in meinem Leben aufgetaucht sind.
Zugleich weiß ich nicht, wie ich reagieren würde, wenn – wie in Nahost -  mir nahestehende Menschen willkürlich von Fremden entführt und getötet oder durch ihre Bomben zerfetzt würden. Würde in mir trotz solcher extremen Umstände die Bereitwilligkeit zum Innehalten wach bleiben? Würde ich etwaige Vergeltungsimpulse spüren, ohne sie zerstörerisch auszuleben? Wäre die Erkenntnis meiner wahren Natur als stilles, liebevolles Gewahrsein immer noch derart präsent, dass sie archaische Rachegelüste ins Leere auslaufen lässt? Ich weiß es nicht. Doch ich spüre die Kraft, dass es so sein könnte.

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Dieser Text beinhaltet:

…  eine Fürsprache für eine ganzheitliche Wahrnehmung in politischen Konflikten, einschließlich innerer Erlebensanteile

…  ein Einfühlungsversuch in die „russische Seele“ bezüglich des Ukraine-Konflikts

…  eine Anregungen zur Bildung von globalen integralen Mediatoren-Teams

Bei der Beschäftigung mit der politischen Krise in der Ukraine ist mir noch einmal bewusster geworden, was ich an politischen Diskussionen und Handlungsweisen oft als einseitig empfinde. Diese Einseitigkeit trägt zu unbefriedigenden Konfliktlösungen und manchmal sogar schlimmen Eskalationen bei. In diesem Beitrag erläutere ich, um welche Art von Einseitigkeit es sich handelt, wie sie durch erweiterte Sichtweisen ergänzt werden kann und welche hilfreiche Auswirkung dies hat.
Ich will in Kürze andeuten, was ich unten ausführlich und konkret beschreibe: Politische Betrachtungen fokussieren oft zu sehr auf äußere Sachverhalte und vernachlässigen das innere Erleben der beteiligten Menschen. Solch eingeengte Perspektive erschwert es, zu ganzheitlichen Betrachtungen und nachhaltigen Lösungen zu kommen. Was wir brauchen ist nicht nur politisches Denken und Handeln, sondern eine neue Art des politischen Fühlens und Einfühlens. Dies wird erst durch ein hohes Maß an psychologischer und spiritueller Bewusstheit möglich. Politische Einfühlung stellt eine große Herausforderung da. Gelingt es uns aber, auch das innere Erleben beteiligter Menschen aus einer wertfreien und liebevollen Haltung zu beleuchten, öffnet sich ein Raum für ungeahnte Potentiale. Fronten weichen auf. Spannungen lösen sich. Neuartige Lösungen tun sich auf. Frieden wird möglich. Und - wer weiß - vielleicht rückt sogar eine belächelte Utopie wie „der Weltfrieden“ in greifbarere Nähe.

Nur Außen - kein Innen

Für eine genaue Betrachtung dieses Themas ist ein philosophisches Konzept äußerst hilfreich: Das "Integrale Modell des Bewusstseins" von dem amerikanischen Gelehrten Ken Wilber. Es setzt sich aus fünf Grundelemente zusammen: Quadranten, Entwicklungsebenen, Bewusstseinszuständen, Entwicklungslinien, Typologien. In ihrer Kombination bilden sie – nach Wilber – eine "Theorie von Allem". Ob man dieser hochtrabenden Aussage zustimmt oder nicht, meiner Ansicht nach eröffnet uns dieses Modell viele sehr hilfreiche Sichtweisen.
Gerade eine Betrachtung der „Quadranten“ kann für politische Sichtweisen und den Bereich der Konfliktklärung eine große Bereicherung sein. (Natürlich sind auch die anderen Elemente, gerade die Bewusstseinsebenen, genauso bedeutend, doch in diesem Text möchte ich zunächst nur auf die Quadranten eingehen)
Wilbers "Quadranten-Modell " besagt, dass jedes Phänomen des Lebens sich immer in vier Anteilen entfaltet. Hier eine kleine Einführung in die Thematik:
(wer schon mit dem Konzept der vier Quadranten vertraut ist kann diese überspringen und ab der Überschritt „Bitte alles einbeziehen“ weiterlesen)

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Sitzen am heiligen Fluss

Naturkräfte und Landschaften sind wunderbare spirituelle Lehrer. Da Betrachtungen des Außen und des Innen verschiedene Perspektiven auf das eine ungetrennte Sein darstellen, zeigen sich oft faszinierende Parallelen beider Aspekte. In meinem Blog-Beitrag „Reglose Stille – ein Berg als höchster Lehrer“ habe ich beschrieben, wie die Gestalt eines Berges Ausdruck von und Zugang zu essentieller innerer Wahrheit sein kann. Heute schreibe ich ein  paar Worte dazu, auf welche Weise dies auch für einen Fluss gilt.

 

Wahrhaft göttlich

Gerade sitze ich hier auf der Dachterrasse des „Divine Ganga Cottage“ („Landhaus der göttlichen Ganga“). Dieses Hotel liegt in einem Dorf nahe dem berühmten Pilgerort Rishikesh im Norden Indiens. Die umliegenden Berge gehören zu den ersten Ausläufern des Himalayas. Grüne Hänge ragen steil hinauf, unten schlängelt sich türkisfarben der Ganges. Felbsbrocken in allen Größen liegen still an seinen Ufern. Manche groß wie Eisenbahnwagons, andere klein wie Spielzeugautos. Vom stetigen Strom des Wassers sind ihre Oberflächen glatt geschliffen und laden zum sanften streicheln ein. Weiße Sandstrände reichtert der Ganges mit silbern funkelndem Glitter an: Die stetigen Rinnsale des der Himalaya Gletscher haben Metalle aus dem Gestein gelöst, die nun als winzige Perlen im Sand glitzern.

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Gewaltige Naturgestalt

Immer wieder beeindruckt mich die Begegnung mit dem Berg Arunachala im Süden Indiens, an dem wir mit unserer Retreat-Gruppe gerade vor ein paar Tagen angekommen sind.
Körper und Geist fühlen sich von der 24-stündigen Reise von Hamburg, über Frankfurt und Chennai, bis hin zum Tempelort Tiruvannamalai im Inland Südindiens  noch ein wenig müde an. Doch sobald ich mich auf der Dachterrasse des Ashrams, in dem wir wohnen, hinsetze, wird die Präsenz des Berges deutlich spürbar. Von hier aus zeigt sich  ein wunderbarer Ausblick. Der Berg, der in einer Flachebenen die einzige größerer Erhöhung ausmacht, liegt in seiner vollen Pracht dar. In eher sanften Schwüngen doch mit einem deutlich aufragenden Gipfel sehe ich das Steinmassiv vor mir. Man könnte auch den Eindruck haben, man blickt auf einen gigantischen, liegenden Elefanten aus Stein oder auf eine etwas abgeflachte, aber dafür um das tausendfache vergrößerte Pyramide. Mein Körper ruht als winziger Punkt auf der Dachterrasse eines Hauses, das nur wenige hundert Meter vom Fuß des Berges auf der sich absetzenden Flachebene platziert ist.

Wie bei einem Blick in den Sternenhimmel wird sofort klar, wie winzig und unbedeutend der eigene Körper, die eigene Person, das eigene Leben, im Angesicht solch gewaltiger Naturgestalt ist.

Erdkrusten aus heißer Vorzeit

Aus geologischer Perspektive soll das Gestein des Arunachalas mit zum ältesten Teil der Erdkruste gehören. Vielleicht erstarrte hier das Magma unseres glutheißen Planeten vor Milliarden von Jahren zuerst. Inseln von festem Fels bildeten sich. Nach und nach bedeckten sie die Steinschmelze des Erdmantels mit kühlem Geröll. So bereiteten sie den Boden für das kommende Leben auf unserem Planeten. Die Erhebung des Arunachalas war vielleicht ein erstes hohes Eiland im Urzeitmeer der Lava. Selbst das mächtige Himalayagebirge soll noch wesentlich jünger sein. Es ist quasi noch grün hinter den Ohren, wenn man sein Lebensalter mit dem seines Urgroßvaters Arunachala vergleicht.
Der Berg hat wohl den Lauf der gesamten Evolution mitangeschaut. Vielleicht ist es dieses Wissen um Beständigkeit im Anblick der Vergänglichkeit aller Lebensformen, das der Berg so machtvoll ausstrahlt. Er steht einfach da. In sich selbst ruhend. Unerschütterlich. Unbewegt. Reglos. Zugleich wirkt er wie ein Mahnmal der Gegenwärtigkeit. Denn während ganze Erdepochen an Zeiträumen an ihm vorbei brausten, war und ist er stets zugegen - und wird es auch weiterhin sein. Ein lebendiges Symbol für das ewige Jetzt, in dem alle Zeiten geschehen. 

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Dankbar für Dankbarkeit

- ein Zugang zu bedingungsloser Liebe


Strom von Liebe

In einer der letzten Satsang-Veranstaltungen mit meiner Partnerin Padma und mir berichtete eine Teilnehmerin über ihre Erfahrung von Dankbarkeit. Sie schilderte, dass es ihr in den letzten Wochen sehr gut ging und wie oft Wellen von Dankbarkeit für alles Mögliche in ihr auftauchten. Dieses Gut-Gehen, so sagte sie weiter, würde  nicht bedeuten, dass sich immer alles schön anfühlen würde. Manchmal tauchten auch Angst oder anderes Unbehagen auf. Doch dadurch, dass sie auch mit solch unangenehmem Erleben in Frieden sein konnte, hatte es kaum Gewicht. Es löste sich schnell auf und gab eine tiefere, darunter liegende Schicht von Dankbarkeit frei. So konnte sie sogar für das emotionale Missbehagen dankbar sein. Diesen Bericht trug sie in schlichten, fast sachlich klingenden Sätzen vor. Die Dankbarkeit war dennoch deutlich im Raum spürbar.
Für mich fühlt sich die Resonanz mit Dankbarkeit nach einem Geschmack unseres spirituellen Wesenskernes an. Kosten wir die innere Ruhe jenseits unseres Denkens, dann begegnen wir den Erfahrungen unseres Lebens von Natur aus in einer nicht-wertenden, liebevollen Haltung. Dann nehmen wir wahr, wie ein Strom von Liebe von uns aus zu den Dingen fließt und von den Dingen zu uns zurückschwappt. Letztlich ist Liebe das gefühlte Wissen um die niemals getrennte Verbundenheit allen Seins. Und das zu spüren, erweckt natürlicherweise Dankbarkeit.

Dankbar strahlen

Wir erkundeten zusammen noch ein wenig, wie das Erleben von Dankbarkeit sowohl Ausdruck als auch Zugang zum Erleben von Tiefe sein kann. Getrauen wir uns nämlich, die ganze Intensität von Dankbarkeit für ein Objekt – sei es ein Mensch, ein anderes Wesen oder einem Geschehen – zuzulassen, kann uns dies zu formloser, sich in alle Richtung verströmende Liebe führen und uns darin aufgehen lassen. Hier sind wir nicht mehr „dankbar für etwas“, sondern strahlen als Dankbarkeit selbst – so wie die Sonne aus sich selbst heraus strahlt, ohne zu wissen wohin oder worauf sie strahlt. Dies lässt uns dann die Form gebundene, auf Konkretes ausgerichtete Dankbarkeit umso inniger erfahren. Und dies erleichtert es uns wiederum, noch mehr die transzendente Erfahrung formloser Dankbarkeit zu genießen. Das Strahlen formloser Liebe reflektiert sich in den Formen und verstärkt sich selbst. Was für ein Leuchtfeuer der Herzenergie!

Wofür bin ich dankbar?

Das Gespräch erinnerte mich auch an die Einladung, die ich den Teilnehmern vor ein paar Wochen am Ende eines Retreat-Tages mit spontan ans Herzen legte. Die Grundstimmung an diesem Tag war von inniger formloser Liebe getragen. Zum Abschied sagte ich: „Wenn Ihr mögt, könnt Ihr heute - oder wann immer Ihr wollt - mit einer kraftvollen Selbsterforschungsfrage experimentieren. Diese Frage kann das Erleben von transzendenter Liebe spontan eröffnen oder intensivieren. Sie lautet: ‚Wofür bin ich dankbar?’„
Dies lädt unseren Geist ein, mit den Momenten erlebter Dankbarkeit echte Berührung aufzunehmen. Gerade in solchen dankbaren Augenblicken leuchtet transzendente Liebe oft besonders deutlich hervor. Unser Verstand mag das zunächst mit einer Ursache-Wirkungs-Erklärung kommentieren: „Ich bin dankbar, weil…“ oder „Ich bin dankbar für…“ Doch erlauben wir uns, wirklich hinzuspüren: Was wird da wo gespürt? Wie fühlt sich diese Dankbarkeit in unserem Körper und unserem Herzen an? Welcher Energiefluss bewegt sich da in uns? Wie ist es, den Nektar süßer Dankbarkeit unmittelbar zu kosten? Solches Spüren bewirkt schnell einen Brückenschlag von an Bedingungen gebundener Dankbarkeit hin zum direkten Erleben transzendenter Liebe. Schließlich spüren wir das liebvolle Strahlen, das von einem ortlosen Ort in uns ausgeht, alle Dinge erleuchtet, durchdringt und verbindet.

Gift Dankbarkeitsdruck

Um einem Missverständnis vorzubeugen. Bei dieser Erforschung geht es keinesfalls darum, Dankbarkeit künstlich zu erzeugen. Das ist das wunderbar Unbestechliche an echter Dankbarkeit: Sie kann gar nicht willentlich hergestellt werden. Gedanken wie „Ich muss jetzt Dankbarkeit empfinden“ oder „Ich sollte dankbar sein“ sind ein jäh wirkendes, tödliches Gift für jedes natürliche Dankgefühl. Dankbarkeit kann allerdings entdeckt werden und zwar gerade in jenen Momenten, in denen jede willentliche Anstrengung unseres Ichs von uns abfällt. Und diese Entdeckung hat Kraft – immer wieder, immer neu, immer frisch!

Dankbarkeitskonzert

Gerade gestern Abend kurz vor dem Einschlafen erklang die Frage „Wofür bin ich dankbar?“ ein weiteres Mal in meinem Geist. Sofort ließ sie ein seelisches Konzert mit ganzen Chorgesängen von konkreten und formlosen Dankbarkeitsmelodien in mir tönen? Die Liedtexte lauteten in etwas so:

Wöfür bin ich dankbar?

Ich bin dankbar dafür, in einem warmen Bett einschlafen zu können.

Ich bin dankbar, im Moment in Deutschland zu leben, einer der Nationen der Welt mit den wohl günstigsten geopolitischen und gesellschaftlichen Verhältnissen auf diesem Planeten.

Ich bin dankbar eine nun schon über 15 Jahre dauernde Liebesbeziehung mit meiner Lebenspartnerin Padma zu erleben, in der wir soviel Innigkeit und Tiefe teilen dürfen.

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 Gefahrenzone ade, Vertrauensgebiet juche!
- eine hypnotherapeutische Betrachtung der hamburger Ereignisse

Sicherheit durch Gefahrenzone?

Seit knapp einer Woche sind Teile des Hamburger Stadtgebietes von der Polizei zur „Gefahrenzone“ erklärt worden. In großen Bereichen Altonas, St. Paulis und der Sternschanze stehen den Beamten polizeiliche Sonderbefugnisse zu. So soll wieder Recht und Ordnung hergestellt werden. Polizisten dürfen ohne konkreten Anlass Personen und "mitgeführte Sachen“ ohne Angaben von Gründen überprüfen, Platzverweise aussprechen und Menschen in Gewahrsam nehmen. Zeit-Online schreibt: „Grund für die Maßnahme seien wiederholte Angriffe gegen Polizisten, die teils schwer verletzt wurden. Allein im Dezember sind laut Polizei dreimal Kommissariate angegriffen worden. Auch vor, nach und während einer Demonstration seien Polizisten und Einrichtungen massiv angegriffen worden.“

Tatsächlich ist der genaue Hergang, wie es zu diesen Gewalttaten kam, umstritten. Wie so oft bei solchen Auseinandersetzungen, gibt es verschiedene Ansichten darüber, wer wann unangemessen gehandelt und Gewalt provoziert hast. Erschreckend ist es allemal, wenn Menschen brutaler Gewalt ausgesetzt sind und verletzt werden. Ob sich diese Menschen auf Seiten von staatlichen Beamten oder anderen Bürgern befinden ist dabei zweitrangig. Deshalb finde ich es auch nur allzu verständlich, dass die Polizei ihren Mitarbeitern ein höheres Maß an Sicherheit und Schutz gewährleisten will. Doch ist die Einrichtung einer „Gefahrenzone“ das richtige Mittel dazu? Oder könnte dies genau das Gegenteil bewirken?

Konstruierte Wirklichkeit

Dabei geht es mir gar nicht so sehr darum, welche Befugnisse Polizeibeamte dann konkret haben und wie sich dies weiter auswirkt, sondern es fängt schon damit an, was der Begriff „Gefahrenzone“ in den Köpfen und im Erleben vieler Menschen bewirken könnte.

Betrachten wir es einmal aus der Perspektive der Hypnotherapie, deren Ansätze mittlerweile durch viele Erkenntnisse im Bereich moderne Hirnforschung bestätigt werden. Hier wird davon ausgegangen, dass jedes menschliche Erleben nicht die Repräsentation einer wirklichen Welt darstellt, sondern durch komplexe Deutungsprozesse unseres Denkens und Wahrnehmens konstruiert wird. Wie wir etwas erleben und auch welche Auswirkungen das auf unser Verhalten hat, kann man dabei als ein Muster von vielen zusammenhängenden Wahrnehmungselementen verstehen. Ein solches Element stellt dabei die schlichte Benennung dar, die wir einer Erfahrung oder einem Geschehen geben. Es ist die simple Frage: Welchen Namen geben wir dem Kind? Auch wenn wir es bewusst vielleicht gar nicht wollen, für den ersten Eindruck macht es einen wesentlichen Unterschied, ob uns von einem kleinen Mädchen erzählt wird und es dabei mit dem Namen „Alexandra“, „Mia“, „Chantalle-Jasmin“, „Edeltraut“ oder „Kunigunde“ benannt wird. Mit jedem dieser Namen verbinden wir Assoziationen, die uns unser unwillkürlicher Denkprozess blitzschnell meist in Form von dunkel erahnten Bildern einschießt. Hirnphysiologisch betrachtet ist der abstrakte, sprachlich fassbare Name „Edeltraut“ eher ein Phänomen in unserem Neokortex (Großhirnrinde). Hier wird – vereinfachend beschrieben - eher das bewusste, willkürliche und rationale Denken lokalisiert. Das Erleben von Stimmungen und Gefühle werden eher dem Mittelhirn und limbischen System zugeordnet. Hier findet in erster Linie ein bildliches, auditives, sensorische und emotionales Assoziationsnetzwerk seinen Platz. Das „Denken“ des Mittelhirns geschieht eher als ein „Bildern, Erklingen und Erspüren“ und ist zu großen Teilen unwillkürlich und auch unbewusst. Dennoch hat das Mittelhirn enorme Auswirkungen auf die Gesamtheit unserer Wahrnehmung, unseres Erlebens und Verhaltes. Oft bestimmt gerade das unwillkürliche Erleben unserer inneren Bilderwelt unser Denken und Handeln viel stärker, schneller und wirksamer als das abstraktere, willkürliche Denken. Was hat das alles mit der „Gefahrenzone“ in Hamburg zu tun? Einiges!

Brandgeruch im Mittelhirn

Für viele Menschen wird nämlich die harmlose Bezeichnung „Gefahrenzone“ unwillkürlich und oft unbewusst eine Flut von inneren Bildern anregen. Spüre ich in meinem Organismus neugierig nach welche Bilder er mit „Gefahrenzone“ verbindet, geht es heiß her: Brennende Mülltonen. Angezündete qualmende Autoreifen. Zerbrochene Fensterscheiben. Barrikaden auf den Strassen. Umherfliegende Steine. Zischende Geschosse. Rauch. Brandgeruch. Eilige Bewegungen. Vermummte Gestalten. Flüchtenden oder kämpfende Menschengruppen. Aggressive Gesichtszüge. Grobe Drohgebärden. Lautes Brüllen. Waffen. Blutende Wunden. Vielleicht sogar Schwerverletzte oder Leichen. Wer gerne Action- und Kriegsschinken mag, wird solche inneren Filme vielleicht aufregend finden.
Natürlich überzeichne ich hier etwas und jeder mag andere Assoziationen haben. Dennoch sollten wir nicht unterschätzen, wie stark sich solche archaischen Bilder auf unser Verhalten auswirken können – ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Stellen wir uns vor, wir würden mit solchen Bildern im Kopf eine Gefahrenzone in Hamburg besuchen. Wie würden wir typischer Weise umherschauen? Wie würden wir gehen und stehen? Wie würden sich unser Nacken, unsere Schultern unser Bauch anfühlen? Wie würden wir atmen? Welche Körperhaltung würden wir einnehmen? Wie würden wir Menschen um uns herum einschätzen? Worauf würden wir lauschen? Welche Gedanken würden auftauchen? Was sonst noch?
So gesehen könnte uns allein die Benennung „Gefahrenzone“ zu einem sich bedroht fühlenden, angespannten, in  Abwehrhaltung verfestigten, kleinen Monster mutieren lassen, das sich in dunklen Ecken versteckt oder bei geringer Provokation anderen Menschen direkt an die Gurgel springt.
„Gefahrenzone“ würde so zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. In einer solchen Gefahrenzone würde ich als Polizist nicht so gerne auf Streife gehen. Die Gefahr, völlig unangemessen angegriffen zu werden, wäre um ein Vielfaches erhöht.

Im Angesicht dieser Betrachtungen kann man durchaus zum Schluss kommen, dass alleine das Ausrufen einer „Gefahrenzone“ zur Eskalation von Provokation, Misstrauen und Konflikt beiträgt. Da braucht es nicht einmal eine tatsächliche Ausübung willkürlicher Macht. Deshalb finde ich es sehr verständlich, dass es schon eine Petition gibt, mit denen Bürger sich für die Aufhebung der Gefahrenzone engagieren können.

Gefahrpanik oder Vertrauensvorschuss

Meine eigene Beschäftigung mit diesem Thema führte allerdings eher zu einem unterhaltsamen inneren Prozess der Umdeutung. Mein „innerer Hypnotherapeut“ fragte sich: Was würde ich anstelle einer bedrohlichen Gefahrenzone für mich und Andere lieber haben wollen? Was wäre eine Alternative zu der Bedrohungstrance, die im Unbewussten leicht angefacht werden kann? Sofort ersetzte sich in meinem Geist der Begriff „Gefahr“ durch „Vertrauen“ und „Zone“ durch „Gebiet“: VERTRAUENSGEBIET! Ja, das wäre es doch! Ich spürte nach, mit welchen Bildern dieser Begriff in mir assoziiert war: Ich sah ein grünes Stadtgebiet. Ich roch klare Luft. Hörte sanfte Stadtgeräusch. Freundliche offene Menschen gingen leicht bekleidet durch Parks und Straßen. Einige Hilfreiche wohlwollende Polizisten standen entspannt dabei. Friedliche Demonstranten befanden sich im ruhigen Gespräch mit hohen Stadtbeamten, um neue Lösungen zu finden.
Könnte ein solcher „Vertrauensvorschuss“ sowohl von der Polizei gegenüber den Bürgern, als auch von kritischen Bürgern gegenüber der Polizei nicht viel hilfreicher sein, als gegenseitiges Misstrauen. Wie wäre es, wenn wir mit solchen inneren Assoziationen das „Hamburger Vertrauensgebiet“ besuchen würden? Wie würden sich Polizisten dort im Dienst fühlen?

Am nächsten Tag geschah in mir immer wieder eine nette Transformation. Jedes Mal wenn ich in den Nachrichten „Gefahrenzone“ hörte oder das Wort las, wandelte sich der Begriff in meinem Geist mit ein paar Zwischenschritten um: „Gefahrenzone“ wurde zu „Verfahrensgetue“. „Verfahrensgetue“ wurde zu „Vetrauensgebot“. „Vetrauensgebot“ wurde zu „Vertrauensgebiet“ Und Schwups, freute ich mich auf einen spannend entspannenden Spaziergang in St. Pauli. Jetzt wäre es fast schade, wenn die die Gefahrenzone wieder aufgehoben wird. Danke an die Hamburger Polizei!

Für die Aufhebung – so das Sein es will - bin ich aber trotzdem.

Tosten Brügge aus dem hamburger Schanzenviertel,  11.1.2013

 

 

 

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Gesundheit – ein zerbrechliches Gut

Um die Weihnachtszeit erfuhr ich von einem jungen Mann, der gerade unter den Auswirkungen einer heftigen akuten körperlichen Krankheit litt. Dabei bleibt für ihn und seine Familie im Moment ungewiss, ob diese Erkrankung nur ein akutes, vorübergehendes Ereignis darstellt oder ob es die Gefahr von wiederkehrenden Krankheitsattacken gibt. In letzterem Fall könnte dies das Leben des jungen Mannes in manchen Bereichen stark einschränken.
Ganz nebenbei: Die Gefahr einer einschneidenden Erkrankung besteht natürlich für jeden von uns. Jederzeit könnte uns ein Unfall oder ein unerwartetes Gebrechen erwischen. Das würde unsere bisherigen Lebensgewohnheiten vielleicht massiv verändern. Gesundheit ist ein zerbrechliches Gut. Das ist uns oft nicht bewusst, solange wir uns eines relativ gesunden Körpers erfreuen. Der Kontakt mit konkreten Krankheitsfällen im persönlichen Umfeld macht uns diese Möglichkeit wieder bewusst. Und darin liegt ein Geschenk, uns auf das wesentliche Heilsein auszurichten.

Zuversicht im Angesicht von Krankheit

Nachdem ich die Information bezüglich des jungen Manns bekommen hatte, arbeitete es ein wenig in mir. Zunächst stieg ein wohlwollendes kleines Gebet auf. Auf einer ganz menschlichen Ebene wünschte ich ihm, dass sich seine körperliche Gesundheit stabilisieren würde. Es wäre doch erfreulich, wenn nie wieder ein solcher Krankheitsschub auftreten würde. Das ist bei dieser Symptomatik durchaus möglich.
Doch falls nicht, wie könnte ich diesem Menschen, für den Fall dass ich einmal in Kontakt mit ihm kommen würde, anschaulich erläutern, welche spirituelle Zuversicht es auch im Angesicht akuter und auch wiederkehrender körperlicher Erkrankung gibt. Ich bin mir sehr sicher, dass es möglich ist, unter jeden Lebensumständen und im Angesicht jedes Schicksalsschlages die Dimension tiefen Friedens zu erfahren. Dieser Frieden hatte sich mir bei meinem ersten Erwachenserlebnis 1991 offenbart und war seitdem zur Grundlage meines Lebens geworden ist – auch in Phasen körperlicher Krankheit oder seelischen Schmerzes. Ich persönlich habe das Glück – bis auf einige Ausnahmen – insgesamt einen recht gesunden Körper zu haben. Deshalb beruht meine Behauptung nur teilweise auf tatsächlicher Erfahrung. Allerdings gibt es auch Beispiele für die These eines von Krankheit unberührten Friedens. Eines davon spiegelt der indische Weise Sri Ramana Maharshi (http://de.wikipedia.org/wiki/Ramana_Maharshi) wieder. Er litt die letzten Jahre seines Lebens unter zahlreichen heftigen Krankheitssymptomen: Gelenkverschleiß der Knie, eine massive Wirbelsäulenverkrümmung und Krebs. Trotzdem wird berichtet, dass er unberührt von diesen körperlichen Belastungen und Einschränkungen in tiefem inneren Frieden verweilte und dies sehr kraftvoll ausstrahlte. Das weist darauf hin, dass es eine Ebene von Heilsein gibt, für die körperliche Gesundheit nur zweitrangig ist.

Behindert glücklich

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Subkultursprache
Jede Subkultur hat ihre eigene Sprache. Sie ist Ausdruck und Funktion dessen, was vermittelt werden soll. In der Satsang- und Advaita-Szene gibt es manchmal interessante neue Sprachformen. Zu Zeiten arten diese aber auch in abstrakte Worthülsen aus. Dann haben sie nur noch wenig mit der unmittelbaren Erfahrung zu tun, sondern führen in neue Starre und Unechtheit.
In Veranstaltungen, bei denen ich in der Rolle eines spirituellen Lehrers zur Verfügung stehe, werde ich von Teilnehmern manchmal gefragt: „Wie ist es denn bei Dir: Hast Du noch Gedanken?“ oder „Denkst Du überhaupt noch?“ Hinter solchen Fragen stecken oft vorgefertigte Modelle darüber, was Erwachen oder Erleuchtung für einen Menschen bedeuten würde. Eine sich hartnäckig haltende Vorstellung besteht darin zu glauben, dass ein Mensch, der zu seiner wahren Natur erwacht ist, überhaupt nicht mehr denken würde. Hier wird „Freiheit vom Denken“ mit „Abwesenheit von Gedanken“ verwechselt.

Spirituell korrekt
In meiner Anfangszeit in der Rolle eines Satsang-Lehrers habe ich solche Fragen oft in einer typischen und damals für mich stimmigen Weise „spirituell korrekt“ beantwortet. Tatsächlich entsprachen diese Antworten damals meiner direkten Erfahrung. Und auch heute gibt es verschiedene Ebenen auf der ich die Frage „Denke ich noch?“ für mich selbst – und dann auch für andere – beantworte. Auf einer tieferen Ebene würde ich mein Erleben so beschreiben: Denken findet manchmal statt. Oder: Gedanken tauchen zeitweise auf, ohne dass ich das Gefühl hätte, dass sie von einem Ich oder gar „meinem Ich“ erzeugt werden würden. Doch jetzt gerade taucht beim Schreiben dieser Antworten auch das Gefühl auf, dass solche Formulierungen für mich im Kontext der heutigen Satsang-Szene oft schon abgegriffen erscheinen.
Besonders deutlich wurden mir diese Merkwürdigkeiten einer „spirituelle Sprache“ als ich zufällig ein Youtube-Video von einem recht bekannten Advaita-Lehrer sah. Dieser Lehrer gehört zu denjenigen, die sehr die absolute Ebene des Unpersönlichen betonen - mit Botschaften wie „Es gibt kein Ich“ oder „Niemand handelt“ usw.
Der Interviewer stellte im Video eine Reihe von ähnlichen Fragen. Sie wurden vom Lehrer auf ähnliche Weise beantwortet. Das lief in etwa so:

Interviewer: „Wie ist es denn jetzt für Dich: Hast Du noch Ängste?“
Lehrer: „Angst taucht auf. Aber es gibt kein Ich, das diese Angst hat?“
Interviewer: „Hmmmh, und wie ist es mit Wut: Wirst Du manchmal so richtig wütend?“
Lehrer: „Wut taucht auf. Aber es gibt niemanden, der sie hat.“
In der Art ging es noch etwas weiter. Dann machte der Interviewer irgendeinen Scherz. Die Atmosphäre lockerte sich. Beide begannen öfters zu lachen. So drehte sich das Gespräch zunächst in eine andere Richtung. Doch plötzlich viel dem Interviewer wieder eine Frage ein: „Was ich eigentlich auch noch wissen wollte: Träumst Du eigentlich noch?“ Der Lehrer antwortete im heiteren Gesprächsfluss spontan: „Ja natürlich träume ic…“ Dann spürte man förmlich, wie sich der Lehrer innerlich auf die Zunge biss. Mitten in der Formulierung von „ich“ rief er sich selbst zur Ordnung und stoppte. Dann antwortete er ernst: „Träume tauchen auf, aber es ist keiner da, der träumt“.
An dieser Stelle musste ich herzlich lachen. Mir wurde noch mal um einiges deutlicher, wie ich selbst in der Vergangenheit wohl auch einer ähnlichen Künstlichkeit - getreu dem Advaitasprech - verfallen war. Bloß nicht von der absoluten Wahrheit abweichen! Bloß dem Ich-Gedanken kein Gewicht geben! Immer sofort auf das transzendente Sein schauen! Das war die damalige Maxime.

Sprache ohne Ich-Gedanken?
Ich erinnere mich daran, wie ich damals dachte: „Wir sollten eigentlich eine ganz andere Sprache sprechen, in der der Ich-Gedanke nicht mehr gebraucht wird.“ Diese Intention hatte eine gute Absicht und auch eine hilfreiche Funktion. Es ist offensichtlich, wie stark die Fehl-Identifikation mit unserer Person Leiden erschafft. Auf der gedanklichen Ebene wird dieses Leiden durch den Ich-Gedanken eingeleitet.  Die Begrenzungen und Einschränkungen, die ihm oft folgen, verlocken uns in eine Leidens-Trance: „Ich bin… nicht gut genug …hässlich …dumm … traurig“ „Ich… schaffe es nicht“ „Ich …muss das tun, obwohl ich es eigentlich nicht will …brauche, dass Andere mich lieben.“ All diese Leidensmuster beginnen mit und knüpfen sich an den Gedanken „Ich“. Deshalb ist es tatsächlich äußerst hilfreich – und ich würde sagen ein „Muss“ echter Selbsterforschung –, wachsam für den Ich-Gedanken zu sein. Erst wenn wir ihn als Gedanken entlarven, wird uns klar, dass wir ihm und seinen Anhängseln nicht zwanghaft folgen müssen. Dann werden wir darauf neugierig zu erforschen, was das eigentliche Seinsempfinden des ICH BIN ist, bevor sich unsere Aufmerksamkeit in der Fehl-Identifikation mit „Ich bin…“-Gedanken verliert.
Insofern ist es ein spannendes Experiment, wenn wir uns vorstellen, vielleicht einen ganzen Tag konsequent auf den Ich-Gedanken zu verzichten. Natürlich wird er trotzdem auftauchen. Aber wie wäre es, wenn wir jeden Gedanken in dem „ich“ vorkommt nutzen um zur reinen Präsenz aufzuwachen. Wie ein Meditationsgong der uns zum Innehalten einlädt: „Ich…“ –Goooooonnnnng – Stille.

Lass Zwergnase denken
Wem das zu radikal erscheint könnte einen lustigen Zwischenschritt ausprobieren: Wie wäre es, den Ich-Gedanken durch einen anderen Gedanken zu ersetzen. Anstatt „Ich“ könnten wir den Namen einer netten Märchen- oder Fabelgestalt einsetzen. Die Auswahl ist groß: Zwerg Nase. Hans im Glück. Die Prinzessin auf der Erbse. Puh der Bär. Auch Gestalten aus Fernsehserien eignen sich: Graf Zahl, Biene Maja oder der rosarote Panther. Das mag sich albern anhören, bis wir es tatsächlich ausprobieren. Ein stressiger Gedanken am Morgen wie „Jetzt muss ich schon wieder so früh aufstehen!“ fühlt sich ganz anders an, wenn wir ihn mit „Jetzt muss Zwergnase schon wieder so früh aufstehen!“ ersetzen. Im Badezimmer schauen wir in den Spiegel und denken: „Biene Maja sieht ja ganz verquollen aus.“ Am Frühstückstisch macht es uns wenig aus, wenn bloß die Prinzessin auf der Erbse so morgenmuffelig dreinschaut, während wir schon über diese Idee schmunzeln. Und unser Kontostand macht – Gott sei Dank - nur Graf Zahl sorgen. Solches „Gedanken-Ersetzen“ ist kein Allheilmittel. Doch es macht deutlich, wie leicht und spielerisch wir die Muster von Fehlidentifikation aufbrechen können.
Auch eher abstrakte Advaita-Sprache erfüllt diesen Zweck:  „Hier wird gerade Wut erlebt“ kann sich sehr viel leichter anfühlen als „Ich bin wütend“. „Nachdenken geschieht“ ist auf eine Art wahrer und müheloser als „Ich denke nach“. Allerdings sollten wir auch wachsam dafür sein, wenn solche Sprachmuster zu einer neuen starren Gewohnheit werden. Dann enden sie manchmal in einer kaum zu überbietenden Künstlichkeit. „Hier ist niemand da, der jemals etwas getan oder gelassen hat“. Stimmt! Aber dieser Niemand könnte das doch besser in edlem Schweigen kommunizieren. Und meist ist der Einzige, der andere von seinem Niemand-Sein überzeugen muss, ein fetter Jemand.

Wieder normal werden
Nachdem ich selbst solch eine Phase des Advaitasprechs durchlaufen habe, bin ich langsam wieder auf den Geschmack des Normalen gekommen. Ich finde es mittlerweile viel spannender eine Sprache zu benutzen, die sich natürlicher anfühlt. Das spricht vielleicht auch an, die noch nicht in Kontakt mit Advaita- und Satsangideen gekommen sind, aber sich sehr wohl nach Freiheit sehnen und reif für ein tiefes Verständnis sind.
Dabei gönne ich mir immer mal wieder ein wenig Advaitasprech, eben weil es auch so gut  Wahrheit ausdrückt. Aber wer die Keiner-ist-hier-Sprache nicht versteht kann bei mir gerne nachfragen. Im Gegensatz zu dem oben erwähnten Lehrer. Von ihm habe ich noch eine vielsagende Geschichte gehört: Eine Teilnehmerin einer seiner Vorträge rief den Lehrer am Tag nach der Veranstaltung an. Ihr hatte der Vortrag gut gefallen, sie hatte allerdings noch eine dringende Frage. Der Lehrer ging ans Telefon. Die Frau begann: „Also ich habe da noch ein Frage…“ Weiter kam sie nicht. Sie hörte aus der Leitung nur noch ein genervtes „Es gibt kein Ich!“ und schon hatte der Lehrer schon aufgelegt. Das mag man „radikale Lehre“ oder „absolute Arroganz“ nennen.

Denke ich noch?
Zurück zur Frage „Denke ich noch?“. Heutzutage neige ich oft zu einer verdammt normalen Antwort: „Ja klar denke ich noch! Ich bin doch nicht zu einem hirnlosen Deppen geworden.“ Und während diese Antwort gedacht, gesagt oder geschrieben wird, ist im Hintergrund trotzdem die Gewissheit da, dass es tatsächlich kein Ich gibt, welches diesen Gedanken eigenständig hervorbringt; dass nichts anderes als das allumfassende SEIN genau diesen Gedanken gerade jetzt denkt; und dass auf einer noch tieferen Ebene selbst der Gedanke „Gedanke“ ein substanzloses Phänomen ist, das niemals existiert hat - im Sinne von „aus sich selbst heraus bestehend“.
Und hier fällt mir banaler Weise der alte Schlager von Juliane Werding ein: „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst…“. Wenn wir das erkennen, haben wir ein leichtes Spiel – mit oder ohne Advaitasprech.

Torsten Brügge, Hamburg 3.12.2013



 


 

 
 




 



 





 

 

 

 

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Lasst uns Rettungsflugzeugträger bauen!

Die schreckliche Naturkatastrophe auf den Philippinen zeigt wie verletzlich die Menschheit ist und offenbart Abgründe von Hilflosigkeit, Schmerz und Leid. Das bricht mir manchmal das Herz - noch weiter auf.

Zugleich finde ich es berührend, welche Betroffenheit sich in großen Teilen der Weltbevölkerung und auch auf der Ebene der nationalen Regierungen zeigt und dass daraus auch echte Hilfshandlung folgen. Ermutigend ist für mich, dass die USA ihren Flugzeugträger "USS George Washington" mit 5000 Marinesoldaten und 80 Flugzeugen an Bord zu humanitären Hilfsarbeiten in das Katastrophengebiet schickt. War das früher schon so, dass nationale Katastrophen weltweit so viel und "so schnell" breite Betroffenheit und konkrete Hilfsangebote auslösten? Ich möchte hoffen: Globale Anteilnahme und Mitgefühl haben zugenommen und finden zunehmend auch Ausdruck in politischer und ganz praktischer Handlung.

Heute Nacht um 3:30 Uhr kam mir die naive Idee: "Lasst uns Rettungsflugzeugträger bauen!" Ein moderner Flugzeugträger kostet einen Anschaffungspreis zwischen 2 und 12 Milliarden Euro. Der Unterhalt schlägt mit ca. 800 Millionen Euro pro Jahr zu Buche. Das kann sich eine Weltgemeinschaft locker leisten!

Flugzeugträger stellen heute mit die Spitze der militärischen Machtinstrumente dar. Sie können auf dem ganzen Planeten flexibel und autonom operieren. Es gibt weltweit ca. 40 aktive Flugzeugträger. Doch was bringen Flugzeugträger bisher in die entlegendsten Ecken der Welt? Militär, Waffen, Bomben, Gewalt und Tod.

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Anmerkung vorweg: Ich hätte mir gewünscht, den Inhalt dieses Blogbeitrages kürzer fassen zu können. Doch nach vielfacher Überarbeitung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Komplexität dieses Thema auch einen entsprechenden Raum braucht. Ich mute dem Leser hier eine gewisse Überlänge zu. Aber auch manch guter Kinofilm wäre ohne Überlänge nur ein Flop geworden. Wer trotzdem gerne ohne genauere Vorerklärungen zu dem Kernpunkt diese Beitrages "Die Wichtigkeit relativer Wahrheiten“ springen will, kann auch ab der Überschrift „Spirituelle Bezeichner" anfangen zu lesen.

 

 

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Der Weise kann mich mal!

- Erleuchtungsstress abschütteln

 

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Dieser Blogbeitrag entstand durch die Erwiderung auf einen Kommentar zu einem meiner vorherigen Blogbeiträge.

Da es sich hier um eine  Erläuterung eines – wie ich finde – sehr grundlegenden Themas, über das eigentlich alle spirituellen Sucher/Finder informiert sein sollten, handelt, habe ich ihm eine ausführlichere Betrachtung eingeräumt. Es dreht sich dabei um das paradoxe Nebeneinander der absoluten und relativen Dimension der Wirklichkeit.

 

Hallo Alfred,

danke für Deinen Kommentar zum meinem vorherigen Blogbeitrag:

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Der folgende Text von Astronaut Sultan Ben Salman Al-Saud aus Saudi-Arabien inspirierte mich, ihn fortzusetzen.

„Am ersten Tag deutete jeder auf sein Land. Am dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag achteten wir auch nicht mehr auf die Kontinente. Wir sahen nur noch die Erde als den einen, ganzen Planeten.“

Fortsetzung:

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Veröffentlicht von am in Torsten Brügge

Manche Begriffe haben die Kraft, als frische Fingerzeige auf die nicht-begriffliche Wahrheit unseres innersten Wesens zu deuten: SEIN, STILLE, GEWAHRSEIN, GEIST, TAO, BUDDHA-NATUR, GÖTTLICHER URGRUND…

Für mich galt das eine Zeit lang auch für den Begriff "ERWACHEN". Erwachen wir aus einem schlechten Traum zum Wachbewusstsein, ist das eine Befreiung. Wir erkennen, dass alles, was im Traum geschah, unwirklich war. Das Drama und Leiden des Traumes ist zu Ende. Uns wird klar, dass uns das leidvolle Traumgeschehen in Wahrheit nie berührt hat.

Ganz ähnlich können wir vom Leiden der Identifikation mit einem begrenzten persönlichen Ich und dessen schwankender Lebensgeschichte von Schmerz und Vergnügen zu der Weite und Reglosigkeit unseres wahren Selbst erwachen. In dieser Hinsicht macht "Erwachen" für mich immer noch Sinn.

Auf eine andere Weise scheint der Begriff "Erwachen" mehr und mehr konzeptualisiert und korrumpiert zu werden - vor allem dann, wenn er als die Eigenschaft einer Person interpretiert wird. "Hast Du schon gehört? Person X ist erwacht." "Nein, der ist doch noch nicht erwacht. Person Y vielleicht schon, aber X, nee." Oder wir beziehen ihn auf uns selbst "Oh nein, ich bin immer noch nicht erwacht." oder "Ah, weil ich jetzt diesen Einblick in Stille, Ewigkeit und Ich-Losigkeit gehabt habe, bin ich erwacht. Nun gehöre ich endlich zur Gruppe der 'Erwachten'."

Verstehen wir "erwacht" als eine eindimensionale Eigenschaft einer Person, ergeben sich daraus spirituelle Missverständnisse und Verzerrungen. Entweder wir verfallen in Minderwertigkeitsgefühle, weil wir uns nicht erwacht fühlen und machen uns "Erwachens"-Druck, der unser Leiden noch verstärkt. Oder wir überhöhen uns selbst. Wir glauben vielleicht, nur weil wir erste Einblicke in die  Wahrheit unseres Selbst erhascht haben, bedeuten dies, dass alles, was wir sagen und tun, nun Ausdruck reiner erwachter Wahrheit wäre. Daraus kann sich eine Arroganz entwickeln, in der wir eher wieder einschlafen, als endlos weiter zu erwachen.

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