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Geschichte der Woche

Gut aussehen

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»Meine größte Angst war, dass ich Scheiße aussehen könnte!« meinte vor einiger Zeit eine Reporterin aus den USA, nachdem sie ein Interview mit einem Guinness-Rekord-Jäger gemacht hatte, der den Rekord im Über-Kopf-Hängen brechen wollte. Dabei hing sie selbst über Kopf in einem Geschirr neben ihm. Doch ihre Visagistin habe, so meinte sie dann, »einen guten Job gemacht«.

Diese Aussage scheint ein heute weit verbreitetes Credo auf den Punkt zu bringen: Gut aussehen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, ist das A und O. Es gilt für Männer wie Frauen gleichermaßen, nur die Umsetzung ist ein wenig verschieden. Bei Frauen spielt die aktuelle Mode (inklusive angesagter Tattoos und Piercings) und ein perfektes Äußeres (Teint, Zähne, Haare, …) eine zentrale Rolle, ergänzt durch ein Verhalten, das absolute Souveränität ausdrücken soll. Bei Jungen bzw. Männern sind die Schwerpunkte etwas anders gesetzt: Souveränität bzw. »Coolness«, sprich Überlegenheit, ist der zentrale Punkt, erst danach stellen sich Fragen nach Äußerem wie Outfits, Piercings und Tattoos. Diese sollen die Pose unterstreichen und betonen, hier sind m.E. wieder beide Geschlechter gleich.

Wohin könnte die Reise gehen? Eine kleine Beobachtung am Rande der gerade beendeten Funkausstellung lässt mich ratlos und auch besorgt zurück: Am Stand von »N 24« gab es die Möglichkeit für Jugendliche, eine kleine Gesangseinlage abzuliefern. Als ich um die Ecke bog und den Stand erblickte, von dem aus Live-Übertragungen von der IFA aufgenommen wurden, sang ein junges Mädchen einen bekannten Popsong, alleine, ohne Begleitung. Ja, ich muss sagen, sie hatte eine gute Stimme. Nicht umwerfend, doch wirklich gut. Da war sie auch schon am Ende ihrer Darbietung, und ich schaute genauer hin. Wie alt mochte sie sein? Sechzehn vielleicht, schätzte ich. Sie sah aus wie eine moderne Märchenprinzessin – eine Art »Sissi« des 21. Jahrhunderts. Glitter blitzte auf ihren Armen, eine perfekt gestylte Frisur zierte ihren hübschen Kopf. Ein dazu passendes Make-up gab es natürlich auch, dezent und erst auf den dritten Blick enthüllend, wie viel Arbeit in ihm steckte. Etwas überspitzt gesagt – hätte sie nicht eben mit menschlicher Stimme gesungen, ich hätte sie für eine lebensecht gemachte große Puppe halten können. Die Moderatorin, natürlich auch »zurechtgemacht«, wirkte neben ihr schon fast ungepflegt, als sie ihr mit giggeliger Mädchenstimme ein paar Fragen beantwortete. Nachdem diese sie dann mit »den besten Wünschen für ein eventuelles Casting bei »Deutschland sucht den Superstar«« zu verabschieden begann, fragte sie abschließend: »Wie alt bist Du eigentlich?« »Zwölf« antwortete das Mädchen. Das war der Moment, an dem es mir denn doch die Sprache verschlug. Nicht jedoch der Moderatorin, die dem Star in spe noch genügend Geduld wünschte, bis sie die Altersgrenze für »DSDS« erreicht habe …

In dieser schönen, neuen Welt hat alles, was nicht »gut aussieht«, zunehmend keinen Platz mehr. Alle banalen, unangenehmen Fakten des Lebens werden einfach ausgeblendet. Und die Industrie liefert die Werk- und Spielzeuge dazu. Spätestens an diesem Punkt wird eine Messe wie die Funkausstellung hochpolitisch. Ich ging kopfschüttelnd weiter. Und diese Geschichte beschäftigt mich immer noch.

Claus Grütering

   
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