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Geschichte der Woche

Das Schweigen

Details Diese spirituelle Erfahrung klammert auch die Sprache aus, den Diskurs, die Vernunft (den logos, wie die Griechen sagen, das mana oder das Geistige, wie es in östlichen Lehren heisst).

Anders gibt es keine Einheit. Wir sind von allem nur durch das Denken getrennt - nur durch uns selbst. Lasst das Ego, hört auf zu denken - es bleibt das Ganze.

Sprachlosigkeit?

Lähmung?

Keineswegs, jedenfalls nicht im pathologischen Sinn. Denken bleibt möglich.

Sprechen bleibt möglich. Sie sind nur nicht mehr nötig. Ausschaltung des inneren Monologs, Aufhebung des argumentativen oder konzeptuellen Denkens, des Sinns (also auch des Un-Sinns oder des Absurden).

Es gibt nur noch das Wirkliche.

Es gibt nur noch das Empfinden (das zum Wirklichen gehört).

Es ist, als sähe man endlich die Dinge, wie sie sind, ohne Masken, ohne Etiketten, ohne Namen.

Meist ist das nicht so:

Wir sind fast immer von der Wirklichkeit getrennt, und zwar eben durch die Wörter, die uns dazu dienen, sie auszusprechen oder uns zu schützen ( Deutung, Rationalisierung, Rechtfertigung).

Und plötzlich, während wir meditieren, etwas empfinden oder tun

- die Wahrheit selbst ohne Sätze.

Alogos, sagte Epikur.

Aphasia, sagte Pyrrhon (Sprechen ist nicht ausgeschlossen, nur vorübergehend aufgehoben).

Das nenne ich "Schweigen": eine Ausschaltung nicht der Geräusche, aber der Wörter, nicht des Klangs, aber des Sinns.

Das Schweigen des Meeres.

Das Schweigen des Windes.

Das Schweigen des Weisen, selbst wenn er spricht.

Unnötig zu betonen, dass diese Aufhebung der Vernunft (unserer Vernunft) nicht Irrationales hat, nicht mehr jedenfalls als die "dritte Arte des Wissens" bei Spinoza, die dem wohl entspricht.

Schweigen ist alles, was bleibt, wenn man schweigt - also alles.

So bleibt die Wahrheit unangetastet. Diese Wahrheit "braucht keinerlei Zeichen", wie Spinoza sagt, und will uns nichts sagen:

Da gibt es nichts zu deuten, nur zu erkennen oder zu betrachten; das ist keine Vorstellung, sonder "das objektive Wesen der Dinge" ( Spinoza);

ein Buddhist würde es das einfache, schweigende Sosein nennen.

Das, worüber man spricht (das Wirkliche), ist kein Diskurs, auch das nicht, was gesagt wird (die Wahrheit).

Wir sind davon nur durch unsere Illusionen und unsere Lügen getrennt.

Es genügt, zu schweigen, oder besser: zur Stille zu finden (schweigen ist leicht, zu Stille finden etwas ganz anderes), damit es nur noch die Wahrheit gibt, die jeder Diskurs voraussetzt, die alle Diskurse enthält und in keinem enthalten ist.

André Comte-Sponville

   
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