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Geschichte der Woche

Gespräch mit einer Schranktür im Sesshin

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Mit einem halben Jahrhundert auf dem Buckel begab ich mich zu meinem ersten Sesshin in das Buddhistische Studienzentrum Dharma Sangha Europe e.V. Über ein Sesshin kann jeder, der es erlebt hat, viel schreiben. Viel schreiben will ich nicht, aber von meiner Erfahrung mit einer Schranktür berichten, die meine Nachbarin war und mich permanent daran erinnerte, aufmerksam zu sein.

Mein Bett stand ungefähr einen halben Meter von einem eingebauten Schrank entfernt. Und wie jeder Schrank hatte auch dieser Türen. Neben diesem Schrank befand sich ein Regal, das meine Bekleidung und Utensilien beherbergte. Bei meiner ersten Begegnung mit der Schranktür bekam ich sie in die Hacken. Ich dachte mir nichts dabei. Jedoch jeder Gang ins Bett oder zum Regal wurde von ihr honoriert, indem sie sich öffnete und ich sie entweder im Rücken oder in den Hacken hatte. Au!

Gerade in diesem Schrank lagen jedoch die Dinge meiner Bettnachbarin. Es wäre also nicht schön gewesen, wenn der Schrank immer aufgestanden hätte, abgesehen davon, dass ich dann nicht zu meinem Bett und zu meinen Sachen gekommen wäre. Also musste ich die Tür wahrnehmen, ob ich wollte oder nicht. Die ersten zwei Tage begriff ich ihre Forderung an mich nicht. Ich war zu sehr damit beschäftigt, dem strengen Plan des Sesshins zu folgen, mit dem wenigen Schlaf auszukommen und den vollen Geist des Alltags abzuschütteln.

Doch die Schranktür blieb hartnäckig. Im späten Ablauf des zweiten Tages bemerkte ich endlich unsere Beziehung. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeiging, öffnete sich die Tür. Wenn ich sie also nicht beachtete, bekam ich sie in den Rücken oder eben in die Hacken.

Die feinen Härchen des Teppichbodens stellten unser Verbindung her. Ich trat sie mit meinen Füssen runter und die Tür öffnete sich. Der darunterliegende Holzboden gab auch nach und so öffnete sie sich jedes Mal, wenn ich an ihr vorbei ging. Um dieses Öffnen zu verhindern, brauchte die Schranktür eine kleine Aufmerksamkeit von mir.

Eine kleine Berührung mit der Hand genügte, um sie in ihrer Position zu halten, während ich vorbeiging. Sie verzichtete nicht einmal in den acht Tagen auf diese Aufmerksamkeit. Ich wurde besser. Die Tür öffnete sich immer weniger. Und ich war stolz, dass ich es geschafft hatte, sie geschlossen zu halten. Aber es konnte auch passieren, dass ich gerade im Bett lag und die Tür öffnete sich doch noch, eben etwas verspätet. So nach dem Motto, die Berührung, unser Kontakt fehlt noch. Also wieder hoch, Tür zu. Es war ein wortloses Gespräch, ein gegenseitiges sich finden, ein aufeinander eingehen und ein aufrechterhalten der Aufmerksamkeit auf diesen Moment.

Denn jetzt ging ich an dem Schrank vorbei, jetzt öffnete sich die Tür, jetzt sollte die Hand ausgestreckt werden. Ein lebendiger Austausch, der immer wieder neu verdeutlichte wie wir beiden zusammenhingen - durch feinste Fasern, die kaum beachtet worden wären, wenn sich nicht die Schranktür wie von Zauberhand immer wieder neu geöffnet hätte. Meine Aufmerksamkeit fing also nicht mit dem Handausstrecken an, sondern schon vorher. Meine Füße betraten Fasern, die in Verbindung standen mit der Schranktür. Kleinste Teilchen stellten die Verbindung zwischen uns her. Auch wenn ich die kleinsten Teilchen nicht immer sehen oder wahrnehmen konnte, so waren sie dennoch da.

Wir wurden ein Paar. Ein Schritt, die Hand kam hoch, hielt zu, die Tür fühlte sich beachtet und hielt die Dinge der Bettnachbarin geschützt. Bei jedem Schritt an ihm vorbei - immer wieder neu. Ein Vergessen und es folgte die Öffnung und der Schlag ins Kreuz. Eigentlich ganz einfach, aber ihr glaubt gar nicht, wie oft ich dennoch die Tür ins Kreuz oder in die Hacken bekam, auch wenn ich viel viel besser wurde.

Elen Wilmes

   
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