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Geschichte der Woche

Der Vagabund

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Es war Morgen. Nieselregen fiel und Wolken verhingen den sonst so blauen Himmel. Vogelformationen zogen rege umher. Noch herrschte eine verschlafene Stille und kleidete die Früh in ein dumpfes Gewand. Ein etwas schäbig aussehender Mann sass im Halbschlaf an einer Strassenecke, an der er um die Uhrzeit noch Ruhe hatte. Alle paar Minuten fuhr mal ein Wagen im langsamen Tempo vorbei.

Sein Schlafsack musste mal gewaschen werden, denn er fing an leicht nach Urin und Dreck zu müffeln. Die Orte an denen man sich als Vagabund so niederlassen durfte waren ja nicht immer die saubersten. Aber eigentlich war ihm der leicht müffelnde Schlafsack relativ egal. Dies war Teil seines weges. Als Vagabund und Radikaler (denn Obdachlos war er nicht ohne Grund) hatte er schon so einiges erleben dürfen. Oft war er vertrieben worden, was gerade bei eiskalter Jahreszeit sehr unangenehm werden konnte. Manchmal suchte er stundenlang nach einer neuen Möglichkeit wieder unterzukommen. Etliche Male hatte ihn das Ordnungsamt in die Schranken gewiesen. Er wusste, sie taten nur ihre Pflicht. Er dachte dennoch das wo immer man ein Ordnungsamt benötigte, es um die Ordnung bereits geschehen ist. Gestze und Ämter kümmerten sich stets um verloren geglaubte Dinge. So lief der Hase. Er vermochte daran nichts zu ändern und strebte nicht danach. Das hätte ihn ja auch zu jemandem gemacht der Ordnung hätte schaffen wollen. Er erhob sich leicht taumelnd, rieb sich den Schlaf aus den Augen und reckte sich gen Himmel. Dabei stiess er einen Ur-laut aus der die Tauben, die sich unweit von ihm niedergelassen hatten, aufscheuchte. "Guten Morgen, Welt ," murmelte er und packte ohne Hast seine Sachen zusammen. Er wusste genau wo es ihn als nächstes hinzog.

Die Fussgängerzonen jeder Stadt sind mit Sicherheit alle unterschiedlich. Nur eines haben sie gemeinsam: die Menschenmassen die einer gewaltigen Flut ähnlich samstags die Kopfsteinpflaster schwemmen.

Langsam marschierte er noch zu einer relativ frühen Stunde mit seinem Gepäck durch das Zentrum der ihm noch unbekannten Stadt. Ein paar Leuten legten bereits einen akuten Anfall von Hetze an den Tag. " Wenn man selber nicht hetzt und am Rande der Geschehnisse ruht, darf sich einem die kunterbunte Menschenwelt präsentieren," dachte er zufrieden. Jeder Schritt fühlte sich leichter an, denn jeder Gedanke den er hatte stärkte ihn in seinem Weg. Er lud seinen etwas betagten, graugrünen Rucksack ab als er meinte ein Örtchen gefunden zu haben, an dem er vorübergehend weilen durfte. Er platzierte seine zerfetzte Isomatte vor einem geschlossenen Laden. Der Steinboden war kalt, aber schien sauber. Das Geschäft war umgezogen und hinterliess Raum für einen neuen Laden. Noch zierten viele alte Zeitungsseiten die Fenster. Sie hingen so dicht an und aufeinander das man kaum in den Innenraum schauen konnte.

Langsam als wäre er ein alter Mann setzte sich der Fahrende. Es war merklich abgekühlt. Ein wenig bibberte er. Sein muffeliger Schlafsack würde ihm schon etwas Wärme spenden. Er zog ihn aus dem Rucksack und mummelte sich so tief wie möglich ein. Als er seine Pudelmütze richtete fielen ihm ein paar Strähnen ins Gesicht und verfingen sich in seinem Vollbart. Einen halben Meter vor sich stellte er einen alten Pappbecher, der schon so einiges an Kleingeld aufgefangen hatte. Die ein oder andere Delle verriet das Alter des Bechers. Ein "Jüngling" war dieser bei weitem nicht mehr. Eher ein "alter Hund" der sich nach seinem wohlverdienten Tod sehnte.

Der Wanderer sass nun im Schneidersitz. Warm und kuschelig war ihm zumute. Sein Geist wurde stiller. Er beobachtete das Treiben in der Fussgängerzone. Die vorüberziehenden Gesichter schienen mehr und mehr zu werden. Davon gab es eine ausserordentliche Vielfalt. Gehetzte, fröhliche, rote, runzlige, junge, alte, dunkle und helle. Traurige, wartende, wütende und suchende. Lachende, sprechende, schweigende, weinende und gleichgültige. Auf einmal klimperte es in dem alten Pappbecher. Als er nach oben schaute sah er das lächelnde Gesicht eines jungen Mädchens. "Dankeschön," strahlte er zurück. Sie fragte:" Was machst Du denn bei dieser kälte hier draussen?" Sie trug dicke Stiefel, eine karierte Hose sowie eine pinke, dicke Jacke an dessen Kapuze ein Kunstfell befestigt war. Ihre hellblonden Haare waren von einer Strickmütze verdeckt. Die gut durchbluteten Wangen erinnerten an reife Äpfelchen. Mit weit geöffneten, blauen Augen wartete sie gespannt auf Antwort. "Ich habe keine Wohnung und ziehe umher. Alles was ich besitze trage ich bei mir, einer Schnecke ähnlich. Und machmal wird es halt kälter. Das ist der Lauf der Dinge." Das Mädchen liess etwas traurig einen weiteren Euro in den Becher gleiten. Da war das aneinanderschlagen der Münzen wieder. Dieses Geräusch das ihm versicherte, das es eine Kleinigkeit zu Essen an diesem tage geben werde. Das Mädchen hörte aus der Menge die Stimme ihres Vaters. "Kind, wo bleibst Du?" Sie lief eilig davon und verschmolz mit dem Gesichterstrom.

Die Strasse war zu neuem Leben erweckt. Die Menschengesichter drängten sich und schienen gerade zu dieser Jahreszeit besonders gehetzt. Es war kurz vor Weihnachten. Die Strasse schien mittlerweile vor Menschenkörpern überflutet. Mit den verstreichenden Minuten des Tages schien die Zeit der Menschen abzulaufen. Fast so als hätten sie nur einen Tag zu leben. Aufmerksam beobachtete er die eilenden Füsse der Passanten. Die Stadt schien noch immer in die Melancholie des Nieselregentages getaucht. Gebäude schienen grau, leblos. Sture, dunkelgraue Wolken verhinderten das auch nur ein winziger Sonnenstrahl ein Lächeln auf das Gesicht eines Menschen zauberte.

Der Vagabund richtete seinen Blick gelassen auf einen jungen Mann der an ihm vorbeigehend in seinem Portemonnaie kramte und leise unverständliche Dinge murmelte. Freundlich fragte ihn der Sitzende nach einer kleinen Spende. Abrupt blieb der junge Mann stehen. Seine Miene glich einer aufziehenden Gewitterfront, die sich inbrünstig zu entladen drohte. Langsam füllte sich sein Gesicht mit einer Zornesröte. Als er seinen Mund auftat und ihn einer Schusswaffe ähnlich auf den penetranten Störenfried richtete, entlud er sich donnernd: " Du Stück! Hast Du nichts besseres zu tun als Menschen um ihr hart erarbeitetes Geld zu bringen?" Er bekam ruhig und freundlich Antwort:" Ich habe keine Wohnung. Alles was ich besitze trage ich bei mir. Du meinst Du hast nichts zu geben, dann gehe Deiner wege. So ist der Lauf der Dinge." Etwas verwirrt aber gezähmt reihte sich der junge Mann erneut in den Menschenstrom ein. Bevor er komplett eingetaucht war galt sein Blick dem ruhig sitzenden. Und auf einmal starb der junge Mann in die Strom hinein.

Der Nieselregen prasselte ein wenig heftiger. Überall beobachtete man plötzlich ein fast gleichzeitiges aufspannen von Schirmen. Ihre Farbenpracht und Unterschiedlichkeit war brilliant. Jedes Gesicht fand in einem Schirm seiner Wahl einen individuellen Ausdruck. Füsse eilten nun noch ein paar Schritte schneller. Nicht nur die Zeit schien selbsternannter Feind, sondern ebenfalls das Wetter.

Der Wandernde sah nun völlig unfixiert in die Menge. Sie schien so ungehalten, ja, so fahrend wie er selbst. Der Strom folgte seiner eigenen Bewegung, seinem Rhythmus. Das Herz des Vagabunden war ruhig und schlug in Einklang mit dem Strom. In diesem Moment gab es keinen Vagabunden, keinen Wanderer. Das Leben selbst pochte und war weit wie der Ozean. Alle Nuancen des Tages, die Melancholie, die sich ständig verändernden Gesichter, das leise Raunen der Menge, der Nieselregen, selbst die Tauben die gern auf Statuen bedeutender Personen zu klecksen schienen, verschmolzen in diesen Moment zu einer lebendigen Substanz. Alles ist eins.

Eine etwas ältere Frau ging ruhigen Schrittes an diesem grauen, regnerischen Samstag durch die Fussgängerzone. Sie wollte ein paar Geschenke für ihre Kinder und Enkel kaufen. Es sollte ein letztes, besinnliches Weihnachtsfest werden, denn sie litt an Krebs und würde nicht mehr lange auf erden weilen. Sie wollte von einem Gefühl in den Tod begleitet werden das nach Frieden roch und es ihr ermöglichte nichts zu bereuen. Doch hatte sich ihn ihrem herzen Kälte ausgebreitet. Die Angst vor dem Tod lag ihr wie ein dicker Mann auf dem Magen. Manchmal jedoch spürte sie einen Funken Wärme wo einst ihr warmes Herz gesessen hatte. Und dann tat sie etwas freundliches für ihre Mitmenschen. An diesem besagten Samstagmorgen sah sie einen schäbigen Bettler der, in einen dicken Schlafsack gepackt, aufrecht vor einem Ladeneingang sass. Seine Augen waren geschlossen und er schien friedlich. Bestimmt hatte sie noch etwas Kleingeld. Ein Griff in die rechte Hosentasche bestätigte ihre Vermutung. Sie kramte ein paar Euro hervor. Als sie unmittelbar vor dem Bettler stehen blieb streckte sie ihm gütig die Münzen entgegen. Sanft sagte sie, um ihn nicht aus seinem "Schlaf" zu wecken:" Ich denke etwas Kleingeld könnten sie bestimmt gebrauchen. Frohe Weihnachten."

Der Vagabund hörte die leise, sanfte Stimme einer älteren Frau zu ihm sprechen. Langsam und voller Ruhe öffnete er seine Augen. Sie strahlten ihr entgegen. Die Frau spürte das sich in der Tiefe ihres herzens etwas regte. Kalte Ecken füllten sich langsam mit Wärme. Verloren geglaubte Erinnerungen der Liebe fluteten in bunten Farben ihren Körper. Mild lächelnd streckte er der Frau die Hand entgegen um zu empfangen. Als sich ihre Hände für einen flüchtigen Moment berührten, formten seine Lippen sanft ein "danke". Für einen Augenblick fühlte die Frau eine unsagbare Dankbarkeit die sich von Kopf bis Fuss in ihr ausbreitete. Sie wusste in diesem Moment das alles gut und heilig ist. In diesem einen Augenblick hatte sie ihr Leben umarmt und das Gefühl des Friedens hatte durch ihre Herzenstür eintreteten dürfen. "Ich danke Dir für Deine milde Gabe, Weiser." Die Frau tat ein paar Schritte rückwärts, wandte sich um und ging anscheinend schwerelos Richtung Menschenfluss. Sie war daheim. Als ihr Körper vollständing in den Strom der Gesichter eingetaucht war, beendeten die grauen Wolken am Himmel ihr Dasein und machten der Abendsonne platz. Orangerot erhellte sie die letzten Minuten ihres Tages die Fussgängerzonen der Welt und tauchte fröhliche Gesichter und zufriedene Gebäude in ihren Glanz.

Der Wanderer lächelte. "So ist der Lauf der Dinge," wusste er. Langsam erhob er sich, rollte seine Isomatte zusammen und lud seine selbst gewählte Last auf die Schultern. Er spürte gen Norden, gen Süden. Bevor er sich versah bewegten sich seine Füsse. Ihm war jede Richtung recht.

Martin Heim

   
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