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Geschichte der Woche

Die Kröte und der Vogel

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Eines schönen, wundervoll warmen Tages traf ein Vogel die Entscheidung ein wenig zu Fuß über die weite, blühende Wiese zu spazieren. Nach dem lauen Regenfall versprach sie, gespickt mit Würmern und anderen schmackhaften und nahrhaften Kleintieren angereichert zu sein. So ließ er sich also alle Zeit der Welt und des Universums und suchte mit seinem langen, spitz zulaufenden Schnabel die dicksten Würmer und rundesten Käfer aus.

Da hörte er plötzlich ein seltsames Geräusch. Da er es gewohnt war, im Wald hoch oben auf den Bäumen und auf den Berggipfeln, sein Leben zu verbringen, war dieses Geräusch für ihn unbekannt. Er schaute vom Wurmsuchen auf und sah ein grün-braunes, seltsam aufgeblasenes, hüpfendes, quakendes Etwas.

»Hallo!« sagte der Vogel freundlich. Die Kröte blieb erschrocken sitzen, sie war sich der bedrohlichen Situation überaus bewusst. Sie kannte diese seltsamen Wesen mit Federn. Schon viele ihrer Freunde und Verwandte hatte sie im Schnabel solcher Flugwesen verschwinden sehen. Gesprochen hatte ganz gewiss noch keines von ihnen jemals zu einer Kröte. Sie blieb also lieber still und ignorierte den Vogel. Dieser war allerdings viel kleiner als die Artgenossen von ihm, die seine Freunde verspeist hatten.

Langsam ging der Vogel ging um die Kröte herum. Er schaute sie gründlich an und war sehr erstaunt über die seltsame Ausstattung dieses Wesens. Wo waren die Federn? Wie sollte es jemals so den Boden verlassen? Wie sollte es jemals so den blauen Himmel durchkreuzen und über die Straßen, die doch sehr gefährlich waren, kommen? Wie sollte es Fliegen und Mücken fangen?

Alles dies dachte der kleine Vogel, während er aufmerksam die Kröte betrachtete. Diese erholte sich langsam von dem Schock, einen Vogel einfach so spazieren zu sehen, hier unten über die Wiese, die doch ihr Reich war.

»Du glaubst bestimmt, du bist etwas Besseres als ich, weil du fliegen kannst, und weil du hoch oben über allem den Überblick hast«, sagte die Kröte hinterlistig. »Aber du täuschst dich. Du bildest dir das alles nur ein. Die Fliegerei, die hohen Baumwipfel, die du scheinbar weit unter dir lassen kannst, die Berge, die du als sicheren und ruhigen Ort zu schätzen gelernt hast. Das überaus reiche Angebot an Insekten überall in der Luft. Das scheint das Paradies für dich zu sein. Aber ich verrate dir ein Geheimnis: Du bist kein Vogel, der fliegen kann, der vollkommen frei durch die warme Sommerluft hierhin und dorthin, durch keinerlei Hindernisse aufgehalten, schweben kann. Du träumst nur, ein Vogel zu sein! Alle deine Erfahrungen, voller Lust und Lebensfreude einen Wurm zu fangen, ein Bad in einem klaren, stillen See zu nehmen, all das träumst du nur!« Der Vogel hörte der Kröte interessiert zu. Er fand es äußerst spannend, aber auch irgendwie ziemlich wahnsinnig, was die Kröte da so von sich gab. Es war nicht verkehrt, was die Kröte über sein Leben erzählte. Er genoss es sehr ein Vogel zu sein, mit der Fähigkeit überall hinzufliegen wo es ihn hinzog. Aber was wollte ihm die Kröte damit sagen, dass er dies alles nur träumte? Und wenn es tatsächlich so sein sollte, welchen Unterschied würde es machen? Was würde sich an seinem wundervollen Vogelleben denn ändern, wenn er darum wüsste, dass es nur ein Traum ist?

Vor lauter Nachdenken über dieses scheinbare nutz- und sinnlose Geheimnis vergaß der Vogel den dicken Wurm, den er grade aufgepickt hatte, runter zu schlucken, und so gelangte der Wurm, der wirklich sehr fett war, wieder in Freiheit und floh mit pochendem Herzen vor dieser lebensgefährlichen Gesellschaft. Die Kröte hatte in der Zwischenzeit eine dicke Fliege verspeist und lag, feist in sich grinsend, in der Sonne.

Da beschloss der Vogel, dieses angebliche Geheimnis einfach wieder zu vergessen. Es war für ihn völlig unerheblich, dachte er, und flog davon. Doch irgendwas war mit ihm geschehen. Was hatte die Kröte mit ihm gemacht? Sie hatte ihm einen Gedanken eingepflanzt, und dieser Gedanke begann, sich auf mysteriöse Weise in diesem Vogel auszubreiten. Wo er auuch hinflog, ein Bad nahm oder einen Wurm fraß, immer musste er an die seltsamen Worte der Kröte denken. So wurde er immer schmaler und kraftloser, denn die Gedanken an das Geheimnis hielten ihn davon ab, sich auf die Wurm- und Insektenjagd zu begeben.

»Wenn ich all dieses nur träume, dann kann ich es ja gleich sein lassen!« Er verlor seine Federn, er verlor seine Freude. Welch grausame Macht hatte der Gedanke da über den Vogel bekommen. Irgendwann vergaß der Vogel, dass er fliegen konnte und lief nur noch auf dem Waldboden umher. Aber auch das wurde ihm bald zu anstrengend. Er verlor all seine Freude am Vogeldasein, denn mittlerweile begann der Gedanke, es sei alles nur ein Traum, ihn geradezu zu lähmen.

»Wie sinnlos, wie sinnlos«, dacht er nur noch. Dann starb er. Seine Seele erhob sich in die Lüfte und war die reine Freude. Da wusste das Vogelwesen, warum die Kröte ihm dieses Geheimnis eingepflanzt hatte: Es war der pure Neid auf seine Lebensfreude gewesen. Erst musste er seinen Körper verlieren, um die Tragweite des Geheimnisses, welches die Kröte ihm anvertraut hatte, zu begreifen.

Dankbarkeit und Liebe durchströmten seine Seele. Er würde wieder in Form sein. Aber dann mit dem tiefen Wissen um die Einmaligkeit eines Lebens als Vogelwesen.

Evelyn Zais

   
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