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Geschichte der Woche

Vater unser

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Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit

Amen

Mein Freund, der du überall und nirgends bist,
Wenn du magst, komm mich doch besuchen.
Ich werde mit dir das was ich habe, teilen und wir werden viel Spass miteinander haben.
Lehre mich, mich und meine Schwächen zu erkennen, damit ich in der Lage bin, auch meinen Mitmenschen mit Nachsicht zu begegnen.
Gemeinsam freuen wir uns dann und ich sage dir:

Danke

»Vater unser« ist unlogisch, auch nicht viel besser wäre »Unser Vater«, denn: mehr als 65% der (europäischen Bevölkerung) hat ein zumindest partiell gespaltenes Verhältnis zum leiblichen Vater. Bei beinahe 30% ist diese familiäre Beziehung sogar zerrüttet. Unter solchen Umständen einen, wie auch immer gearteten, Gott als »Vater« zu bezeichnen ist, zumindest in der heutigen Zeit, Schwachsinn. Ausserdem: »Unser« ist, gerade auch in diesem Zusammenhang eine mehr als unverbindliche Floskel, genauso wie »unser Vaterland«, »unsere Regierung«, »unser Bestreben« etc..

Hinzu kommt, dass dieser Gott, zumindest im AT, als ein äusserst rachsüchtiger und strafender Gott dargestellt wird, mehr als ein patriarchalischer Despot also. Zu so einem Wesen sollen also die Christen (und auch deren weibliche Anhänger) ein Vertrauensverhältnis aufbauen? Mehr noch, eine, wenn auch mystische, Liebesbeziehung eingehen? Sehr problematisch, wie jeder Psychiater bestätigen wird.

Auch: »im Himmel« ist im naturwissenschaftlichen Zeitalter unhaltbar, wenn nicht sogar absurd. Auch als mythische Interpretation ist diese Wortfolge nicht viel tauglicher. Bleibt also noch die Mystik, ein Bereich in dem sich wohl die wenigsten Menschen auskennen dürften, zumal ihnen die entsprechenden Erfahrungen dazu fehlen. Religiös Gläubigen ist der Zugang zur Mystik durch Dogmen und ähnlich Unsinnigem ohnehin erschwert, wenn nicht ganz und gar unzugänglich: meines Erachtens nach einer der Hauptgründe für die überbordende Esoterikwelle, die in den letzten Jahrzehnten zu beobachten war.

Warum also soll eigentlich ein (nicht nur christlicher) Gläubiger seinen Gott nicht persönlich ansprechen und ihn als Freund betrachten? – Deshalb die Formulierung »mein Freund". Das Geschwafel vom Himmel wird ersetzt durch »der du überall und (gleichzeitig) nirgends bist«. Bewusst gesprochen und nicht einfach heruntergeleiert ergibt sich aus diesen Worten eine psychologi-sche Spannung, die zur Reflektion zwingt.
Übrigens: Feministinnen können »mein Freund« durchaus ersetzen mit »meine Freundin«. Persönlich bleibt das Ganze auf jeden Fall.

Was soll das Unvernünftige von: »dein Reich komme, dein Wille geschehe...« Unter Freunden begegnen wir uns doch ganz anders. Hierarchien sind überflüssig. Habe ich einen Freund lange nicht gesehen, dann lade ich ihn halt einfach ein. Ob er meine Einladung annimmt bleibt ihm überlassen, beeinträchtigt die Freundschaft aber in keiner Weise.

Sollte mein Freund meiner Einladung Folge leisten, ist es eine Selbstverständlichkeit ihn zu beherbergen und zu beköstigen. Es wird geschmaust und gelacht. Das Wiedersehen wird gefeiert. Sollte er "Brot" mitbringen, umso besser, doch was für ein Gastgeber bin ich, wenn ich den Freund darum anbettele?

Die Textpassage »und vergib uns unsere Schuld« erzeugt in Wahrheit gerade subtile Schuldgefühle, die von den Hierarchien aller christlichen Amtskirchen, aber auch von den meisten christlichen Sekten, schamlos ausgenützt werden. Wenn Gott aber mein Freund ist, dann kann ich an meinen Freund, ohne betteln zu müssen, auch Forderungen stellen. Wenn der Glaube an Jesus Christus überhaupt einen Sinn haben soll, dann doch der, dass jeder Einzelne sich selbst erkennt, denn dann wird ein Mensch erst fähig sein, echte Menschlichkeit leben zu können. Alles andere ist Heuchelei. Also: ich fordere meinen Freund dazu auf, mir dabei behilflich zu sein.

Mit den Worten: »Versuchung«, »erlöse uns«, »Bösen«, tauchen erneut Begriffe auf, die in uns unbewusste Schuldgefühle erzeugen sollen damit wir in Abhängigkeit der Theologen gehalten bleiben. Nein: der Freund hilft mir und gemeinsam freuen wir uns und ich sage ihm: Danke. Das »Amen« ist heute sowieso nur zu einer abstrakten, unverständlichen Formel verkommen, genauso wie das ganze, meist ohnehin nur heruntergeleierte Gebet.

Marc-Edouard Enay (Banvari)

   
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