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Geschichte der Woche

Hyper-Hyperraum

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Fünf Jahre war es her, seit die Erzengel Michael, Gabriel und Urologiel im Jahre 2012 den Hyperraum geöffnet und die Freie Energie freigegeben hatten. Außerdem hatten sie bei allen Menschen die 12-strängige DNS aktiviert und die Chakren 7 bis 14 geöffnet. Kurzum: Wir waren jetzt alle vollkommen Neue Menschen.

Nur Professor Hinrichsen nicht. Der unterhielt ein kleines, feines Institut für Motivationsforschung und tat, als wären wir immer noch die Alten. Das missfiel der EPD (Esoterischen Partei Deutschlands); und als sie an die Macht kam, wurde sein Institut geschlossen. Endlich Zeit, ein Buch zu schreiben, dachte Professor Hinrichsen und machte sich ans Werk. »Was uns antreibt« sollte das breite Publikum mit den Ergebnissen seiner Forschungsarbeit vertraut machen. Das würde ihn rehabilitieren. Und dann würde er sein kleines, feines Institut wiedereröffnen können.

Als er sein Manuskript beim maßgeblichen Verlag vorstellte, bekam er zu hören: »Brillant geschrieben. Gut strukturiert. Sehr überzeugend.« Professor Hinrichsen freute sich schon auf die Wiederaufnahme seiner Forschungsarbeit. »Dennoch muss ich Ihr Manuskript ablehnen«, fügte der Verleger hinzu. »Sie beschreiben hier die Alte Psychologie und tun, als wären wir Menschen immer noch so. Als seien wir immer noch getrieben von Angst, Gier und anderen niedrigen Beweggründen.« »Aber die meisten Menschen … « »Nein, niemand«, unterbrach der Verleger. »Wir sind jetzt alle Neue Menschen, beseelt von edlen Motiven und allein bestrebt, das Gute, Schöne, Wahre zu manifestieren.« »Diese edlen Motive leugne ich keineswegs. Doch die nötigen Transformationsprozesse …« »… haben die Erzengel besorgt.« »Aber jeder Mensch muss doch selbst …« »Schreiben Sie was über die Neue Psychologie«, beendete der Verleger das Gespräch. »Das werden wir gern veröffentlichen.«

Also channelte Professor Hinrichsen ein Neues Buch über den Hyper-Hyperraum, den die Erz-Erzengel Michaela, Gabriela und Urologia im Jahre 2020 öffnen würden. Schon jetzt strömten Hyper-Hyperenergien auf die Erde. Und wer sich nicht beizeiten damit verband, würde entsetzlich leiden müssen. Glücklicherweise ließ sich das ganz leicht verhindern. Hierzu legte man einfach seinen linken Mittelfinger auf die hyper-hyperrosa Rosette, trank einen Schluck Hyper-Hyperaqua und sagte: »Krambambuli Ashtambuli, hyper-hyper.« Das war übrigens auch das Geheimnis bei den kosmischen Bestellungen. Das hatte die Autorin seinerzeit nicht verraten, weshalb der Lieferservice auch nur bei ihr so flubschte.

Das Neue Buch wurde anstandslos gedruckt, und der Professor ließ sich Aqua und Rosette patentieren. Bald machten Tantiemen und Buchhonorare ihn hyper-hyperreich, und er konnte sein kleines, feines Institut wieder eröffnen. Ganz privat und im Geheimen erforschte er übrigens auch das Phänomen seines Bucherfolgs. Und da stellte sich überraschenderweise heraus: Die Motive hinter den Kauf-Entscheidungen waren hyper-hyperalt.

Satire von Karin Burschik (www.karin-burschik.de)

   
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