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Nachbericht Calumed-Kongress 2010

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Calumed Kongress 2010

»Was die Welt im Innersten zusammenhält«

Die Philosophin Dr. Barbara Strohschein berichtet für connection über den 6. Wissenschaftlichen Kongress »Chaos Schöpfung Evolution« des Calumed e.V, der am 28. August 2010 im Seminarzentrum Gut Thansen in der Lüneburger Heide stattfand.

»Dass ich nicht mehr mit sauerm Schweiß,
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält«

So spricht Doktor Faust im ersten Akt der Tragödie: Er will erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sein Gelehrten-Wissen allein, das weiß er nur zu gut, das reicht nicht. Das Thema des Calumed-Kongresses griff auf eine originelle Weise diese Thematik auf. Was hält denn nun die Welt zusammen? Wie weit reicht unser heutiges Wissen, um diese Frage zu beantworten? Der Veranstalter brachten diese Frage mit drei Begriffen in Verbindung: Chaos ist ein griechischer Begriff, der Verwirrung und Unordnung beschreibt. Schöpfung ist ein u.a. theologischer Begriff, der einen göttlichen Gestaltungsakt beschreibt. Evolution heißt fortschreitende Entwicklung und ist bis heute inhaltlich wesentlich von Charles Darwins Theorie geprägt. Dieser Begriffswahl entsprach in gewisser Weise die Auswahl der Referenten.

Schöpfungsgeschichte als Metapher

Wissenschaftler verschiedener Disziplinen näherten sich dem Kongressthema aus ihrer Perspektive. Der Professor für Systematische Theologie, Prof. Dr. Bernhardt reflektierte feinsinnig über die Schöpfung aus christlicher-theologischer Perspektive. Die biblische Schöpfungsgeschichte sei metaphorisch zu verstehen und stünde keineswegs in Konkurrenz zu heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Und selbst wenn Wissenschaftler heute mehr erklären können (als zu Zeiten von Dr. Faust), können sie noch längst keine Antwort darauf geben, warum und wozu etwas geschieht. Der Kosmologe Prof. Dr. Bojowald, angereist aus Pennsylvania, USA, sprach von der ungeheuren Komplexität des in sich strukturierten Universums. Seine weitere Entwicklung läge im wahrsten Sinne im Dunkeln - zu 72 Prozent sind im Universum und seinen Parallelwelten dunkle Energien und zu 23 Prozent dunkle Materie. Man könne bisher auch nicht sagen, dass der vielzitierte Urknall der Anfang des Universums gewesen sei. Die Grenze der Materie - so sein Fazit - sei gewiss nicht die Grenze der Welt.

In der Tiefe des Chaos herrscht Ordnung. Deshalb haben wir die Kraft zur Transformation

Stagnation, Verdichtung, Chaos

Der Astrophysiker, Prozess-Moderator und Pianist Dr. Achim Goeres aus Berlin, brachte eine spannende Wendung in den Diskurs: Er erweiterte die Begriffskombination des Kongresses durch »Hölle« und »Transformation« und stellte damit die biblischen, psychischen, theologischen, physikalischen, historischen sowie spirituellen Aspekte der Thematik in der Mittelpunkt. Er warf einen übergeordneten Blick auf die Frage, wie Leben und Universum entstehen und nach welchen Gesetzmäßigkeiten Entwicklung stattfindet. Die Menschen sind Sternenstaub, Leben entsteht wie eine mathematische Formel: Eingabe, Formel, Ergebnis, Rückkoppelung auf die Eingabe usw. ein sich immer wiederholender, sich ausbauender Prozess der Iteration. In diesem Prozess gäbe es Stagnation, Verdichtung, Chaos. Und wenn der Höhepunkt der Verwirrung erreicht ist, entfaltet sich eine unerwartete Lösung. Dieser Prozessverlauf findet nicht nur im Universum, sondern auch im Menschen und zwischen Menschen im alltäglichen Leben statt. Das Fazit des multibegabten Redners: In der Tiefe des Chaos herrscht Ordnung. Deshalb haben wir die Kraft zur Transformation.

Das menschliche Subjekt

»Die Wissenschaft fängt mit dem Sich-Wundern an« - so begann der lebendige Vortrag mit dem Untertitel »Der erkrankte Mensch zwischen Chaos, Wandlung und Ordnung" von der Soziologin und Gesundheitsforscherin Prof. Dr. A. Keil aus Bremen. Das Wundern betrifft die Frage, warum wir und die Dinge so sind wie wir, wie sie sind. Sie stellte in den Mittelpunkt das menschliche Subjekt. Der Mensch kann aufgrund seiner Fähigkeiten Chaos und Ordnung erkennen, kann Denken und Wirklichkeit organisieren. Nur durch seine Wandlungsprozesse wäre er selbst in der Lage, auch die Wandlungsprozesse außerhalb wie innerhalb von sich zu erkennen. Statt Krisen und Krankheit als Zumutungen aufzufassen, schlägt Frau Keil vor, die konstruktive Kraft zu erkennen, die in dieser Herausforderung liegt. Jede Krise, Krankheit zwingt die Menschen, sich neu zu bestimmen. Die Selbstbestimmtheit ist ein kreativer Akt, der den Menschen dazu bringt, die Modelle von Leben nicht mit dem Leben selbst zu verwechseln und die Einmaligkeit jeder Situation zu erfassen.

Lebensenergie

Der Berliner Wirtschaftsprofessor Bernd Senf rekurrierte in seinem Vortrag auf die Kosmologie des Psychoanalytikers und Forschers Wilhelm Reich, Zeitgenosse von Sigmund Freud. Reich, so entwickelte Senf, habe mit seiner Theorie auf eine Lebensenergie hingewiesen, die als Ursprungskraft in allen selbstorganisierenden Systemen wirke - auf allen Ebenen: der materiellen, der psychischen, der geistigen. Die Lebensenergie sei nach Reich die Urquelle alles Lebendigen. An verschiedenen Beispielen erläuterte er, wie Reich diese Energie in ihren Wirkungen sichtbar zu machen verstand - und auf enormes Unverständnis, ja Ablehnung stieß. Die Annahme einer solchen Lebensenergie beantwortet die Frage, die bis jetzt wissenschaftlich nicht beantwortet ist: Woher kommt die Kraft, die Leben bewirkt - in allen seinen Erscheinungsformen.

Calumed Kongress 2010
Prof. Dr. Stock

Klimawandel

Zuletzt kam als weiterer Höhepunkt der Vortrag von Prof. Dr. Manfred Stock, Physiker aus dem Potsdamer Institut für Klimafolgeforschung. Auf humorvolle und prägnante Weise sprach er über das Thema »Alle Wetter« und erklärte die neuesten Erkenntnisse aus der Klimaforschung. Verursacht der Mensch den Klimawandel? Haben wir es uns selbst zuzuschreiben, dass der Tsunami tausende Menschen vernichtet, die Überflutungen in Pakistan Natur zerstören und Menschenleben kosten? Ist das Klima-Chaos eine natürliche Erscheinung oder von Menschen gemacht? Um die größeren Zusammenhänge zu erkennen, die den Klimawandel verursachen, sei Forschung auf allen Gebieten notwendig, unter Zusammenführung der Ergebnisse. Welche Rolle spielen die Emissionswerte? Wie lassen sich zukünftige Naturkatastrophen verhindern? Manfred Stock verdeutlichte, dass Menschen heute sehr wohl Einfluss nehmen können, wenn sie verstehen, um was es geht. Und da läge der springende Punkt: Wenn Klimaforschung abgetan wird als Ideologie und falsche Prophetie, wie das vor allem in bestimmten Politik- und Wirtschaftskreisen üblich ist, sei dies ein Zeichen von Ignoranz. Doch die Chancen stehen gut, dass immer mehr Menschen anfangen zu begreifen, dass sie als Teil der Welt auch für die Welt verantwortlich seien.

Wissen und Erkennen für viele

Erfreulich war, wie gut dieser Kongress besucht war: Über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren nicht nur aus der Umgebung sondern von weit her angereist. Menschen aus allen Berufen und Altersklassen waren gekommen, um sich mit Chaos, Schöpfung und Evolution zu befassen. Sollte dies ein interessantes Indiz dafür sein, dass eben auch und gerade die nicht-fachspezifischen Lebensfragen heute interessieren? Der Erfolg dieses Kongresses zeigte, dass Wissenschaft durchaus für Laien verständlich zu machen ist - vor allem dann, wenn die Experten in der Lage sind, Menschen mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen zu begeistern und anzuregen. Was am Rande zu bedauern war: Der Saal im Gutshaus und Seminarzentrum Thansen hatte kein Tageslicht und wirkte nicht gerade einladend. Zudem war viel zu wenig Zeit anberaumt, um die hochspannenden Vorträge zu diskutieren und Fragen zu stellen. Der Zeitplan wurde gut eingehalten, jedoch auf Kosten des Austauschs. Also wäre für eine weitere Kongressplanung zu empfehlen: einen Tag länger und mehr Zeit und Workshops für Gespräche.

Die Kongressgebühren waren durchaus moderat. Auf dem Kongressflyer luden Prominente wie Richard von Weizsäcker ein, über diese Themen nachzudenken. Lokalpolitiker wie etwa die Bürgermeister aus den Orten waren einbezogen. Alle Referenten wurden im Vorfeld in der Lüneburger Zeitung porträtiert. Dieter Jarzombek, der spiritus rector des Vereins Calumed, hielt eine einladende Eingangsrede, und der Theologe Peter Weigle, der den Kongress in Kooperation mit Katja Szczecinna-Hinz, Andreas Spangenberg und vielen anderen ehrenamtlich Engagierten vorbereitet hat, moderierte auf sympathische und geistreiche Weise. Wissen und Erkennen wurde vermittelt - mit Lust an neuen Sichtweisen und der Einsicht, dass wir Menschen noch viel vor uns haben, wenn wir tiefer schauen wollen - was die Welt im Innersten zusammenhält.

Dr. Barbara Strohschein

Dr. Barbara Strohschein, Philosophin, Autorin und Coach, lebt in Berlin. Als Lektorin und Redakteurin hat sie in Redaktionen und Verlagen und als Moderatorin in Rundfunk und Fernsehen gearbeitet. Studium der Philosophie, Psychologie, Soziologie. Promotion an der Universität Hamburg. Gründung der philosophischen Praxis für Werte cor amati. www.coramati.de

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