Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Autorität - eine Projektion voller Widersprüche

Details

Autorität - eine Projektion voller Widersprüche
Für viele eine spirituelle Autorität: Osho

Macht und Mitgefühl

Wofür brauchen wir Menschen Autoritäten? Sind diese ein überflüssiges Relikt autoritärer Zeiten oder einfach notwendig, damit unser Zusammenleben funktioniert? Das Thema Autorität rückt derzeit wieder vielfach in den Fokus der öffentlichen Diskussion. Es entpuppt sich bei näherem Hinsehen als wahre Fundgrube von Paradoxien und Widersprüchen. Autorität hat etwas mit Führung zu tun, und wer die Führung übernimmt, hat entscheidenden Einfluss auf unser Leben. Wird dies bald überlebenswichtig für uns als Menschheit? Wie kann unser individueller Zuwachs an Bewusstsein sich in einem neuen Verständnis von Autorität zum Ausdruck bringen?

Das Thema ist nicht nur politisch hoch brisant, sondern auch für unsere persönliche Orientierung im Leben. Da wir heute weniger denn je alle wichtigen Informationen selbst aufnehmen, geschweige denn verarbeiten können, brauchen wir Experten. Aber wem können, dürfen oder wollen wir vertrauen? Die Vertrauenskrise gegenüber den Spezialisten ihres Gebiets ist inzwischen allumfassend. Ärzte und Banker, früher Menschen, deren Berufe hoch angesehen waren, haben kaum noch mehr Reputation als Politiker und Autoverkäufer. Wir brauchen sie, aber können wir ihnen vertrauen? Und sogar strenggläubigen Katholiken werden ihre Hirten langsam suspekt.

Besonders heikel wird die Frage der Autorität und des Vertrauens, wenn es um die Sinnfragen im Leben geht, um Glück und Erfüllung. Der Markt der Glücksversprechen boomt seit langem. Autoritäten in Sachen Heilung, Selbstverwirklichung und Transzendenz überbieten sich mit immer neuen M(eth)oden. Sorgenfrei in fünf Minuten. Gestern ein Schlager, heute schon wieder out. Wem vertrauen wir uns in den Grundfragen unseres Menschseins an? Oder sind wir einfach jeder unseres eigenen Glückes Schmied, und glauben einfach das, was uns gerade passt?

Das Thema betrifft mich auch persönlich. Als Therapeut, als Leiter von Seminaren und als Buchautor werde auch ich zuweilen als Autorität angesehen, ob ich das nun will oder nicht. Einerseits wäre mir manchmal tatsächlich lieber, dem wäre nicht so, denn es kann dem unmittelbaren menschlichen Kontakt im Wege stehen. Andererseits gibt mir Autorität Einflussmöglichkeiten, und die will ich ja auch haben. Autorität ist ein zweischneidiges Schwert. Wie gehe ich, wie gehen wir damit am besten um? Autorität kommt von dem lateinischen Begriff Auctoritas und bedeutet Ansehen und Würde. Das klingt positiv. Bezeichnen wir jedoch jemanden als autoritär, so ist das meistens weniger wertschätzend gemeint. Damit deuten sich schon zwei fundamentale Seiten von Autorität an: die Machtseite und die Seite der Anerkennung spezieller Kenntnisse und Fähigkeiten. Die Wochenzeitung »Die Zeit« setzt sich damit in ihrer Ausgabe vom 7. Oktober 2010 intensiv auseinander und schreibt: »Wer Autorität erringen und bewahren möchte, muss viele, manchmal widersprüchliche Anforderungen erfüllen.« Sind diese überhaupt heute noch erfüllbar? Und hat, wer unbedingt Autorität erringen möchte, sie nicht eigentlich schon verspielt?

Die da oben

Die höchsten Repräsentanten unseres Staates genießen derzeit wenig Autorität. Der letzte Bundespräsident zog sich im Sommer aufgrund zu geringen Respekts beleidigt von seinem Amt zurück, den aktuellen finden je nach Umfrage bis zu 85 Prozent der Befragten für sein Amt eher ungeeignet. Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Westerwelle sind gute Beispiele dafür, wie das substanzlose Schielen auf Zustimmung diese letztlich einbüßt. Angela Merkel war zu Beginn ihrer Amtszeit beliebt, weil sie nicht im autoritären Basta-Stil daherkam. Inzwischen löst ihre Unbestimmtheit bei vielen nur noch Würgereiz aus. Guido Westerwelle verkörpert geradezu kongenial die nach Würde und Ansehen trachtende Persönlichkeit, der beides genau dadurch wohl niemals zuteil werden wird.

Obama hätte ein Halbgott sein und dennoch die Erwartungen an ihn niemals erfüllen können

Aufstieg und Fall des Barack Obama

Knapp zwei Jahre nach seiner triumphalen Wahl zum US-Präsidenten hat es auch Barack Obama erwischt. Wer hoch fliegt kann tief fallen. Obama hätte ein Halbgott sein und dennoch die Erwartungen an ihn niemals erfüllen können. Sie waren zu widersprüchlich. Allerdings: warum konfrontiert dieser begnadete Redner nicht die schlichte Tatsache, dass er allein nicht allzu viel ausrichten kann, sondern nur wir zusammen: »Yes, WE can.«?

Stattdessen müht er sich ab, steht oft gegenüber dem mächtigen Einfluss der Lobbys auf verlorenem Posten und wird immer unbeliebter. Auf ihn wird eine Machtfülle projiziert, die er gar nicht hat. Wird er den Mut und die Autorität haben, eines Tages zu verkünden, woran er gescheitert ist und wo die wirklichen Schalthebel der Macht zu finden sind? Wohl eher in der Wallstreet als im Weißen Haus. Vor allem aber … in uns allen. Doch dazu später mehr.

Ich halte Obama noch immer für einen der wenigen Politiker, der bei aller Eitelkeit doch überwiegend das Gemeinwohl im Auge hat. Wer heutzutage als Sachwalter unseres Gemeinwohls gewählt wird, kümmert sich in der Regel nach der Wahl vorrangig um die Wiederwahl. Ich sehe darin weniger individuelle Unzulänglichkeit als einen Systemfehler unserer Parteiendemokratie. Heute ist es fast unmöglich, dass Personen mit echter innerer Autorität in Amt und Würden gelangen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Und was hat das mit uns zu tun, mit dir und mit mir?

Autorität - eine Projektion voller Widersprüche
Umstrittene Autoritäten: Bush und Hitler

Jogi Löw for President?

Was bedeutet echte, positive Autorität? Wem möchten wir uns anvertrauen? Wer soll, wer kann, wer darf uns führen? Die Medien berichten gerne von Aufstieg und Fall, in der Politik nicht anders als im Sport. Ist alles nur eine große Show? Wäre es nicht an der Zeit, mal ernsthaft die Frage aufzuwerfen: wem wollen wir in unserer Gesellschaft Führungsaufgaben übertragen? Mit dem Kreuzchen alle vier Jahre ist es offensichtlich nicht getan. Aber wie dann? Jogi Löw for President? Nicht umsonst spitzt sich der Konflikt mit der islamischen Kultur immer weiter zu. Es scheint nahe liegend anzunehmen, dass die islamisch geprägten Gesellschaften eine antiautoritäre Revolution (oder zumindest eine »Aufklärung«, wie der Vorsitzende Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in einem Interview am 14.10.2010 sagt) noch vor sich haben. Wir wollen wohl kaum dahin zurück, dass Kirchenfürsten darüber befinden, was wahr ist und was sich gehört. Aber auch nach Aufklärung und antiautoritärer Bewegung haben wir noch viel zu lernen, was das Thema Autorität angeht. Der Westen ist kein so gutes Vorbild, wie wir das in unserer Überheblichkeit manchmal annehmen und wie selbstverständlich davon ausgehen, dass andere Kulturkreise dem früher oder später nacheifern werden. Am 14.10. las ich in der Badischen Zeitung, dass sich zehn Prozent unserer Bevölkerung nach einem Führer sehnen, der uns mit harter Hand regiert. Ist das zu fassen? Muss sich Geschichte wiederholen?

Politisches Engagement bündelt sich immer noch leichter gegen etwas als für etwas

Dagegen sein

Aber ist gibt auch Hoffnung. Es gärt in unserer Gesellschaft, die Proteste gegen »Die da oben" nehmen wieder zu und erreichen ganz neue, bürgerliche Schichten. Nachdenklich stimmt mich allerdings, dass politisches Engagement sich immer noch leichter gegen etwas als für etwas zu bündeln vermag, wie aktuell gegen Stuttgart 21. Die Schwaben bekommen Beifall von vielen Seiten, weil sie sich nicht mehr alles von oben aufs Auge drücken lassen. Aber was zeigt sich darin? In einer Welt, in der das Klima langsam entgleist, die Banken unter Einsatz aller denkbaren Ressourcen Casino spielen, da treibt ausgerechnet die Verhinderung eines Bahnhofs die Menschen massenhaft auf die Straße. Ist dieser Bahnhof für die notorisch geizige schwäbische Seele einfach zu teuer? Oder ist dies tatsächlich der Beginn einer Kulturrevolution, wie manche behaupten? Im Kampf gegen Autoritäten wird oft übersehen, wer ihnen diese Macht, die wir bekämpfen, eigentlich verleiht.

In einem Bericht über die aktuelle Ausstellung »Hitler und die Deutschen« ist in der Süddeutschen Zeitung zu lesen: Die »entscheidende Grundlage« dieser Herrschaft sei nicht in der zwingenden Gewalt der Persönlichkeit Hitlers zu sehen, sondern in der Bereitschaft der Bevölkerung, ihm diese Gewalt zuzubilligen. Es sei eine Herrschaft »kraft affektueller Hingabe an die Person des Herren und ihre Gnadengaben (Charisma)« gewesen. Gegen Hitler konnte man – schwer genug – kämpfen. Aber wie gehen wir mit den Strömungen in unserer Kultur um, die solche »Führer« erschaffen? Das Thema ist nach wie vor hochaktuell, und die Freiheiten, die wir heute in weltanschaulichen Fragen in Deutschland genießen, sind nicht für alle Zeiten garantiert. Was gilt es zu lernen?

Mich hat es sehr berührt zu sehen, mit welchem Vertrauen und welchem Enthusiasmus sich Menschen in Poona in die verrücktesten Therapien begaben

Seinen Meister finden

Weil das ewige Dagegen-Sein in Frustration mündet, wendeten sich viele Protestler nach 1968 irgendwann ganz von jeder politischen Betätigung ab und zogen sich ins Private zurück. Einige entdeckten die Spiritualität. Aber auch hier entkommen wir nicht der Brisanz des Phänomens Autorität. Ganz im Gegenteil. In den meisten Religionen und spirituellen Traditionen spielen Autoritäten immer noch die Hauptrolle, nicht nur der Papst. Und das Erstaunliche ist: nicht selten unterwerfen sich frühere Revoluzzer später voller Hingabe einem Guru und erleben das als Befreiung. Osho bzw. Bhagwan, wie er früher hieß, war diesbezüglich einer der beliebtesten spirituellen Autoritäten unter den Alt68ern.

Kürzlich sah ich den neuen Kinofilm »Guru – Bhagwan, His Secretary and His Bodyguard«. In diesem Film kommt die Ambivalenz von Autorität meisterhaft zum Ausdruck. Er portraitiert vor allem den Ashram im Poona der siebziger Jahre (»Poona 1«) und die Kommune in Oregon (»Ranch«) in den Achtzigern. Mich hat es sehr berührt zu sehen, mit welchem Vertrauen und welchem Enthusiasmus sich Menschen in Poona 1 in die verrücktesten Therapien begaben, die auch vor härtestem Encounter mit Gruppensex und Prügeleien nicht zurück schreckten. Ein liebevolles und schier bedingungsloses Vertrauen in den Meister schien alles zu tragen. Was der Meister zuließ, konnte nicht falsch sein.

Vor diesem Hintergrund zu sehen, wie sich die Gemeinschaft in Oregon innerhalb von relativ kurzer Zeit in einen paranoiden, faschistoiden Kleinstaat mit Überwachungssystemen und schwerer Bewaffnung entwickelte, das wühlte mich sehr auf, obwohl es mir eigentlich längst bekannt war. Noch mehr erschütterte mich allerdings in Foren zu lesen, dass es immer noch Osho-Anhänger gibt, die das Ranch-Desaster als sein geniales antifaschistisches Lehrstück verklären. Osho habe das alles bewusst so laufen lassen oder gar inszeniert, um seine Anhänger gegen diktatorische Regimes zu immunisieren.

Ich habe Osho nie persönlich kennen gelernt. In seinem Ashram in Poona erhielt ich 1994, nach seinem Tod, den Namen Saleem, der für mich allerdings weniger meine Hingabe an Osho zum Ausdruck bringt als meine Sehnsucht zur Hingabe an das Leben. Osho war in meinen Augen ein genialer Meister der Paradoxien. Auch zu ihm, wie zu jedem Menschen, sei er nun erleuchtet oder nicht, gehörten für mich Stärken und Schwächen. Und Selbstüberschätzung war möglicherweise eine von letzteren, wie auch im Film »Guru« teilweise behauptet wird. Ihm jedoch eine so zynische Vorgehensweise zu unterstellen, nämlich die Hingabebereitschaft Tausender zu missbrauchen, um eine antiautoritäre Lektion mit derart schwarzer Pädagogik zu vermitteln, das finde ich nicht nur abwegig, sondern, wenn es denn wahr wäre, auch noch abstoßend. Wie viel Unfehlbarkeit wollen – oder müssen? – manche seiner Anhänger in Osho sehen, um auf solche abstrusen Ideen zu kommen?

Vatermord bedeutet letztlich die zuweilen schmerzhafte Erkenntnis, dass es die ideale Vaterfigur nur in uns selbst, als Vision oder als Sehnsucht, gibt, aber niemals da draußen

Die ideale Vaterfigur

Ich sehe es als ein zutiefst menschliches Dilemma an, uns einerseits einem anderen Menschen und seiner Führung zumindest zeitweilig anvertrauen zu wollen, andererseits aber die Verantwortung für uns selbst zu behalten, ob uns das nun passt oder nicht. Wie wir mit Autorität umgehen spiegelt natürlich nicht zuletzt die Beziehung zu unserem Vater. Und was im mythischen, aber auch im therapeutischen Kontext als Vatermord beschrieben wird, handelt vor allem davon: wann und wie realisieren wir, dass wir die Verantwortung für uns selbst nur selbst tragen können? Und wie verändert sich dadurch unser Umgang mit Autoritäten, denn diese wird es – hoffentlich! – weiter geben in unserem Leben.

Als ich vor einigen Monaten entschied, mich von meinem wichtigsten Lehrer Alan Lowen zu lösen und meiner Arbeit nicht mehr den von ihm urheberrechtlich geschützten Titel »The Art of Being«, sondern einen eigenen Namen zu geben, die Schule des Seins, war ich viel mit diesem Thema beschäftigt. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich von einer Autorität gelöst habe, aber es war zum ersten Mal erstaunlich leicht. Meine früheren »Vatermorde« hatten mich anscheinend tatsächlich reifen lassen. Vatermord bedeutet letztlich die zuweilen schmerzhafte Erkenntnis, dass es die ideale Vaterfigur nur in uns selbst, als Vision oder als Sehnsucht, gibt, aber niemals da draußen. Was folgt daraus?

Unbewusste Projektionen

Und wie gehe ich damit um, wenn ich selbst zur Vaterfigur geworden bin. Manche Teilnehmer meiner Seminare idealisieren mich, möchten in mir jemanden sehen, dem sie jederzeit voll und ganz vertrauen können und in dessen Gegenwart nichts wirklich schief gehen kann. Obwohl ich weiß, dass ich manche Erwartung früher oder später enttäuschen werde, halte ich es doch für einen wichtigen Teil des inneren Prozesses, derartig idealisierende Projektionen erstmal geschehen zu lassen, bis die Zeit für die Enttäuschung reif ist.

Es gibt andere Menschen, die mich in der Leiterrolle lieber bekämpfen oder mit mir konkurrieren. Auch hier ist es mein Job, das erstmal auszuhalten, damit zu gegebener Zeit sichtbar werden kann, was dahinter steckt. Allerdings biete ich mich für derartige Autoritätskonflikte weniger an. Das hat mit meiner persönlichen, antiautoritären Prägung zu tun als auch mit einer der wesentlichen Orientierungen in meiner Arbeit. Der Verantwortung jedes einzelnen möchte ich stets den ihr gebührenden Platz einräumen. Dadurch relativiert sich meine Autorität. Und es wird transparenter, dass immer zwei dazu gehören, wenn jemand als Autorität erscheint: einer, der sie projiziert, und einer, der diese Projektion annimmt oder sich darum bewirbt.

Echte Autorität, die bewusst in jemandem gesehen wird, basiert auf Anerkennung und Vertrauen, nicht auf Macht

Bewusste Projektionen

Projektionen gelten im Allgemeinen als ein Zeichen von Unbewusstheit. Und nicht nur, aber auch soweit es Autoritäten betrifft, geschehen die dazu gehörigen Projektionen tatsächlich meist unbewusst. Wir merken oft nicht, dass wir einer Autoritätsperson aktiv etwas entgegen bringen und sie erst dadurch Ansehen für uns erlangt. Oder umgekehrt, wir sind uns dessen nicht bewusst, wie wir uns um die Projektion von Autorität bei anderen bewerben bzw. deren Projektion – freiwillig oder auch widerwillig – annehmen. Psychologisch betrachtet reinszenieren wir dabei in der Regel unbewusst unsere Kindheitsszenarien. Projektionen müssen aber nicht unbewusst geschehen. Bewusste Projektion impliziert ein völlig anderes Bild von Autorität, nämlich eines, das mehr von Vertrauen geprägt ist anstatt von Macht. Vertrauen ist eine freie Wahl. Es kann nicht erzwungen werden. Echte Autorität, die bewusst in jemandem gesehen wird, basiert auf Anerkennung und Vertrauen, nicht auf Macht. So verstandene Autorität beißt sich sogar in gewisser Weise mit Macht, speziell mit institutionalisierter Macht.

Wenn die anfängliche freie Wahl aus dem Bewusstsein verschwindet, werden wir zu Gefangenen unserer Projektionen. So geschieht das, was wir immer wieder beobachten können: Üben die von uns wegen ihres Ansehens Gewählten die ihnen verliehene Macht aus, verlieren sie genau das, was sie vormals dafür qualifiziert hat: ihr Ansehen, ihre Autorität. Danach ist das Jammern und Wehklagen groß, nun wird die unwürdige Autoritätsperson verdammt, ihr Mangel an Moral wird beklagt, im Extrem wird sie – wie im dadurch sehr lehrreichen Beispiel Hitler – dämonisiert, verteufelt: »Wir sind es nicht, er ist es gewesen!«

Solange wir aber glauben, die Autoritäten in unserem Leben hätten etwas, wessen wir vollständig ermangeln und bedürfen, solange werden wir ihre Fähigkeiten idealisieren bis zur Enttäuschung oder ihre Macht bekämpfen

Autorität – ein Spiegel

Es ist paradox: natürlich möchten wir Macht gerne in die Hände derer geben, die sie durch ihr Ansehen und ihre Würde verdienen. Wenn wir aber nicht mehr darüber im Klaren sind, dass wir ihnen die daraus resultierende Macht selbst verliehen haben, und zwar nicht durch das Kreuzchen auf dem Wahlzettel, sondern durch unsere Projektion, dann kämpfen wir, indem wir gegen Autoritäten kämpfen, immer gegen unser eigenes Unbewusste.

Projektionen beinhalten immer etwas, was auch in uns selbst angelegt ist. Insofern spiegeln uns unsere Autoritäten Teile von uns selbst, und umgekehrt. Diejenigen, die in uns eine Autorität sehen, spiegeln uns unsere vielleicht weniger ansehnlichen Seiten. Soweit wir uns dessen bewusst werden, können wir begrüßen, dass andere uns in uns schlummernde Potenziale spiegeln oder uns auf eher ungeliebte Schwächen aufmerksam machen. Wir lernen voneinander und miteinander. Die Rollen, die wir dabei einnehmen, sind Rollen auf Zeit. Jede hat ihre eigene Würde.

Solange wir aber glauben, die Autoritäten in unserem Leben hätten etwas, wessen wir vollständig ermangeln und bedürfen, solange werden wir ihre Fähigkeiten idealisieren bis zur Enttäuschung oder ihre Macht bekämpfen bis zur Kapitulation, Resignation oder Revolution, wobei nach letzterer das Spiel meist mit umgekehrten Vorzeichen weiter geht. Wir hier unten fühlen uns abhängig oder ausgeliefert. »Die da oben« sind dann Windmühlenflügel, gegen die wir kräftig Wind machen und dabei doch nicht viel bewegen.

Auf wen also projizieren wir unsere Autorität, freiwillig oder unfreiwillig? Auf unsere Eltern? Auf unseren Chef? Auf den amerikanischen Präsidenten? Auf den Dalai Lama? Auf Julia Roberts? Auf Sokrates? Auf unsere Therapeutin? Auf unseren Partner? Auf unsere Kinder? Auf Mutter Erde? Auf Gott?

Wir sind bedingungslos für uns selbst verantwortlich und zugleich sind wir in vielerlei Hinsicht ohnmächtige Individuen

Das göttliche Paradox

Es ist ein göttliches Paradox: wir sind bedingungslos für uns selbst verantwortlich und zugleich sind wir in vielerlei Hinsicht ohnmächtige Individuen. Wir können nun mal nicht alles selbst in die Hand nehmen, und bleiben doch für alles, was uns widerfährt, verantwortlich, was heißt, dass nur wir selbst unsere Antwort darauf finden können und mit deren Konsequenzen leben müssen. Dieses Paradox spiegelt uns eine Grundbefindlichkeit unseres Menschseins. Wir erleben uns als Individuum, als unteilbares eigenes Ganzes, und sind doch untrennbarer Teil von etwas, was größer ist als wir selbst. Wir haben als Einzelne keine Macht über das Ganze. Wir können uns mit dem Ganzen verbunden fühlen, und entdecken dann, dass und wie wir die Autorität des Daseins projizieren. Anstatt das zu beklagen oder zu beenden zu versuchen, kann das Projizieren ein bewusster Akt werden. Ganz zu uns selbst zu kommen bedeutet so, über uns selbst hinaus zu wachsen und uns in unseren Projektionen wieder zu erkennen. Echte Autorität wird so zu echter Demut: über mir gibt es immer noch Gott, das Leben, die Existenz, das Sein. Mich damit verbunden oder gar eins zu fühlen macht mich groß und klein zugleich. Ich erkenne meine Autorität in der Autorität des Seins. Alle weiteren Autoritäten sind dessen – freiwillig oder unfreiwillig gewählte – Stellvertreter. Sie repräsentieren und manifestieren das Leben. Wem das bewusst ist, dem schenke ich gerne mein Vertrauen.

Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riekist Seminarleiter und Buchautor mit den Schwerpunkten Liebe, Intimität und Tantra. Er liebt es, Räume zu schaffen, in denen wir wahrhaftig sein können und Lust und Liebe wachsen und gedeihen.

Links

   
© Connection AG 2015