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Begegnung mit dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul

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Begegnung mit dem dänischen Familientherapeuten Jesper
Juul
© Sebastian Karkus pixelio.de

Kinder sind fertige Menschen

Man muss aus Kindern nichts machen und schon gar nicht das, was die Eltern am liebsten in ihnen sehen würden. Kinder sind fertige Menschen. Von Geburt an. Eine Begegnung mit dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul

Jesper Juul lacht. Er stellt das Weinglas auf den Tisch und zieht vergnügt an seiner Zigarette. Wie oft hat er diese Frage schon gehört: »Sagen Sie mir bitte, Herr Juul, was sind gute Eltern?« Er antwortet geduldig: »Gute Eltern sind für mich Eltern, die ihre Kinder wahrnehmen, ernst nehmen, und vor allem Verantwortung für ihre eigenen Fehler übernehmen. Kinder sind sehr kooperativ, es kann Monate, Jahre dauern, aber wir kriegen immer Rückmeldungen von Kindern, die uns sagen: Das war nicht gut oder momentan geht es mir schlecht in dieser Familie. Doch es gibt Eltern, die glauben, das hat nur mit dem Kind etwas zu tun und nichts mit ihnen selbst.«

Jesper Juul ist einer der bedeutendsten Familientherapeuten Europas. Durch zahlreiche Seminare, Vorträge und Elternbücher wurde er international bekannt. Und dennoch behauptet er hartnäckig, dass er von Kindererziehung nichts versteht: »Man spricht von mir gerne als Erziehungsexperten. Das ist absolut nicht zutreffend. Meiner Meinung nach gibt es gar keine Erziehungsexperten. In der Erziehung gibt es nicht den einen Weg, der richtig wäre. Ich weiß nicht, wie man es richtig macht. Worüber ich etwas weiß, ist, was man tun kann, wenn man nicht zufrieden ist, wenn man wütend oder traurig oder genervt ist. Darüber weiß ich sehr vieles.«

Er weiß es aus eigener Erfahrung und weil zahlreiche Kinder, Jugendliche und Eltern ihm schreiben und um Rat bitten, so wie dieser Jugendliche, der sich in seiner Verzweiflung an Jesper Juul wendet: »Lieber Jesper Juul, ich habe große Schwierigkeiten mit mir selbst. Ich hab Angst davor, was andere über mich denken, und das hemmt so im Alltag ... Ich traue mich nie, ganz ich selbst zu sein ... Das führt natürlich dazu, dass ich sehr egozentrisch, niedergeschlagen und gereizt bin. Vielleicht ist das ja auch normal, wenn man 17 Jahre alt ist, aber die Sache ist die, dass meine beiden Brüder (21 und 23 Jahre) genau dieselben Verhaltensmuster zeigen. Beide nehmen Antidepressiva und haben im Großen und Ganzen dieselben Schwierigkeiten wie ich ... Ich bin mir sicher, dass es etwas mit meinen Eltern zu tun hat, weiß aber nicht genau, was ... Ich weiß nicht, was ich machen soll. Sollte ich mich von meiner Familie befreien und einfach ausziehen? Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.«

Erziehung schadet

Ob der Junge mit seinen Eltern brechen und ausziehen soll, kann und will Jesper Juul nicht entscheiden, doch wäre es eine »fantastische Sache« für ihn, wenn er der Realität ins Gesicht sehen würde, antwortet er: »Man könnte natürlich darüber diskutieren, ob Deine Eltern Dir und Deinen Geschwistern nicht ein besseres Leben hätten bieten können, aber so eine Diskussion würde niemandem nützen. Deine Eltern haben ihr Leben gelebt, so gut sie es vermochten, und Ihr Kinder habt ihr Leben sicher mehr bereichert als sie Eures.

Wie Dein Verhältnis zu Deinen Eltern in Zukunft aussehen wird, lässt sich unmöglich vorhersagen, ehe Du nicht Deine Fantasievorstellungen begraben und eine Weile ihren Verlust betrauert hast. Doch eines schönen Tages wirst Du spüren, wie Dein Körper von neuer Energie durchflutet wird, und dies wird das Signal sein, dass Du nun frei bist und ein neues Leben beginnen kannst. Das Fundament dieses neuen Lebens wird zunächst nicht besonders belastbar sein, aber dieses Los teilst Du mit Tausenden von Menschen, die ebenfalls nicht aus Musterfamilien stammen.«

An Erziehung nehmen alle Kinder immer Schaden, sagt der Erziehungs-Nichtexperte, daran sei einfach nichts zu ändern

An Erziehung nehmen alle Kinder immer Schaden, sagt der Erziehungs-Nichtexperte, daran sei einfach nichts zu ändern. Niemand, der zehn Jahre lang in einer bestimmten Gesellschaft und einer bestimmten Familie gelebt habe, komme ungeschoren davon. Das sei nicht schön, aber leider normal. Der Traum vom »Naturkind«, das ohne Manipulation, Kränkung und Unterdrückung – also ohne jeden Einfluss der Kultur, die es umgibt – aufwächst, ist für Jesper Juul eine Illusion. Dennoch können Eltern sehr viel tun, um aus ihren Kindern nicht nur leidens-, sondern auch glücksfähige Kinder zu machen. Sie könnten zum Beispiel aufhören, erziehen zu wollen, meint Jesper Juul, denn: »Neunzig Prozent von dem, was wir normalerweise Erziehung nennen, brauchen die Kinder nicht. Und wenn wir als Erwachsene unsere Erziehungsstimme oder Erziehungsuniform anziehen und uns vornehmen: Jetzt erziehe ich, macht das auf die Kinder meistens keinen Eindruck oder höchstens einen schlechten. Was erzieht, ist, wie wir mit unseren Kindern leben, wie wir miteinander reden, wie wir unsere Konflikte gemeinsam lösen, wie wir mit der Frau in der Bäckerei oder Metzgerei sprechen.«

Begegnung mit dem dänischen Familientherapeuten Jesper
Juul
© Heike Berse pixelio.de

Mit Kindern wachsen

Statt erziehen sagt Jesper Juul lieber: begleiten. Und immer wieder seinen Lieblingssatz: Mit Kindern wachsen. Sein Schlüsselwort heißt: Beziehung. »Es geht darum, Kindern mit Respekt zu begegnen, dann bekommt man auch Respekt zurück. So entsteht Beziehung. Ihre Verlässlichkeit und Qualität entscheidet über das Wohlbefinden und die Entwicklung unserer Kinder. Und ihre Wahrhaftigkeit.« In seinen Gesprächen mit Eltern sagt Jesper Juul oft: Fragt euch selber ganz ehrlich, was ihr jetzt macht. Tut ihr es, weil ihr wirklich ernsthaft glaubt, das ist gut für unser Kind, oder macht ihr es aus Sorge um euer eigenes Image als Vater oder Mutter? Erwachsene Partner, sagt Jesper Juul, verkümmern nicht, weil etwas mit ihnen selbst oder dem anderen nicht in Ordnung ist, genauso wenig wie Kinder verkümmern, weil sie Eltern haben, die Fehler machen. Sie verkümmern, wenn das, was sich zwischen ihnen und ihrem Vater und ihrer Mutter ereignet, nicht durchsichtig ist, wenn es keine Offenheit, sprich: Authentizität gibt, wenn nichts greifbar und fühlbar ist. Nur Nebel, in dem das Kind sich emotional verliert und orientierungslos durch die ambivalenten Gefühlswelten der Eltern irrt. Heute lieb. Morgen böse.

Ich bin falsch, meine Eltern sind richtig. Aber es geht mir schlecht, also muss ich falsch sein

»Das Problem ist ja für Kinder, dass sie nicht nur ihre Eltern lieben, sondern sie haben auch zweihundert Prozent Vertrauen in ihre Eltern, sie glauben einfach: Ich hab die besten Eltern der Welt. Und wenn die Eltern nicht verantwortlich für sich selber sind, wenn sie sich selbst vernachlässigen oder schlecht miteinander und mit ihren Kindern umgehen, dann glauben die Kinder: Ich bin falsch, meine Eltern sind richtig. Aber es geht mir schlecht, also muss ich falsch sein.«

Gleichwürdigkeit

Es gibt eine wunderbare Art des Umgangs zwischen Kindern und Eltern, eigentlich zwischen allen Menschen, die miteinander in Beziehung stehen. Jesper Juul hat dafür einen schönen Namen erfunden: Gleichwürdigkeit. Gleichwürdigkeit ist für ihn die einzige vernünftige Alternative zum überkommenen patriarchalischen Familienmodell mit seiner Hierarchie: der Mann und Vater an der Spitze, danach die Frau und Mutter und schließlich die Kinder. Eine solche Familie spiegelt auch die Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft wider. Gleichwürdigkeit erkennt man vor allem an der Sprache. In einem gleichwürdigen Dialog bringen beide Gesprächspartner ihre Gedanken, Wertvorstellungen, Gefühle, Träume und Ziele zum Ausdruck, anstatt zu theoretisieren oder über den andern hinweg zu sprechen.

Eine häufig praktizierte Form der Kränkung kindlicher Integrität ist das Schimpfen oder das »Schlagen mit der Zunge«, wie ein Fünfjähriger eine un-gleichwürdige Situation erklärt. Das ist, schreibt Jesper Juul, eine uralte Tradition der Erziehung, zu Hause, im Kindergarten und in der Schule: Das Schlagen der Kinder mit der Zunge: »Und das ist ganz sicher auch eine Machtfrage. Ich begegne vielen Eltern, die können mit ihrem ganzen Herz sagen, ja, natürlich hätten wir gerne, dass unser Kind ein gesundes Selbstgefühl entwickelt, aber wenn zu dieser Autonomie des Kindes auch Selbstverantwortung des Kindes kommt, dann wird es kritisch und dann merkt man, wie schwer sich Eltern tun, ihre totale Macht abzugeben. Macht war ja über Jahrzehnte das Synonym für Verantwortung. Manche Eltern fühlen sich darum nicht verantwortlich, wenn sie keine Macht ausüben.«

Kinder kommen mit einer großen Weisheit und hohen Kompetenz auf die Welt, doch ohne Erfahrung

Verantwortung

Verantwortung wird bis heute immer noch mit Macht verwechselt. Obwohl moderne Eltern, das beobachtet Jesper Juul, sich unwohl fühlen bei dem Gedanken, Macht über ihre Kinder zu besitzen. Daher scheuen sie sich, von ihrer Macht Gebrauch zu machen. Wiederum mit unglückseligen Folgen. Die Frage ist ja nicht, so Jesper Juul, ob die Erwachsenen Macht besitzen, sondern wie sie diese zu nutzen gedenken – gerade an dieser Stelle erweist sich der gleichwürdige Umgang miteinander als die gesündeste Wertvorstellung. Jesper Juul sagt es den Eltern immer wieder: Man muss aus Kindern nichts machen, und schon gar nicht das, was die Eltern am liebsten in ihnen sehen würden. Kinder sind fertige Menschen. Von Geburt an. Sie kommen mit einer großen Weisheit und hohen Kompetenz auf die Welt, doch ohne Erfahrung. Darum bedürfen sie der Autorität und Führungskraft der Erwachsenen, eine »gute Variante« der Macht. Wer ihnen dies vorenthält, hemmt ihr Wohlergehen.

Doch Jesper Juul weiß auch um die Angst der Eltern, ihre Kinder verantwortungsbewusst zu führen, so wie sie es für richtig halten; er weiß um die Angst der Eltern, stets das Falsche zu tun. Die Macht der Stärkeren sei heute geschwunden in den Familien, dafür sei die Macht der Unsicherheit gestiegen. »Es gab ein Paradigma früher, das hieß: Benimm dich, und das Paradigma heute lautet: Beeil dich! Wir haben es immer eilig. Morgens haben wir es eilig, mit dem Essen haben wir es eilig und mit der Entwicklung des Kindes haben wir es eilig: Du musst dich entwickeln, du musst reden, du musst lesen, du musst lernen ... Es gibt viele, viele Spezialisten, die uns das beibringen. Doch Spezialisten sind ja Menschen, die sehr viel über sehr wenig wissen, und das heißt, wenn wir über gesundes Essen, Zähne, körperliche Entwicklung und so weiter mit Spezialisten sprechen, dann denken Eltern, oh, das muss ich auch noch machen, dafür muss ich auch noch sorgen, und oft fallen Eltern in Schuldgefühle und fragen sich: Mein Gott, habe ich alles falsch gemacht, die andern sagen doch, ich sollte es so und so und so machen, und jetzt ist mein Kind gestresst, und das ist auch nicht richtig. Also es ist wirklich nicht einfach für Eltern, sich zu orientieren und zu entscheiden, wo ist unser Schwerpunkt in unserer Beziehung zu unseren Kindern.«

Wie kann es eine Familie miteinander aushalten und dabei womöglich auch noch glücklich sein?

Seit dreißig Jahren beschäftigt sich Jesper Juul mit der Frage: Wie kann es eine Familie miteinander aushalten und dabei womöglich auch noch glücklich sein? Seltsamerweise ist diese Frage ein Thema, das in der Öffentlichkeit weniger Aufmerksamkeit erfährt als etwa der Klimawandel oder die Finanzkrise. Obwohl die Familie das Leben der Menschen so nachhaltig prägt wie wenig sonst, obwohl es kaum etwas anderes gibt, von dem die Zukunft der Welt so entscheidend abhängt wie von der Frage: Wie gehen wir heute mit unseren Kindern um?

Das Problem sind die Eltern

Jesper Juul war ursprünglich Lehrer, später wurde er Sozialarbeiter. Er arbeitete mit verhaltensauffälligen Kindern und merkte sehr schnell, dass das eigentliche Problem nicht die Kinder waren, sondern die Eltern. So wurde er Familientherapeut, dem es heute in seinen Seminaren, Vorträgen und Beratungsgesprächen ein Anliegen ist, Eltern von ihren Schuldgefühlen und dem Vorwurf zu befreien, dass sie schlechte Mütter und Väter seien, weil sie sich vielleicht öfter im Umgang mit ihren Kindern hilflos und überfordert fühlen. Im Gegenteil. Den besten Eltern, sagt Juul, unterlaufen täglich zwanzig Fehler. Der schlimmste davon ist der Wunsch nach Perfektion: »Kinder brauchen keine perfekten Eltern, die brauchen keine sogenannten richtigen Eltern, die brauchen nur Eltern, die ihr Bestes tun und offen sind und sagen können: Es geht mir schlecht. Da habe ich einen Fehler gemacht, das hätte ich nicht machen sollen, jetzt habe ich dich wieder beschimpft, das tut mir leid. Ich versuche zu lernen, wie man das nicht mehr macht ... Das ist okay. Kinder haben keine Probleme damit, wenn die Eltern sich ehrlich zeigen. Kinder haben Probleme, wenn die Eltern sie zu Unrecht beschuldigen oder mit ihren Schuldgefühlen nicht fertig werden.«

Brief einer Mutter an Jesper Juul: »Lieber Jesper Juul. Unser Junge ist zwölf Jahre alt und bereits in der Pubertät. Wie schafft man es, eine offene Kommunikation zu ihm aufrechtzuerhalten, ohne seine Gefühle und sein Leben ›in Beschlag‹ zu nehmen? Er fragt und denkt immer mehr wie ein Junge, der erwachsen wird. Gleichzeitig ›fürchte‹ ich als Mutter, dass er seine Offenheit uns gegenüber verliert und damit aufhört, Fragen zu stellen und von sich aus zu erzählen. Ich fürchte auch, dass er eines Tages in ein Milieu geraten könnte, in dem er Bekanntschaft mit Drogen öder Ähnlichem macht. Im Moment gibt es zwar nicht den geringsten Anlass zu dieser Besorgnis, doch wie kann ich meine Ängste in den Griff bekommen, damit sie nicht die Kommunikation mit meinem Sohn überschatten?«

Sie können darauf vertrauen, dass ihr Kind einigen Versuchungen erliegen und eine Reihe schmerzhafter Erfahrungen machen wird

Turboerziehung in letzter Minute

Jesper Juul antwortet: »Ich kenne Ihren Sohn zwar nicht, doch möchte ich hier ein paar Dinge aufzählen, auf die Eltern von heute vertrauen können, falls das grundlegende Verhältnis zu ihren jugendlichen Kindern in Ordnung ist: Sie können darauf vertrauen, dass er einigen Versuchungen erliegen und eine Reihe schmerzhafter Erfahrungen machen wird. Sie können darauf vertrauen, dass er sich aktiv darum bemühen wird, sein Verhältnis zu folgenden Dingen zu klären: Alkohol, Haschisch und eventuelle andere Drogen, Sex, Pornografie und Verliebtheit. Sie können darauf vertrauen, dass er zu unterscheiden beginnt. Worüber er mit seinen Eltern spricht und worüber er mit Gleichaltrigen spricht. Sie können darauf vertrauen, dass er alles, was er in den folgenden Jahren unternimmt, für sich selbst tut – nicht gegen seine Eltern.«

Was unsere Kinder in der Pubertät ab 12, 13, 14 Jahren von uns brauchen, ist eigentlich nur das: zu wissen, auf dieser Welt gibt es einen oder zwei Menschen, die wirklich glauben, dass ich okay bin, die offen ihre Meinung ausdrücken, vielleicht auch ihre Missbilligung, die aber nie das Vertrauen in uns verlieren. Das brauchen Kinder unbedingt, sagt Jesper Juul. »Doch wir verhalten uns eher wie Lehrer, sitzen mit einem Rotstift da und schauen, was noch nicht richtig ist. Solche Eltern brauchen Kinder nicht.« Pubertät ist für Jesper Juul eine aufregende, spannende Phase in der gemeinsamen Entwicklung von Kindern und Eltern. »Wenn Kinder in die Pubertät kommen, haben wir die Möglichkeit zu sehen, was wir zusammen geschaffen haben. Wir sind gemeinsam an einem Punkt angekommen, wir Eltern saßen im Fahrersitz, die Kinder haben kooperiert – sind wir zufrieden mit dem, was daraus entstanden ist?«

Doch die meisten Eltern, bedauert Jesper Juul, seien zu diesem Zeitpunkt leider nicht zufrieden, und sie beginnen mit einer Art Turboerziehung, um es in den letzten Minuten richtig zu machen. Das findet Jesper Juul nicht nur furchtbar, sondern auch unverschämt. Jesper Juul macht den Eltern einen anderen Vorschlag: »Setzen Sie sich heute Abend hin, vielleicht für eine halbe Stunde oder eine Stunde, schauen Sie Ihre Kinder an und genießen Sie sie. »Das ist mein 13-jähriger Sohn oder meine 15-jährige Tochter. All die Jahre haben wir gemeinsam verbracht, jetzt ist er/ist sie so alt geworden – und wir haben das ganz schön gemacht.« Eltern entgegen Jesper Juul dann oft: Ja, aber so gut ist das Ergebnis auch wieder nicht. Wenn Sie meinen Sohn sehen würden … »Nun, darauf kann ich nur antworten: Wenn Sie Perfektion suchen, dann stellen Sie sich doch ein paar Minuten vor den Spiegel und schauen sich selbst an.«

Mit welcher Erwartung begegnen wir unseren Kindern?

Dennoch: Es gibt Stunden und Tage, oft sogar Monate und Jahre, wo es zu Hause gar nicht so gemütlich ist, wo es schwierig ist. Darum ist für Jesper Juul nicht die Frage: Wie können wir immer glücklich sein, von Bedeutung, sondern: Mit welcher Erwartung begegnen wir unseren Kindern? »Und da geht es oft immer nur um Probleme, wir erwarten immer Probleme, oder wir wollen immer Problemen vorbeugen. Wenn Eltern so über ihre Kinder reden, ständig klagen: Mein Kind nervt und nervt und nervt ... und zwei Kinder, wie schlimm, das ist so viel Arbeit, dann müssen wir nachdenken. Wollen wir, dass unsere Kinder so was von uns hören, dass sie für uns nur Arbeit sind? Wie wäre es für meine Frau, wenn ich so mit meinen Freunden über sie redete …?«

Die Alternative sieht Jesper Juul darin, bestehende Konflikte als Geschenk und als Herausforderung zu betrachten. Die Pubertät sei die zweite große Chance für Eltern, die Augen und Ohren weit aufzusperren, um ihr Kind noch einmal neu zu sehen und zu hören, wie es ist, wie es werden will. Es geht noch einmal um Begleitung, Beziehung, Respekt und um das Wagnis, in gegenseitiger Anerkennung – also gleichwürdig – Grenzen zu ziehen. Aus Liebe zum Kind und zu sich selbst »Nein« sagen lernen – auch das ist eine große Übung ... »dass ich Nein sagen kann und gleichzeitig auch Ja zu mir sage. Ich habe meine Grenzen, ich habe meine Bedürfnisse, ich habe meine Wertvorstellungen, ich hab meine Interessen. Manchmal muss ich ›Ja‹ zu mir sagen, und deswegen muss ich Nein zu meinem Kind oder zu meiner Frau sagen. Und das ist eine ganz andere Art von Nein als dieses … jetzt sage ich Nein, weil ich dich jetzt erziehe ... Und dabei erfahren Kinder und Jugendliche, dass es andere Menschen gibt, die nicht nur für mich da sind, sondern auch für sich selber. Darüber kann man Kinder nicht belehren, das müssen sie erleben.«

Erwachsene haben ein Recht auf ein Nein. Kinder jedoch auch

Erwachsene haben ein Recht auf ein Nein. Kinder jedoch auch: »Oh ja. Kinder haben immer von Anfang an Nein gesagt. Und besonders zwischen anderthalb und vier, fünf sagen sie ganz oft Nein, weil sie fühlen: Ich muss Ja zu mir sagen. Oder sie sagen Nein zu diesem unheimlichen Druck, zu diesem Sich-beeilen-Müssen. Auf dieses Recht der Kinder, Nein zu sagen, müssen wir achten. Wir wollen ja unbedingt, dass unsere Kinder, wenn sie 12, 13, 14 Jahre alt sind, Nein sagen können, zu anderen Menschen, zu ihren Freunden und Freundinnen, zu Drogendealern auf der Straße und so weiter …«

Noch einmal: Kein Sohn und keine Tochter verlässt das Paradies der Kindheit, ohne dass die Seele kleinere oder größere Schäden erlitten hat. Das ist der Lauf der Dinge in der Welt. Doch glücklicherweise, sagt Jesper Juul, haben wir alle ein Leben lang Zeit, um uns unserer Heilung zu widmen. In den Gesprächen mit Familien spricht Jesper Juul manchmal auch über sich selbst: Wie er als junger Vater seinen Sohn angebrüllt hat, um ihn zum Gehorsam zu zwingen. Wie froh er ist, dass er bei seinem Enkelkind nun vernünftiger und gelassener sein kann. Wie fremd er sich selbst als Kind in der eigenen Familie fühlte und dass seine Mutter bis heute in ihm noch keinen erwachsenen Mann sieht. Mit 16 hat Jesper Juul seine Eltern verlassen und wurde Seemann. Er kehrte erst viele Jahre später wieder zurück. Und es dauerte länger als vier Jahrzehnte, bis Jesper Juul in den Spiegel schauen und sagen konnte: Ich bin okay. »Also besonders meine Mutter konnte mir nicht geben, was ich brauchte, die wollte mir alles Mögliche andere geben, so musste ich mich zurückziehen. Ich habe zwischen meinem 18. und 30. Lebensjahr drei, vier, fünf Ersatzeltern gehabt. Ich habe Männer getroffen, die mir wie Väter waren, ein paar Lehrer in der Uni. Und ich habe ein Ehepaar getroffen, wo die Frau eine sehr gute Mutter war. Ich habe viel gestritten und war wohl so ab meinem 45. Lebensjahr öfter mit mir zufrieden.

Wir müssen versuchen, eine liebevolle Art von Fürsorge, Wahrnehmung und Anerkennung für uns selber zu haben

Man redet oft über das innere Kind in uns. Für dieses Kind müssen wir selber besser sorgen, als es unseren eigenen, unseren leiblichen Eltern gelungen ist, sonst geht es uns schlecht. Wir müssen versuchen, eine liebevolle Art von Fürsorge, Wahrnehmung und Anerkennung für uns selber zu haben. Es gibt ja keine perfekten Eltern und es kommen auch in Zukunft keine perfekte Eltern.«

Doris Weber (Erstveröffentlichung in Publik-Forum, kritisch – christlich – unabhängig, Oberursel, Ausgabe 3/2011)

   
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