Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Neue Kommentare  

   

Wer ist online?  

Aktuell sind 255 Gäste und keine Mitglieder online

   

Unsere Partner  

FlowBirthing

Mystica TV

Reiki-land

   

Psychologie der Nachbarschaft

Details

Psychologie der Nachbarschaft
© Thomas Max Müller pixelio.de

Wie entsteht ein konstruktives Miteinander?

Im Mikrokosmos einer Hausgemeinschaft spiegelt sich der Makrokosmos wider. Die Lösungen, die wir für Nachbarschaftskonflikte finden, sind auch geeignet, die Probleme der Welt zu lösen. Es wäre bitter nötig. Denn sowohl global als auch im Wohnumfeld werden wir Menschen enger zusammen rücken müssen.

Nie konnte man auf seine Nachbarn so leicht verzichten wie heute. Und nie war konstruktive Nachbarschaft zugleich so wichtig wie jetzt.

Jonas Lieb braucht keine Nachbarn. Er wohnt zurückgezogen in einem anonymen Wohnblock mit 70 Parteien. Sein Tor zur Welt ist sein PC. Jonas, wohnhaft in Bayern, chattet mit Norddeutschen, bildet mit Engländern und Südkoreanern im Online-Rollenspiel «World of Warcraft» eine Gilde. Freunde sind Personen, die auf Facebook als solche bezeichnet werden, die wenigsten kennt er persönlich. Nachbarn sind Leute, die man nur dann bemerkt, wenn sie wegen des versäumten Treppen-Putzdienstes nerven.

In den Industrieländern, vor allem in den Städten, herrscht eine Kultur der Wahlverwandtschaft. Nachbarschaft bedeutet Nähe, die man sich nicht ausgesucht hat. Durch die Wahl des Stadtviertels – edel, alternativ oder preisgünstig – kann man höchstens vorselektieren. Freunde sucht man sich ohnehin anderswo. Frühere Zentren nachbarschaftlicher Begegnung verlieren an Bindekraft: der gemeinsame Kirchgang, das Tanzfest auf dem Dorfacker, Trachten- und Schützenverein, das Dorfwirtshaus, in dem man Schulfreunde wieder traf. Wer sich um die Freundschaft einer Nachbarin bemüht, konkurriert heute mit der ganzen Welt um ihre Aufmerksamkeit.

Moderne Bauweise

Die moderne Bauweise begünstigt das nebeneinander her Leben, vor allem in Hochhäusern und Wohnblöcken. Als Einzelner, Paar oder Familie ist man einsam und fühlt sich zugleich durch die Nähe der Anderen unterschwellig beklommen. Hat man Erfahrung mit Nörglern gemacht, lebt man ständig im Hinblick auf mögliche nachbarschaftliche Ermahnungen. Die Überlastung mit unerwünschten menschlichen Begegnungen, z.B. auf dem Gang, macht manche erst recht verschlossen. Jonas Lieb ist manchmal froh, das Treppenhaus ohne «Feindkontakte» durchqueren zu können. Ruht er sich dagegen in einem Ferienhaus auf dem Land aus, machen ihm zufällige Begegnungen mit Nachbarn Spass.

An und für sich ist enges Zusammenleben, etwa in Hochhäusern, vernünftig. Durch Nutzung der dritten Dimension wird das Land nicht zersiedelt. Zusammenrücken ist ökologisch sinnvoll, es geht weniger Heizwärme verloren. Das, was viele Menschen angeht, kann gemeinschaftlich gelöst werden: Heizung, Müllentsorgung, Dachreparatur. Mit Nachbarn befreundet zu sein, spart Fahrt- und Telefonkosten. Es könnte so schön sein, aber wo gemeinsame Interessen sind, besteht Kompromissbedarf. Und wo Kompromisse nötig sind, liegt auch Konfliktpotenzial.

Psychologie der Nachbarschaft
© Gerd Altmann pixelio.de

Böse ist immer der andere

Nachbarschaft bedeutet, Fremden auf beunruhigende Weise ausgeliefert zu sein. Auch wenn zurückgezogene Menschen wie Jonas Lieb diese Tatsache nicht wahrhaben wollen. «Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt», schrieb Schiller im «Wilhelm Tell». Und darüber, wer fromm ist und wer böse, gehen die Meinungen natürlich auseinander. Es ist immer der andere. Störenfried oder Kontrollfreak, zu unintelligent oder zu hochnäsig, Ausländer oder patriotischer Spiesser – selten kann man seine «Nächsten» lieben wie man sollte.

Eine der schönsten Geschichten über Nachbarschaft hat Gerhard Polt in einem Sketch verarbeitet. Ein neuer Mieter hat sich angekündigt: Ausländer. Die deutschen Nachbarn versammeln sich auf der Treppe. Sie befürchten Knoblauchgeruch und «permanentes Gedudel». Und die Ausländer sind ja auch so kinderfreundlich, Geschrei unerzogener Blagen ist vorprogrammiert. Da muss man doch was tun, bevor es zu spät ist! Die Nachbarn lassen eine Unterschriftenliste rum gehen. Sie protestieren bei der Hausverwaltung gegen den neuen Mieter. Plötzlich kommt dieser, dunkelhaarig und sehr gepflegt, die Treppe rauf. Er stellt sich höflich vor und bemerkt nebenbei, dass er das Haus gekauft hätte. Gleich lassen die Nachbarn die Unterschriftenliste verschwinden und begrüssen ihn mit schleimiger Freundlichkeit. Die Zuschauer freuen sich, dass der Sketch Fremdenfeindlichkeit entlarvt; aber jeder kennt Personengruppen, die er nicht so gern nebenan hätte.

Jeder Nachbar ein Gleichgesinnter

Jeder Nachbar ein Gleichgesinnter – diesen Traum träumten schon viele. Er fand Ausdruck in verschiedenen Kommunenprojekten sowie in Reichenghettos (Gated Communities). Negativbeispiel war Rashneeshpuram, die Bhagwan-Kommune in Oregon, USA. Dort wurde von Anfang an eine strenge Trennung zwischen Sannyasin und der «Normalbevölkerung» inszeniert. Von beiden Seiten gab es grosse Vorurteile und Anfeindungen. Die Bhagwan-Anhänger versuchten die Bevölkerungsmehrheit im Landkreis zu bilden und so die Politik zu dominieren. Die «Uneingeweihten» draussen zahlten es ihnen mit Sabotage und juristischen Angriffen heim. 1983 explodierte in einem von Sannyasin betriebenen Hotel eine Bombe. Danach wurde die Kommune zunehmend zur Kaserne für spirituell Befreite. Eigene bewaffnete Ordnungskräfte patrouillierten, das Regime regierte nach innen zunehmend autoritär. Telefone wurden angezapft, Abweichler in den eigenen Reihen isoliert und diskriminiert.

Dieses abschreckende Beispiel zeigt, wie der Traum von einer homogenen Zone der Rechtgläubigen zum Alptraum wird. Kommunarden wie Ureinwohner scheiterten an der Aufgabe, eine verträgliche Nachbarschaft unter Verschiedenen zu schaffen. Interessanterweise stellt sich dieselbe Aufgabe auch für die globale Weltgemeinschaft. Viele Probleme der «grossen Welt» finden sich auch in der Nachbarschaft wieder. Der Makrokosmos spiegelt sich im Mikrokosmos. Hierzu ein paar Beispiele:

Staat und Individuum

Staat und Individuum: Die Hausverwaltung bildet in vielen Wohnkomplexen eine Art Staat im Staat. Sie wird ja von den Wohnungseigentümern und Mietern eingesetzt und bezahlt, hat somit eine dienende Funktion. Mancherorts gebärdet sie sich jedoch als Obrigkeit. Im Extremfall wird der Hausmeister zum gefürchteten Kontrolleur und Vorgesetzten in immer mehr Alltagsfragen. Bittet man ihn um einen Gefallen, hat er keine Zeit oder ist nicht zuständig. Dafür erwartet er beim H inweis auf kleinste Ordnungsverstösse Gehorsam. Widerstrebenden wird rasch mit Sanktionen gedroht, bis zur Ausweisung aus der Hausgemeinschaft. Gleichzeitig erhöht die Hausverwaltung jedes Jahr die Gebühren. Die Wohnungseigentümer und Mieter bezahlen somit ihren eigenen angemassten Vormund. Natürlich ist nicht jede Hausverwaltung so schlimm, viele machen gute Arbeit. Schlimm ist aber, wenn ein Staat, etwa der deutsche, einer solchen anmassenden Hausverwaltung immer ähnlicher wird. Rebellion ist also vielfach nötig – im Kleinen wie im Grossen.

Hilfe und Belästigung

In Deutschland ist Nachbarschaftshilfe eher im kleinen Rahmen verbreitet. Ein hilfsbereiter Exnachbar öffnete meine Tür mit einer Kreditkarte, als ich den Schlüssel nicht dabei hatte. Auch gegenseitiges Blumengiessen ist üblich. Sonst lebt jeder für sich allein. In den USA findet man teilweise umfassendere Formen von Nachbarschaftshilfe. Zieht jemand neu ein, stellt sich die ganze Hausgemeinschaft freundlich vor, bringt Begrüssungsgeschenke und bietet Hilfe beim Umzug an. So kann es passieren, dass man schnell und mühelos eingerichtet ist. Die Schattenseite: Man ist den betreffenden Nachbarn zu Dank verpflichtet und kann ihnen künftige Bitten kaum abschlagen. Zieht eine neue Partei ein, muss man unweigerlich «ran».

Den Alptraum amerikanischer Nachbarschaft hat Roman Polanski in «Rosemary's Baby» karikiert: Minnie und Roman, das freundliche, ältere Ehepaar, ergreift Zug um Zug von Rosemarys Leben Besitz. Bis sich herausstellt: Sie sind Abgesandte Satans. Hintergrund ist Polanskis Kindheitserfahrung mit der Bespitzelung in der Nazi-Zeit. Auch in grossen Staatsgebilden stellt sich die Frage, wie viel Eigenverantwortung nötig ist und wie weit wir Verantwortung füreinander übernehmen sollten. Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Zu viel Hilfe kann als Belästigung und Entmündigung wahrgenommen werden. Eine Gesellschaft ohne gegenseitige Hilfe ist dagegen unmenschlich.

Zusammenleben ist machbar, Herr Nachbar

«Nachbarschaftsstreit ist oft eher eine Sache der Psychologie als der Rechtsprechung», sagt Kai Warnecke vom Bund der Berliner Haus- und Grundbesitzer. Aber welche Psychodynamik ist wirksam? Der Sozialpädagoge Lothar Draht meint: «Gerade bei Dauernörglern ist die Hausgemeinschaft vielleicht der einzige Ort, wo sie noch etwas zu sagen haben.» Das trifft einen wichtigen Punkt. Im Zeitalter der Globalisierung, eingesponnen in die Sachzwänge grosser Staatsgebilde, fühlt sich der Einzelne oft machtlos. In der Nachbarschaft «ist er wer». Seine Stimme zählt – und sei es als Querulant, als Freizeitpolizist oder Hobbyrevoluzzer. Lothar Draht empfiehlt deshalb, den Nachbarn etwas von der ersehnten Anerkennung zu geben, schon bevor sie sich «wichtig machen».

Positiv gesehen, ist die Nachbarschaft ein Übungsfeld für Problemlösungen, die auch in der Gesellschaft als Ganzes brauchbar sind. Aus dem bisher Gesagten lassen sich einige Empfehlungen ableiten. Wird es uns gelingen, mit solchen typischen Konfliktfeldern umzugehen, oder scheitern wir? Diese Frage wird in naher Zukunft immer wichtiger werden. Hohe Energiepreise und die Rücksicht auf das Klima werden uns zwingen, unsere Mobilität einzuschränken. Wenn wir nicht schon vorher freiwillig unsere Reiselust eindämmen. Unser unmittelbares Lebensumfeld wird damit wieder mehr ins Blickfeld rücken: Welche Versorgungsfragen können wir hier lösen, welche sozialen Bedürfnisse vor Ort befriedigen? Ein konstruktives Zusammenleben ist nicht nur nötig, es ist auch machbar, Herr Nachbar.

Roland Rottenfusser (Erstveröffentlichung www.zeitpunkt.ch

Diesen Beitrag teilen

Bei Wer kennt wen teilen
0
Webnews einstellen
0
0


Social Sharing powered by flodji.de
   

Ich suche  


   

Top 10 des Monats  

   

Connection Networks  

   

Werbung  

   

Unsere Partner  

Satsangfestival

Medizin und Bewusstsein

Bodhisattva Schule

Bewusstseinspraxis

zur Website von Ladeva

zur Website von Find Your Nose

zur Website von Die Kunst zu Leben

Weltinnenraum

LotusCafe - Forum für ganzheitliche Partnersuche

Spirituelles Portal

KGS Berlin

menschenklang

Periplaneta

   
© Connection AG 2015