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Platons Idealstaat

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Platons Idealstaat
Platon (428-348 v.Chr.)

Ur-Utopie einer guten gesellschaftlichen Ordnung

Kein Werk hat die Geschichte der Philosophie und der politischen Theorie bis hin zu den Utopien von heute so sehr beeinflusst wie Platons »Politeia«, in dem er ein Bild vom idealen Staat entwickelt. Der Idealstaat steht und fällt für Platon mit der menschlichen Fähigkeit zur Weisheit.

Alfred North Whitehead, ein britischer Philosoph und Mathematiker des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert schrieb etwas über Platon, was die einen zum heftigen Widerspruch und die anderen zur wohltuenden Bestätigung reizte: »Die sicherste allgemeine Aussage über die europäische philosophische Tradition ist, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.« Bei aller Provokation enthält dieser Satz einen wahren Kern, der darin besteht, dass Platon beinahe alle Themen und alle Probleme der Logik, Ethik, Ästhetik, Psychologie und Kosmologie in seinen Schriften angesprochen und durchdacht hat. Viele seiner Antworten und Theorien sind zeitgebunden und für uns nicht von praktischem Nutzen, vieles fordert von uns eine kritische Auseinandersetzung.

Das bis heute ungeheuer Provokante ist Platons idealem Staat ist die Forderung nach einer Philosophenherrschaft

Das Universalgenie

Natürlich sind Platons Antworten nicht für immer gültig, jede Zeit benötigt eigene Lösungsansätze. Platon als Universalgenie bleibt jedoch über die Jahrtausende hinweg ein immerwährender Denkanstoß. Das Verhältnis zur platonischen Philosophie und zur Persönlichkeit Platons reicht von der Rede über den »göttlichen Platon« in der Antike und im Mittelalter bis hin zu Nietzsche, der ihn als Hinterwäldler beschimpfte und der Unterstellung von totalitären Tendenzen seitens Karl Poppers. In welcher Weise auch immer das Verhältnis zu Platon ausgedrückt wird, an ihm kommt niemand vorbei. Walter Burkert, ein bekannter Philologe nennt Platons Denken ein Gravitationszentrum und einen Orientierungspunkt, der sowohl in Bejahung als auch in der Ablehnung des platonischen Gedankengutes als solcher bestehen bleibt.

Das Meisterwerk

Seine Gedanken zum Idealstaat legte Platon in zwei Werken nieder, in der Politeia, dem »Staat« und in den Nomoi, den »Gesetzen«. Die Politeia entstand etwa in den Jahren 380-370 v.u.Z. Mit ihr schuf der Philosoph in seinem 6. Lebensjahrzehnt einen der zentralen Texte des Abendlandes. In den Gesetzen legt er eine Modifizierung und Weiterführung des Themas Idealstaat vor. Von beiden Werken war die Politeia bei weitem einflussreicher für die Geistesgeschichte des Abendlandes. Ihre literarische und geistesgeschichtliche Wirkung ist kaum zu überschätzen. Jeder neue Entwurf zur Staatstheorie lehnt Aspekte dieses Werkes ab oder greift sie unverändert oder umgestaltend, bewusst oder unbewusst auf. So finden wir im Absolutismus den Gedanken der drei Stände und der absoluten Herrschaft des obersten Standes. Der Kommunismus dagegen setzte u.a. die Idee der Vernichtung des Privateigentums in die Realität um. Karl Popper bescheinigte während des Zweiten Weltkrieges dem Entwurf des platonischen Staates diktatorische Tendenzen und die Urheberschaft totalitärer Gedanken.

Worum geht es in diesem literarisch meisterhaften Buch? Sokrates, der geliebte Lehrer Platons, ist der Gesprächsführer, der trotz des berühmten überlieferten Satzes »Ich weiß, dass ich nichts weiß« sehr viel mehr zu wissen scheint, als seine treuen und ergebenen Schüler, die Brüder Platons Glaukon und Adeimantos. Die Frage, welche die Diskussion entzündet ist folgende: »Was ist Gerechtigkeit?«

Platons Idealstaat
Die Schule von Athen, Platon in der Mitte, rechts daneben Aristoteles. Fresco von Raffael

Drei Stände

Der Dialog stellt fest, dass die Gerechtigkeit sowohl in der Seele einzelner Menschen als auch im Staat zu finden ist. Überhaupt sind diese zwei nach Sokrates analog strukturiert. Also kann man die Ergebnisse der Untersuchung des Idealstaates, in dem die vollkommene Gerechtigkeit herrscht, auf die vollkommene Seele übertragen, die gerecht ist. Der Staat hat nach Sokrates (hinter dem natürlich unser Platon steht) in drei Stände gegliedert zu sein. In einen Nährstand, zu dem die Bauern und die Handwerker gehören, in einen Wächterstand und einen Regentenstand, den die Philosophen-Könige einnehmen. Die Gerechtigkeit des Idealstaats besteht darin, dass jeder Stand nur das ihm Zukommende vollkommen ausfüllt. Besser zu verstehen ist dieser Gedanke, wenn wir die Definition der Gerechtigkeit näher ansehen. Sie ist eine umfassende universale Ordnung, die als das Ganze der Teile nur dann richtig funktionieren kann, wenn jeder Teil seine ihm eigene Aufgabe vollkommen, das heißt zum Nutzen des Gesamten ausführt.

Platons Politeia hat sehr viele Aspekte, die für die damalige Gesellschaft skandalträchtig waren. Das bis heute ungeheuer Provokante ist die Forderung nach einer Philosophenherrschaft, vor allem dann, wenn man bedenkt, dass Sokrates, der Philosoph par excellence, gemäß der demokratischen Staatsverfassung Athens (moralisch dennoch völlig zu Unrecht) hingerichtet wurde.

Was hat es aber mit den Ständen im Staat auf sich, und wer ist der Philosoph, der eine absolute Herrschaft in diesem beansprucht? Die drei Stände entsprechen in der Konzeption Platons den drei Teilen der menschlichen Seele. Jeder Seelenteil hat eine spezifische Aufgabe, die er in einer bestmöglichen Form ausführen soll, um die Gerechtigkeit und damit die höchste Harmonie der Seele zu gewährleisten. Diese Aufgaben werden Aretai, was etwas unglücklich mit dem Wort »Tugend«, sinngemäßer aber mit dem Wort »Bestheit« wiederzugeben ist.

Drei Teile der Seele

Der unterste Teil der Seele, der sich nach Platon in der Gegend des Bauchs befindet, ist der begehrliche Seelenteil, das Epithymetikon. Es ist der Sitz des Impulses zum Haben-Wollen. Seine Bestheit besteht darin, die Mäßigung zu wahren, indem er auf die Weisungen der Vernunft hört. Der zweite auf der Brusthöhe sich befindende Teil ist der muthafte Seelenteil, der dem Stand der Krieger oder der Wächter im Idealstaat entspricht. Die Aufgabe und die Bestheit dieses Seelenteils besteht darin, nicht unnötig Angst zu haben und dort tapfer und mutig zu sein, wo es angezeigt ist. Diese Aufgabe kann das sogenannte Thymoeides nur dann erfüllen, wenn es ebenso wie das Epithymetikon eng mit dem obersten Teil der Seele verwoben ist, dem Logistikon.

Das Logistikon ist das Vernunfthafte im Menschen. Es ist das »Organ«, mit dem der Mensch – bei all ihrem Wandel – an der ewigen und unveränderlichen Struktur des Lebens teilnimmt. Dieser Teil der Seele ist der oberste und der wichtigste. Er kennt die beiden anderen Teile gut. Er ist darin geübt, diese zum Guten zu wenden. Im Falle der Begierde z.B. hat er keine Schwierigkeiten, die Mäßigung anzuordnen, und im Falle großer emotionaler Verwicklungen ist er in der Lage, die Ruhe zu einkehren zu lassen.

Die Höhlenbewohner sehen weder die Gegenstände, die diese Schatten werfen, noch das Feuer, das die Schatten entstehen lässt

Die Erziehung

Die Staatsbürger werden im idealen Staat je einem Stand zugeteilt gemäß dem Schwerpunkt ihrer Persönlichkeit. Diese Zuteilung erfolgt also nicht nach der Abstammung, wie wir es aus dem indischen Kastenwesen oder aus dem absolutistischen Ständestaat kennen. Der platonische Idealstaat gibt am Anfang allen Kindern die gleichen Bildungschancen. Die Kinder werden den Eltern entzogen, sie wachsen in den antiken »Kibbuzim« auf, mit dem Ziel der Herstellung eines größeren Zusammenhalts und Zusammengehörigkeitsgefühls zwischen allen Menschen. Die Auflösung der traditionellen Familie wird hier zum ersten Mal schriftlich thematisiert. Verbindlich ist sie allerdings nur für die zwei oberen Stände.

Die ersten Fächer der Bildung des Kindes sind Gymnastik und Musik; das eine ist wichtig für die körperliche Wohlentwicklung, das andere für die seelische Bildung. Die beiden Elemente zusammen führen zu einer ausgewogenen Charakterbildung. Zu diesen Elementarfächern treten die Arithmetik und Geometrie, die für Platon als ein sicherer Indikator für die Auslese der späteren geistig begabten Philosophen fungiert. Dann die Vorübung in der Dialektik. Die Dialektik selbst ist die Wissenschaft von den höchsten Prinzipien, die erst von den erwachsenen und reifen Philosophen als eine Übung zum geistigen Aufstieg zum absoluten Ursprung getrieben wird.

Die Kinder werden im Lauf der Erziehung auf die Probe gestellt, in dem sie Anstrengungen, Entbehrungen und Versuchungen ausgesetzt werden. Diejenigen, die dem nicht stand halten können, werden in einer objektiven und unabhängigen Weise aus dem Pool der Anwärter auf die höchsten Posten, die der Philosophen-Könige, ausgeschieden. Wer durch alle Prüfungen hindurch Vorzüglichkeit bewiesen hat, bleiben im Rennen. Eine weitere Prüfungs- und Erziehungsphase folgt in den nächsten zehn Jahren. Nach einer erneuten Ausscheidung der weniger Begabten und Fleißigen, wird der Rest einer fünfjährigen intellektuellen Schulung unterzogen. Mit fünfunddreißig Jahren wird diese nun kleine Gruppe in das praktische Leben eingeführt. Fünfzehn Jahre lang müssen die Auserwählten eine Funktion im Staat ausfüllen. Sie werden darauf geprüft, ob sie sich an das Leben verlieren, ob sie die naive Sicht auf das Leben einnehmen oder ob sie das Gelernte im Hinterkopf behalten und auch in einer praktischen Tätigkeit die geistige Dimension erkennen. Mit fünfzig Jahren sind endlich diejenigen, die sich als würdig erwiesen haben, soweit, den Weg der Dialektik zu gehen, um über die geistigen Gründe alles Seienden endlich zu dem einen Ursprung von allem zu gelangen. Sie werden in die letzten und höchsten Mysterien der Philosophie eingeweiht. Wie dieser Weg ausgesehen hat, können wir nicht sicher sagen. Diese Ebene der Unterweisung war ausschließlich im persönlichen Gespräch in der Akademie bekannt, dem Papier vertraute Platon es nicht an.

Der Philosoph als Befreiter

Der Philosoph, der diesen Staat regiert, ist in der Lage jeden Menschen dem entsprechenden Stand zuzuordnen. Wie kommt es zu dieser Fähigkeit? Im siebten Buch der Politeia beschreibt Platon im berühmten Höhlengleichnis den Aufbau der Welt und die Rolle des Philosophen darin, die uns seine exponierte Stellung verstehen lässt. Platon vergleicht die sinnliche Welt mit den Schatten auf der Felswand, die von der Höhlenbewohnern, die von Geburt an gefesselt mit dem Gesicht zu dieser Felswand in der Höhle leben, als die einzige Wirklichkeit wahrgenommen werden. Die Höhlenbewohner sehen weder die Gegenstände, die diese Schatten werfen, noch das Feuer, das die Schatten entstehen lässt, geschweige denn die Welt außerhalb der Höhle.

Der Philosoph ist derjenige, der befreit wird und durch eine mühselige Reise aus der Höhle tritt. Was er dort sieht, ist die wahre Wirklichkeit mit ihrem Ursprung und Erhalter: der Sonne. Mit diesem Gleichnis wird ein langer geistiger Übungsweg des Philosophen von der Wahrnehmung der sinnlichen Welt zu den sie konstituierenden Prinzipien, die Platon »Ideen« nennt und schließlich zum Absoluten selbst, gezeigt.

Der Idealstaat steht und fällt mit der menschlichen Fähigkeit zur Weisheit

Der weise Führer

Das Absolute, das Platon die Idee des Guten nennt, konstituiert und erhält die gesamte Welt. Gleichzeitig ist es völlig transzendent, also außerhalb von allem. Der platonische Philosoph, der den idealen Staat regiert, wird oft »gottähnlich« genannt. Er sieht klaren Auges, dass die Phänomene der Welt nicht aus sich selbst existieren, sondern in Bezug zueinander und aus ihrem ewigen, seienden und einen Ursprung. Diese Zusammenhänge durchschauend, wird der Philosoph zum Seelen- und Kosmoskenner. Er fällt die richtigen Entscheidungen, ihn interessieren keine Privilegien, er handelt im Interesse der Staatbewohner, ihn bewegen keine niedrigen Motive, er weiß um den Wert der wandelbaren Welt, er hat keine Angst vor dem Tod, er weiß seine Verbundenheit mit dem unsterblichen Ursprung von allem. Er wird die höchste persönliche und sittliche Reife in den ihm anvertrauten Menschen erziehen wollen und das nach der platonischen Vorstellung auch erfolgreich tun. Er ist der perfekte Psychologe, Erzieher, Dichter, Krieger und Bauer in einem. Wer die Einsicht in den Ursprung der Welt hat, dem sind alle Dinge dem Prinzip nach durchsichtig.

Die Bewertung der Frau

Ganz wichtig und konsequent ist die Bewertung der Frau in der Politeia. An der Spitze des Staates könnte auch eine Frau stehen, weil sie die gleichen Seelenteile wie ein Mann besitzt. Diese Feststellung war für die patriarchal strukturierte griechische Gesellschaft revolutionär. Platon folgt mit der Gleichstellung der Frau nur seiner eigenen Metaphysik. Jeder Mensch partizipiert am Absoluten, auch die Frau. Und wenn diese entsprechende Naturanlagen hat und die gleiche Erziehung wie ein Mann genossen hat, kann sie den Staat regieren und auch im Stand der Wächter ihre Stellung behaupten.

Der Wächterstand

Die Beschreibung des Wächterstandes, der als Landesverteidigung und als Exekutivorgan fungiert, muss für die damaligen athenische Leserschaft nicht weniger anstößig geklungen haben als die Forderung nach den Philosophenkönigen. Die Wächter, die bis zu einem gewissen Punkt die gleiche Bildung wie die künftigen Philosophen genießen, müssen besitzlos sein, sie leben zusammen, bekommen das Geld zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse vom Nährstand und haben gemeinsame Kinder, ohne dass die Elternschaft eindeutig ist. Mit diesen Vorkehrungen versucht Platon den Menschen von den ursprünglichen und allen zugehörigen Wünschen nach »mein« und »mehr«, welche die meiste Zwietracht zwischen ihnen hervorrufen, zu einem Gefühl der Gemeinsamkeit und Einheit zu erziehen, gemäß seiner metaphysischen Konzeption, in der das Prinzip der Einheit alles Positive in der Welt maßgeblich konstituiert.

Die Fragen der Fortpflanzung werden in Platons idealem Staat vom Staat geregelt. Die Eugenik wird aktiv betrieben und die konstante Bevölkerungszahl auf künstliche Weise aufrechterhalten. Ein Gedanke, der in der heutigen Welt nur als eine Erinnerung aus dem Faschismus und in den modernen Dystopien vom Schlag der »Schönen neuen Welt« als eine Horrorvorstellung lebendig ist. Die Kinder, die als behindert oder vom Staat als minderwertig eingestuft werden, werden ausgesetzt. Eine aus heutiger Sicht grausame Praxis, die Platon in der real existierenden Regelung der spartanischen Gesellschaft vorgefunden hat.

Der Nährstand

Wir kommen schließlich zum dritten Stand der Handwerker und Bauern. Entsprechend dem untersten, begehrlichen Teil der Seele sorgt dieser Stand dafür, dass das leibliche Wohl aller Bürger gewährleistet wird. Die Betroffenen müssen nach dem Ideal der Besonnenheit und Mäßigung leben, da damit garantiert wird, dass das Materielle zwar seine Wichtigkeit bewahrt, aber nicht zum Schwerpunkt aller Bestrebungen wird. Sie dürfen sich nicht in die Belange der anderen Stände einmischen, denn, wie oben erwähnt, ist die Gerechtigkeit nur dann gewährleistet, wenn der Mensch die Funktion ausfüllt, die ihm von seiner natürlichen Begabung zukommt.

Wirkungen

Die restriktive Seite des platonischen idealen Staats kommt außer in den Fragen der Fortpflanzung besonders in der Bewertung der Kunst im Allgemeinen in Erscheinung. Alles Kreative soll den moralischen Werten genügen, die von den Philosophenherrschern als verbindlich erkannt wurden. Keine Kunst, keine Dichtung, keine Musik soll die Vorherrschaft der Emotionen in der Seele begünstigen, alles soll darauf ausgerichtet sein, den Staatsbürger zu seiner Vollkommenheit zu erziehen. Daran hätte auch der hochverehrte Homer glauben müssen, denn seine Beschreibungen der Götter passten überhaupt nicht in den idealen Staat. Die Zankereien der obersten Götter, die Ehebrüche und die allzumenschlichen Schwächen des erhabenen Geschlechts waren Platon zuwider.

Wir denken dabei heute vielleicht an die harte Kunstzensur, die gerade zum Beispiel in China (das sich »kommunistisch« nennt) praktiziert wird. Doch wenn wir chronologisch vorgehen, dürfen wir nicht im Kommunismus die erste Anlehnung an Platon sehen, sondern im römischen Reich. Namentlich Ciceros »De re publica« (geschrieben zw. 54 und 51 v.u.Z.) könnte ohne Platon nicht gedacht werden. Das Christentum zog nach. Der berühmte Kirchenvater und einflussreiche Theologe Augustinus (354–430 n.u.Z.) schrieb sein Werk »De civitate Dei« (Vom Gottesstaat), in dem er den idealen Gottesstaat in Gegensatz zum irdischen Staat stellt und seine Herkunftsgeschichte sowie sein Ende beschreibt.

Mehr im Detail an die Politeia und die Nomoi angelehnt ist der in Dialogform geschriebene, mit satirischen Elementen durchsetzte Roman »Utopia« (vom Griechischen ein »Nicht-Ort«) von Thomas Morus (1478-1535). Morus' Werk war seinerseits so einflussreich, dass fortan jeder Entwurf einer Gesellschaft, die noch nicht existiert, »Utopie« heißt. Morus griff mehrere Elemente der platonischen Werke auf, so den Verzicht auf das Privateigentum, freie wissenschaftliche Bildung für die Begabten und einen allgemeinen Wehrdienst, der sowohl für Männer als auch für Frauen galt. Diese und andere Elemente, z.B. die Eugenik, nimmt auch Tommaso Campanella (1568-1639) auf, ein dominikanischer Geistlicher, der ohne die Morus eigentümliche Ironie von einem Idealstaat des radikalsten platonischen Schlags träumt. Wie Platon und wie die anderen in seiner Nachfolge benutzt Campanella die Vision vom Idealstaat einerseits zur Kritik an den bestehenden Zuständen, andererseits formuliert er damit seine eigenen Vorstellungen, deren viele uns Heutige sehr krude anmuten.

Weisheit

Der wichtigste Gedanke Platons, der über die Umsetzung des idealen Staates entscheidet, wurde in der abendländischen Tradition infolge der Christianisierung sehr lange nicht wahrgenommen. Der Idealstaat steht und fällt mit der menschlichen Fähigkeit zur Weisheit. Für Platon kann es göttliche Philosophen geben, die imstande sind, das Gute in der Welt zu bewirken. Das Menschenbild, das die heutige Politik prägt, ist ein anderes. Ob es für eine gelungene Gesellschaft reicht, nur an der Spitze mehrere Erleuchtete zu haben, ist eine gute Frage, die wir heute aus all den menschheitsgeschichtlichen Erfahrungen nicht so eindeutig wie Platon mit Ja beantworten werden.

Mehr zu den »Visionen für eine bessere Welt« in Connection Spirit 9/2011

Julia Koloda

Julia Koloda, Jg. 80, Magistra der Philosophie, Psychologie und Literaturwissenschaften, beschäftigt sich seit Jahren theoretisch und praktisch mit spirituellen Dimension des Lebens aus philosophischer und psychologischer Perspektive. Zur Zeit macht sie bei Connection ein Redaktionspraktikum. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
   
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