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Wie komme ich zur inneren Ruhe?

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Innere Ruhe
Rainer Sturm, pixelio.de

Freiheit und Liebe

Die holländische Publizistin Lisette Thooft (»Die Alchemie der Liebe«, «Die zehn Gebote der inneren Ruhe«) stellt sich die Frage: »Wie komme ich zur inneren Ruhe?« Die Antwort hat sowohl mit Liebe als auch mit Freiheit zu tun...

Was ist innere Ruhe? Entspannung, ein herrliches Gefühl, das alles grundsätzlich in Ordnung ist. An der Oberfläche kann es so aussehen, dass es einige Probleme gibt, aber tief darunter und von innen weiß ich: Das Leben ist gut, es ist gut, dass ich existiere, dass es mich gibt. Auch wenn nicht alles gut ist, letzten Endes wird alles gut ausgehen. So eine Art inneren Wissens, das uns die Möglichkeit gibt, hier und jetzt aufmerksam und andächtig anwesend zu sein und das Hier und Jetzt zu genießen, ohne sich selbst zu verlieren in Grübeln oder Illusionen.

Ich hörte einmal eine alte jüdische Weisheit: Wenn wir sterben und in den Himmel kommen und Gott begegnen, dann wird Gott uns nur eine Frage stellen: Hast du genossen von allem was ich dir geschenkt habe, von allem was ich speziell für dich erschaffen habe? Und die Antwort sollte besser sein: ja Vater, ich habe sehr genossen. Ich bin wirklich da gewesen, ich habe wirklich gelebt, und es war wunderschön, vielen Dank, auch wenn es oft ziemlich schwierig war.

Genießen ist eine Art heilige Pflicht und dafür brauchen wir innere Ruhe. Ich glaube, innere Ruhe besteht aus fünfzig Prozent Vertrauen und fünfzig Prozent aus etwas anderes, darauf kommen wir später.

Vertrauen in die Liebe

Vertrauen bedeutet nicht: glauben, dass immer alles gut gehen wird. Es gibt eine ganze Menge Dinge, die nicht gut gehen oder nicht völlig gut gehen, wie wir alle wissen. Vertrauen bedeutet, dass man davon überzeugt ist, dass alles, was existiert und alles was geschieht, in ein sinvolles Ganzes eingebettet ist. Ja sogar dass alles, was nicht so gut geht, auch ein unentbehrliches Teil ist dieses Ganzen – denn Fehler und Unglück sind auch unentbehrlich.

Warum ist Unglück nötig? Erstens macht es das Leben echt und authentisch. Ohne Tot, Krankheit, Verbrechen, Katastrophen und ohne die kleinen Übel, die wir täglich zu bestreiten haben in uns selbst, würde das Leben eine unglaubwürdige Seifenoper sein. Niemand möchte ein Buch lesen, einen Roman, worin alles immer gut geht – das würde zu langweilig sein. In unserem echten Leben muss es auch spannend sein. Zweitens: Fehler und Unglück sorgen für Unruhe und deswegen für Bewegung und Entwicklung. Entwicklung fangt häufig an mit Unruhe. Es gibt eine berühmte Aussage von Paracelsus: »Ruhe ist angenehmer als Unruhe. Aber Unruhe ist nützlicher als Ruhe. Darum muss es Kummer und Ärgernis geben.« Meistens aber ist es nicht notwendig, daran zu arbeiten. Unruhe gibt es gewöhnlich mehr als genügend. Für Unruhe ist gesorgt, das ist schon in Ordnung.

Ruhe dagegen, daran müssen wir häufig noch ein wenig arbeiten, und für Ruhe brauchen wir Vertrauen. Vertrauen ist vor allem wissen, dass unsere persönliche Geschichte einen Teil ausmacht eines sinnvollen Ganzen. Dass wir alle, du und ich, auch nötig sind für dieses Ganze. Das wir alle geschätzt und geliebt werden. Es ist also ein starkes Gefühl von Verbindung. Man könnte diese fünfzig Prozent auch Liebe nennen – Liebe für sich selbst, für alle Anderen und für das Leben an sich.

Innere Ruhe
Foto: Rainer Sturm, pixelio.de

Innere Freiheit

Und die anderen fünfzig Prozent, die wir brauchen für innere Ruhe? Ich nenne es eine Art Eigensinn, Autonomie oder innere Freiheit. Also das Eine ist inklusiv – wir allen gehören dazu – und das Andere ist mehr exklusiv: Ich bin wichtig mit meiner eigenen Geschichte, meiner eigenen Meinung, meiner Einzigartigkeit.

Innere Ruhe ist nicht gut für eine Ökonomie, die immer wachsen muss

Warum brauchen wir diesen Eigensinn oder innere Freiheit für innere Ruhe? Weil wir standhalten müssen gegenüber den vielen Verführungen um uns herum. Es ist, als ob es überall Hexen gibt – wir sind dann selbst die Hauptperson in dem Märchen unseres Lebens – als böse und gefährliche Hexen, die uns ständig zuzischeln, was wir tun sollen. Und was ist das? Vornehmlich hetzen und jagen und rennen, immer mehr verdienen und mehr arbeiten und mehr kaufen… Immer wachsen. Unsere ganze Kultur ist darauf eingestellt, uns aus unserer inneren Ruhe heraus zu locken, mit verlockender und verführerischer Werbung. Denn ruhige Leute, die das Leben genießen, so wie es kommt, kaufen weniger Luxusartikel. Innere Ruhe ist nicht gut für eine Ökonomie, die immer wachsen muss.

Vor einigen Jahren habe ich ein Buch geschrieben mit dem Titel »Zehn Gebote der inneren Ruhe«, und das zweiten Gebot war: Strebe nicht nach Wachstum. Jeder will heute wachsen, so scheint es: Betriebe, Ökonomien… Sogar spirituell orientierte Leute wollen wachsen und wachsen. Menschen kommen in Wachstumsgruppen zusammen und reden von Wachstumsmomenten in ihrem Wachstumsprozess.

Immer wachsen ist nicht natürlich. Wachsen ist nur gut für Kinder, Kälber und Kohl. Für Erwachsene ist es oft viel besser zu schrumpfen. Und dies gilt nicht nur für unseren Körperumfang, sondern es gilt für fast alle Aspekte des Lebens – manchmal inklusiv unserer Beziehungen und unserem Innenleben. Und vielleicht sogar für unser Bankkonto. Weniger Einkommen hat oft etwas Gutes gebracht, das wissen wir aus der Wissenschaft. Ich kenne eine Frau, die ihre Dissertation darüber geschrieben hat. Sie hat 50 Menschen, die plötzlich ein Drittel weniger Einkommen hatten, befragt. Aufallend viele von diesen Menchen sagten: Es war eine Herausforderung, aber jetzt sind wir kreativer, und wir genießen das Leben mehr als früher.

Mehr Blühen als Wachsen

Auch auf anderen Ebenen ist dass so. Häufig ist es besser zu verfeinern, zu vertiefen, zu blühen, als immer weiter zu wachsen. Für die Blüte muss das Wachsen aufhören. So ist es bei den Pflanzen: die werden erst größer und größer, bekommen dickere Stängel und größere Blätter, und dann hören sie auf zu wachsen und fangen an zu blühen. Und so ist es auch bei den Menschen. Immer weiterwachsen behindert die Blüte.

Was wir eigentlich wollen, was uns wirklich glücklich macht, dass ist nicht ständiges Wachstum, aber Entwicklung, die zu innerer Blüte führt. Unsere ganze Kultur würde die nächste Stufe erreichen, wenn mehr Menschen das verstehen würden. Die gute Neuigkeit ist, das immer mehr Menschen das tatsächlich begreifen. Sie streben nicht mehr nur nach materiellen Wachstum, sondern eher nach geistiger Blüte: Mehr Liebe und innere Freiheit, gerade die beide Qualitäten, die wir brauchen für innere Ruhe.

Brennstoff Libido

Männer und Frauen sind so erschaffen, das wir die Sehnsucht nach Freiheit und Liebe sogar körperlich in uns haben, und das wir unwiderstehlich und ständig, durch einen körperlichen Brennstoff getrieben, nach Liebe und Freiheit streben. Dieser Brennstoff ist unsere Libido. Männer streben dabei ein bisschen mehr nach Freiheit, Frauen ein bisschen mehr nach Liebe. Und weil sie sich beiderseitig lieben, übernehmen sie auch das Streben ihrer Partner. Was sich liebt, das neckt sich, und das steckt sich auch an.

Natürlich ist es ziemlich stark verallgemeinert, wenn ich sage: Frauen streben mehr nach Liebe und Männer mehr nach Freiheit, und natürlich weiß ich auch sehr gut, dass nicht alle Frauen so sind oder alle Männer so. Die Wirklichkeit ist viel nuancierter und komplizierter. Hier präsentiere ich nur ein Modell. Aber es ist gut, das Modell zu kennen und zu erkennen, was innere Ruhe bringt. Ich nenne dies mein philosophisches System. Es ist eine sehr optimistische und positive Sicht der Dinge, aber durchaus realistisch.

Weibliche Libido

Frauen haben eine Gebärmutter, eine tiefe Leere in ihrem Körper, die biologisch gesprochen gefüllt werden muss. Es ist, als ob die Leere ständig ruft: Her mit dem Mann! Er muss rein! Dass ist die körperliche Geste des weiblichen Libidos. Dass ist die tiefste Ursache aller weiblichen Unruhe. Es gibt noch etwas Unerfülltes, es fehlt noch etwas, irgendwo, etwas dass sie haben sollte… Und das zeigt sich auch auf höhere Ebene, in der Psychologie der Frau. Bewust oder unbewusst, oft bewust, will eine Frau ihren Geliebten zu sich ziehen, umarmen, bei sich halten, besitzen, sogar fast verschlingen. Denn was drinnen ist, das ist sicher. Sie will auch ihre Familie zusammenhalten, ja sie will alle zusammen halten, in Harmonie, in einen sicheren Kreis. Alle gleich, keine Ausnahme bitte. Negativ gesprochen oder auf einer niedrigen Stufe der Entwicklung haben wir hier die tadelsüchtige Frau, die besitzergreifende Frau, die Besserwisserin. In alten Mythen symbolisiert die Schlange oft die gefährliche Frau – gefährlich für Männer natürlich. Männer fühlen sich oft von Frauen aufgegessen, verschlungen. Aber auf der spirituellen Ebene ist das Weibliche ein heiliges Streben nach Verbindung, nach Liebe, nach der Konkretisierung, dass wir alle eingebettet sind in ein sinvolles Ganzes.

Männliche Libido

Beim Mann ist es gerade entgegengesetzt. Körperlich hat er eine aufgesparte und gedrängte Fülle in den Hodensäcken, eine Spannung, die der Mann erlebt als etwas, das sich mehr oder weniger außerhalb von ihm befindet, das nach Erlösung, Erguss drängt. Etwas in ihm ruft gewissermassen ständig: Es muss raus! Ich muss los gehen, so dass es raus kann. Sonst wird die Erde wüst und leer… Und das ist natürlich die tiefste Ursache aller männlichen Unruhe. Es gibt noch etwas zuviel, etwas dass es nicht geben sollte, er muss noch etwas beiseite schaffen.

Auf der untersten Stufe von Entwicklung, der rein physischen Ebene, ist das gut und nötig, um neue Menschen zu erschaffen. Ein kleines bisschen höher in der Psychologie des Mannes ist es ein Verlangen, sich in Schwung zu setzen, los zu gehen, ohne Rücksicht, und zu tun, was er will. In Frauenaugen sieht das oft aus wie unnötige Risiken eingehen oder sogar wie reiner Egoismus. Aber auf höchsten Ebene ist das ein heiliges Streben nach Erlösung, nach Freiheit.

Die typisch weiblichen und typisch männlichen Eigenschaften sind auch die Urkennzeichen der Qualitäten Liebe und Freiheit

Die heilige Ehe der Seele

Die typisch weiblichen und typisch männlichen Eigenschaften sind auch die Urkennzeichen der Qualitäten Liebe und Freiheit. Wir müssen nur die biologischen Grundlagen zur höchsten Ebene der Entwicklung führen und wir haben alles, was wir brauchen für innere Ruhe. Jetzt können wir auch begreifen, dass Liebe und Freiheit auf höchster Ebene nicht ohne einander können, dass das Eine das Andere braucht, um zu sich selbst zu werden. Liebe wird nur zur Liebe, wenn sie mit der Freiheit verbunden ist, und Freiheit wir nur zur Freiheit, wenn sie sich mit der Liebe verbindet. Dass ist die heilige Ehe der Seele, wovon die alten Weise sprachen. Die zwei Gegenseiten müssen wirklich eins werden, wenn innere Ruhe einkehren soll.

Denn Liebe ohne Freiheit, was ist dass? Dass ist doch keine richtige Liebe. Es ist eine Art Affenliebe. Wenn ich meinen Geliebten verschlinge, besitze, nicht frei lasse, dann ist dass nicht das, was wir heute unter Liebe verstehen. Echte Liebe lasst frei, gönnt dem Partner zu sein wie er will, zu dem zu werden, was er werden kann.

Und Freiheit ohne Liebe? Dann sind wir auch bei den Affen, denn dann wird das Leben so etwas wie der Streit auf dem Affenfelsen, der nackte Streit um die Macht. Sie haben gewonnen und Sie stehen ganz auf dem Gipfel. Sie haben Milliarden Euros auf ihren Konto und einige Paläste und schnelle Autos und Boote. Aber Sie haben keine Freunde mehr, nur Konkurrenten. Ihre Frau liebt nur Ihr Geld, und Ihre Kinder sind von Ihnen entfremdet. Freiheit ohne Liebe ist kalt und leer und wertlos. Dass will doch keiner.

Es ist möglich, dass die Menschheit immer liebevoller und freier wird, in einer großen kulturellen Evolution.

Eigenschaften übernehmen

Aber glücklicherweise sind wir so erschaffen worden, dass wir Männer und Frauen ständig zueinander hingezogen werden, dass wir darum auch sehr intensiv mit einander verkehren und allmählich die Eigenschaften unseres Gegenüber übernehmen. Was sich liebt, das neckt sich und das steckt sich an.

Männer hassen und streiten sich mit der tadelsüchtigen und besitzergreifenden Schlange in ihren Frauen. Und Frauen hassen und streiten sich mit dem Egoismus in ihren Männern. Gleichzeitig lieben Frauen die Freiheit in ihren Männern, und versuchen die auch in sich selbst zu entwickeln. Und Männer bewundern die Liebe in ihren Frauen und bauen diese schöne Eigenschaft in sich selbst auf.

Es ist eine ständige Entwicklung, persönlich und in unserer ganzen Kultur, eine Entwicklung, die schon viele Jahrhunderte stattfindet. Und es ist diese Entwicklung, die uns zu echten Menschen macht. Frauen sind jetzt schon nicht mehr nur Frau, sondern auch männlich, nicht nur von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt, sondern auch interessiert an Freiheit.

Und Männer sind nicht nur Mann, sondern auch weiblich, nicht nur mit Freiheit beschäftigt, sondern auch mit Liebe. Jeder baut mit seiner eigenen Entwicklung auch an der Entwicklung der Kultur an sich. Und so ist es möglich, dass die Menschheit immer liebevoller und freier wird, in einer großen kulturellen Evolution.

Gibt das nicht schon ein Stückchen innere Ruhe, das zu wissen? Es geht mit uns sowieso in der richtigen Richtung. Es geht langsam, aber es geht in die richtige Richtung: Um ganz zur inneren Ruhe zu kommen, brauchen wir Vertrauen in das sinnvolle Ganze und die Freiheit, mit Eigensinnigkeit unseren eigenen Weg zu gehen.

Lisette Thooft

Lisette Thooft, geboren 1953, lebt in den Niederlanden. Sie ist freie Journalistin und Redakteurin der christlich orientierten Kulturzeitschrift ›VolZin‹ sowie Autorin von dreizehn Büchern, die sich überwiegend mit Beziehungsfragen und Spiritualität befassen. Mutter zweier erwachsener Kinder, zwei Enkelkinder. Sie lebt in freier Partnerschaft mit Jan Diek van Mansvelt, einem emeritierten Professor für alternative Landwirtschaft. Homepage: www.lisettethooft.nl
   
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