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Zur Psychologie von Gewalt

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Zur Psychologie von Gewalt
Weltweit gibt es 250.000 Kindersoldaten

Der Krieger in uns

In vielen Krisenregionen der Erde geschehen schreckliche Gräuel. Was treibt Menschen dazu, ihre Mitmenschen zu quälen oder zu töten – und warum empfinden sie oft sogar Lust dabei? Psychologen der Universität Konstanz gingen dieser Frage in Feldstudien im Kongo nach.

»Ich habe andere richtig gequält. Nachts sind wir losgezogen, um Dörfer zu überfallen. Alle, die wir trafen, haben wir kaltgemacht. Wenn uns eine Frau über den Weg lief, haben wir sie vergewaltigt. Männer haben wir geschlagen … Nach einem Kampf töteten wir alle – außer hübschen Frauen. Die nahmen wir mit. Wenn sie sich gewehrt haben, mussten sie bestraft werden … Kämpfen ist alles im Leben eines Mannes. Wenn ich das Feuern von Gewehren höre, wünsche ich mir nichts anderes, als zu kämpfen. Dieser Durst sitzt tief in mir.«

Es fällt schwer, die unglaublichen Gräuel, die der junge Mann schildert, mit seiner ausgemergelten, aber freundlichen Miene in Verbindung zu bringen. Wir sind in Goma, einer düsteren Stadt am östlichen Ende der vom Bürgerkrieg zerrütteten Demokratischen Republik Kongo. Unser Team aus Wissenschaftlern der Hilfsorganisation »vivo international« und der Universität Konstanz sitzt fröstelnd in einem Zeltlager, in dem die Vereinten Nationen ehemalige Kindersoldaten unterbringt. Die mittlerweile jungen Männer, die per Hubschrauber oder Lkw über Hunderte von Kilometern aus dem Busch hierher gebracht wurden, sind nervös.

Die menschliche Tötungsbereitschaft

Seit ihrer Evakuierung aus den Kampfgebieten geschieht nichts. Ihren Drogenkonsum mussten sie schlagartig abbrechen, manche von ihnen zeigen starke Entzugserscheinungen. Ein Junge leidet an einer Lungenentzündung. Jeder seiner Atemzüge rasselt, er stöhnt im Fieber vor Schmerzen. Andere kommen mit Schussverletzungen, die sich entzündet haben. Zunächst aber Verhöre. Kalt und misstrauisch werden die ehemaligen Kämpfer von Mitarbeitern der MONUSCO, der UN-Organisation zur Stabilisierung des Kongo, befragt: »Welche Einheit? Wer war der Kommandant? Wie groß ist eure Truppe? Wo steht ihr? Und versuch erst gar nicht zu lügen, Kerl!« Erst danach gibt es etwas zu essen und, mit ein wenig Glück, eine Hand voll Paracetamol. Dann können sie mit den Weißen sprechen – den Psychologinnen und Psychologen aus Deutschland. Vorausgesetzt, sie wollen. Doch alle wollen.

Forschungen über Gewalt müssen sich auch auf die Angreifer erstrecken – das haben wir nach vielen Einsätzen in den Krisenregionen der Erde verstanden. In Hunderten von strukturierten Interviews wollen wir daher die menschliche Tötungsbereitschaft näher ergründen. Unser Team nimmt erstmals die Leidensgeschichten der kongolesischen Kämpfer auf.

Gerechtfertigte Notwehr

Die Realität in diesem riesigen, unzugänglichen Gebiet in der Mitte Afrikas bleibt uns in den industrialisierten Ländern verborgen. Sie erscheint uns fremd, mitunter primitiv und sadistisch, sie entzieht sich unserer Vorstellungskraft und ist mit unseren gängigen moralischen Wertvorstellungen kaum vereinbar. Doch ist diese unbekannte Welt wirklich so weit weg von unserem ureigenen Wesen? Wie verändern sich Menschen angesichts einer Umwelt, die von Grausamkeit geprägt ist? Furcht zu spüren ist mit Stress verbunden; jeder versucht daher, diesen Zustand zu vermeiden. Doch Angst gehört zu den lebensnotwendigen Reaktionen. Akute Gefahr versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Die Sinne werden geschärft, um schnell möglichst viele Informationen über die nahende Bedrohung zu sammeln, die Durchblutung der Muskeln steigt, und der Körper setzt Botenstoffe frei, welche die Schmerzwahrnehmung unterdrücken. Der Mensch ist bereit, die Flucht zu ergreifen oder zu kämpfen. Durch sein wehrhaftes, womöglich aggressives Verhalten wird die Bedrohung vermutlich nachlassen und mit ihr die belastende Anspannung. Wir können diese Art der Verteidigung als »erleichternde Aggression« bezeichnen, die jeder von klein auf kennt. Auch wenn sie moralisch umstritten ist und mitunter bestraft wird, gilt sie doch als gerechtfertigte Notwehr.

Zur Psychologie von Gewalt
Foto: Foto: sokaeiko pixelio.de

Lustvolle Gewalt

Es gibt aber noch eine »böse«, scheinbar pathologische Form der Gewalt: die »appetitive Aggression«. Sie muss sich nicht durch Angst und Bedrohung rechtfertigen, sondern entsteht durch Lust. Schon die Planung wirkt interessant und aufregend. Das Erschreckende daran: Jeder ist dazu fähig. Je mehr junge Männer merken, dass Gewalt ihnen zu einem Überlegenheitsgefühl und zu Lustgewinn in einer Umwelt mit nur wenigen Glücksmomenten verhilft und je mehr sie diese Aggression ausüben, desto eher suchen sie diesen erregenden Zustand. Gewalt zählt seit jeher zum Verhaltensrepertoire der Menschheit – genauso wie das Versorgen von Kranken und Verletzten. Woher kommt diese von unserer Ethik so negierte Lust an der Aggression? Und warum schreiben wir sie stets nur den »anderen« zu, den Sadisten, Psychopathen oder »Wilden«?

Jagdfieber sichert das Überleben

Als die Urahnen der Hominiden vor einigen Millionen Jahren ihre vornehmlich vegetarische Lebensweise aufgaben, bildete sich das menschliche Jagdverhalten heraus. Fleisch als reichhaltige Energiequelle gewährt einen Überlebensvorteil. Der erfolgreiche Jäger kann mehr Nachkommen ernähren, ist als Sexualpartner attraktiver und verfügt über weitere Ressourcen – nicht zuletzt ein größeres Gehirn.

Doch die Jagd dient nicht nur dem Erbeuten von tierischer Nahrung. Menschen jagen auch andere Menschen. Sie töten gezielt, wobei sie im Vorfeld Strategien entwickeln, um systematisch konkurrierende Gruppen zu vernichten. Dabei nutzt Homo sapiens – der »weise Mensch« – just jene Hirnstrukturen, die ihm auch kulturelle Leistungen ermöglichen, mit denen er sich stolz vom Tier abhebt.

Der Einsatz von Gewalt erfolgt jedoch selektiv. Denn die vom Menschen geschaffene kulturelle Ordnung definiert, wer zur eigenen Gruppe zählt und damit durch eine verinnerlichte Tötungshemmung vor eskalierender Aggression geschützt ist. Die Sozialisierung prägt also, wer als zu vernichtender Gegner gilt. Ob es sich hierbei um verfeindete Rebellenverbände oder um konkurrierende Fußballvereine handelt, spielt eine untergeordnete Rolle. Nur das Ausmaß der Gewalt wird beim Sport durch gelernte Hemmungen und moralische Vorgaben wie dem Fairplay reguliert.

Im Krieg funktionieren diese Regeln nicht mehr. Hemmungen brechen weg, die Tötungsbereitschaft kann und soll sich bis zum Blutrausch steigern. Bei ehemaligen Kombattanten in verschiedenen Kulturen konnten wir immer wieder beobachten, dass das Ausleben von Gewalt als lustvoll erlebt wird. Allen Hollywood-Klischees zum Trotz sind diejenigen, die töten, in der Regel nicht psychisch krank. Planen und Ausüben von Gewalt als »appetitiv«, also als angenehm zu erleben, gehört zum Menschsein dazu.

Doch warum sollte es Menschen gefallen, andere umzubringen? Folgt man der Hypothese eines evolutionären Vorteils menschlichen Jagdverhaltens, liegt die appetitive Verarbeitung von Gewalt auf der Hand: Wer ein Tier, aber auch ein Mitglied einer konkurrierenden Gruppe jagen will, muss eine Vielzahl von Entbehrungen auf sich nehmen. Unter Umständen gilt es, das Opfer über mehrere Tage zu verfolgen. Den Kampf aufzunehmen, erfordert das Überwinden von Angst. Es besteht ein hohes Risiko, schwer verletzt oder gar getötet zu werden. Nur wenn der Organismus das Töten als lustvoll und belohnend erlebt, ist der Mensch auch bereit, sich darauf einzulassen.

Krieg verändert – jeden

Die Faszination von Gewalt

Menschen genießen es jedoch zunächst keineswegs zu morden. Auf die meisten – ob Rebell oder Soldat – wirkt das erste Mal, wenn sie einen Mitmenschen töten, extrem belastend. Nur Kindersoldaten, die im vorpubertären Alter zwangsrekrutiert worden sind, beschreiben den ersten »Kill« mitunter als positiv. Aber auch Männer können durch wiederholte Kampfhandlungen, durch fortgesetztes Durchbrechen der moralischen Hemmung die immer stärker werdende und mitreißende Erfahrung von Macht und Überlegenheit beim Töten machen. Dieser Kick wird von den Kämpfern als unvergleichlich beschrieben. Die kriegerische Umwelt prägt und verändert zudem die Wahrnehmung eigener Gewalthandlungen. Gelernte Normen werden unbedeutend, und die eigene Realität passt sich der Umgebung an. Wird die Faszination an Gewalt einmal angestoßen – meist auch unterstützt durch eine systematische Entmenschlichung der anderen Gruppe –, ist sie offenbar nur noch schwer wieder einzudämmen. Die Brutalität von Soldaten, wie sie etwa bei der US-Armee in Guantánamo beobachtet wurde, schockiert, darf uns aber nicht verwundern. Krieg verändert – jeden.

Traumasymptome

So veröffentlichten 2011 der Militärhistoriker Sönke Neitzel und der Sozialpsychologe Harald Welzer Auszüge aus den Protokollen der Alliierten, die Gespräche deutscher Wehrmachtssoldaten in Kriegsgefangenschaft abgehört hatten. Die Faszination für Gewalt und Menschenjagd, die sich in zahlreichen Aufzeichnungen widerspiegelte, sorgte für Aufruhr vor allem unter ehemaligen Kriegsteilnehmern, die fürchteten, als »Monster« stigmatisiert zu werden. Doch die Protokolle decken sich mit unseren Untersuchungen, die wir sowohl mit Kombattanten in den heutigen Krisenregionen als auch mit ehemaligen Soldaten des Zweiten Weltkriegs durchführten: Menschen, die im Krieg Gewalt ausüben, neigen dazu, eine Faszination hierfür zu entwickeln. Fern von Recht und Gesetz dominieren in kriegerischen Auseinandersetzungen Gewalt und traumatischer Stress, die das übersteigen, was die Seele, aber auch der Körper auf Dauer aushalten kann. Schwer wiegende psychische Probleme sind die Folge.

Nicht nur Studien mit Opfern aus Krisengebieten weisen erhöhte Raten an psychischen Störungen bei Überlebenden nach. Gleiches gilt auch für Untersuchungen an Kriegsveteranen. Schon nach dem Ersten Weltkrieg wurden Traumasymptome bei einer Vielzahl von Heimkehrern bekannt. Opfer einer Posttraumatischen Belastungsstörung galten zunächst als »Kriegszitterer «; erst später weckte das Leiden vor allem von Vietnamveteranen das Interesse der empirischen Forschung.

Somit unterliegt jeder Mensch, der zum Kämpfen in einen Kriegseinsatz geschickt wird, dem Risiko, schwer traumatisiert zu werden. Alles, was an das Geschehene erinnert, erzeugt Angst und wird vermieden; Traumatisierte ziehen sich zurück und nehmen nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teil. Selbst alltägliche Situationen werden als Bedrohung wahrgenommen, Reizbarkeit und aggressive Ausbrüche sind die Folge.

Die Faszination für Gewalt erleichtert somit die Anpassung an eine gewalttätige Umwelt

Veränderte Wertvorstellungen

Wird jedoch das Erlebte positiv verarbeitet, dann sinkt das Risiko für traumabedingte Symptome. So stellten wir 2011 bei ruandischen Genozidtätern sowie 2012 bei ugandischen Kindersoldaten und südafrikanischen Straftätern fest, dass diejenigen, die mehr Lust beim Ausüben von Gewalt verspürten, weniger psychische Spätfolgen aufwiesen. Die Faszination für Gewalt erleichtert somit die Anpassung an eine gewalttätige Umwelt. Dies verändert das eigene moralische Wertesystem der Betroffenen. Wer in einer gewalttätigen Umwelt das Töten gelernt hat, wird bei der Rückkehr nicht nur Schwierigkeiten haben, sich in eine zivilisierte Gesellschaft zu integrieren, sondern tritt häufig auch weiterhin extrem aggressiv auf. So belegen zahlreiche Studien etwa eine gesteigerte Gewaltbereitschaft bei Vietnamveteranen.

Posttraumatische Belastungsstörungen

Nach Angaben der Bundeswehr befinden sich aktuell rund 6300 deutsche Soldaten im Auslandseinsatz, die meisten davon im Rahmen der ISAF-Mission in Afghanistan. Was sie erleben, kommt in der Heimat kaum an. Hierin liegt ein entscheidendes Problem: Durch das gesellschaftliche Desinteresse an den Kriegsgeschehnissen fehlt den Soldaten die soziale Unterstützung, die sie für ihre psychische Gesundheit benötigen. Die Betroffenen bleiben unter sich, fühlen sich isoliert und unverstanden und werden im schlimmsten Fall sogar als »Schwächlinge« angesehen. 2010 befragten Neil Greenberg und seine Kollegen vom King's College London fast 1600 britische Soldaten, inwieweit sie professionelle Hilfe bei psychischen oder körperlichen Leiden gesucht hatten. Dabei offenbarte sich, dass etliche der Betroffenen bei medizinischen Untersuchungen nicht wahrheitsgemäß geantwortet hatten. Denn sie bezweifelten die vertrauliche Behandlung ihrer Daten und befürchteten Ausgrenzung sowie Nachteile für die weitere berufliche Karriere.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam bereits 2004 die Arbeitsgruppe des Psychiaters Charles Hoge, die im Walter Reed Army Institute of Research der US-Armee die psychische Gesundheit von amerikanischen Soldaten erforscht. Dabei stellte sich heraus, dass Teilnehmer der Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan noch seltener professionelle Hilfe bei psychischen Problemen als bei körperlichen Erkrankungen in Anspruch nehmen. Dieses Jahr belegte die Arbeitsgruppe von Hans-Ulrich Wittchen von der Technischen Universität Dresden, dass nahezu jeder zweite Bundeswehrsoldat, der mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung heimkehrt, nicht als psychisch krank erkannt und dementsprechend nicht behandelt wird. Traumafolgestörungen stellen somit ein großes Problem auch für deutsche Heimkehrer dar – wenngleich deutlich seltener als bei US-Veteranen.

Manchmal habe ich Menschen nur zum Spaß getötet

Ein Held darf keinen Knacks haben

Ein Held darf keinen Knacks haben. Und noch viel mehr muss die erschreckend deutlich gefühlte eigene Lust an Gewalt verborgen werden. Welcher Zivilist könnte sie verstehen? Was würde die Familie denken über die seelischen Abgründe, die sich im Krieg aufgetan haben? Aufklärung ist daher der erste Schritt der gesellschaftlichen Verantwortung, um Kriegsheimkehrern gerecht zu werden: Veteranen sind keine psychiatrischen Fälle. Sie sind Menschen, die den Krieg erlebt haben. Sie verhalten sich nicht »falsch« oder »schlecht«, sondern sind vielmehr Opfer der Umstände.

Ein halbes Jahr nach unserem Besuch in Goma haben wir die jungen Männer wieder getroffen. Etliche, bei denen wir zuvor die höchsten Werte für appetitive Aggression festgestellt hatten, waren in den Busch zurückgekehrt – zu den bewaffneten Gruppen, die kaum etwas zu essen haben, geschweige denn Sicherheit oder Krankenversorgung bieten können. Sie kehrten zurück zu ihrer Einheit, zum Alltag des Kämpfens, des Vergewaltigens und des Tötens. Die übrig gebliebenen Männer im Camp erzählen uns von ihrer Isolation. Vom heimlichen Heldentum, das nur die anderen Kämpfer verstehen, Zivilisten jedoch ablehnen. Aber auch vom Lockruf der Gewalt, über den nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden darf: »Ich vermisse es, ein Kämpfer zu sein. Ich vermisse die Macht! Manchmal habe ich Menschen nur zum Spaß getötet. Andere taten das auch. Blut kann einen mitreißen. So sehr, dass man nicht mehr aufhören kann zu töten.«

Literaturtipp: Neitzel, S., Welzer, H.: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. Fischer, Frankfurt am Main 2011

Roland Weierstall, Maggie Schauer und Thomas Elbert (Erstveröffentlichung Gehirn und Geist 11/2012)

Roland Weierstall und Maggie Schauer sind promovierte Psychologen in der Arbeitsgruppe von Thomas Elbert, Professor für Klinische Psychologie und Klinische Neuropsychologie der Universität Konstanz. Schauer leitet hier das Kompetenzzentrum Psychotraumatologie und ist Präsidentin der internationalen Hilfsorganisation »vivo international«. Bei zahlreichen Feldstudien in Krisenregionen in Afrika und Asien stießen die drei immer wieder auf traumatisierte Opfer, die selbst auch als Täter gehandelt hatten: Menschen, die schon als Kind schwer misshandelt und zu Gewalttaten gezwungen worden waren und inzwischen das Töten lustvoll erleben.
   
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