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Sind wir Individuen oder ein Kollektiv?

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Sind wir einzeln und allein, oder gehören wir zusammen?
Foto: Erich Keppler pixelio.de

Ich, du, wir

»Ich bin allein.« Eine gute alte Freundin hat mir das gerade am Telefon gesagt. Aber sie ist doch in einer Beziehung! Seit 15 Jahren sind die beiden zusammen. Sie ist Therapeutin, er Musiker. Seit vielen Jahren wohnen sie zusammen. Sie sind miteinander durch dick und dünn gegangen und haben sich in diesen Jahren zweimal voneinander getrennt, dann aber wieder zusammengefunden. Und sie sagt: »Ich bin allein, und er ist allein.« Es klingt in meinen Ohren aber nicht traurig, sonder reif, gesetzt, klug. Es ist die Stimme eines Menschen, der sich gefunden hat. Es klingt wie: Ich bin frei, er ist frei, wir lieben uns und lassen einander.

Seit Jahrtausenden raten uns die Weisheitslehrer, dass der Weg in die Tiefe der Seele, zu Gott, zum Wesentlichen in die Einsamkeit führt. Jesus ging in die Wüste, ebenso die »Wüstenväter« im Frühchristentum, und die Meditierer in Indien ziehen sich schon geradezu sprichwörtlich in den Himalaya zurück. Im traditionellen Lebensmodell des Hinduismus ist die vierte Lebensphase, die nach dem Haushälterdasein, der "Aranyaka". Zumindest für die Männer und die Brahmanen gilt das, im übertragenen Sinne für alle. Der Aranyaka hat seine weltlichen Angelegenheiten geregelt und geht nun allein in den Wald. (Ich fürchte allerdings, dass Indien dafür heute nicht mehr genug Wälder hat, jedenfalls dann nicht, wenn auch Nicht-Brahmanen und Frauen das für sich in Anspruch nehmen sollten.) Die Weisheit darin: Wir müssen allein sein, um zu uns zu kommen.

»Der Hölle, das sind die anderen«

Seit Jahrtausenden gibt es aber auch noch eine andere Erkenntnis der Weisen: Um dich zu erkennen, brauchst du den anderen! Deshalb haben spirituell Reisende sich Lehrer gesucht, Gurus, Begleiter, Freunde auf dem Weg, und deshalb gib es seit mehr als 2000 Jahren Ashrams, Klöster und andere spirituelle Gemeinschaften: In der Sangha (so heißen diese Gemeinschaften traditionell im Buddhismus; der Begriff breitet sich inzwischen auch bei uns aus) findest du Weggefährten. In der "tiefen Nacht der Seele", wenn du an allem und jedem zweifelst, können sie dich begleiten, dir Trost spenden und Ermutigung, und sie lassen dich spüren, dass du nicht allein bist. Diese Begleiter bieten aber nicht nur Trost, sie sind auch eine Herausforderung, oft sind sie ein Ärgernis. Der Existenzialist Jean-Paul Sartre drückte das so aus: "Die Hölle, das sind die anderen." Allein in Stille zu sein ist leicht. Mit anderen ist das schon sehr viel schwieriger, denn sie reizen und provozieren dich, sie "drücken dir die Knöpfe" und prüfen auf diese Weise deine Stille und Zentriertheit aufs Härteste, unbarmherziger als je ein Psychotest das könnte.

»Ich sehe mich in dir wie in einem Spiegel«

Also was jetzt? Wenn du auf dem spirituellen Weg vorankommen willst, ist es dann besser allein zu sein oder mit anderen? Der weise Salomo hätte wahrscheinlich geantwortet: je nachdem. "Ich kann nicht mit dir und nicht ohne dich", die Hassliebe jedenfalls scheint keine gute Lösung zu sein. Obwohl deren milde Variante, die Ambivalenz, eine ganz normale menschliche Eigenschaft ist, die wir gar nicht vermeiden können. Manchmal nervt der andere einfach; da kannst du das Mantra "Ich sehe mich in dir wie in einem Spiegel" noch so oft vor dich hinmurmeln, die Ruhe tritt erst dann ein, wenn du das Nervenbündel endlich los bist. In anderen Fällen allerdings sehnen wir uns danach, zu wissen, dass es da noch jemand gibt, neben mir, mit mir – ein Mensch, der auch leidet und auch manchmal fröhlich ist, so wie ich. Ein Mensch, dem ich meine Verzweiflung und meine Freude mitteilen kann. Das tut gut.

Sind wir alllein oder zusammen?
Foto: Rike pixelio.de

Die Wir-Romantiker

Nach der gängigen Zählung von Ethnologen gibt es gut 6.900 lebende Sprachen auf der Welt. Meines Wissens enthalten alle diese Sprachen Worte für »ich«, »du« und »wir«. Es scheint eine Gemeinsamkeit aller Kulturen zu sein, dass Menschen sich sowohl auf sich selbst beziehen können (ich), wie auch auf einen Gegenüber (du), wie auch auf eine Gruppe, der man selbst angehört (wir). Viele ethische Regeln folgen dieser Unterteilung, indem sie etwa fordern dem Du zuzugestehen, was man dem Ich gewährt, oder das Wir höher zu stellen als das Ich. Die erste dieser Regeln wird weithin als die goldene Regel des ethisch guten Verhaltens akzeptiert, während die zweite schon viel strittiger ist, sie teilt uns (uns?) ein in Befürworter (die eher sozial denken) und Gegner des Kollektiven, die Individualisten.

Neuerdings haben zudem in den Psycho- und Spiri-Szenen die Romantiker des Wir einigen Aufwind bekommen. Nach der Phase, in der man sich dort noch bemühte alles in Ich-Botschaften zu sagen, sonst galt man als unauthentisch oder manipulativ, hat nun das Wir Vorrang. Wer zu diesem Wir gehört, wird dabei nur selten gesagt. Lieber schunkelt man da mit, in einem diffusen Wir-Gefühl, so wie ich es gerade eben bei der Einteilung in Befürworter und Gegner der »Wir ist besser als ich«-Regel getan habe. Störend dabei war nur die Klammer mit der Wiederholung des uns und dem Fragezeichen, sonst hätten die flüchtigen Leser unter euch vermutlich mitgeschunkelt.

Der Mensch sollte nicht ganz in der Herde, dem Kollektiv, der jubelnden oder lynchenden Masse untergehen

Zivilcourage

Auf der Entwicklunglinie der Spiral Dynamics, die von Ken Wilber und den Integralen vertreten wird, folgt auf die Ebene, in der der Egoismus dominiert (dort rot gezeichnet), als Weiterentwicklung die des Ethnozentrismus (blau). Wobei die Fähigkeiten der blauen Ebene die der roten enthalten: Ein Mensch mit starkem Wir-Gefühl sollte also das Ich nicht unter den Tisch fallen lassen. Er sollte nicht ganz in der Herde, dem Kollektiv, der jubelnden oder lynchenden Masse untergehen, sondern auch für sich eintreten können. Er sollte außerdem, wenn es um etwas Wichtiges geht, den Mut haben, die Zivilcourage haben, auch gegen eine erdrückende Mehrheit eine Gegenmeinung kund zu tun.

Ich starb als Stein

Außerdem ist das Wir dehnbar: Wir beide, meine Familie, meine Region oder soziale Gruppe, meine Kultur oder mein Kontinent, wir Menschen, wir empfindenden Wesen, wir Bewohner der Erde. Dieses erweiterte Wir-Gefühl hat der persische Mystiker Rumi in ein berühmtes Gedicht gefasst:

Ich starb als Stein und war als Pflanze geboren,
ich starb als Pflanze und wurde so zum Tier,
ich starb als Tier und ward geboren als Mensch.
Weshalb sollte ich mich fürchten?
Was habe ich durch den Tod verloren?

Bei Rumi umfasst das Wir-Gefühl sogar die unbelebte Natur, den Stein, denn aus Stein kann Erde werden und aus Erde Pflanzen, aus denen sich Tiere und Menschen ernähren.

In Balance sein

Aus diesem Gefühl heraus, dem Ganzen anzugehören können wir (äh … bin doch ein Romantiker?) unsere Beziehungen leben, die privaten ebenso wie die beruflichen, insbesondere auch die mit Heilungsanspruch (Therapeut – Klient) oder spirituellem Anspruch (Lehrer – Schüler). Und das können wir auch in unseren diversen Gemeinschaften tun, von der Zweierbeziehung und Familie über das spirituelle Zentrum oder die Sangha, unser Land und unsere Kultur bis hin zur Weltgemeinschaft. Sich aufzulösen wie ein Tropfen im Ozean, diese Metapher für das mystische Verschmelzen mit dem Ganzen ist in spirituellen Kreisen oft bemüht worden. Gut so.

Doch auch dieses schöne Verschmelzen hat einen Gegenpol: Wenn der im Ozean verlorene Tropfen dann merkt, dass die Meere dieses schönen, blauen Planeten völlig überfischt und zudem heillos vergiftet sind, dann sollte er die Zivilcourage haben, seinen kleinen Tropfenmund aufzumachen, und dem Ozean das kundzutun! Das wäre dann die richtige Balance zwischen Ich, Du und Wir. Das Verschmelzen ist eben noch nicht alles. Auch vor dem Hintergrund des Großen, Ganzen braucht das Individuum die Fähigkeit, nein zu sagen.

Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. 1985 Gründung der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Blog: www.connection.de/index.php/blog

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