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Glücksforschung

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Glücksforschung
Die Glücksexperten: Dr. Stefan Bergheim, Ernst Fritz-Schubert,
Prof. Hilke Brockmann, Prof. Peter Wippermann, Prof. Ruut Veenhoven (v.l.)
Foto: Gero Breloer für das Coca-Cola Happiness Institut

Autonomie, Verbundenheit und Optionsvielfalt

Elf führende Experten der Glücksforschung aus Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft und Medien haben im Auftrag des »Coca-Cola Happiness Institut« an einer Studie teilgenommen. Sie haben untersucht, wie sehr sich die drei Megatrends unserer Gesellschaft (steigende Autonomie und Eigenverantwortung, Individualisierung und Virtualisierung der Beziehungen, Optionsvielfalt und Überforderung) auf unsere Lebensfreude auswirken. Herausgekommen sind treffende Analysen und interessante Handlungsempfehlungen. Hier sind die 12 Top-Erkenntnisse zum Umsetzen im Alltag:

Die steigende Autonomie bedeutet für den Einzelnen eine höhere Selbstbestimmung im Alltag bzw. eine höhere Selbstverwirklichung im ganzen Lebensverlauf - eine klare Chance für die Lebensfreude. Als Herausforderungen kristallisieren sich steigende Verantwortung und Entscheidungsdruck heraus. Autonomie, die ohne Rücksicht auf soziale Beziehungen gelebt wird, wird als Risiko für die Lebensfreude gesehen.

Die soziale Verbundenheit wird immer stärker von der wachsenden Individualisierung und Virtualisierung der sozialen Beziehungen geprägt. Soziale Beziehungen werden zunehmend selbst gewählt, haben eine höhere Qualität und damit einen positiven Einfluss auf die Lebensfreude. Die Netzwerkmedien werden in vielerlei Hinsicht als Chance für die soziale Eingebundenheit gesehen. Sie können jedoch die für die Lebensfreude entscheidenden Face-to-Face- Kontakte nicht ersetzen.

Die gestiegene Optionsvielfalt bedeutet einerseits mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Andererseits stellen sie auch eine Herausforderung für die Lebensfreude des Einzelnen dar: Stress, Überforderung und Unzufriedenheit entstehen angesichts eines gefühlt unbegrenzten Angebots und begrenzter eigener Ressourcen wie Zeit und Energie.

Das Arbeitsleben

Der Arbeitsalltag hat sich innerhalb einer Generation fundamental verändert. Mitarbeitern wird heute immer mehr Autonomie und Eigenverantwortung zugestanden. Das bedeutet mehr Mitbestimmung über die Inhalte und Ziele der Arbeit sowie flexiblere Arbeitsbedingungen. Karrierewege sind nicht mehr so starr. Es wird selbstverständlich, im Laufe eines Lebens Branchen und Berufe zu wechseln. Der Anteil selbständiger Einzelunternehmer steigt.

Gleichzeitig steigt die Intensität der Arbeit. Berufs- und Privatleben verschwimmen zunehmend. Auch in der Freizeit ständig erreichbar zu sein, ist für viele selbstverständlich geworden. Auch die Beziehung zum Arbeitsumfeld ist im Wandel begriffen. Einerseits wird es immer wichtiger, dass der Mitarbeiter sich mit den Werten des Unternehmens identifizieren kann. Außerdem werden die sozialen Kontakte am Arbeitsplatz intensiver und freundschaftlicher.

Andererseits werden Bekannte zu Business-Partnern. Das ist in der Wissensökonomie nur förderlich: Die besten Ideen entstehen dort, wo sich Menschen vertrauen und austauschen. Die steigende Optionsvielfalt führt zu einem insgesamt höheren Aktivitätslevel bei mangelnder Orientierung. Die Folge ist die Gefahr, dass sich der Einzelne in der Fülle der Möglichkeiten verzettelt und die eigentlich wichtige Arbeit vernachlässigt. Dicht getaktete Tagesabläufe, in denen auch vieles parallel passiert, sind die Folge. Einzelnen Tätigkeiten kann nicht mehr ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet werden, damit sie als befriedigend erlebt werden.

Die wichtigsten Strategien für mehr Lebensfreude im Arbeitsleben:

  • realistische Ziele setzen und mit dem Vorgesetzten absprechen. Prioritäten setzen.
  • konsequentes Zeitmanagement im Arbeitsalltag. Nur Wichtiges bearbeiten. Unwichtiges delegieren. Grenzen zwischen Arbeit und Privatem ziehen (z. B. Erreichbarkeit einschränken).
  • Konzentration auf eine Sache üben. Multitasking und Ablenkungen vermeiden. Offline gehen.

Soziale Beziehungen

Die sozialen Beziehungen des Einzelnen sind nicht mehr davon vorgegeben, in welche Familie, Nachbarschaft und Region man geboren wurde, sondern bauen heute auf gemeinsamen Interessen und Werthaltungen auf. Diese Entwicklung hin zu selbst gewählten Kontakten ist eindeutig positiv für die Lebensfreude. Die Optionsvielfalt bedeutet auch die Möglichkeit, aus vielen verschiedenen Menschen einen Partner oder Freunde auszuwählen. Das erhöht die Beziehungsqualität.

Fundamental erweitert wurde das soziale Umfeld durch die Netzwerkmedien. Sie ermöglichen, Beziehungen über Distanzen zu pflegen. Die Kontaktnetzwerke aus losen Verbindungen werden größer, während enge Kontakte zu Familie und Freunden seltener und wertvoller werden. Für die Lebensfreude ist eine Balance aus engen Kontakten, die für Vertrauen und Sicherheit sorgen, sowie losen Verbindungen, die das Neue in das eigene Leben bringen, sehr wichtig. Gleichgesinnte bieten auch Orientierung in einer immer unübersichtlicheren Welt.

Die Netzwerkmedien brachten eine neue Qualität in das soziale Leben: Es entsteht eine sogenannte Ambient Awareness ("Umgebungswahrnehmung") dessen, was im Leben von Freunden und Bekannten vor geht, ohne dass man tatsächlich mit ihnen interagieren muss. Kleine virtuelle Gesten erhalten Freundschaften. Dennoch ist sich das Expertenpanel einig, dass diese virtuelle Ebene nicht ausreicht, um Lebensfreude zu spenden. Dazu braucht es Erlebnisse in der echten Welt.

Die wichtigsten Strategien für mehr Lebensfreude in sozialen Beziehungen:

  • eigene Werte, Bedürfnisse und Erwartungen in Bezug auf das soziale Leben identifizieren. An unbefriedigenden Beziehungen arbeiten oder sie beenden.
  • Empathie, Interesse und Aufmerksamkeit zeigen. Gespräche beginnen, aktiv zuhören, Hilfe anbieten. Sich der Wünsche und Ziele des Anderen bewusst werden. Gemeinsamkeiten suchen.
  • Qualitätszeit planen. Mit Freunden und Bekannten gemeinsam etwas unternehmen. Highlights setzen, aber auch den Alltag gemeinsam bewusst und erfreulich gestalten.

Glücksforschung
Infografik: Coca-Cola Happiness Institut

Freizeit

Die Freizeit steht im Zeichen des sozialen Lebens und der Selbstverwirklichung außerhalb des Berufs. Freizeitbudgets variieren stark im Laufe eines Lebens und sind am größten im jungen Erwachsenenalter – einer Phase, die immer länger wird. Gemeinsame Unternehmungen mit anderen sind zentral in der Freizeit. Ob Sharing-Angebote wie Airbnb oder sportliche Großereignisse – Gemeinschaft wird zum Erlebnis, das einfach konsumiert werden kann. Über die Netzwerkmedien nimmt auch der Zuhausegebliebene daran teil.

Die Erwartungen, was in der Freizeit zu erleben ist, steigen. Mit ihnen wächst auch die Angst, etwas zu verpassen, die zusätzlich durch den konstanten Stream an Neuigkeiten aus dem Netzwerk verstärkt wird. Darüber hinaus wird Freizeit zunehmend professionalisiert: Zeit und Aktivitäten werden gezielt geplant. Das ist notwendig, weil auch die Arbeit Ansprüche in der Freizeit stellt: sei es durch die Notwendigkeit der Erreichbarkeit, durch die Verschmelzung von Freunden und Business-Kontakten oder den Anspruch, sich in der Freizeit fit für den Job zu machen.

Auch Hobbys werden strategisch und selbstoptimierend betrieben: Man läuft nicht einfach so, sondern trainiert für einen Marathon. Viele Möglichkeiten erhöhen den Aktivitätslevel. Unverplante Zeit, Nichts tun und Muße werden selten, obwohl sie essentiell für die Erhaltung von Leistungsfähigkeit und Gesundheit sind. Es gilt bei aller Planung, den Moment genießen zu können.

Die wichtigsten Strategien für mehr Lebensfreude in der Freizeit:

  • eigene Bedürfnisse und Prioritäten identifizieren. Individuelle Balance zwischen Anspannung und Entspannung definieren. Achtsam dafür sein, inwieweit Aktivitäten zum tatsächlichen Wohlbefinden beitragen.
  • Zeitmanagement auch in der Freizeit anwenden. Grenze zur Arbeitszeit ziehen. Unverplante, freie Zeit zur eigenen bzw. spontanen Verwendung einplanen.
  • Gelassenheit üben. Gut damit leben können, nicht alle Gelegenheiten nutzen zu können. Perfektionismus vermeiden.

Gesundheit

Der Umgang mit der Gesundheit wird selbstbestimmter und eigenverantwortlicher. Im Bemühen um eine erfolgreiche Gesundheits prävention werden ausgewogene Ernährung und viel Bewegung zu Leistungszielen des Einzelnen. Eine Krankheit hingegen gerät leicht zum persönlichen Versagen. Selbstbestimmte Entscheidungen im Zuge einer Therapie erfordern extensive Information und Bildung. Die Erwartungen an Gesundheit und Leistungsfähigkeit steigen: Man will gesund, darüber hinaus auch schön und fit sein. Hobbys werden zur Selbstoptimierung genutzt. Entscheidend für die Gesundheit ist aber, das Leben als sinnvoll zu erleben. Das fällt in einer Gemeinschaft am leichtesten.

Beziehungen im Kontext der Gesundheit erreichen eine neue Qualität: Betroffene sind heute freier in der Wahl ihres Arztes oder der Therapie. Selbst- und Mitbestimmung werden in einer patientenorientierten Medizin wichtiger. Über Netzwerkmedien ist der Austausch mit anderen Betroffenen möglich. Insgesamt erleichtern die neuen Medien die soziale Teilhabe von Menschen, die durch Alter oder Krankheit leicht außen vor bleiben würden. Diese Entwicklungen sind eine enorme Chance für Gesundheit und Lebensfreude gleichermaßen.

Auf der anderen Seite können alle negativen Begleiterscheinungen der Belastung durch steigende Autonomie und Optionsvielfalt eine Belastung für die Gesundheit darstellen. Überforderung, Stress und der Mangel an Ruhezeiten schlagen sich mittel- und langfristig in Geist, Seele und Körper des Einzelnen nieder. Der konstruktive und aufgeklärte Umgang mit den beschriebenen Herausforderungen ist essentiell für eine nachhaltige Gesundheitsprävention.

Die wichtigsten Strategien für mehr Lebensfreude und Gesundheit:

  • eigene Werte und Bedürfnisse identifizieren. Werte umsetzen und so das Leben als sinnvoll erfahren.
  • Überforderung und Stress vermeiden. Zeit und Aktivitäten nach Prioritäten planen. Auch Gesundheitsförderliches (z. B. Sport) mit Maß und Ziel betreiben.
  • informiert bleiben. Auf dem aktuellen Stand der relevanten Präventions- und Therapieansätze bleiben. Sich mit Gleichgesinnten und anderen Betroffenen austauschen.

Über die Happiness-Studie 2014

Die Happiness-Studie wurde im Oktober 2013 bis April 2014 im Auftrag des »Coca-Cola Happiness Instituts« vom Trendbüro durchgeführt. Gemäß der Delphi-Methode hat ein interdisziplinäres Panel von elf Experten die Megatrends (Autonomie, Optionsvielfalt, Verbundenheit) unserer Gesellschaft analysiert und ihr Potenzial für mehr Lebensfreude untersucht. Sie sind den Fragen nachgegangen: Was machen diese Trends mit unserer Lebensfreude? Steigern sie diese? Und falls ja: Welche Voraussetzungen sollten dafür erfüllt sein? Die Experten der Studie sind: Ökonom Dr. Stefan Bergheim, Kommunikationswissenschaftler Prof. Norbert Bolz, Soziologin Prof. Hilke Brockmann, Gesundheitswissenschaftler Prof. Tobias Esch, Mediziner Dr. Eckart von Hirschhausen, Journalist Christoph Koch, Heino von Meyer (OECD), Pädagoge Ernst Fritz-Schubert, Psychologin Prof. Jule Specht, Happiness-Forscher Prof. Ruut Veenhoven, Trendforscher Prof. Peter Wippermann (Studienleiter).

Oliver Bartsch

Oliver Bartsch, Jahrg. 61, Online-Redakteur, Multimediaentwickler, Fachjournalist mit Schwerpunkt Psychologie, Komplementärmedizin und Postwachstumsökologie, Gestalttherapeut im Praxis- und Supervisionsjahr, Homepage: www.beziehungstrauma.de
   
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