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Bemerkenswerte Rede einer Grünenpolitikerin

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Das Denkmal für die unbekannten Deserteure
Das Denkmal für
die unbekannten Deserteure

Warum ich Heldendenkmäler nicht leiden kann

Annette Neulist ist Vorsitzende der Grünen in Neu-Ulm. In dieser Eigenschaft hat sie eine Rede zum Volkstrauertag gehalten, um an den Frieden zu mahnen. Ihre wahren Helden sind nicht die, die für das Vaterland in den Krieg gezogen sind, sondern die Deserteure und Kriegsverweigerer, denen der türkische Bildhauer Mehmet Aksoy in Potsdam ein Denkmal gesetzt hat.

Um es vorweg gleich zu sagen: Ich mag diese Art Denkmäler nicht. Ich finde sie hässlich und kann sie nicht leiden. Ich kann sie nicht leiden weil so viel Leid dahinter steckt, an das sie mich massiv erinnern. Sie erinnern mich an all die Menschen, die in unsinnigen Kriegen gefallen sind, an die Soldaten, die Zivilisten, Frauen und Kinder und auch an jene, die willkürlich einem wahnsinnigen Regime zum Opfer fallen mussten. Immerhin müssen die getöteten schon lange nicht mehr leiden. Darum sollten wir nicht um die Toten trauern, sondern mit den Lebenden.

Da gibt es Menschen die all diese Toten geliebt haben, die sie vermisst haben und die vielleicht den Rest ihres Lebens leiden. Es gibt Menschen, die Schreckliches erlebt haben und damit leben müssen. Es gibt Menschen, denen Krieg und Vertreibung das Zuhause und das soziale Umfeld genommen hat. Es sind die Lebenden, mit denen wir trauern sollen. Und ich trauere mit jenen die getötet haben, mit den Soldaten, die geschossen haben, weil das ein anderer so entschieden hat.

Ich denke oft an einen alten Herrn, Soldat im letzten Krieg, den ich für ein Buchprojekt interviewen durfte. Er erzählte von seiner Zeit als Soldat, von Gewehrsalven und Schützengräben. Er erzählte von einem anderen Soldat, der mit dem Gewehr im Anschlag auf ihn zustürmte, und dass er ihn hatte erschießen müssen. Logisch, denn sonst hätte der andere geschossen, die beiden waren ja von ihren jeweiligen Regierungen zu Feinden erklärt worden. Das war eine verständliche und nachvollziehbare Reaktion.

Das sind Geschichten, wie man sie von ehemaligen Soldaten eben hört. Dann stellte ich eine einfache Frage. Ich fragte ihn, wie er sich gefühlt hatte in dieser Situation. In dem Moment fing der alte Mann an zu weinen. Sechzig Jahre lang hatte ihn niemand danach gefragt. Sechzig Jahre hatte das keinen interessiert. Und seit sechzig Jahren leidet er darunter getötet zu haben. Seitdem gilt mein Mitgefühl auch den Soldaten, die haben schießen müssen.

Nicht zuletzt trauere ich um die Deserteure, die den Mut hatten, einem unsinnigen Befehl nicht mehr weiter zu folgen. Das sind meine persönlichen Kriegshelden. Viele haben ihren Mut mit dem Leben bezahlt. Ein Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile, das auch die Deserteure des zweiten Weltkrieges rehabilitiert, beschloss der Deutsche Bundestag übrigens erst 1998.

Und wenn ich schon einmal bei den Helden bin, möchte ich die vielen anderen Helden würdigen, die in Kriegen und Zeiten anderer Katastrophen immer wieder auftauchen. Das sind die Menschen, die zu Unrecht Verfolgte unterstützen, die dem sogenannten Feind helfen, wenn der Not leidet und diejenigen, die, wenn wieder Vernunft eingekehrt ist, das Chaos beseitigten und die zerstörten Städte wieder aufgebaut haben. All das sind Helden, die oft genug ihr Heldentum teuer bezahlen mussten.

Und nicht vergessen will die die Helden der Nachhaltigkeit, die sich weigern zu vergessen, die sich der Geschichte stellen, die Tapferkeit vor dem Gewesenen zeigen. Man könnte natürlich sagen, das ist Vergangenheit. Ich wäre prinzipiell auch dafür, die Geschichte abzuhaken. Immerhin leben wir, von ein bisschen kaltem Krieg zwischendurch mal abgesehen, seit über 60 Jahren im Frieden. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass mir die Erfahrung von Krieg erspart geblieben ist und uns allen hoffentlich weiter erspart bleibt.

Aber wir sind nicht allein auf der Welt. In anderen Ländern geht der Wahnsinn weiter. Da werden Menschen zu Soldaten und gegenseitig zu Feinden erklärt. Da werden schwarz-weiß Bilder gemalt, Misstrauen geschürt, Ungerechtigkeiten und Schrecken gesät, bis man die Menschen wieder so weit hat, bis sie wieder Waffen in die Hände nehmen und zu Soldaten werden. Soldaten, die allzu oft zu feige sind, einen unsinnigen Befehl zu verweigern. Und wir Deutsche sind wieder mit Fleiß dabei. Unsere Waffen, unsere jungen Männer, die zu Soldaten geworden sind. So geht das Töten in der Welt weiter, und wir helfen mit. Neue Helden werden erschaffen, denen irgendwann neue Heldendenkmäler errichtet werden. Darum werden wir an den Volkstrauertagen eben weiter trauern, an jedem einzelnen, bis dieser Unsinn ein Ende findet. Und wir sollten nicht nur um die Toten trauern, sondern um die Lebenden, die den Rest ihres Lebens Helden sein müssen, um zu verarbeiten was ihnen angetan wurde.

Und hier wünsche ich mir dann wieder meinen Lieblingshelden her, den unbekannten Deserteur, dem der türkische Bildhauer Mehmet Aksoy 1989 auf Wunsch des »Bonner Friedensplenums« ein Denkmal geschaffen hat. Ein Denkmal, das den Deserteuren, Wehrkraftzersetzern und Verweigerern der Kriege gewidmet ist. Es steht heute auf dem »Platz der Einheit« in der Garnisonsstadt Potsdam.

Ich wünsche mir meinen Lieblingshelden in Massen an all die Schauplätze von Kriegen und zwar auf allen Seiten. Menschen, die den Mut haben, einen Krieg zu verweigern und das zu tun was ein anderer mutiger Mann vor etwa 2000 Jahren gepredigt hat, nämlich seine Feinde zu lieben. Interessanterweise entpuppen sich Feinde sobald sie dazu Gelegenheit haben nämlich bisweilen als Menschen. Menschen mit denen Friede möglich ist.

 

Zu guter Letzt möchte ich noch ein Lehrgedicht von Laotse hinzufügen:

Waffen sind unheilvolle Geräte,
alle Wesen hassen sie wohl.
Darum will der, der den rechten Sinn hat,
nichts von ihnen wissen.
Der Edle in seinem gewöhnlichen Leben
achtet die Linke als Ehrenplatz.
Beim Waffenhandwerk
ist die Rechte der Ehrenplatz.
Die Waffen sind unheilvolle Geräte,
nicht Geräte für den Edlen.
Nur wenn er nicht anders kann, gebraucht er sie.
Ruhe und Frieden sind ihm das Höchste.
Er siegt, aber er freut sich nicht daran.
Wer sich daran freuen wollte,
würde sich ja des Menschenmordes freuen.
Wer sich des Menschenmordes freuen wollte,
kann nicht sein Ziel erreichen in der Welt.
Bei Glücksfällen achtet man die Linke als Ehrenplatz.
Bei Unglücksfällen achtet man die Rechte als Ehrenplatz.
Der Unterfeldherr steht zur Linken,
der Oberführer steht zur Rechten.
Das heißt, er nimmt seinen Platz ein
nach dem Brauch der Trauerfeiern.
Menschen töten in großer Zahl,
das soll man beklagen mit Tränen des Mitleids.
Der im Kampfe gesiegt,
der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.

(Laotse, Taoteking; aus dem Chinesischen von Richard Wilhelm)

Schade, dass sich China anscheinend so wenig an seinen großen Gelehrten erinnert.
Eingangs hatte erwähnt, wie wenig ich diese Art von Denkmälern schätze. Allerdings bin ich beim Schreiben dieser Rede über ein Zitat von Albert Schweizer gestolpert. Er sagte: Die Kriegsgräberstätten sind die großen Prediger des Friedens, und ihre Bedeutung als solche wird immer mehr zunehmen.
So gesehen ist es wieder gut, dass sie da sind.

— Annette Neulist

Annette Neulist ist Mutter von vier Kindern, examiniere Krankenschwester, tätig in der häuslichen Krankenpflege, publiziert für Dichterlesungen und moderierte jahrelang die Radiosendung Spirits. Hat zusammen mit Wolfgang Moll ein Buch geschrieben über „Die Jugend alter Menschen - Gesprächsanregungen für die Altenpflege“. Ist für die Grünen im Kreisrat von Neu-Ulm, dort jetzt als Vorsitzende, außerdem ist sie bei den Ulmer Autoren 81 e.V., einem Verein zur Förderung der Schreibkunst.

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