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Ein Blick auf die Seminarhäuser der spirituellen Szene

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das Seminarhotel Jonathan an Chiemsee
Das Seminarhotel Jonathan an Chiemsee

Was passiert mit den Kleinen in Zeiten der Wirtschaftskrise?

In Zeiten ökonomischer Unsicherheit ist der Begriff »Wirtschaftskrise« zum Modewort geworden. Tagtäglich werden wir so über die Medien mit Katastrophenstimmung versorgt. Dabei reden alle fast nur von »den Großen«, die kurz vor der Pleite stehen: Banken, Warenhäuser, große Teile der Automobilindustrie, alle exportabhängigen Wirtschaftszweige.
Auch die Hotellerie steckt seit Anfang des Jahres in der Krise, berichtet die SZ. In vielen Hotels bleiben mehr und mehr Betten leer. Von Umsatzrückgängen bis zu 30 Prozent ist die Rede. Auch die bekannte Dorint-Gruppe ist finanziell schwer angeschlagen. In Branchenkreisen rechnet man dort mit einem Fehlbetrag von 20 Millionen Euro. Nun wird strikt gespart.

Wie geht es den Kleinen?

Doch wie sieht es mit der Wirtschaftskrise bei den Kleinen aus? Was geschieht in solchen Zeiten mit den kulturellen Stützen unserer Gesellschaft, die für den Geist unserer Gesellschaft von so großer Bedeutung sind? Die Rede ist hier von den Seminarhäusern der spirituellen Szene, die einem breiten Spektrum von Menschen Raum der Begegnung und persönlichen Austausch bieten  von Selbsterfahrung, Heilung und Weiterbildung Suchenden bis hin zu Anhängern diverser esoterischer Miniszenen. In der breiten Öffentlichkeit finden diese Häuser kaum Beachtung.
Die Connection-Redaktion findet jedoch, dass die Seminarhäuser und ihre momentane Situation es wert sind, das Augenmerk auch mal darauf zu richten  zumal sie sie mit ihrem eigenen Seminarbetrieb aus der Sicht eines der Betroffenen auch aus dem Nähkästchen plaudern kann.

Seminarhaus ZIST im Voralpenland
Seminarhaus ZIST im Voralpenland

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Der Trend, den wir unter der Oberfläche mit bekommen haben  denn wer will schon gerne Negativzahlen ausplaudern und dann auch noch öffentlich  ist auch hier: Es wird von erschreckenden Buchungsrückgängen berichtet. Bei uns in der Connection etwa gingen die Buchungen der selbst organisierten Seminare im Winter 2009 drastisch zurück. Zur Zeit zeigt sich jedoch ein deutlicher Anstieg, und das Interesse am kommenden Jahrestraining ist groß. Die Vermietung unseres Seminarhauses an selbst organisierte Gruppen ist heuer durchgehend besser als voriges Jahr, was den Einbruch bei den eigenen Seminaren im Winter ungefähr aufwiegt.
Trotz der Bedenken, damit eventuell Geheimnisse auszuplaudern haben sich auch einige andere Seminarhäuser bei unserer stichprobenartigen Befragung bereit erklärt, offen über ihre momentane wirtschaftliche Lage Auskunft zu geben.

»Tiefgang wird seltener nachgefragt«

So berichtet Wolfgang Maiworm, Besitzer des Johanniterhofes in Obereschach im Schwarzwald, dass von ehemals 900 bis 1200 Einzelbuchungen in diesem Jahr gerade einmal 100 bis 200 übrig geblieben sind. Insgesamt verzeichnet der Johanniterhof einen Umsatz-Einbruch von 50 Prozent. »Leider verschiebt sich auch in unserer spirituellen Schulungsbranche der Trend immer mehr hin zu einem reinen Konsumentenverhalten«, meint Maiworm. Seminare mit wirklichem Tiefgang, persönlicher Selbstentfaltung oder Esoterik werden laut Einschätzung des Johanniterhofleiters immer seltener nachgefragt, während beispielsweise Familienaufstellungen und spirituelle Großveranstaltungen an Beliebtheit gewinnen. Die Zukunft der »spiritual community« sieht er anstatt in Seminarhäusern in der virtuellen, anonymen Gemeinschaft. Hierbei findet das Ausleben der Spiritualität hauptsächlich in den eigenen vier Wänden statt. »In den USA gibt es bereits zahlreiche Fernkurse in spiritueller Lebensführung, und auch in Deutschland müssen die Seminarhäuser künftig neue kreative Konzepte entwickeln, wenn sie überleben wollen«, prognostiziert Maiworm. Sein Hof ist, im Gegensatz zu vielen anderen Häusern, glücklicherweise nicht abhängig von Banken als Geldgeber, die in diesen Zeiten stärker den je zurückhaltend sind in ihrer finanziellen Großzügigkeit, insbesondere gegenüber kleinen Seminarhäusern. »So bleibt mir immerhin eine schnelle und flexible Reaktionsfähigkeit« sagt Maiworm, »jedoch hätte ich nichts dagegen in meinem fortgeschrittenen Alter die Seminarhäuser zu verkaufen, wenn sich die Gelegenheit bietet«.
Von einem Veranstalter in Franken wissen wir, dass die Buchungen eines Kongresses im Mai 2009 nur halb so hoch waren wie beim vorigen dieser Art. Unter anderem deshalb entschloss sich ein südbayerischer Veranstalter, auf seinen ansonsten jährlichen November-Kongress (in ähnlicher Zielgruppe) heuer ganz zu verzichten.

Geld von Banken?

Geld von den Banken, um kritische Zeiten zu überstehen? Gibt es nicht. Die vom Staat geretteten Banken investieren ihr Geld woanders  oder gar nicht, oder entdecken immer neue, geschönte Posten in ihren Bilanzen (»faule Papiere«, die dann in die Bad Banks wandern sollen). Auch Charles Kunow vom Jonathan Seminarhotel in Hart am Chiemsee weiß davon ein Lied zu singen und erwägt deshalb, sein Seminarhaus in eine gemeinnützige Stiftung mit direkten Geldgebern zu verwandeln: »Ich möchte ein freies System des Miteinanders einführen, mit Menschen, die tatsächlich hinter dem Jonathan Haus stehen und gerne ihr Geld in etwas investieren, woran sie glauben«, sagt der Geschäftsführer des Jonathan.

Fast alle Seminarhäuser berichten von einem starken Rückgang der Firmenbuchungen. In Zeiten von Stellenabbau und Kurzarbeit meinen die Firmen kein Geld mehr ausgeben zu dürfen für den solchen »geistigen Luxus«, das bekommen nun neben der Hotelbranche auch die Seminarhäuser zu spüren.

Schicksalsschläge

Wenn nun aber zu der ohnehin allgemein schlechten wirtschaftlichen Situation noch Schicksalsschläge hinzukommen wie beim Riethenberghaus am Rande des Vogelsberges, dann steht solch ein Familienbetriebe manchmal kurz vor dem Aus. Neben Strom- und Wassernachzahlungen in beträchtlicher Höhe kamen beim Riethenberghaus in diesem Jahr ein Wasserrohrbruch sowie notwendige Dachisolierungen hinzu, was den finanziellen Rahmen des Seminarbetriebes eindeutig überstrapazierte. »Wir möchten unser sauberes und mit Liebe geführtes Seminarhaus in familiärer Atmosphäre unbedingt retten, daher sind wir gerade dabei einen Förderverein zu gründen«, berichtete uns Petra Sauer vom Berghaus. Auf der Website des Hauses, welche unterhalb des Artikels verlinkt ist, befindet sich darüber hinaus ein Hilfeaufruf der Verantwortlichen die um Spenden bitten, um sie in ihrer prekären Lage zu unterstützen.

Was läuft: Tantra und kurze Seminare

Wie in jeder Krise gibt es aber auch hier Lichtblicke. So berichten beispielsweise das ZIST in Penzberg, das Seminarhotel Jonathan an Chiemsee, das Schweizer Waldhaus und das Allgäuer Sonnenstrahl Haus in Kisslegg von stabilen, teils sogar verbesserten Zahlen im Vergleich zum Vorjahr. Nicht bei den langfristigen, teureren Jahrestrainings, doch deutlich bei den Buchungen kürzerer Seminare  und es wird auch kurzfristiger gebucht. »In letzter Zeit bewegt sich viel im Buchungsverhalten der Seminarteilnehmer«, gibt Benno Scheyer vom Sonnenstrahlhaus an. »Viele Teilnehmer sagen kurzfristig ab, da sie z.B. ihren Arbeitsplatz verloren haben, aber ebenso viele melden sich auch spontan an. Wir sind dahingehend sehr offen und flexibel, worin ich auch einen wichtigen Grund für unser Wachstum von fünf Prozent in den letzten Monaten sehe. Nicht nur unseren Seminarteilnehmern lassen wir hierbei große Freiheit, auch den Veranstaltern kommen wir mit schwachen Stornobedingungen sehr entgegen«, sagt Scheyer. Und Christiane Wenzl vom Schweizer Waldhaus gibt an, dass vor allem die Tantrakurse in ihrem Haus einen enormen Zuwachs erfahren, sowohl die für Paare als auch die nur für Frauen.

»In geistiges Kapital investieren«

»In Zeiten wirtschaftlicher Krisen in geistiges Kapital investieren«, lautet das Motto von immer mehr Menschen, meinen die Profiteure der gut laufenden Seminarhäuser. »Gerade jetzt investieren viele Menschen in ihre Gesundheit, Fortbildung und Selbsterfahrung. Ich halte das für den Ausdruck einer neuen Lebensweise und Besinnung auf das Wesentliche«, meint Charles Kunow vom Jonathan Seminarhaus.

Wie so oft in wirtschaftlichen Extremsituationen öffnet sich offenbar auch hier eine Schere zwischen Gewinnern und Verlierern. Es bleibt insgesamt abzuwarten, wie die einzelnen Häuser diese unternehmerischen Notzeiten überbrücken und für die Zukunft neue Konzepte und Ideen der Weiterentwicklung finden.

-Melanie Horvath

Da wir mit dieser kurzen, stichprobenartigen Rundschau natürlich nicht alle Seminarhäuser erfassen konnten und unser vorsichtiges Fazit deshalb unvermeidlich sehr angreifbar bleiben muss, laden wir die hier nicht befragten und nicht erwähnten Seminarhäuser ein, sich per eMail an uns zu wenden, zu einem erweiterten Austausch. Bitte als Kommentar an diesen Text anfügen oder per eMail an unseren Admin Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! schicken oder an die Autorin dieses Textes: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Die Connection-Redaktion wünscht sich hierzu einen offenen, ehrlichen Austausch, der auch unangenehme Fakten zukonfrontieren bereit ist, im Geist der Kooperation und eines intelligenten Optimismus.

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