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Spirituelle Arroganz

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Foto: Fotolia/S.Griessl

und andere Kollateralschäden auf dem Weg

Wer auf dem spirituellen Weg pilgert, sollte sich der dort lauernden Fallen bewusst sein - sei es der Neid, dass andere schon weiter sind, sei es die Arroganz, dass man selbst es schon geschafft hat, oder weiter ist als andere. Überhaupt das Vergleichen - es gibt ja Bereiche, in denen das sehr nützlich ist, zum Beispiel bei den Energiekosten von so oder so beheizten Wohnungen oder der Umweltschädigung verschiedener Lebensweisen. Ganz anders beim Vergleichen von Menschen auf dem Weg: Wenn du "schon weiter" bist als dein Mitmeditierer und Weggefährte, nimmst du vielleicht nur eine andere Position auf einem Karussel ein, das sich dreht und dreht und dreht..

Unsere Connection Spirit Ausgabe über "Spirituelle Arroganz - Ich bin erleuchteter als du" vom Juni 2011 hat viel aufgewirbelt. Mal wurde das Heft mit einem wissenden Schmunzeln an Freunde weitergegeben: "Ey, solche Leute gibt's, kennst du bestimmt auch, die denken, sie seien schon spirituell weiter, hihi"; mal wurde es jemand in die Hand gedrückt, von dem man dachte, ein Blick dort hinein kann der Selbsterkenntnis nicht schaden. Jedenfalls war es schnell vergriffen. Die starke Resonanz vor allem unter Menschen, die in der spirituellen Szene professionell arbeiten, als Therapeuten, spirituelle Lehrer, publizistisch Tätige oder Organisatoren von Events, führte dazu, dass die Veranstalter des Rainbow-Spirit Festivals (Mariam, Teresa und Ananda) es sich dieses Jahr als Thema der Podiumsdiskussion wünschten, unter meiner Leitung. Warum gerade ich? Natürlich weil ich schon so weit bin...

Der Ruf eilt voraus

Wer sollte dort mit auf die Bühne? Einige dachten dabei an Madhukar, dem immer wieder Arroganz nachgesagt wird. Aber der würde doch gewiss nicht kommen. Doch warum nicht? Ich fragte an, und er sagte zu. Schon mal ein gutes Zeichen, meine ich. Es bleibt ja bei alledem immer die Frage offen, ob die Arroganz (oder was auch immer man von einem anderen Menschen Gutes oder Schlechtes denkt) nicht eher im Auge des Betrachters liegt als im Objekt, auf das man die Augen richtet.

Außerdem eingeladen wurden Christian Meyer und Annette Kaiser. Jeder der beiden dachte erstmal, hier bin ich nicht richtig. Doch, seid ihr! Nicht wegen des Labels Arroganz, das kann man jedem anhängen, sondern als tätige spirituelle Lehrer, die sich diese Fragen stellen müssen und sicherlich auch stellen: Warum lehre gerade ich? Bin ich erleuchteter als ihr, die ihr da zu mir kommt? Und schließlich Katharina Ceming, die Philosophin, Theologin und Eckhart-Kennerin aus Augsburg, die Menschen auf dem spirituellen Weg coacht.

Verflixte Widersprüchkeit...

Warum hat das Thema so eingeschlagen? Es trifft einen Nerv. Immer mehr Menschen begeben sich auf den spirituellen Weg. Es wird immer normaler, nicht nur beruflich auf einem Weg der Entwicklung zu sein (dort nennt man ihn Karrriere), sondern auch auf der Reise zu sich selbst, der spirituellen Reise "unterwegs" zu sein. Und immer mehr Menschen machen dort Fortschritte - oder glauben, dort Fortschritte zu machen - und stellen sich die Frage: Wie weit bin ich denn schon auf diesem Weg? An deinem Gehalt kannst du einiges über deinen Standort ("Sie befinden sich hier")auf der beruflichen Karriere ablesen, aber geht das auch auf dem spirituellen Weg? Nicht so ohne weiteres. Und ist es nicht überhaupt eine Anmaßung, zu glauben, auf diesem "weglosen Weg", der doch, nach der vielzitiierten Phrase der Weisen schon das Ziel sein soll, weiter zu sein als irgendwer anders? Wie weit auch immer du fortgeschritten bist: Wenn du glaubst, weise zu sein, ist das vermutlich ein Zeichen von Dummheit; wenn du hingegen deine eigene Dummheit als solche erkennst und zugeben kannst, zeigst du damit bereits ein hohes Maß an Weisheit. Ach, verflixte Widersprüchlichkeit, wer soll da noch durchblicken?

Ist es nicht eine Anmaßung zu glauben, auf diesem "weglosen Weg", der doch schon das Ziel sein soll, weiter zu sein als irgendwer anders?

... bis in die Meta-Ebene

Ich erinnere mich noch gut, wie Chögyam Trungpas Buch "Cutting through Spiritual Materialism" in der 70er Jahren unter den spirituell reisenden Backpackern in Asien einschlug: Die meisten der dort Pilgernden hatten es gelesen oder zumindest davon gehört. In dem Maße wie Spirtualität zu einer größeren Bewegung wurde und die dort Reisenden sich miteinander verglichen, wie weit sie schon sind, musste das Thema ja aufkommen: Bin ich heiliger, weiser, bescheidener als du? Habe ich mein Ego schon mehr losgelassen als du? Bis hin zur Meta-Ebene: Bin ich schon weniger als du überhaupt interessiert als solchen Fragen, die doch ein Vergleichen beinhalten? Vergleiche ich nicht schon längst weniger als du? Also, mit diesem Thema der "spirituellen Arroganz" beschäftigt ihr euch "noch"???

Die Unterschiede bemerken

Ich meine, dass das Phänomen der spirituellen Arroganz ein fast unvermeidlicher Nebeneffekt ist auf "dem Weg" - ein Kollateralschaden, dem man kaum vermeiden kann. Erst muss man ja entdecken, wie sehr man an dem so genannten "Weltlichen" hängt: Reichtum, Schönheit, Ruhm, Gesundheit, alles das, was von Spiris gerne "das Materielle" genannt wird, obwohl die Materie doch eigentlich eine Erfindung des Geistes ist und die Erde mit all ihren Schätzen in keinerlei Gegensatz zum Geist, zumal Spirit, zur Liebe und Erkenntnis steht. Und dann passiert, was passieren musst: Du hast meditiert, hast an der Ekstase des einfachen Daseins geschnuppert, hast gemerkt wie dich das gelassener macht und es dein Mitgefühl und deine Liebe vertieft, von Weisheit mal noch gar nicht zu sprechen, da wäre es doch ein Wunder und ein Mangel an Erkenntnis, Einsicht oder Unterscheidungsvermögen, es nicht zu bemerken, wenn andere nun leichter wütend werden als du, leichter aus der Haut fahren als du und ihre Gier nicht in den Griff kriegen, mit der sie nach der Zigarette greifen, nach Junkfood oder der Getreide-Aktie, die grad sehr günstig zu haben ist.

Wird es immer schlimmer?

Ein Freund von mir, der seit vierzig Jahren (oho!) unterwegs ist, sagte neulich, seiner Einschätzung nach wird es bei achtzig Prozent der Menschen auf dem Weg mit dem Ego "dann noch schlimmer". Sie sind dann noch eingebildeter als die normalen Menschen. Wenn er recht hat, führt dich der "Weg der Befreiung" also mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit vom Regen in die Traufe. Von wegen Befreiung: Was aussah wie ein Ausweg aus erniedrigender Gefangenschaft, ist nun zu einer Falle geworden, die uns Erlösung, Erleuchtung oder Freiheit Suchende noch schlimmer gefangen hält als das, was vorher war.
So mag es scheinen. Als in der Szene der Sucher - erst therapeutisch, dann publizistisch - beruflich Engagierter kenne ich diese Gefühle der Müdigkeit, Verzweiflung und des Überdrusses nur zu gut: der spirituelle Jargon, die Blasiertheit der vermeintlich Fortgeschrittenen, das Gerede von schlechten und guten Energien, zu überwindenden Blockaden, hohen Schwingungen und dem untrüglichem Gespür (des Herzens oder dritten Auges) und Ähnlichem. Aber das täuscht. Wie so vieles "auf dem Weg" ist auch dieser Überdruss ein Kollateralschaden - und ein Phänomen, das vergeht. Wer dort ist, an diesem Punkt auf dem Weg, kann nun diesen Überdruss konstatieren und weitergehen. Es liegt noch ein weites Land vor uns, auch wenn wir meinen, dass wir schon genug haben von all dem Zeug. Sonst hätte ich mit dieser Zeitschrift schon längst aufgehört und würde wieder Taxi fahren. Die Jahre damals, als Taxifahrer in München, bevor ich diese Zeitschrift begann, die waren doch auch nicht schlecht. Da musste ich mir wenigstens nicht so viel spirituellen Jargon anhören.

Wolf Schneider

Die Podiumsdiskussion zum Thema "Spirituelle Arroganz" auf dem diesjährigen Rainbow-Festival, moderiert von Wolf Schneider, findet am 26. 5. um 14 Uhr dort im großen Saal (Gaia) statt. Mehr dazu auf www.rainbow-spirit-festival.de. Hotline: 07221-385 00.

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Aus dem Heft connection spirit 04/12

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