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Die kleine Schwester der Arroganz

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Die kleine Schwester der Arroganz
Foto: Fotolia.com, G. Volodymyr

Regression in asymmetrischen Beziehungen als Hindernis spiritueller Entwicklung

Wie schön, wenn wir uns »auf Augenhöhe« begegnen können! Die meisten Beziehungen aber sind nicht so. Insbesondere die unvermeidlich asymmetrischen Beziehungen in Therapie und Spritualität unterliegen der Tendenz, diesen Unterschied noch zu vergrößern, indem die eine Seite regrediert, die andere idealisiert wird und sich selbst überschätzt. Saleem Riek hat mehr als zwanzig Jahre lang solche Beziehungen beobachtet und resmümiert hier ihre Chancen und Gefahren. Auch ein Großteil der spirituellen Bestseller füttern den Bedarf nach einer solchen Regression – hier regrediert der wissbegierige Leser vor dem vermeintlich allwissenden Experten, ganz ähnlich wie bei den Bestsellern unter den Seminaren und Methoden.

»Ich bin da schon etwas weiter als du!« – Was je nach Kontext eher albern oder eher arrogant klingen würde, wird deswegen wohl öfter gedacht als offen ausgesprochen. Es ist gleichwohl ein prägendes Merkmal unserer esoterisch-spirituellen Kultur. Da wimmelt es nur so von selbsternannten Propheten, Neuerwachten und Heilsbringern jeder Preisklasse. Das alles ließe sich leicht mit einem Augenzwinkern als Esofolkore hin-, oder besser: annehmen, und dann abhaken. Es lohnt sich aber, den Mustern darin näher auf die Spur zu kommen, denn sie verhindern all zu oft, dass wir wirklich weiter kommen.

Der kleine Bruder der Arroganz

Auf Arroganz lässt sich leicht mir dem Finger zeigen. Wenn wir die Augen auf machen, ist sie unübersehbar. Aber warum nur scharen sich so viele Fans um diejenigen, die von sich selbst so unerschütterlich überzeugt sind und sich mit ihrer weisen Aura geschickt in Szene setzen? Worin liegt diese enorme Anziehungskraft? Arroganz hat einen kleinen, weniger auffälligen Bruder, der sie gerne bewundert: Regression. Wenn wir beide im Zusammenhang sehen, wird einiges, was wir in der spirituellen Szene beobachten können, leichter verständlich und einfühlbar. Was diese Geschwister verbindet: Sie schauen ungern über den Familienzaun der eigenen Überzeugungen und bleiben dadurch für diese blind.

Hochstapelei als Institution

Stars und Groupies gehören zusammen wie Gurus und Jünger

»Arroganz ist eine Krankheit, die in der heutigen Gesellschaft sehr weit verbreitet ist. Der Befallene hat ständig das Bedürfnis den Mitmenschen zu zeigen, wie toll er ist und merkt nicht, dass das gar niemanden interessiert.« Diese Definition bei stupidedia.org trifft nur auf einfältige Arroganz zu. Der ambitioniert Arrogante gibt nicht auf, bis er einen Fanclub um sich geschart hat. Dieses Phänomen gilt natürlich nicht nur in der Esoterikszene. Stars und Groupies gehören zusammen wie Gurus und Jünger. In der Unterhaltungsbranche sind die Mechanismen des schönen Scheins allerdings offensichtlich und können als Gesellschaftsspiel durchgehen. In der Politik werden sie schon ernster, mit zuweilen bitteren bis fatalen Folgen. In Religionen wird Hochstapelei regelmäßig zur Institution. Sie wird hinter Ritualen getarnt und mit Dogmen legitimiert. Trotzdem kaufen beispielsweise viele Katholiken ihrem Oberhaupt seine Unfehlbarkeit kaum noch ab.
In der spirituellen Szene sind die gleichen Mechanismen am Werk, allerdings nicht immer so offensichtlich. Auch hier finden Hirten und Schafe gerne zusammen. Dabei bleiben nicht nur die Schafe weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Regression

Regression ist ein zeitweiliger Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe in der Persönlichkeitsentwicklung mit einfacheren, primitiveren Reaktionen und in der Regel auch niedrigerem Anspruchsniveau. Ein typisches regressives Verhaltensmuster ist es, andere zu idealisieren. So sucht jemand, der auf niederem Niveau unterwegs ist, gerne einen, der sich schon weiter fühlt. In der Psychologie heißen solche doppelblinden Konstellationen Kollusion. Sie bilden ein perfektes Team. Auf der Strecke bleibt das Bewusstsein für das, was hier eigentlich geschieht. Das hat eine gewisse Tragik, denn Bewusstsein ist ja das, worum es in spiritueller Entwicklung letztlich geht. Warum sind wir dann gerade auch in unserer spirituellen Entwicklung so anfällig für den Rückfall auf primitivere Stufen?
Es mag manchem ziemlich arrogant vorkommen, wenn ich hier so pauschal eine ganze Szene der Regression bezichtige. Starker Tobak. Sind denn alle, die auf dem spirituellen Marktplatz ihre Weisheit und ihr Mitgefühl anbieten und dabei dankbare Abnehmer finden, Hochstapler? Sind alle, die deren Dienste gerne in Anspruch nehmen, einfältige Schafe? Nein. Meister und Jünger, Lehrerin und Schüler, Therapeut und Klientin können wichtige und wertvolle Beziehungen bilden. Aber Regression ist in Beziehungen mit Statusdifferenz immer mit im Spiel. Es geht nicht darum, sie zu meiden oder zu verurteilen. Dies wäre selbst eine Form von Regression und würde dazu führen, sie nur besser zu tarnen.

Groß tun, sich klein fühlen

Die kleine Schwester der Arroganz
Foto: Pixelio.de, A.-L. Ramm

Regression und die daraus resultierenden Projektionen sind ganz normal und alltäglich. Ich regrediere jeden Tag, meine Partnerin kann das bezeugen. Und auch ich biete meine Dienste auf dem spirituellen Markt an, finde dankbare Abnehmer und bin sehr froh darüber. Aber damit ist das Thema nicht erledigt.
Ich kenne niemanden, der nicht hin und wieder regrediert. Ich finde das weder ehrenrührig noch problematisch. Regression kann uns allerdings eine Menge Probleme bereiten – wie wir das wahrscheinlich alle aus unseren nahen Beziehungen kennen. Die Probleme entstehen aber regelmäßig daraus, dass wir uns der Regression nicht bewusst sind, und groß tun, obwohl wir uns klein fühlen, oder umgekehrt. Mit diesem Text möchte ich dazu beitragen, uns der regressiven Anteile spiritueller Moden und Gewohnheiten bewusster zu werden.

Rollenwechsel

Ab einem bestimmten Status scheint kein Rücktritt mehr möglich, nicht nur beim Papst

Lernen geschieht oft so, dass einer vom andern beigebracht bekommt, was dieser schon kann oder weiß, jener jedoch nicht. Die Rollen wechseln jedoch ganz natürlich, insoweit wir das jeweils zulassen. Dann lernen auch Eltern von ihren Kindern und Lehrer von ihren Schülern. In der spirituellen Szene scheinen mir jedoch auffällig oft die Rollen fixiert zu sein. Ab einem bestimmten Status scheint kein Rücktritt mehr möglich, nicht nur beim Papst. Die Rolle des Erleuchteten, der davon überzeugt ist, in der absoluten Wahrheit angekommen zu sein, geriet inzwischen schon so manchem zum Gefängnis. Es häufen sich inzwischen die Berichte über »Unerleuchtungen«. Einige Betroffene behaupten, dass die eigentliche innere Reise erst nach der Erleuchtung begänne, was mir wie ein Versuch vorkommt, die eigene »Unerleuchtung« ohne Gesichtsverlust einzuräumen.

Asymmetrische Beziehungen

Das asymmetrische Setting, wo die beiden Partner in einer Beziehung auf sehr verschiedenen Stufen ihrer Entwicklung sind, hat in der menschlichen Bewusstseinsentwicklung durchaus seinen Wert. Es aktiviert aber, ob wir das wollen oder nicht, Regressionen in alle die inneren Zustände, in denen unsere kindlichen Bedürfnisse und deren Abwehrmuster nicht voll integriert sind. Das heißt, entweder überfluten sie unser Bewusstsein, oder sie werden abgespalten. Es gibt eine ganze Reihe Bewusstseinszustände, die nicht als das gesehen werden, was sie sind: Regressionen im Mantel fortgeschrittener Spiritualität. Sie äußern sich in typischen Botschaften, die so attraktiv klingen, dass wir ihren regressiven Charakter gerne übersehen. Dieser wird jedoch offensichtlich, sobald wir uns die entsprechende Botschaft im Kontext einer symmetrischen Beziehung vorstellen. Kaum jemand würde sie einem Menschen auf Augenhöhe abkaufen. Dafür müssen wir schon den Sender der Botschaft mit besonderer Autorität ausstatten, ihn sozusagen auf den Sockel stellen. Dann können wir an alles glauben, wenn wir nur wollen.

Regressive Leitsätze

Die kleine Schwester der Arroganz
Foto: Pixelio.de, Tokamuwi

Ich möchte anhand einiger typischer und beliebter spiritueller Leitsätze (es gibt sie alle auch als Buchtitel) näher beleuchten, wovon hier konkret die Rede ist:

  1. »Wünsch es dir einfach!« Was wir quengelnden Kindern gerne empfehlen, wenn es auf Weihnachen zugeht, das findet auch höchsten Zuspruch in der Esoterikszene. Ob als Bestellung beim Universum oder als millionenfach veröffentlichtes »Secret«, das Resonanzgesetz wird vermarktet, indem es sehr vereinfacht den kindlich-magischen Wunderglauben bedient. Da bekommen auch viele erwachsene Kinder wieder glänzende Augen, so wie damals beim Ausfüllen der Wunschliste fürs Christkind.
  2. »Sei einfach du selbst!« Dass es sich bei diesem Imperativ um eine paradoxe, unerfüllbare Aufforderung handelt, hat Paul Watzlawik schon vor Jahrzehnten in seinem Kultbuch »Anleitung zum Unglücklichsein« entschlüsselt. Das stört aber kaum jemanden, der Satz wird geradezu inflationär angewandt. Klingt es doch zu attraktiv, dass wir nur auf uns selbst hören müssen und dann gar nicht mehr daneben liegen können – ein Allheilmittel! Dass wir diese Maxime auch benutzen, um uns alles, was uns nicht in den Kram passt, elegant mit einem »Das stimmt jetzt nicht für mich« vom Leibe zu halten, das blenden wir gerne aus.
  3. »Erfüllung jetzt!« Für Neugeborene gibt es kein Gestern und kein Morgen. Wenn sie Hunger haben oder etwas weh tut, dann schreien sie solange, bis sie bekommen, was sie brauchen. Sie lassen sich nicht vertrösten. Sie leben ganz im Hier und Jetzt. Folgt man manchem spirituellen Lehrmeister, dann wären Kinder damit schon am Ziel ihrer spirituellen Entwicklung. Warum sollen wir Verluste in der Vergangenheit betrauern, warum Mühen für die Zukunft auf uns nehmen, wenn es beides gar nicht gibt? Es gibt immer mehr Erwachsene, die in fortgeschrittenem Alter tatsächlich das Bewusstsein von Vergangenheit und Zukunft wieder verlieren. Im klinischen Alltag spricht man dann allerdings weniger von Erleuchtung als von Demenz.
  4. »Alles ist gut!« Das Leben so anzunehmen, wie es ist, ist eine spirituelle Kernkompetenz, die leider oft verwechselt wird mit Beschönigung, Wahl- und Kritiklosigkeit. »Ich bekomme zwar nicht immer, was ich will, aber immer, was ich brauche!« oder »Es ist immer für alles gesorgt!« sind ähnlich beliebte Botschaften, die uns tiefen inneren Frieden schenken können. Was aber, wenn Unfrieden unseren engagierten Einsatz verlangt, damit wieder für Frieden gesorgt ist, Gott also eben gerade durch unsere Sensibilität für Unfrieden für Frieden sorgt? Es ist verführerisch, uns an dieser Möglichkeit vorbei zu mogeln und unsere persönliche Verantwortung abzuwehren.

Das innere Kind

Die kleine Schwester der Arroganz
Foto: Pixelio.de, Pariah083

Für jede dieser spirituellen Wahrheiten und ihre Varianten lassen sich prominente Vertreter finden, viele sind Titel von Bestsellern. Können wir so daneben liegen, wenn wir daran glauben? Wenn wir auf unseren Bauch hören, auf unsere innere Stimme, dann wissen wir auch, dass an all dem etwas Wahres dran ist. Doch wer macht sich schon die Mühe, darin den wahren Kern herauszuschälen und die um diesen Kern herum gewachsenen Illusionen zu durchschauen und zu verabschieden? Unser inneres Kind kann davon traurig oder auch richtig wütend werden. Das innere Kind – eine Metapher für kindliche Erlebniswelten, die noch nicht vollständig in unser Bewusstsein integriert sind – möchte nämlich allzu gerne

  • sich alles wünschen und an die grenzenlose Erfüllung seiner Wünsche glauben.
  • einfach das machen, wozu es gerade Lust hat, und Gebote und Verbote von Mama, Papa und weiteren Autoritäten komplett ignorieren und dennoch von ihnen geliebt werden.
  • ganz im Hier und Jetzt aufgehen und keinerlei Verpflichtungen nachgehen, die aus einem Vorher oder Nachher resultieren könnten.
  • sich keine Gedanken darüber machen müssen, was in seinem Leben vielleicht suboptimal läuft und wie das zu ändern wäre.

Ein Kind, das auf Dauer auf diesen Bewusstseinsebenen verharrt, hört auf zu wachsen und zu reifen. Es lebt in einem Pseudoglück wie in einem Kokon. Dieser ist dem goldenen Palast vergleichbar, in dem Siddartha Gautama, der spätere Buddha, seine Kindheit und Jugend verbringt (bevor er ihn verlässt und das Elend der Welt zu Gesicht bekommt). Genauso ergeht es uns in unserer spirituellen Entwicklung, wenn wir uns mit verführerischen Fastfood-Wahrheiten vollstopfen. Sage mir, dass die Entwicklung des Bewusstseins einfach, mühe- und schmerzlos geschehen kann, und ich preise dich ob deiner Klarheit! Sage mir, dass ich ohne großen Aufwand alles erreichen kann, und ich erkenne in dir meinen Meister!

In Watte gepackt

Spirituelle Wahrheiten können sich durchaus gut anfühlen, so wie ein Kind sich gut fühlt, wenn die Windeln schön flauschig sind

Dabei ist aber kaum etwas wirklich klar, und gemeistert haben wir auch noch nichts. Bequem wäre der passendere Ausdruck, in Watte gepackt würde es auch treffen. Beides kann sich durchaus wohlig anfühlen, so wie ein Kind sich fühlt, wenn die Windeln schön flauschig sind. Wie schön wäre es, wenn spirituelle Transformation uns von den seligen Erfahrungen früher Kindheit oder sogar aus dem Uterus direkt in den Schoß eines allliebenden Universums überführen könnte! Die Theorien, die solches suggerieren, klingen teilweise sehr anspruchsvoll und benutzen Vokabeln wie Quanten, transpersonal oder Verwirklichung. Das klingt alles sehr erwachsen, bedient sich jedoch allzu oft kindlicher Bedürfnisse. Daran ist, wie gesagt, an sich nichts Verwerfliches. Es bleibt nur eben meist unbewusst. Und nicht nur das: Diese »Wahrheiten« bilden zuweilen ein regelrechtes Bollwerk gegen die bewusste Wahrnehmung dessen, was ist.

Die süße Seligkeit des No-Mind

Für solche Bollwerke eignen sich besonders gut asymmetrische Beziehungen. Autoritäre Strukturen, die sonst in der Gesellschaft immer weniger Akzeptanz erfahren, die als kulturelle Dinosaurier ihrem baldigen Aussterben entgegen sehen, in der spirituellen Szene finden sie erstaunlichen Anklang. Frontalunterricht vor hunderten von Schülern? In der Pädagogik längst out, in der Esoterikszene noch immer standard. Doch damit nicht genug. Der spirituelle Lehrer wird auf einer geschmückten Bühne inthronisiert und empfängt gütig, nein nicht den armen Sünder, aber doch den im Nebel seines Verstandes herumirrenden Suchenden, der dankbar die klärenden Worte des Weisen entgegennimmt, auch wenn er sie nicht versteht. Es reicht, dass es sich gut anfühlt und dass die Frage, die eben noch so dringlich schien, zwar nicht beantwortet wurde, aber jetzt doch so vollkommen irrelevant erscheint, dass dies einem spirituellen Durchbruch gleichkommt, ja kommen muss. Wie sonst ließe sie sich erklären, die süße Seligkeit des No-Mind?

Das große Glück

Spirituelle Moden kommen und gehen, manche Strukturen kehren jedoch wieder: das große Glück, das vollständige Erwachen, die Verwirklichung deines wahren Wesens, der Anschluss an das universelle Quantenfeld... solche Verheißungen zielen oft auf regressive Bedürfnisse, auf die unreif zurück gebliebenen Teile unserer Kinderseele, deren zuweilen mühevolle Weiterentwicklung in unserer eigenen Obhut und Verantwortung weitaus weniger verlockend erscheint als die Hoffnung, mit einem großen Quantensprung von allem irdischen Elend befreit zu sein.
Es ist kein Zufall, dass asymmetrische Beziehungen hier eine Hauptrolle spielen. Es sind die ungelösten asymmetrischen Beziehungen aus der Kindheit, meistens mit Mutter und Vater, die ein sehnsüchtiges Kind in uns hinterlassen, das sich eine ideale Mama oder einen idealen Papa herbeisehnt, so wie er oder sie eigentlich hätte sein sollen. Das innere Kind verdient alles Mitgefühl und jede Unterstützung für seine Sehnsucht. Es kann, ja, es darf sie nicht aufgeben. Es braucht aber unser erwachsenes Bewusstsein, das dem inneren Kind vermittelt, wie es seine Sehnsucht als inneren Kompass wertschätzen kann. Anstatt auf die wundersame Erfüllung von außen zu warten oder sie an das Christkind oder einen Guru zu delegieren, kann es seinem Alter entsprechend zunehmend Verantwortung übernehmen und so immer mehr selbst zu dem werden, wonach es sich zutiefst sehnt.

Aufgeklärte Spiritualität

Die kleine Schwester der Arroganz
Foto: Fotolia.com, Silver

Alle die hier angesprochenen und viele weitere kindliche Sehnsüchte sind wichtige und wertvolle Wegweiser. Auch wenn ich sie hier schonungslos ans Licht zerre, so erkenne ich doch ihren tiefen und wahrhaftigen Kern mit großer Ehrfurcht an. Im Unterschied zur regressiven, das Bewusstsein vernebelnden Spiritualität, die uns verführt, Verstand und Verantwortung abzugeben, führt uns eine aufgeklärte, erwachsene Spiritualität jedoch in die Integration unserer Wünsche und deren Hindernisse. Wenn unser Bewusstsein so weit wird, dass Paradoxien darin Platz haben, sind wir gegen allzu flache Instant-Erleuchtungs-Verheißungen gefeit.
Die obigen spirituellen Halbwahrheiten bilden erst nach der Integration ihres jeweiligen Gegenteils eine Ganzheit. Schauen wir sie uns anhand der vier Beispiele noch einmal an:

  1. Wünsch es dir einfach: Wir können uns einfach alles wünschen und die bestmögliche Resonanz zu deren Erfüllung aufbauen, wenn wir zugleich in der Lage sind, unsere Wünsche vollständig loszulassen.
  2. Sei einfach du selbst: Ja, wer sollen wir denn sonst sein? Wir können allerdings das beglückende Gefühl der Authentizität am besten in uns wachrufen, wenn wir uns nicht der Erkenntnis verweigern, dass wir genauso gut auch jeder andere Mensch sein könnten. Je mehr wir uns in jedem anderen Menschen gespiegelt sehen, desto mehr sind wir wirklich wir selbst.
  3. Erfüllung Jetzt: Das ewige Hier und Jetzt ist in der Tat die einzige Zeit, in der wir leben. Doch Vergangenheit und Zukunft existieren, allerdings immer nur hier und jetzt. Sie geben dem Hier und Jetzt seine Tiefe. Als Erwachsene können wir aus der Vergangenheit lernen und unsere Zukunft planen. Wir können uns für eine lebenswerte Perspektive auf unserem wunderbaren Planeten engagieren. Allerdings ist der einzige Moment, in dem wir das tun können: jetzt. Und dieser Moment ist, sobald er diese Tiefendimension integriert, nicht mehr der flüchtige Augenblick, als der er meist erscheint, sondern erfüllender Kontakt zur Ewigkeit.
  4. Alles ist gut: Das muss kein kritikloses Hinnehmen sein. Es kann auch bedeuten zu akzeptieren, dass alles, was ist, seine Gründe hat und vor allem, dass es ist. Was ist, braucht zunächst unser Erkennen – Anerkennen –, dass es existiert (das Gegenteil davon wäre das Ausblenden). Darauf aufbauend können wir unsere Ausrichtung im Leben durchaus ändern. Alles ist für etwas gut und für etwas anderes schlecht. Wenn wir das bezogen auf die aktuelle Situation verstehen, können wir jederzeit eine neue Wahl treffen.

Idealisierung

Frontalunterricht vor hunderten von Schülern? In der Pädagogik out, in der Esoterikszene noch immer Standard

Es gibt ein tiefes Bedürfnis in uns, Menschen zu idealisieren, die sich dazu eignen. Wir könnten auch sagen: Wir alle sind immer noch auf der Suche nach unserem idealen Vater oder unserer idealen Mutter. Doch nicht nur das. Wir sind auch auf der Suche nach der idealen Welt – nach einer Welt, in der wir uns als Kinder zuweilen gewähnt, von der wir zumindest geträumt haben. Diese Welt ist unsere Natur, unser Wesen. Sie gibt uns die Richtung an, sie gibt uns Kraft, ihren Werten entsprechend zu handeln. Es gibt heute viel Unterstützung auf dem spirituellen Markt, diese Welt wieder in uns zu entdecken und damit einen wichtigen Teil von uns selbst zu entdecken.
Diese Welt aber wirklich zu manifestieren und zum Leben zu erwecken, unsere innere und unsere äußere Welt gemeinsam unserer eigenen Natur entsprechend zu gestalten, das verlangt von uns zu wachsen und zu reifen. Es fordert uns heraus, unsere kindlichen Regressionsbedürfnisse wahr- und anzunehmen, ohne ihnen aufzusitzen. Es fordert uns heraus, der Resonanz mancher Verlockung spiritueller Marktschreier auf den Grund zu gehen; sie zuweilen zu genießen und ihnen zuweilen zu entsagen; manchmal auch: enttäuscht zu werden. Wir stellen fest, dass es den idealen Papa und die ideale Mama da draußen nicht gibt. Aber sie beide sind – und waren schon immer – unser innerer Schatz.

Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Seminarleiter mit den Schwerpunkten Liebe, Eros und Bewusstsein. Er ist Heilpraktiker für Körperpsychotherapie und Buchautor (Herzenslust, Herzensfeuer, Leben Lieben und Nicht Wissen). Im Sommer 2010 gründete er die »Schule des Seins«. Sie ging aus seiner mehr als 15-jähringen Tätigkeit im Rahmen des The Art of Being Instituts hervor. www.schule-des-seins.de, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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