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4. Herbstakademie Frankfurt

Details

Herbstakademie
© Mike Kauschke

Kultur der Zukunft

Das diesjährige Thema der »4. Herbstakademie Frankfurt« stellt sich auf kreative Art und Weise den Herausforderungen unserer Zeit. Evolutionär gesinnte Menschen aus dem geistigen Umfeld von Ken Wilber, Andrew Cohen und Rudolf Steiner trafen sich Mitte Oktober in Oberursel im Taunus, um gemeinsam herauszufinden, welche neuen Perspektiven sich bilden, wenn »sich Bewusstsein begegnet«

Gleich beim Betreten des Gartens der »Akademie Gesundes Leben«, unserer Tagungsstätte, habe ich den Eindruck, einen gelungenen Rahmen für die Größe des Themas vorzufinden. Ich treffe hier auf Menschen aller Altersgruppen und bin verblüfft  die Spanne reicht von unter 20 bis circa 80 Jahre.

Ich nehme im lichtdurchfluteten Tagungsraum Platz, der geprägt ist von lebendiger Formensprache, so dass ich mich ermuntert fühle, gleich mit meiner Platznachbarin wie mit einer Bekannten ins Gespräch zu kommen. Ich verspüre eine prickelnde Erwartung, wohl irgendwie die Sehnsucht danach, gemeinsam jene Dimension zu betreten, die das Beste in uns hervorsprudeln lässt: nach dem Spiral Dynamics Modell der Bewusstseinsentwicklung jene »Zweite-Rang« Seinsebene, in der endlich »Mikrokosmos und Sterne eins sind«.

Mitschöpfer sein

Dr. Jens Heisterkamp, Veranstalter und Chefredakteur vom Info3-Verlag, begrüßt uns als erster. Seine, die Akademie einläuternde Perspektive bezüglich Kultur und Zivilisation, formuliert er als eine Zunahme der Komplexität von Bewusstsein. Dass wir es heute bzw. seit der Aufklärung eigentlich mit zwei Seiten von Spiritualität zu tun haben, führt uns Sonja Student, Mitveranstalterin und Vorsitzende der DIA (Die Integrale Akademie) vor Augen. Neben der Erforschung des Inneren, als einer Suche nach Freiheit von der Form, wie es die großen Weisheitstraditionen schon immer gelehrt haben, gibt es auch den schöpferischen Impuls, Fülle in die Welt zu bringen. Und genau dieser evolutionäre Impuls, Mitschöpfer zu sein, ist etwas relativ Neues, das erst mit der Moderne aufkommen konnte und im Sinne von Entwicklung und Potentialentfaltung enorme Bedeutung für die Kultur der Zukunft haben wird. Vor der Aufklärung war Spiritualität immer etwas ganz Persönliches, das man abgeschieden im Kloster oder in der Einöde betrieb, mit dem Ziel, in der Einheit des Seins aufzugehen.

Heute, nachdem uns die Moderne sozusagen vom Staub der Mythen befreit hat, ist es uns überhaupt erst möglich, an Potentialentfaltung und einen Prozess des Werdens zu denken.

Bewusstsein vom Bewusstsein

Wir hier im Saal der Herbstakademie befinden uns, möglicherweise stellvertretend für die Welt, an einem Punkt, an dem wir das Beste aus Tradition, Moderne und Postmoderne herausarbeiten und auch ganz aktiv einen Beitrag an die Welt leisten wollen  für mehr Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Weisheit und Fürsorge, sowie permanent voneinander zu lernen, zu lernen von Traditionen und Kulturen. Jeder dort, wo er sich befindet.

Ein Anfang ist gemacht, indem wir hier in einer Bewusstheit zusammen kommen, die zwischen mythischen Überlieferungen und einer formlosen Art von Spiritualität unterscheiden kann, einer Spiritualität, in der es nicht um herausgehobene Erleuchtungszustände geht, sondern in der sich Bewusstsein begegnet, wie es Dr. Tom Steininger (ebenfalls Mitveranstalter und leitender Redakteur von Enlightennext) so schön sagt: Spiritualität als Bewusstsein vom Bewusstsein. Hier zeigt sich uns bereits eine Stärke der Postmoderne (bzw. der Krise der Moderne): Subjektivität und Innerlichkeit. Wir sind gespannt, was im Laufe dieser drei Tage noch alles passieren wird, wenn sich Bewusstsein begegnet.

Herbstakademie
© Mike Kauschke

Die Traditionen integrieren

Unsere erste Herausforderung auf dieser Tagung besteht darin »die Stimmen von Tradition, Moderne, Postmoderne und Post-Postmoderne aus integraler Sicht« klar zu unterscheiden. Michael Habecker, Autor und Wilber-Kenner, widmet sich dieser Thematik, zusammen mit Matthias Ruff vom Integralen Forum Berlin, in wundervoller Weise.

Vor uns sehen wir einen Gott, der Himmel und Erde erschafft, eine Erde, die zunächst wüst und leer ist und über der, bzw. deren Wasser, Gottes Geist schwebt. Der spricht dann: »Es werde Licht«  und so geschieht es auch. Ein schönes, anschauliches Bild der Tradition zeichnet uns hier die Genesis der Bibel.

Die vorherrschende Bewusstseinsstruktur sagt: »Der Staat bin ich.« Das bedeutet einerseits Stabilität und Tugend als etwas, auf das man sich verlassen kann, andererseits aber auch die Gefahr, dass die darin enthaltenen Untugenden länger ausharren, als es uns lieb ist. Diese Prämoderne, wie sie auch genannt wird, hält darüber hinaus auch echte Schätze für uns bereit, wie z. B. die Erkenntnisse: »Ich und der Vater sind eins«, und »Alle Wesen sind ihrer Natur nach Buddha, so wie Eis eigentlich Wasser ist«.

Anschließend dann, mit der Moderne, zieht ein Denken auf, das diesem traditionellen Loyalitätsempfinden resolut den Rücken kehrt und von nun an die Vernunft an oberste Stelle setzt. Geistesgeschichtlich befinden wir uns in der Renaissance, politisch während der Französischen Revolution und ökonomisch bricht das Industriezeitalter an. Die Schlote qualmen, aber das stört noch niemanden, als erstmals in der Geschichte Technologie und Wissenschaft die Gottesrolle einnehmen. Es fühlt sich ein bisschen so an wie in einem Räderwerk, jedenfalls für die, die Tag ein Tag aus in großen Betrieben schuften. Aber der technische Fortschritt weckt die Hoffnung auf grenzenloses Wirtschaftswachstum und verlockenden Wohlstand. »Ich denke, also bin ich«, lautet die Devise seit Descartes, und die Mentalität des Hinterfragens von allem, was ist, hat ihre Schattenanteile im Schlepptau: Materialismus, Entfremdung, Ausbeutung  um nur einige zu nennen.

Die Postmoderne

Wegen dieser Schattenaspekte, die in modernen Wirtschaftsstrukturen vor sich hin schwelen, ist das Entstehen einer Postmoderne zu einer Art Notwendigkeit geworden. Rund 300 Jahre Moderne erfordern offenbar einiges an Aufarbeitung oder Bewusstmachung der Anteile von Realität, die vernachlässigt wurden. Dekonstruktion, Systemtheorie, Umweltschutz, Gleichberechtigung  und ein Wir taucht auf, das ganz andere Fragen stellt: Wie funktioniert eigentlich Gesellschaft? Wie funktioniert unser Denken? Während die Moderne das Allgemeine beschreibt, sieht die Postmoderne Fülle und Vielfalt. Die Möglichkeit von Synergie, Mischformen und neuen Ideen entstehen. Ein neuer Subjektivismus ist geboren, dessen Schatten wir als einen verstärkten Narzissmus beschreiben können. Als ein weiterer Schwachpunkt der Postmoderne steht der fehlende Wertekonsens im Raum, der unter anderem nicht selten zu diesem unerträglichen Zynismus führt, mit dem uns die Massenmedien zuballern.
Die Antwort auf diese Situation erwarten wir nun mit dem Entstehen der Postpostmoderne. Die Maslowsche Bedürfnispyramide ist bereits am Horizont erschienen und mit ihr die Notwendigkeit, alle vorangegangenen Strukturen für ihren Beitrag an die Gesellschaft und den Menschen zu würdigen. An diesem Punkt endet unser Zeitabriss vorläufig, und mir kommen jetzt die Teilnehmer der Akademie auch irgendwie vollständiger vor.

 

Albert Einstein 1947
© Mike Kauschke

Arbeit in Kleingruppen

Schon gehts weiter und zwar ins erste Evolutions-Cafe. Im Raum hinter dem Vorhang finden wir in Kleingruppen zusammen und sind aufgefordert, einmal genauer zu betrachten, wo wir die traditionellen, modernen und postmodernen Strukturen in unserem Leben erkennen. Wir sind bemüht, der Anregung zu folgen, uns aufeinander zu beziehen, möglichst auf das Gesagte aufzubauen, Interesse am Unbekannten zu entwickeln und weder im rein Persönlichen noch im Intellektuellen stecken zu bleiben.

Der folgende Tag beginnt mit einer angeleiteten Meditation, und obwohl ich etwas verspätet dazu komme, finde ich schließlich in den Raum der Weite und Stille, in dem alles ist und alles sein darf und in dem kleinliche Sorgen und Nöte nicht lange überleben. Ein kraftvoller Wir-Raum war entstanden.

»Neues Denken in der Wirtschaft«

Thema des Vormittages ist »Neues Denken in der Wirtschaft«. Dazu sind eingeladen: Dr. Antje Tönnis, von der Treuhand und GLS Bank, sowie Hilde Weckmann, die das Unternehmen Terra Naturkost in Berlin aufgezogen hat. Im moderierten Dialog erfahren wir von der Unternehmerin, die beachtliche Umsätze erzielt, wie damals alles anfing, sich entwickelte und wuchs und wie sie heute die Spirale der Entwicklung (nach Don Beck) nutzt, um sich in der Auseinandersetzung mit großen Konzernen integral in Bezug zu setzen und nicht mehr wie früher, »einfach nur nichts mit denen zu tun haben will«. Ihr Unternehmen sieht sie als ein Erfahrungsfeld für sich selbst, ihren Umgang mit Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten usw. und für ihren Auftrag, ökologisches Gedankengut im Unternehmensumfeld zu verbreiten. Die Spirale der Entwicklung ermöglicht es ihr, sich verständnisfördernd zu beziehen, auch wenn es mehr Energieaufwand bedeutet.

Die GLS Bank

Gemeinsamer Bezug beider Frauen ist die Bewusstseinsfrage, die gleichzeitig einen Paradigmenwechsel ausdrückt: »Mir geht es besser, wenn es allen besser geht.« Darum geht es auch der GLS Treuhand seit ihrer Gründung 1963. Sie spricht seitdem von Gemeingütern, also Gütern, die allen gehören und von allen genutzt werden können. Die gibts in der Natur in Form von Wiesen, Wasser, Wald, Boden, Licht und Feuer und in der Kultur gibts Parks, Wikipedia, Marktplätze, Vielfalt usw.

Die Treuhand beschäftigt sich unter anderem auch mit dem sogenannten Schenkgeld. Ich sehe eine Parallele zum Volkseigentum der ehemaligen DDR und überlege, warum das eigentlich nicht funktioniert hat. Da höre ich Frau Dr. Tönnis sagen: »& einfach nur sozialisieren hat nicht geklappt. Da braucht es schon mehr.« Die GLS Bank entstand jedenfalls 1973 und ist eine Bank, die nicht spekuliert. Sie investiert nur in Projekte, die einen grundlegenden, gesellschaftlichen Wandel fördern.

Geld und Werte

Was hat also bei bisherigen Versuchen gefehlt? Genau hier setzt auch die Fragestellung für das nächste E-Cafe an: Bringt die Erfahrung des Einsseins etwas, das über ökologisch-wirtschaftliches Denken hinausgeht? Oder anders ausgedrückt: »Was verändert sich im Wirtschaftlichen, wenn der Faktor Bewusstsein berücksichtigt wird?«

In unseren evolutionären Gruppen von 4 bis 7 Menschen geht es vielerorts heiß her, so fällt mir auf, nicht nur an meinem Tisch. Geld erweist sich als heikles Thema, bei dem sehr schnell persönliche Verletztheiten und Ressentiments auftauchen. Wer wird bestimmen, wo es lang geht in Fragen Geld? Trage ich vielleicht eine Geldablehnung in mir, und ist es vielleicht allgemein an der Zeit, von der Verteufelung des kapitalistischen Systems abzulassen? Wie wäre es, sich einzugestehen: Ja wir wollen Macht, um damit etwas zu bewegen?

Gruppe A meldet sich in der anschließenden Integrationsrunde zu Wort und betont, wie wichtig es sei, so zu kommunizieren, dass man niemanden und nichts ablehnt und dafür einfach Vorbild ist. Gruppe B empfindet Bewusstsein selbst als Gemeingut. Meine sowie auch Gruppe D diskutieren das Thema Geld und Werte. Die Frage wird dringlich, wie denn nun Werte, die aus dem Erleben von Bewusstsein entstammen, ihren Weg dorthin finden, wo Menschen in Machtpositionen sitzen. Schließlich ist dort, in den großen Konzernen, die Einflussmöglichkeit am größten. Multiplikatoren heißt das Zauberwort und es fragt sich auch: Wie wäre dabei die Wirkung einer Gruppe, die innerhalb der Bewusstseinsspirale höher lebt? Geld und Schatten wird angesprochen, das Gefühl für größere Zusammenhänge und das Thema fairtrade. Es ist für mich eine Art Wellenbewegung spürbar, die sich zwischen meinem und unserem Bewusstsein und den Strukturen im Außen entlang schlängelt.

Schreib-Performance

Zwischen den Vorträgen und unseren Tischrunden gibt es hinter dem E-Vorhang (E von Evolution) immer wieder eine ungewöhnliche Schreib-Performance mitzuerleben. Obwohl man eigentlich nur Zuschauer ist, fühlt man sich dabei doch irgendwie in den Prozess einer spontanen Schöpfungsdynamik einbezogen. Blitzartig entstehen Formen vor uns, wie aus dem Nichts, über einen Projektor groß an die Wand geworfen. Es herrscht dabei kommentarlose Stille. Was auf den ersten Blick wie ein sinnloses Gekritzel anmutet, bei dem man sich fragt »Was soll das eigentlich«, entpuppt sich als ein spontanes Entstehen von Figuren bzw. Linienwesen, die sich nie wiederholen. Niemand scheint hier Schöpfer zu sein, nicht einmal der Künstler selbst, Axel Malik, der sich dem Impuls der Bewegung völlig hingibt, im Vertrauen darauf, dass irgendetwas diesen Prozess steuert.

Licht am Bildungshimmel

Nachmittags soll nun programmgemäß ein Lichtstreifen am Bildungshimmel erstrahlen. Sonja Student, die nicht nur für die DIA, sondern auch im Bereich der Bildung stark engagiert ist und Dr. Axel Ziemke, Wissenschaftler und Waldorfpädagoge, gehen in einen moderierten Dialog.

Als roten Faden erkenne ich die Entwicklungsperspektive wieder, die sich durch dieses intensive und nicht widerspruchsfreie Gespräch zieht. Es geht um die Herausforderung, die Werte der Tradition, in diesem Kontext die Ordnungskultur, zu sichern und ebenso die Gaben der Moderne und Postmoderne zu unterstützen, wie die Leistungs- und die Beziehungskultur. Dabei stellen sich auch folgende Fragen: Wie soll das Lernen organisiert werden? Welche gemeinschaftlichen Werte werden vermittelt? Mancherorts, so erfahren wir, können Kinder ihre Regeln, wie sie das Wir gestalten wollen, sogar schon selber aufstellen. Das ließe sich doch ausbauen bzw. übernehmen!

Die einzelnen Entwicklungsstufen sollen möglichst auf eine gesunde Art und Weise durchlaufen werden. Wer z.B. die Beziehungskultur nicht gelernt hat, wird es im Leben schwer haben und sein Potential nicht ungehindert entfalten können. Auf der anderen Seite soll die Schule aber auch nicht hauptsächlich dafür da ein, dass es den Kindern dort »gut geht«, sie aber nichts mehr lernen und leisten. Dann wären sie unterfordert und werden auch als Erwachsene nicht viel leisten.

Die Schule der Zukunft

Wir nähern uns hiermit der Frage für das nächste E-Cafe: Wie sieht die Schule der Zukunft unter Berücksichtigung der Wertethematik aus? Es ist nicht unbedingt mein Thema, aber ich habe den Eindruck, hierbei richtig viel zu lernen. Zwei Lehrerinnen sitzen am meinem E-Tisch, und in der Integrationsrunde geben weitere, unerwartet viele Teilnehmer(innen), ihr Lehrerdasein kund. Die wichtigsten Erkenntnisse unserer Evolutionsgruppen versuche ich einmal so zusammen zu fassen:

1) Das Loch der Modernen stopfen, indem das Innere, das Wesen wieder Beachtung findet.

2) Weiterhin wird das Soziale gegenüber der Vermittlung von Fachwissen als wichtiger betrachtet. Fachlehrer sind aufgefordert, fachübergreifende Bezüge herzustellen, wie z. B. Singen, Rezitieren, Achtsamkeitsübungen usw. mit einem Lehrer, der gleichzeitig Künstler ist.

3) Die Talente der Kinder sollen früh gesehen und gefördert werden. Grundsätzlich aber sollte der Lehrer vor allem Mensch sein, da es nach Axel Ziemke nur eines gäbe, das Schüler einem Lehrer nicht verzeihen und das sei, wenn der Lehrer sich nicht weiter entwickelt und wenn das Kind sich nicht mehr geliebt fühlt. Ein Lehrer, der sich hingegen selbst als Entwicklungsprozess empfindet, inspiriert die Kinder und ist eine natürliche Autorität.

4) Lehrer und insbesondere Schulleiter sollten ein gewisses Verständnis von den Entwicklungsstufen haben, um zu verstehen, wo Schüler und Lehrer stehen und wie das Ganze am besten arrangiert werden kann.

Eurythmie Performance

Es war ein aufregender und diskussionsreicher Tag und am Abend ist es mir zumindest sehr lieb, einfach nur passiver Zuschauer zu sein und die Bühne Welt in mich einzulassen. Sebastian Gronbach, Info3 Redakteur und Buchautor, zusammen mit Christi Heisterkamp entführen uns durch Sprache, Musik und Tanz in eine Eurythmie Performance. Worte mit einem mir neuen Rhythmusgefühl, farbige Tücher, die nach und nach umgeschlagen werden und einer Christi, die zu bekannten Melodien tanzte, offenbarten die Stufen der Entwicklung so vor mir und in mir, dass ich jede in ihrer Besonderheit und mit einer Art Mitgefühl wiedererkennen konnte. Wir reisten auf einem fliegenden Teppich durch Spiral Dynamics, von einem Ort zum anderen und begegneten dort den Verkörperungen der einzelnen Entwicklungsstufen. Texte von Rudolph Steiner, Ken Wilber und Andrew Cohen waren kunstvoll darin eingeflochten. Cohens Worte erkannte ich wegen des evolutionären Impulses sofort, als der Chor sie wie aus dem Off, aber eigentlich hinter uns stehend, zitierte.

Für wohl alle Anwesenden eindringlich und teilweise schockierend, war der Übergang von »grün nach gelb«, in das zweite-Rang Bewusstsein. Dort landeten wir plötzlich nicht mehr irgendwo auf dieser Welt, in irgendeiner Zeit, sondern im eigenen Gewissen. Die neue Dimension ging damit auch symbolisch auf und schlug den Bogen zum Highlight dieser Tagung.

In, aber nicht von dieser Welt

Am Abschlusstag gingen Tom Steininger und Sebastian Gronbach zum Thema »Eine neue Spiritualität: In der Welt, aber nicht von der Welt« in den Dialog. Diesen Leitsatz hatte ich aus der Osho Commune gut in Erinnerung und war gespannt, wie er im evolutionären Licht erstrahlen würde. Die Sache mit dem Gewissen scheint der Schlüssel dazu zu sein, eine lebbare und vor allem auch mitteilbare Spiritualität in unserer Gesellschaft wieder zu erlangen, »eine, für die man sich nicht schämen muss«  nicht als Rückfall in prämoderne Formen und den Glauben an einen mythischen Gott, der im Himmel sitzt, sondern als ein Vorwärtsgehen.

Es darf wieder voll und ganz geliebt und gelebt werden, eben, weil wir uns nicht mehr permanent damit identifizieren müssen.

Es darf wieder voll und ganz geliebt und gelebt werden, eben, weil wir uns nicht mehr permanent damit identifizieren müssen. Aus der Nullität (Steiner) kann man besser in die »Fullität« durchstarten. Männer dürfen ihre Herzen öffnen und trotzdem ihr Rückgrad behalten, wie es Sebastian Gronbach frappant ausdrückte. Man darf demnach auch ein Gewissen haben, dem gegenüber, das größer ist als all die Werte, die wir in den Bewusstseinsstufen kennen und schätzen gelernt haben. Es ist die paradoxe Erfahrung von moderner Selbstverantwortlichkeit versus hingebungsvoller Demut einer absoluten Dimension gegenüber.

Hierarchie bedeutet ursprünglich »heilige Ordnung«, erfahre ich bejahend, und »durchstarten« heißt jetzt nicht mehr »stapfen« sondern »heroisch sein« und das, obwohl immer die Möglichkeit besteht, dass es irgendwo schief geht.

Reife Helden

Wir Deutschen sind keine jungen Helden mehr, die mit Eifer und Pioniergeist an die Dinge gehen, wie die Amerikaner, so erfahren wir weiter. Eben weil in unserer Geschichte so dramatisch etwas schiefgegangen ist, können wir auch keine jungen Helden mehr sein. Wir sind radikal enttäuscht von unserer Geschichte. Trotzdem können wir aufstehen und zur Möglichkeit gehen, denn das ist es, was einen Helden ausmacht: aufstehen in der Überzeugung, dass das Ganze kein Fehltritt ist. Wir sind also reife Helden, so könnte man es ausdrücken  das Gegenteil davon wäre, in Ironie zu verfallen.

Von Neo aus dem Film »Matrix« wissen wir, dass er von dem Zeitpunkt an, an dem er die Matrix durchschaut hat, nicht etwa nach Hause geht und einfach nur glücklich ist, sondern trotzdem kämpft, aber nun ganz unbeteiligt. Er kann sich nicht mehr verstecken, denn das Große ist immer da (und sieht ihn und er sieht es), deshalb tut er nun einfach, was zu tun ist. Mir fällt an dieser Stelle der Begriff »Dharma« von den Hindus ein, wie in der Bhagavadgita Gott Krishna dem Fürsten Arjuna Mut zuspricht, gegen seinen persönlichen Wunsch in den Krieg zu ziehen, weil es das sei, was nach dem übergeordneten Plan geschehen soll.

Verbundenheit

In unserem letzten E-Cafe erforschen wir, wie die neue Spiritualität in unserer Kultur aussehen könnte. Oberste Wichtigkeit erhält dabei das, was sich zwischen uns offenbart, diese neue Ebene von Verständigung und Tiefe, eine Verbundenheit, wie sie hier gerade entstanden ist, egal ob im Saal, beim Essen, in den Pausen& Wir haben das zweite Gesicht Gottes erblickt oder zumindest erhascht, den Gott im Du, die Perspektive der zweiten Person. (In der integralen Betrachtung spricht man von drei Phasen oder drei Gesichtern Gottes: Ich, Du, Es.) Sich dem zu stellen, was einem begegnet, schwingt als alles entscheidender Prozess an.

Für wen ist nun aber eigentlich diese neue Kultur? Sonja Student sieht sie alle Menschen umschließen, egal wo die sich befinden. Es gehe dabei um Fürsorge und darum, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass eine gesunde Ausformung einer jeden Entwicklungsstufe stattfinden kann und das schließe auch die natürliche Liebe des Höherentwickelten mit ein zu dem, was weiter unten innerhalb der Spirale wächst. Dieses Phänomen setzt wiederum voraus, dass dieses »Höhere« eine 24 Stunden Avantgarde ist, die permanent darum ringt, sich selber weiter zu entwickeln, im Bewusstsein um das eigene Scheitern, um die eigene Verletzlichkeit und Barmherzigkeit, aber auch wissend, dass die Dinge nicht so solide sind, wie sie erscheinen  eines der wesentlichsten Geschenke der Postmoderne.

Als Abschiedsritual bilden wir einen großen Kreis. Gerade wurde der Wunsch, unser Kraftfeld in den Alltag mitzunehmen, laut, da wurde schon jedem von uns ein Andenken in weißem Passepartout überreicht. Auch ich bekomme eine einmalige Schreib-Figur, die eine bestimmte Vibration von Bewusstsein spiegelt.

 

— Livia Koll

Tom Steininger und Sebastian Gronbach im Gespräch

   
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