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Die zwei Dimensionen der Empathie

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Die zwei Dimensionen der Empathie
© Monika Tugcu pixelio.de

Die Alchemie der urteilsfreien Räume

Marcus v. Schmude, ein weiterer Organisator der Empathie-Tage im ZEGG, stellt die zwei Dimensionen der Empathie vor, und wie sie unsere Realität verwandeln können.

Was ist Verstehen und was ist Wirklichkeit?

Empathie, wie ich sie verstehe, ist wirkliches Verstehen eines anderen Wesens oder meiner selbst. Das heißt: Das Verstehen seiner Wirklichkeit. Dessen, was in ihm wirkt. Was aber ist Verstehen und was ist »wirklich«? Nun, the proof of a pudding is its eating. Mit anderen Worten: Man merkt es am Effekt. An den Ergebnissen des Verständigungs-Versuchs. Wenn ich die intime Wirklichkeit eines Anderen berühre; wenn ich nicht nur mit meinen gewohnten Analyse-Kriterien seine Oberfläche abmesse und beurteile; sondern wenn tatsächliche Verbindung geschieht - dann entstehen mit ziemlicher Sicherheit magische Augenblicke. Buchstäblich: Das Licht geht an.

Der Mensch ist seinem Wesen nach gut

Ein ärgerlicher Störenfried in meiner Nähe, eine hysterische Kuh, ein unsensibler Klotz verwandeln sich plötzlich oder allmählich in fühlende, atmende, sehnsuchtsvolle Mitgeschöpfe. Ich sehe, dass all ihre idiotischen, hässlichen, gewaltsamen Verhaltensweisen vom Durst nach Erfüllung getrieben sind. Vom Hunger nach Glück. Dass ihre verqueren Überlebensstrategien, die ihre Anwesenheit in meinem Mesokosmos zu einer Zumutung machen, das Beste sind, was sie glauben zur Verfügung zu haben, um sich Daseinsberechtigung, Liebe und Anerkennung in dieser Welt zu erwerben. Ich erkenne, dass all das, was ich an ihnen nicht leiden kann, ein verselbständigtes, aus dem Ruder gelaufenes System der Selbsterhaltung ist. Und das gleiche gilt auch für mich selber. Keine Bosheit. Gar nirgends. Irgendwann haben uns unsere Überlebens-Systeme zu irgendeinem Zweck gedient. Nun dienen sie niemandem mehr, aber der Mechanismus läuft weiter. Mit dieser Neuausrichtung des Blickes kann ich keine schlechten Menschen sehen. Auch keine schuldigen. Sie sind lediglich auf herzzerreißende Weise zu Robotern geworden, die sich und anderen auf ihrem Autopilot-Irrflug herzzerreißenden Schaden zufügen. Nichts als eine solche Einsicht kann es gewesen sein, die Ruth Cohn (eine Pionierin der Humanistischen Psychologie) kurz nach dem nationalsozialistischen Gemetzel den Satz aussprechen ließ: »Nach meiner Überzeugung ist der Mensch in seinem Wesen gut«. Eine ungeheuerliche Aussage. Besonders für eine Jüdin wie Ruth Cohn.

Die zwei Dimensionen der Empathie
© Thomas Müller pixelio.de

Wie aber kommen wir da hin?

In dieses post-moralistische neue empathische Paradigma? Zu dieser ganz weltlich erleuchteten Art der Wahr-Nehmung? Ich sehe zwei Hauptpfade. Sie unterscheiden sich, gehen aber auch ineinander über. Wahrscheinlich sind sie wechselseitig notwendige Ergänzungen und Korrektive, um sich nicht in ideologischen Empathiemodellen zu verlieren, die schlimmstenfalls heilsdogmatische Züge annehmen. Die erste Art von empathischer Praxis legt den Akzent auf eine grundlegende mentale Neuausrichtung. Vergessen wir einfach ein paar Wörter - ein paar Wörter und die dazugehörigen Ideen. Vergessen wir sie nur einmal für zehn Minuten, etwa im Angesicht eines Menschen, dessen Verhalten uns zur Weißglut bringt. Streichen wir die Wörter »Gut» und »Böse«. Verzichten wir auf das angeblich unverzichtbare Konzept der Schuld. Und ersetzen wir diese Kategorien durch eine einzige simple Frage:

Warum?

Warum? Die Hinwendung zu dieser Frage - »was bringt diesen Menschen dazu, so zu handeln, wie er handelt? Welche Gefühle und welche Sehnsüchte treiben ihn?« - ist eine Bewusstseins-Revolution. Sie markiert den Austritt aus dem gefrorenen Universum der Urteile und des Besserwissens in das gastliche Land der Mit-Menschlichkeit, des Begreifens und der Neugier, kurz gesagt: der Empathie. Oh, niemand soll glauben, dass es sich hier um ein Kinderspiel handelt! Einige Tausend Jahre Schuld-und-Sühne-Tradition und -Religion lassen sich nicht durch einen einfachen Beschluss auflösen. Diese Revolution braucht Übung. Doch ehrlich gesagt: Der Aufwand lohnt sich. Wegen dieser festlichen Augenblicke nämlich, in denen sich der trennende Nebel zwischen mir und dem Anderen lichtet und es mir dämmert: »Ach so. Deshalb.« Einer der beliebtesten Fallstricke dabei ist, Verstehen mit Gutheißen zu verwechseln. Genau betrachtet sind das sehr verschiedene Dinge. So wie »Gewaltfreiheit« nicht bedeutet, dem Anderen niemals wehzutun (zum Beispiel, indem ich ihm meine Wahrheit zumute), sondern »trotz allem immer wieder in Beziehung zu treten«. Vor Jahren hörte ich den Schüler eines Schülers von Mahatma Gandhi Gewaltfreiheit auf diese Weise definieren.

»Immer wieder in Beziehung treten»

»Immer wieder in Beziehung treten«. Trotz allem. Oder wegen allem: weil wir das letztes Mal noch nicht die Entschlossenheit besaßen, wirklich hinzusehen. Irgendjemand sagte einmal: Wenn wir alles voneinander wüssten, wäre es uns unmöglich, einander zu verachten. Und meine persönliche Erfahrung spricht: So ist es wirklich.

Der menschliche Resonanzraum

Der zweite Hauptweg zur Empathie verläuft anders als der erste nicht im Reich der Sprache. Jedenfalls nicht hauptsächlich. Er ist mehr ein musikalisches Projekt als ein mentales. Es ähnelt dem Mit-Schwingen der Saite eines Instrumentes mit einem angeschlagenen Ton auf einem anderen Instrument. Eher handelt es sich um ein Resonanzphänomen, um eine menschliche Feldüberlagerung, als um ein Abbilden des Zustands von Wesen a in Wesen b. Ich nehme die Musik des anderen (ob von sinfonischer Größe oder als verstörenden Missklang) wahr, indem ich sie in mir selbst zum Klingen bringe, mich mitklingen lasse; indem wir beide uns in diesem Klang-Raum gemeinsam bewegen; oder indem wir ihn sogar gemeinsam erzeugen. Letzteres kann uns bis in diejenige Sorte beglückender, ekstatischer Begegnungen führen, die entstehen, wenn die Grenze zwischen Kommunikation und »Kommunion« überschritten wird. Es ist dann keine Mitteilung mehr, die ein Sender einem Empfänger schickt, sondern ein gemeinsames Erschaffen, eine »Schöpfung«. Im Extremfall kann dabei eine Art mystischer Verschmelzung auftreten; aber seid bitte vorsichtig, wenn Ihr davon Eurem Psychiater berichtet.

Im Irrgarten der Gefühle

Soweit das Ideal. Der Traum. Doch vor die Empathie haben die Götter ja die Emotionen gesetzt (ich verwende das Wort hier absichtlich in einem weiten und nicht scharf abgegrenzten Sinn): Wut. Zorn. Hass. Angst. Panik. Trauer. Verzweiflung. Trotz. »Widerstand«. Schmerz. In gewisser Weise sind diese Seinszustände Hindernisse für »wirkliche« Verbindung, weil sie wie Stoppsignale wirken, wie mit Hochspannung elektrisch geladene Zäune, die den Zugang zu meinem verletzbaren, verletzten Inneren verwehren. Gleichzeitig sind sie jedoch die Königstore zur Verbundenheit. Denn es führt nie zu »echtem« Kontakt mit anderen Menschen, Kollektiven oder Außerirdischen, die gegenwärtige Realität zu überspringen. Und Emotionen sind real. Viele spirituelle Schulen betonen zwar das Gegenteil, dass nämlich (negative) Emotionen im Grunde irrsinnige Phantasiekonstrukte seien. Und auch das ist in gewisser Weise richtig. Zumindest beruhen sie auf Phantasiekonstrukten (zum Beispiel Hass auf der halbbewussten Idee, dass der Andere »schuld« an meinem Liebeskummer hat und dafür bestraft werden sollte.) Auf der Betrachtungsebene der Energiephänomene jedoch sind Emotionen im höchsten Grade wirklich. Und die Erfahrung mit Wandlungsprozessen sagt, dass die beste, wenn nicht einzige Methode, über eine Wirklichkeit hinauszuwachsen, darin liegt, sie zuallererst - anzuerkennen. Sie zu sehen, zu hören, zu spüren. Mit voller Überzeugung zu sagen: »Ja, Du bist da, Gefühl. So ist es.« Das ist die Basis der psychischen Alchemie der Veränderung. Nur so wird in der Seele Blei zu Gold. Alles andere läuft auf pseudo-empathische Scheinheiligkeit hinaus und auf narzisstischen Selbstbetrug (»ich bin über den ganzen Kränkungs- und Wutquatsch längst hinaus! Wow, bin ich empathisch-erhaben!«).

Beginne, wo du stehst

Eine Reise, die nicht genau an dem Ort beginnt, wo wir uns jetzt befinden, kann immer nur eine Phantasiereise bleiben. Und das bedeutet: Wie bescheuert unsere Emotionen, unsere Energiezustände oder Energieblockaden auch sein mögen - ich kann sie niemals ausmerzen. Durch die Hintertür rufen sie schon »Kuckuck! Wieder da! Und doppelt so mächtig! Ätschibätsch!« Ich kann sie nur schmelzen lassen. Indem ich mich ihnen stelle. Indem ich sie dasein lasse. Indem ich mit ihnen bin, so, wie sie jetzt sind. Und dann weiter, Schicht für Schicht. Bis unser Konzert nach richtiger Musik klingt. Doch Achtung: Alle Energieformen in mir sind höchst empfindsam gegenüber den Betrugsversuchen unseres Verstandes. Besonders die am wenigsten geliebten. Die sind nämlich ohnehin schon beleidigt und »im Widerstand«, wie es der oberflächliche Psycho-Jargon zu nennen pflegt. Sie haben Angst vor Auslöschung wie organische Geschöpfe. Wenn ich etwas nur deshalb dasein lasse, um es hinterher umso besser töten zu können, dann wird es mit ziemlicher Gewissheit einen Teufel tun, sich zu transformieren. Es wird nur größeren Überlebenswillen entwickeln. Ein faszinierendes Paradox, nicht wahr: Wir können das Gefangensein in einer Energieform bei uns oder anderen nur dadurch transzendieren, dass wir diese Energieform zumindest einen Moment lang aus ganzem Herzen und ohne Gedanken an ihre spätere Überwindung akzeptieren. Bedingungslos: »So ist es«.

Die vierte Dimension der Empathie

An dieser Stelle verschmilzt Empathie mit Meditation: mit urteilsfreier Präsenz. Ist das jetzt deprimierend, weil übermäßig anspruchsvoll? Müssen wir an solch einem Projekt nicht scheitern, weil es uns hoffnungslos überfordert? Ist es nicht sogar unmöglich, daran nicht zu scheitern, weil das eben genannte Paradoxon gar keine Lösung zulässt? Eine verfahrene Situation. Doch vielleicht ist das Paradoxon ein Koan, das eine Lösung auf bisher unbekannter Ebene freisetzen kann. »Wenn du liebst, lerne durch den Schnee zu laufen, ohne Spuren zu hinterlassen.« Da fällt mir dieser Schüler eines Schülers von Mahatma Gandhi wieder ein. Der hatte noch eine zweite Definition von Gewaltfreiheit im Ärmel - eine noch gewagtere: »Gewaltfreiheit bedeutet zu verstehen, dass der andere ich ist.« Damals, ich war 22, reagierte ich empört, erzürnt und war mir sicher, einen spirituellen Scharlatan entlarvt zu haben: Man denke nur an Neonazis! Neonazis sind zwar andere, aber bitteschön: Sie sind doch wohl nicht ich!

Die irritierende Idee des Nicht-Getrenntseins

Ein paar Jahre später dämmerte mir: Jede Emotion eines Neonazis habe ich im Prinzip auch in mir selbst schon erlebt. Ich unterscheide mich im Wesentlichen von ihm dadurch, dass ich über ein elaborierteres Gefühls-Management verfüge, besser genährt worden bin mit »positiver« Gefühlskost und ein paar mehr Ressourcen habe, in meinem Leben Sinn und Freude zu erzeugen. Aber im Prinzip ist alles, was in ihm ist, auch in mir. Ich bin ihm ähnlicher, als ich geglaubt hatte. Viel ähnlicher. Da war ich zwar bestürzt über die Abgründe in meiner Seele, doch auch zufrieden, den skandalösen Satz nunmehr durchdrungen und verinnerlicht zu haben. Neulich ging mir auf, dass ich mich wiederum geirrt hatte. Der Gewaltfreiheits-Experte hatte das nämlich anders gemeint, als ich in meinem kindlichen Gemüte annahm. Oder zumindest nicht nur so. Vielmehr hatte er sagen wollen, dass der Neonazi - dass der wirklich ich ist! Also: wirklich wirklich. Und ich er. Dass da, von einem höheren oder tieferen Standpunkt aus betrachtet, kein Unterschied ist. Dass die Trennung zwischen uns beiden aus Illusion erbaut ist, eine Hervorbringung meines sich künstlich abtrennenden Geistes. Dass also sozusagen& in bestimmtem Sinn& wenn man es aus einer anderen Perspektive ansieht& er und ich, also wir& also Er-Ich oder Ich-Er& der Neonazi-Ich-Komplex& dass wir beide& natürlich nur aus höherer Warte und nicht in der alltäglichen Wirklichkeit, aber& Allen da draußen einen empathischen Tag!

Marcus v. Schmude

 

Politikwissenschaftler und Philosoph (M.A.), Journalist (u.a. eine Zeit lang Redakteur der ZEIT) und Lektor, Seminarleiter für Tanztheater, Gruppenkommunikation und Kontakt-Meditationen, lebt zurzeit im ZEGG und ist dort Mitorganisator des Pfingstfestivals 2010 »Experiment Empathie«.

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