Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Healing Event zur Bewältigung der NS-Vergangenheit

Details

Healing Event zur Bewältigung der NS-Vergangenheit

Vom Trauma zu einer neuen Kraft der Verantwortung

Ungefähr 55 Millionen Tote, dazu sechs Millionen ermordete Juden. Der Zweite Weltkrieg hat unzählige Narben hinterlassen - nicht zuletzt im kollektiven Unbewussten. Zum vierten Mal fand in Berlin und zeitgleich in Israel unter dem Motto »Wahrheit heilt« ein Healing Event statt. Dort diskutierten und meditierten führende Vertreter der integralen Spiritualität wie Andrew Cohen, Ken Wilber (per Telefon), Thomas Hübl und Tom Steininger vor 900 Besuchern mit Augenzeugen über die Traumata der NS-Vergangenheit und deren Heilung&

Mit unbewegter Mine sitzt er im Rollstuhl und verfolgt den Prozess. Seinen Prozess. John Demjanjuk soll in mindestens 27.900 Fällen während des Nationalsozialismus Beihilfe zum Mord geleistet haben. Eine Zahl, ebenso unvorstellbar und abstrakt wie 55 Millionen. So viele Menschen sind Historikern zufolge dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen.

Thomas Hübl beschäftigt sich in seinen Seminaren und Vorträgen seit Jahren mit der Evolution des menschlichen Bewusstseins. Immer wieder gelangt er in seiner Arbeit an denselben Punkt: »Bei jedem Seminar, das länger als ein Wochenende dauert, taucht irgendwann als ein kollektiver Schatten der Zweite Weltkrieg auf«, sagt Hübl. Abgeschoben in die Tabuzone, tauchen die Schatten plötzlich und unerwartet in Situationen als Kontraktion auf - und hindern daran, den nächsten Schritt zu gehen. Daraus entwickelte Hübl in Kooperation mit der Kamphausen Mediengruppe und der Organisation »Global Awareness« eine Veranstaltung, die sich von der Schuldstarre befreit und einen unverstellten Blick auf eine kollektive Wunde erlaubt: Das jährlich stattfindende »Healing Event«. »Wichtigste Voraussetzung, um die Schichten der Leugnung und Vermeidungsstrategien zu durchdringen und weiterzugehen in der Evolution, ist der Mut, ganz genau hinzuschauen - und den Schmerz zuzulassen«, so Hübl.

 

Healing Event zur Bewältigung der NS-Vergangenheit
Mitveranstalter Thomas Hübl

Geschichtsunterricht auf kolletiver Ebene

Zu einem Geschichtsunterricht der anderen Art haben sich die 900 Menschen am 24. April 2010 also in einem Auditorium der Freien Universität Berlin zusammengefunden - nicht auf Verstandesebene, sondern verbunden mit dem eigenen Innenleben und der Gruppe, die sich mit einer Meditation auf die kollektive Dynamik der damaligen Zeit einstimmt. Welches Bedürfnis hat die Gesellschaft damals für den Nationalsozialismus anfällig gemacht? Was hat der Zweite Weltkrieg mit meinem Leben in der Gegenwart zu tun? Kenne ich diese Energie, wenn Menschen sich auf ein gemeinsames Ziel einschwören, Teil eines größeren Plans werden? Die lustvolle Macht eines Täters, der über fremdes Schicksal frei verfügen kann? Wie gehe ich mit dem Thema Autorität um, und was bedeutet das für meinen spirituellen Weg? Und: Kann so etwas noch einmal passieren? Rasch machten die auftauchenden Fragen klar, in welchem Maße die damaligen Erlebnisse auch 65 Jahre nach Kriegsende noch den Alltag in Deutschland prägen.

Unser Selbst besteht aus geteilten Werten

Einer der Vorreiter einer evolutionären Perspektive, Andrew Cohen, brachte es auf den Punkt: »Unser Selbst besteht aus Kultur, aus geteilten Werten. Wer einen spirituellen Weg gewählt habe, komme folglich um eine Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit nicht herum. »Der hohe Lebens- und Bildungsstandard in der westlichen Welt verführt ohne eine gesunde Angst zur Schläfrigkeit«, meint Cohen weiter. Bei den Deutschen sei das anders. »Durch die Folgen dieser kollektiven Katastrophe gibt es in Deutschland noch immer eine einzigartige Dringlichkeit weiterzugehen.« Zum Aufweichen der Tabustarre gehört ein Blick auf die Wurzeln des Massenphänomens: »Wenn wir den idealistischen, sehnsüchtigen Anteil am Nationalsozialismus nicht sehen, dann werden wir uns vom Schatten nicht befreien können«, sagte Tom Steiniger, Herausgeber der Zeitschrift »EnlightenNext«.

Hitler war ein Symptom seiner Zeit und ihrer Kultur. Seinen Aufstieg hat er unter anderem einer Euphoriewelle zu verdanken, die sich irgendwann verselbständigte, vom Mitgefühl und von der Präsenz abtrennte, pervertierte in ihr negatives Gegenteil. Der Schock darüber ist den Anwesenden deutlich anzumerken: Jemand spricht von der eigenen »Kindheit im Eiskeller«.

Es kommt Bewegung in die Kultur des Schweigens

Das Überwältigstein von Schuld und Weltschmerz kann auch zu einem Sofa werden, das als Entschuldigung dient, uns nicht weiterentwickeln zu müssen

»Die Energie vom Holocaust kann bis heute nicht einfach verschwunden sein. Sie ist in uns - als Schnitt in den Wurzeln«, sagt Hübl. Efrat Sar-Shalom Hanegbi, die die gleichzeitig stattfindende Parallelveranstaltung in Israel mit organisiert hat, gibt ihm recht: »Als Kind hatte ich immer Angst, im nächsten Moment attackiert zu werden«, sagt sie. Um sich sicher zu fühlen, würden viele Israelis versuchen, sich nach außen stark zu geben. »Wir tragen die Verantwortung für unsere Wut und erst, wenn wir unsere Wunde heilen, können wir den Konflikt mit Palästina lösen«, sagt die Israelin.

Mit einem Mal geht es um persönliche Verantwortung. Der Fokus verschiebt sich vom Trauma, das anzuschauen ist, hin zur Verantwortung, die in diesem gegenwärtigen Moment anzunehmen ist, um eine neue, andere Zukunft zu erschaffen. »Das Überwältigstein von Schuld und Weltschmerz kann auch zu einem Sofa werden, das als Entschuldigung dient, uns nicht weiterentwickeln zu müssen«, sagt Hübl. Es geht um Indifferenz - das Gefühl, ja doch nichts ändern zu können an den gegenwärtigen Umständen. Und die Notwendigkeit, in allen Situationen des Lebens ganz anwesend zu sein, achtsam verbunden mit den eigenen Überzeugungen, um einschreiten zu können, wenn Unrecht geschieht. »Die Zukunft ist nicht morgen, sondern jetzt als Potential zwischen uns«, sagt Tom Steininger. »Es gibt einen evolutionären Druck, heute die Dinge anders zu machen, Fehler nicht zu wiederholen.«

1998 kritisierte der Autor Martin Walser die »Instrumentalisierung von Auschwitz« und bezeichnete die ständige Thematisierung des Holocaust als eine »Moralkeule. Damit entfachte er eine erbitterte Auseinandersetzung mit dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis  am Ende waren sich beide einig, dass die angemessene Sprache für den Umgang mit der deutschen Vergangenheit noch nicht gefunden worden war.

Zwölf Jahre später scheint Bewegung in diese »Kultur des Schweigens« gekommen zu sein: Die Generation, die den Zweiten Weltkrieg unmittelbar miterlebt hat, verstirbt nach und nach. Langsam kann der Schatten sich lichten. Veranstaltungen wie das »Healing Event« können dazu einen entscheidenden Beitrag leisten. Indem sie zeigen, dass die deutsche Kultur dabei ist, ein Erinnern zu entwickeln, das über die bloße Andacht hinausgeht. In die Zukunft gerichtet ist. Auf das noch unentfaltete menschliche Potenzial.

Andreas Klatt (Pressesprecher Kamphausen Verlag

Das 4. Healing Event in Berlin

   
© Connection AG 2015