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Das ZEGG-Pfingstfestival auf neuen Wegen

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Empathie in Aktion
Foto: Georg Lohmann

Empathie in Aktion

»Vielleicht ist das größte Hindernis für ein erfülltes, mitmenschliches Leben unsere Neigung zum Bescheidwissen. Wir glauben zu wissen, wer wir sind und wie es geht (oder dass es nicht geht). Wir glauben zu wissen, wie wir selbst und andere sein sollten. Aber was geschieht, wenn wir aufhören zu wissen und beginnen zu fragen?« So lautet der vielversprechende Ansatz, unter dem vom 21. bis 25. Mai das diesjährige Pfingstfestival im ZEGG stattfand. Die ZEGG-Gemeinschaft im Brandenburger Luftkurort Belzig ist für ihre großen Oster-, Pfingst-, Sommer- und Silvestertreffen bekannt, diesen Mai jedoch begab sich das neue Team der vier Bewohner Tatjana Wolf, Teresa Heidegger, Marcus von Schmude und Andreas Duda auf erfrischend unerforschte Pfade. »Experiment Empathie« tauften sie das auf den Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation basierende Festivalprojekt. connection-Autorin Katja Marzahn besuchte das Projekt...

Gefangen in Schuldonien

Alle vier Tage beginnen mit einer locker moderierten Vortragsperformance zum jeweiligen Tagesthema. Über 300 Festivalgäste finden sich auf Stühlen, Matratzen oder in bewegungsfreundlichen Frei-Räumen im riesigen bunten Zirkuszelt ein. Ich bin eine davon. Zur Einführung werden wir in einer kommentierten Theateraufführung mit dem uns wohlbekannten Gesellschaftssystem »Schuldonien konfrontiert: In eindrucksvoller menschlicher Gestalt begegnen uns die Autoritäten von Richtig und Falsch und die Größen unseres darauf basierenden Wertesystems: Schuld, Scham, Lob und Strafe. Ihre Gesten und Kostüme sprechen Bände. Mit verzerrtem Gesicht geistert die Angst durch das Publikum, um sich schließlich neben dem Inneren Richter im Geist des »perfekt angepassten Menschen« einzufinden. Von beiden mit Seilen gefesselt und gegeißelt, weiß dieser vor Selbstvorwürfen weder ein noch aus, während sein Gegenstück, der mit einer wilden Langhaarperücke ausstaffierte »Rebell«, die Menge beschimpft  ein Charakter, der die Schuld ständig im außen sucht. Der dritte Typus Schuldoniens sei gerade nicht anwesend, erklärt Teresa, denn sein Reaktionsmuster sei die Flucht. Alle lachen. Aber die Situation auf der Bühne scheint aussichtslos.

Auf nach Empazien

Doch da nimmt die schwarz vermummte Schuld ihren Schleier ab und stößt eine Abwandlung der eingangs zitierten Frage hervor: »Was geschieht, wenn wir aufhören zu urteilen und beginnen zu fragen?. Es ist plötzlich zauberhaft still im Großzelt. Wir werden aufgefordert, zu diesem Satz eine Weile nach innen zu lauschen. Sanfte Musik erklingt im Hintergrund und ohne zu denken, taucht tatsächlich das Wort Mitgefühl vor meinem inneren Auge auf. Die zuvor unterdrückt am Boden liegende Empathie steigt auf die erhöhte Position der nun verschwundenen Autoritäten. Sie sieht sanft und versöhnlich aus. Wir befinden uns in »Empazien«.  Das Land der Gefühle und Bedürfnisse, in dem die Neugier über die Angst zu siegen vermag und an die Stelle von eingeimpften moralischen Urteilen die Sehnsucht nach wirklichem Verständnis tritt: Was fühle und brauche ich? Was fühlt und braucht der andere?

Ein utopisches Land? Vielleicht. Aber eines, für dass Teresa leidenschaftlich eintritt. Ein Land, dem sie zusammen mit Dutzenden von Mitwirkenden dieses Festival widmen will. Ihr Vortrag bannt, nicht zuletzt, weil er eben nicht von der Utopie, sondern der Wirklichkeit handelt. Eine Wirklichkeit, in der uns zu großer empathischer Eifer ganz schnell wieder in Schuldonien landen lässt. Wer tatsächlich empathisch sein will, ist aufgefordert, uneingeschränkt alles zuzulassen, was da sein will, bei sich und beim andern - auch und gerade die schwierigen und unempathischen Seiten. Denn, wie allen eingefleischten Spiris bekannt vorkommen dürfte: »Im Reich der Psyche stärken wir, was immer wir bekämpfen. Und wir lassen weich werden, was wir willkommen heißen. Seelenwölfe, die da sein dürfen, beißen uns nicht tot« (Markus von Schmude).

Empathie in Aktion
Foto: Georg Lohmann

Gewaltfrei kommunizieren

Und so wird auf dem Festival auch das Schuldonien in uns nicht verdammt und ausgegrenzt, sondern zur offenen Auseinandersetzung eingeladen. Oft geschieht das spielerisch mit viel Humor: Auf den T-Shirts einiger Mitwirkender begegnet uns der Schriftzug »Ich bin schuld.« Und im Refrain einer Liedeinlage werden passend zur Carmen-Melodie je nach Strophe ganz »das Team«, »das ZEGG« oder »die Gäste« für Festival-Missstände verantwortlich gemacht. Die Vision eines einfühlsameren Miteinanders soll hier nicht zusammenhanglos gepredigt, sondern ganz konkret fühl- und erfahrbar gemacht werden. In die Vortragsperformances sind neben originellen Musikdarbietungen immer wieder Wahrnehmungs- und Auflockerungsübungen eingebaut. Alles ist durchdacht und lässt doch, fern von starrer Perfektion, viel Raum für Spontaneität und Improvisation. So entsteht zwischen Moderatoren, Mitwirkenden und dem Publikum nicht selten mustergültige Gewaltfreie Kommunikation à la Marshall Rosenberg. Als bei einigen Zuhörenden einmal mitten im Vortrag der Wunsch nach freier Bewegung an der frischen Luft auftaucht, ist das für Koordinator Marcus kein No-Go, auch wenn es etwas den Rahmen sprengt. Doch er sagt offen »Ich habe Angst, dass ihr dann nicht wiederkommt. Und wir versprechen: »Tun wir aber«  und feiern draußen die Sonne.

Nähe und Aha-Erlebnisse

Verantwortliche und Gäste nehmen das Experiment Empathie offensichtlich ernst  individuelle Bedürfnisse und Gefühle können hier immer wieder frei zum Ausdruck kommen und gelebt werden  auch innerhalb des Programms und ZEGG-Geländes. Das Gesamtkonzept des Festivals spielt mit vielfältigen Angeboten, die wahrgenommen, aber auch zugunsten anderer Bedürfnisse ausgelassen werden können. Mit Anstößen, die jeder in seinem eigenen Tempo und Gusto aufnehmen und verarbeiten kann. Nach Morgenangeboten wie dem Vogelspaziergang oder Meditationen, der vormittäglichen Vortragsperformance und einer halben Stunde Stille vor dem Mittagessen eröffnen am Nachmittag verschiedenste Empathie-Experten Räume der »Vertiefung und des Nachklangs« des jeweiligen Tagesthemas. Über praktische und geistige Techniken oder Mittel wie Bewegung, Stimme, Sprache, Spiel, Tanz und Rhythmus werden wir angeregt, uns wieder mit uns selbst zu verbinden. Der wechselseitige Austausch und das Agieren in der Gruppe schafft Nähe und zusätzliche Aha-Erlebnisse.

Gefühlsräume

So besuche ich einen Wuterforschungs-Workshop von Simone Thalheim und Monika Flörchinger, der die Teilnehmer in Partnerarbeit zu den Wurzeln ihres Ärgers führt. Zuerst tauschen sich alle in Gesprächsrunden über das individuelle Verhältnis zur Wut in ihrem Leben aus. Dann durchlaufen wir einen angeleiteten Prozess, in dem wir den Ärger aus einer erinnerten Situation ungehemmt ausdrücken und zu dem unerfüllten Bedürfnis dahinter vordringen können. Schließlich wird versucht, auch mit den potentiellen Gefühlen und Wünschen der Person, die uns wütend gemacht hat, in Kontakt zu kommen. Einigen von uns gelingt es so trotz der Kürze der Zeit, eine neue Sicht der wutauslösenden Situation zu gewinnen. Ich erkenne beispielsweise, dass mich und mein Objekt des Grolls wahrscheinlich dieselbe Sehnsucht nach Wertschätzung antreibt. - Eine erste Brücke ist gebaut, sowohl meine Wut als auch die Handlungsweise der beteiligten Person werden plötzlich, auch vom Herzen und Körper aus, verstehbar.

In anderen Workshops geht es um die Kunst des Nein-Sagens, den Ausdruck unserer Schatten oder »Kellerkinder«, die physische Erfahrung des Getragen Seins als Quelle der Kraft. Es wird über Partnerschaftskultur mit Kindern und empathisches Mann-Sein nachgedacht oder einfühlsames Zuhören geübt.

Jeden Abend finden sich 4 oder 5 Teilnehmer außerdem in einer festen »Homegroup« zusammen, in der man in einer Art Redestab-Runde präsente Gefühle oder Tageserlebnisse mit den anderen teilen kann.  Was habe ich heute zu feiern und zu bedauern? Gibt es etwas, um das ich bitten möchte? Zum lustvollen Ausleben spontaner Befindlichkeiten laden auch zahlreiche überraschende Gefühlsräume ein: Neben einer Anarchisten- sowie Kuscheloase gibt es einen Platz des Inneren Kindes und der Stille, einen Rauf- und Ringkampfplatz, einen Ärgerplatz und die besonders liebevoll gestaltete Trauerjurte  Orte, die ständig offen stehen und nachmittags von Experten betreut sind. Auf dem herrlich weitläufigen, grünen ZEGG-Gelände lässt es sich zudem gut flanieren, faulenzen und Gespräche führen. Um den zu Pfingsten noch sehr frischen Feuerlöschteich scharen sich Familien und Sonnenanbeter, Nackt- und Nachtbaden sind hier kein Problem. Kinder und Jugendliche können sich in eigenen Campgruppen selbst erfahren.

Geheimnisvolle Potenzial-Pralinen

Auch die Unterbringung und schmackhafte vegetarische Verpflegung, saubere Sanitäranlagen und die gute Organisation des Festivals helfen mir, mich wohlzufühlen. Informationsblätter, Ansagen, Aushänge, ein Treffen für Nachzügler, die Störungszentrale und kommunikations- und hilfsbereite Menschen geben mir ein Gefühl von Sicherheit und Informiertheit. Und wenn all das und mir ganz anders wäre, könnte ich mir einen Empathie-Engel oder Bengel zum Zuhören schnappen oder mir an der eigens dafür eingerichteten Pinnwand Luft machen.

Auf einen dort angepinnten Vorschlag hin wird so zum Beispiel die oben genannte Störungszentrale von den Festivalgästen in Entstörungszentrale umbenannt. Denn auch Feinheiten unserer Sprache können schließlich empathische Akzente setzen. Während der Begriff Störung sich indirekt auf das Negative einer Situation und seinen Urheber konzentriert, stimmt das neue Wort Entstörung alle Beteiligten optimistisch auf die Lösung des Problems ein.

Für das Abendprogramm ist auf dem Pfingstfestival ebenfalls gesorgt: Wer den Tag nicht in der Dorfkneipe oder im Kunst-Café bei einem Drink ausklingen lassen will, kann sich am Samstag auf dem »Tanzabend der inneren Potenziale vergnügen. Hier begegnet uns ein buntes Völkchen ausgefallen verkleideter Leute. Guillotine oder Königsstuhl laden auf der Bühne zum Rollenwechsel ein. Die Requisiten spielen so erneut mit dem Motiv von Autorität und Geächtetem. Richtig spannend wird es aber, als das Tablett mit Pralinen herumgeht. An jedem Leckerli ist nämlich eine Schleife mit einer geheimen Aufforderung befestigt. Impulse wie »Tanze den Gott / die Göttin in dir!« oder »Sprich jemanden an, bei dem du es dir sonst nicht trauen würdest!« sollen uns aus der Defensive locken. Die Musik passt und merkwürdigerweise auch der Spruch, den ich ziehe. Ich lasse es mir nicht zweimal sagen und »tanze meine Wut«. Die zweite, süße Anregung vom Tablett ist als Startschuss gedacht gegen alles zu Zaghafte, für das brennend Ungelebte in uns - was auch immer es sei. »Mach es einfach!«, steht auf meinem Zettelchen. Na gut! Ich gebe mir einen Ruck und traue mich, sinnliche Bauchtanzbewegungen zu tanzen. Nehme erst schüchtern, dann lebendiger, in der wogenden Menge Kontakt auf mit Männern und Frauen, die ich nicht kenne, aber nun kennenlerne - im Tanz! Die Aula ist zum Brechen voll, alles vibriert, auch in mir. Ohne einen Tropfen Alkohol fühle ich mich gekickt: von der Gemeinschaft und den geheimnisvollen Potenzial-Pralinen! Und doch kann ich einfach schlafen gehen, als ich nach etwa zwei Stunden alles aus mir herausgetanzt habe. Eine tolle Einstimmung auf das Motto des nächsten Tages: »Empathie für mich selbst.«

Der liebevolle innere Beobachter

Eine Tanzperformance zu verstörenden Klängen eröffnet das Thema äußerst eindringlich: Die Tänzerin wird von den Eindrücken und Erfordernissen des Lebens hin und hergeworfen, von Selbstzweifeln und -bezichtigungen buchstäblich zerrissen. - Unser Innerer Richter ist stark, dabei haben wir doch nur das Bedürfnis, so geliebt zu werden, wie wir sind. Durch das um diesen Widerspruch kreisende Vormittagsprogramm begleitet uns die heutige Moderatorin Tatjana auf herzerfrischende Weise. Sie wendet, zum Teil urkomisch, die Köllschen Gesetze des Karnevals auf die Ereignisse im Großzelt an. Artikel 1 des Köllschen Grundgesetzes »Et es wie et es (Es ist, wie es ist)« spielt dabei eine besondere Rolle. Am Anfang berichten wir einem anderen Festivalbesucher von dem persönlichen Schuldonien, wie es sich auf die eine oder andere Weise wohl hinter jeder Stirn entfaltet: Wofür verurteile und tadele ich mich gerade wieder? Was darf so nicht sein? Am Ende stellen wir diesem Inneren Richter einen liebevollen Inneren Beobachter gegenüber, der vertrauensvoll einfach alles da sein lässt, was da sein will und damit Selbstachtung schafft.

Dazwischen stehen wieder verschiedene reizvolle Rede- und Musikbeiträge: Ein Plädoyer für die Annahme von Schmerz und Traurigkeit ohne Beschwichtigungen: »Ja, es ist schlimm!«, das urplötzlich meine eigene Trauer über den Tod meines Vaters wieder hervorlockt. Ein extrem witziger und umjubelter Song über die Selbstliebe: »Ich liebe mich  gelegentlich« ... »denn ich bin immer für mich da«. Gemeinschaftliches Singen und Tanzen. Und eine weitere Vorstellungsübung mit Partner, aus der wir beide mit der gleichen Erkenntnis hinausgehen: Wenn ich weder über mich noch über andere urteile, fühlt sich die Welt um mich rum plötzlich völlig frei, leicht und weich an statt feindlich. Es gibt kein Problem - und wenn es eins gebe, könnte ich es lösen, um etwas bitten, mich an jemanden wenden.

Verschmelzung von Inhalt und Form

Dieses neue, sehr gelassene Gefühl hat sich im Laufe der Vortragsperformance auch auf die Atmosphäre im Festzelt übertragen: »Inhalt und Form« des Festivals sind in den Augen von Mitorganisator Andreas verschmolzen. Was auf der Internetseite zur Beschreibung des Experiments Empathie steht, wird tatsächlich greifbar: »Nicht nur ist die Welt nicht, wie sie uns erscheint. Sie könnte auch ganz anders sein.« (Robert Jungk) Ob im Zirkuszelt, Workshop, auf der Tanzfläche oder in den Begegnungen zwischen Campus, Zeltdorf, Waschräumen und Essensbänken: Überall auf dem Festival fühle ich mich von Herzlichkeit, Offenheit und Humor getragen. In einem Gespräch beim Mittagessen dringen mein Übungspartner aus dem Zelt und ich erstaunlich schnell zum Kern ähnlicher Erfahrungen vor. - Ein Austausch zwischen gerade noch Fremden, der mit einer Umarmung endet. Und dabei fand ich es bei meiner Ankunft noch seltsam, wie sich auf dem ZEGG-Gelände ständig Leute in den Armen liegen! Jetzt wiege ich mich sogar in mir selbst. Versöhnlich kann ich in einen auf der Wiese aufgestellten Spiegel sehen und dem darauf angebrachten Wortlaut glauben: »Wenn du in diesen Spiegel schaust und du findest dich nicht schön, hast du nicht richtig geschaut.«

Von Schuldonien nach Empazien

Wieder warten spannende Workshops von Klangarbeit bis zur Clownserfahrung auf den Besucher. Aber ich folge einem inneren Impuls zum Malen ins Atelier und in die »Trauerjurte«, wo ich neben zwei anderen Gästen einfach so weinen, reden, ruhen kann und in meiner Traurigkeit gefühlvoll aufgefangen werde. Im Rahmen des Empathie-Festivals fällt es mir leicht, mich zu fragen: Was brauche ich gerade? Was ist in mir los?

Schade, dass ich heute schon wieder abfahre. So verpasse ich nicht nur zwei weitere Thementage mit Vortragsperformance und Vertiefung, sondern auch den abendlichen »Blind und Silent Klang- und Erfahrungsraum«, das geplante Wertschätzungsfest und den Abschlussabend mit »Ritual und Celebration.« Aber auch schon die kurze Teilnahme hat in mir deutliche Spuren hinterlassen. Der erste Schritt auf dem steinigen Weg von Schuldonien nach Empazien scheint getan. Und ich wünsche mir, dass das Experiment weitergeht! Bei hoffentlich einem weiteren Empathie-Festival. Aber, denn genau darum geht es: Auch im Hier und Jetzt. In meinem Alltag, bei mir zu Hause. Weil ich nach den Pfingsttagen im ZEGG tatsächlich wieder mehr in mir zu Hause bin. Und damit lässt es sich gut meinen Mitmenschen und dem Leben gegenübertreten.

Katja Marzahn

   
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