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Gemeinschaft Ökodorf Süd

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Gemeinschaft Ökodorf Süd

Aufbruchstimmung im Süden

Gerade in den Zeiten zugespitzter Krisen gewinnen Versuche an Bedeutung, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen und neue Wege zu beschreiten. In der Nähe von München haben sich mehr als 50 Aktive und Interessierte zusammengeschlossen um ein »Ökodorf Süd« aufzubauen. Geseko von Lüpke und Wolfgang Sechser berichten über die Ziele und Erfahrungen der entstehenden Gemeinschaft.

Es war im Juli 2007 an einem heißen Sommertag in München, dem wohl einzigen Platz in der Bundesrepublik, wo noch verwundert geschaut wird, wenn die Rede auf Gemeinschaften kommt. Acht Personen waren zusammengekommen, um den Versuch zu machen, gemeinsam so an einer Vision zu weben, dass daraus ein Teppich wird, der alle in eine andere Zukunft trägt. Denn wer da zusammen saß, waren keine Weltflüchtlinge oder Aussteiger, sondern ziemlich erfahrene Menschen aus der Zivilgesellschaft, aus Unternehmen und aus dem ganz normalen Leben. Sie fanden sich zusammen als Menschen vielfacher innerer Ausrichtung. Alles Menschen, die ihr Potential entwickeln und Angst in Vertrauen verwandeln wollen. Die gemeinsam Sinn stiften wollen für sich und andere und das Leben nicht über sich hinwegrollen, sondern durch ein soziales Beziehungsnetz erfahrbar machen und selbst gestalten wollen. Da gab es auch unüberhörbar den inneren Ruf, unseren Kindern eine Welt zu erbauen, in der sie sich entfalten können. Wir hatten uns gefunden, nahmen uns gegenseitig ernst und an – und begannen auch ohne Grund und Boden zu arbeiten.

Unsere Vision

Das erste, was entstand, war eine gemeinsame Vision, die an vielen Abenden und Wochenenden gemeinsam durchfühlt, diskutiert und aufgeschrieben wurde. Die Vision eines anderen Lebens: Im Zentrum der vielen Ideen, die da zusammenkamen – eine autonome Versorgung über eine eigene Landwirtschaft und Gärtnerei, gemeinsamem Leben und Arbeiten, Plätzen für starke und schwache Kinder, einer vielfältigen Spiritualität, Generationsübergreifendem Wohnen, regenerativer Energieversorgung, Kreativität und Kunst – stand ganz ausdrücklich auch ein neuer ökonomischer Ansatz. Hier sollte eine Gemeinschaft entstehen, die sich nicht von Staat und Banken abhängig machten wollte und dann gemeinsam mit den ‚sozialen Sicherungssystemen’ untergehen wird.

Woran wir heute planen, ist eine ‚Ökonomie des Herzens mit eigenen Unternehmen und Akademien, sozialen Einrichtungen, einem Modell für rüstige Alte und einem Gesundheitszentrum, mit Hospiz und Geburtshaus, einer Lebensschule, einem Lebenshaus für Hilfe suchende Menschen. Haus an Haus mit Seminarbetrieb, Kunsthandwerk und Dienstleistungen, Umweltunternehmen und Handwerksbetrieben. Neben eigen initiierten Firmen soll auch mit Einkommensgemeinschaften, Gesundheits-Fonds und genossenschaftlichen Unternehmensformen experimentiert werden. Angestrebt werden auch gemeinsame Grundeinkommen, Zeitbankmodelle und ein eigener Wohlstandsfond. Wir wissen, dass wir einer zunehmend orientierungslosen Wirtschaftswelt Optionen bieten können: Zum Beispiel mit Angeboten für nachhaltige Unternehmen, sich beim künftigen Ökodorf anzusiedeln – und damit nicht nur ihre Vision durch ein besonderes Umfeld erlebbar zu machen, sondern auch die Synergieeffekte zu nutzen: Mitarbeiter können bei uns leben, Kinder können betreut werden, es wird eine biologische Kantine geben, eine gemeinsame ökologische Infrastruktur und ein integriertes Marketing für das ganze gesellschaftliche Experiment.

Öffentlichkeitsarbeit wird so zu unmittelbaren Erleben verwandelt. Dabei baut das ganze Finanzierungskonzept auf eine fundamentale Grundlage: Privatbesitz
an Boden soll es im ‚Ökodorf Süd nicht geben. Über eine Stiftung wird einer Spekulation vorgebeugt und Grund wieder der Allgemeinheit zurückgeführt. Eine Genossenschaft wurde bereits gegründet. Jedem ist klar, dass heute die beste Absicherung und Kapitalanlage eine Investition in regionale solidarische Netzwerke, Landwirtschaft und gemeinschaftliches Wohnen ist. Der Ausstieg aus der für uns nicht überlebensfähigen Finanzwirtschaft soll auch hier neue Optionen anbieten: Unternehmen oder Kapitalgeber können sich am Dorf und all seinen Aktivitäten beteiligen und erhalten dafür Lebensqualität – z. B. auch Betreuungs- und Pflegezeiten im Alter, oder auch Bildung, Urlaubs- oder Gesundheitstage. Sie werden damit auch Teil einer Zukunftswerkstatt und können so mit uns gemeinsam die dringend notwendigen Schritte in eine nachhaltige Gesellschaft gehen.

Gemeinschaft Ökodorf Süd

Die virtuelle Gemeinschaft

Wahrscheinlich gibt es nur wenige Initiativen, die sich schon im ‚Vorfeld – also ohne einen Boden zum Bauen, Wohnen und Gestalten – so intensiv mit der Planung ihrer Zukunft auseinander gesetzt haben. Bald schon stellte sich heraus, dass auch ein virtuelles Dorf seine Konflikte hat und Beziehungsthemen aufbrechen. Unsere Initiative entschied sich für intensive, regelmäßige ‚Wir-Prozesse, sei es jener nach dem amerikanischen Community-Pionier Scott Peck, das Werkzeug des ‚Forums oder die uralte Form des ‚Councils – alles Methoden der Gemeinschaftsbildung, die zugleich doch auch Zugang schaffen zu dem spirituellen Feld einer kollektiven Intelligenz, die letztlich alles zusammenhält. Dort ist bei aller hochdrehenden Aktivität im scheinbaren Vordergrund auch Platz für die eigentliche Beziehungsqualität im Hintergrund.

Drei Jahre nach dem heißen Julitag des Jahres 2007 sind wir heute eine Gruppe von 20 Menschen, die für andere offen und gleichzeitig ausgerichtet auf den gemeinsamen Traum sind. Wir haben bereits unsere Genossenschaftsanteile eingebracht. Regelmäßige AG-Treffen, monatliche Plenumstreffen, Gemeinschaftstage, Feste, Biographie-Wochenenden und Foren vernetzen uns momentan mit rund 30 Aktiven. Wir haben unsere eigenen Meditations- und Arbeitsräume in München angemietet, die uns auch nach der Dorfgründung städtischer Anlaufpunkt bleiben sollen.

Der Ort

Heute steht uns die einmalige Gelegenheit offen, ein ganzes, allein stehendes kleines Dorf für rund 150 Menschen, mit zusätzlich 2 ha Baugrund, 27 ha Landwirtschaft und Hofstelle, fertiger Großküche, Handwerks- und Gewerbeflächen, Turnhalle und Bühne zu erwerben. Es befindet sich im Süden Deutschlands zwischen Stuttgart und Würzburg, gut angebunden an eine mittelgroße Stadt und liegt inmitten einer wunderschönen ländlich, hügeligen Landschaft. 50 Prozent der Kaufsumme können wir aufbringen. Die restliche Summe wollen wir von weiteren Mitmachern und Unterstützern sammeln, da wir bankenunabhängig bleiben wollen. Hierzu sind mindestens 25.000 Euro pro Person als Einlage angesetzt, die während der 6 Monate Gemeinschaftsannäherung als Darlehen gegeben werden. Damit wird nicht nur ein Wohnrecht in einer der bereits vorhandenen Wohnungen gewährt – jeder ist auch an dem ganzen weiteren Potential des Geländes gleichberechtigt beteiligt. Wir können uns bei tatkräftigen Menschen auch Zeitmodelle vorstellen, d.h. ein bestimmter Anteil kann durch gemeinschaftlichen Einsatz abgegolten werden. Für Familien mit Kindern wird es zusätzliche Unterstützung geben – insbesondere müssen für Kinder keine zusätzlichen Einlagen geleistet werden.

Als Kernprojekt werden wir einen Platz für ältere Menschen aufbauen, an dem sie sich finanziell beteiligen, ihre Lebenserfahrung einbringen und Lebensfreude gemeinsam auch mit Jüngeren erleben können. Später würden sie dann im eigenen Gesundheitshaus bei Bedarf gepflegt und in ihrem eigenen Wohnumfeld, sowie einer solidarischen Gemeinschaft, den Lebenskreis schließen können. Unsere eigene, mit der Gemeinschaft über einen Abnehmerverein verbundene, Landwirtschaft und eine Baufirma werden gleich zu Beginn entstehen. Ein Kindersprachcamp und ein Kunstatelier sind bereits als Projekt vorhanden. Alle gemeinsam werden wir unsere eigene Dorfkapelle in einem ökumenischen Raum der Andacht und der Stille gestalten.

Offene Türen

In diesem Platz, mit viel Potential und Entwicklungsraum, bieten wir tatkräftigen visionären und kompetenten Menschen die Möglichkeit einzusteigen und/oder in einer Genossenschaft Wohnrechte zu erwerben. Die Initiative ist offen für alle Menschen, besonders Fachleute aus dem Bereich professioneller Öffentlichkeitsarbeit, der Steuer- und Rechtskunde sind gesucht, und fraglos auch Handwerker, Architekten, Ingenieure. Banker mit Visionen und Herz sind genauso willkommen, wie erfahrene ältere Menschen. Wir freuen uns auf junge Familien, Kinder, kommende Generationen – vor allem auch auf Pioniergeister, die eigene nachhaltige Projekte mitbringen. Für interessante Unternehmungen gibt es die Möglichkeit für einige Jahre mietfrei ihr Projekt aufzubauen – und umgekehrt dafür die Gemeinschaft am zukünftigen Gewinn zu beteiligen.

Alle Einsteiger haben heute noch die Möglichkeit bei einem konkreten innovativen Projekt von Beginn an mitzugestalten und mit zu entscheiden. Es gibt für 35 bis 40 Menschen bereits fertige Wohnungen, so dass wir unmittelbar beginnen und dann in Ruhe vor Ort unsere weiteren Schritte gehen können. Maximal 15 bis 20 weitere Menschen können also momentan, über unsere bestehende Gruppe hinaus, eine fertig vorbereitete Gemeinschaftschance nutzen. Für ein zukünftiges Wachsen des Dorfes werden wir dann gemeinsam neuen Bauraum entwickeln und errichten. Der Sprung, den ein jeder wagen muss, der sich der Gemeinschaftsidee verschreibt, ist auch für uns ein Risiko. Auch wir schwanken manchmal zwischen Angst und Vertrauen, zwischen Zeitmangel und der Beobachtung, dass Engagement für etwas Größeres große Energien freisetzt. Und doch ruft die Gegenwart genau nach dem, was wir tun: Die eigene Sehnsucht als Chance zu begreifen und Herzensmut entwickeln – für sich, einem gelebten Wir und dem großen Ganzen.

Geseko von Lüpke, Wolfgang Sechser

   
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