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Der Brückenbauer Toni Rüttimann

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Der Brückenbauer Toni Rüttimann
Toni Rüttimann

»Gut, dass ich es versucht habe«

Der Schweizer Toni Rüttimann hat ein seltsames Hobby: Er baut seit über 20 Jahren in Katastrophengebieten Südamerikas und Asiens unter Einsatz seines Lebens aus Erdöl-Abfallmaterialien Hängebrücken. Angefangen hatte alles mit einem Erdbeben in Ecuador. Die Bilder im Fernsehen hatten ihn so erschüttert, das er zwei Wochen später hinflog und mit einem Ingenieur seine erste Hängebrücke konstruierte Über 350 hat er inzwischen schon gebaut, hier berichtet er über sein neuestes Projekt in Burma...

»Niemand machte mir große Hoffnung: Weder Diplomaten, noch Leute von den Vereinten Nationen, noch Geschäftsmänner, und auch so manche Meldungen in den internationalen Medien nicht. »Toni, du kannst nicht einfach nach Myanmar hineinlaufen mit einem 'Hallo, ich baue Brücken für die Armen', und meinen, die Regierung werde die Tür für dich öffnen.« Dennoch, genau so geschah es.

Ich übergab in Yangon meinen Brief und die Brückenbilder einem Mitglied der Regierung und vier Tage darauf erhielt ich die Genehmigung aus der Hauptstadt Nay Pyi Taw, die 320 Kilometer weiter nördlich liegt. Vier Tage. Wovon zwei ein Wochenende waren. Zuoberst, sagte man mir, blieb nur noch eine einzige Frage nach Begutachtung des Dokuments: »Und dieser Brückenbauer, ist er Teil einer Organisation?« »Nein, Sir, ist er nicht.« Der präsentierende General hatte den Hintergrund prüfen lassen. »Dann ist es in Ordnung.«

Ein schönes Leben

In der heutigen Welt scheint es schwer zu glauben, dass einer einfach durchs Leben gehen kann als Brückenbauer mit den Menschen, ohne Haus und Adresse, ohne Businessplan und Zugehörigkeit zu einer Organisation.Aber im Falle von Myanmar könnte dies erklären, wieso sich die Tür sofort öffnete. Das erste Treffen mit dem Vize-Minister dauerte nicht die üblichen zehn Minuten, sondern eine Stunde. Er stellte Fragen und hörte aufmerksam zu, wie es war, in Kambodscha zu arbeiten, in Vietnam, in Laos, ob und auf welche Weise mir deren Regierung geholfen hatte, und was ich von der Regierung Myanmar's brauchen werde. Dann sagte er: »Schauen Sie, Toni, ich bin ein Soldat, geboren im Kachin Staat, von wo aus ich durch die ganze Union gezogen bin. Ich kenne das Leben auf dem Lande, und weiß, wie hart es ist für die Bauern. Sie sagen nun, dass Sie den Bauern seit Ihrem 19. Lebensjahr helfen. Und gratis.«

Er blickte mir gerade in die Augen, »Sagen Sie mir, wirklich: Warum tun Sie das?« »Aus drei Gründen, Sir«, sagte ich langsam. »Erstens, weil ich das Leiden der Leute hinter den Flüssen sehe, und weiß, wie wir es lindern können. Zweitens, weil ich zum Brückenbauer geboren wurde. Ich schaue zurück und erkenne den Weg. Drittens, und am wichtigsten, weil ich es wirklich tun will. Jeden Tag. Denn auch wenn man weiß wie, und auch wenn es in seinem Schicksal steht, wenn man es nicht tun will, passiert gar nichts.« Der Vize-Minister schaute seine Hände auf dem Tisch an. Eine Minute völliger Stille an einem großen Sitzungstisch ist eine lange Zeit für all die anderen Anwesenden. Schließlich schaute er auf, und sagte ernst, aber herzlich: »Sie haben ein sehr schönes Leben, Toni. Ich wünschte, ich könnte dies in meinem Leben tun. Bitte sagen Sie uns, was wir tun können, um Ihnen zu helfen. Sagen Sie es uns wirklich.«

Der Brückenbauer Toni Rüttimann
Brücke bei Bin Khanh, Ben Tre, Vietnam

Das Resultat

Heute, 20 Monate danach, sind 25 Brücken fertig gestellt und 12 weitere im Bau, für insgesamt rund 300.000 burmesische Bauern in diesem weiten Land. 300.000 Menschen. So hoch ist die Bevölkerungsdichte hier und so hoch die Nützlichkeit der Brücken. Die Behörden von Myanmar haben sofort geholfen mit Importerlaubnissen für die 28 Schiffscontainer mit Stahl und Seilen aus Argentinien, Brasilien, Italien, der Türkei und der Schweiz, sowie für einen alten Kranlastwagen aus Thailand. Sie leihen uns einen sicheren Lager- und Schweißplatz in einer staatlichen Werft in Yangon. Und von dort unterstützen sie uns mit Langstreckentransporten ins ganze Land mit Lastwagen, Boot und Eisenbahn.

Uns bleiben hier noch weitere 370 Tonnen an Material für weitere 30 Brücken oder so. Wenn all dies eingesetzt ist, kann es durchaus bedeuten, dass eine halbe Million Burmesen dann eine Brücke über ihre Wasser haben. Der Gedanke bringt mich zum Staunen. Wie einfach wäre es gewesen, es nicht zu versuchen, nicht zu hoffen, nicht den ersten Schritt und dann all die folgenden zu tun. Gut, dass ich es versucht habe.«

Toni Rüttimann

   
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