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Eine Psychoanalyse der Kirche

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Eine Psychoanalyse der Kirche
© Reinhard Grieger Foto: pixelio.de

Die Wunde, die nicht heilen kann

Mit den Mitteln der Psychoanalyse geht der Psychotherapeut und Theologe Dieter Funke den Ursachen des sexuellen Missbrauchs im Umkreis der katholischen Kirche nach. Seiner Meinung nach stehen Traumatisierungen schon am Anfang des Christentums. Sie führten zur Abspaltung von Sex und Sinnlichkeit und erheben die »Heilige Familie«, die makellose Jungfrau und den asexuellen Kleriker zum Ideal. Doch damit werde auch die sexuelle Gewalt begünstigt...

Nach dem Bekanntwerden der sexuellen Gewalttaten in der katholischen Kirche hat es mehrere Monate gedauert, bis der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, endlich einen Schritt in die richtige Richtung tat: nämlich Selbstreflexion einzufordern, die Hintergründe zu bedenken und nicht nur bei kurzatmiger pastoraler Hektik stehen zu bleiben.

Bisher stand die Sorge um die Befleckung des eigenen Kleides im Vordergrund der katholischen Kirche: Ihr Klerikerideal war beschmutzt und die Beschämung darüber offensichtlich größer als die Fähigkeit, mit den Opfern zu leiden und gemeinsam mit ihnen die Verletzungen zu bearbeiten. Dies würde auch erst möglich, wenn die Kirche ihre eigene Wunde spüren könnte, die sich hinter dem Konflikt zwischen Sexualität und klerikalem Ideal verbirgt. Dann könnte sie auch daran zu leiden beginnen. Denn leiden können ist die Voraussetzung für Einsicht, Entwicklung und Heilung. Stattdessen wurde um eine fragwürdige Entschuldigung gebeten, die auf die Opfer wie eine zweite Traumatisierung wirkt, da die Opfer die Täter in den Zustand der Unschuld versetzen sollen.

Genau dieses Klerikerideal ist das Problem. In ihm zeigt sich der ungelöste Konflikt, der der sexuellen Gewalt durch Priester zugrunde liegt: Es ist der Konflikt zwischen Sexualität und Körperlichkeit auf der einen und einem sakralen, entsexualisierten Leib auf der anderen Seite. Im Klerikerideal wird dieser ungelöste Konflikt sichtbar, der die Kirche von Anfang an begleitet. Er reißt immer wieder eine Wunde auf, die infolge der Fortdauer dieses Konflikts nicht heilen kann. Weil er weitgehend verdrängt wird, verschafft er sich im Missbrauchsskandal und dessen Bekanntwerden einen Weg an die Oberfläche des öffentlichen Bewusstseins.

Die Spaltung in einen asexuellen Klerikerleib und einen sexuellen Körper bildet den spezifisch kirchlichen Hintergrund für die sexuelle Gewalt

Die Spaltung

Das Klerikerideal bildet so etwas wie die kollektive Leitidee der katholischen Kirche. Es besteht in der Vorstellung, dass ein asexuelles Leben ethisch höher steht als gelebte Sexualität. Der Grund, sich diesem Ideal zu unterwerfen, liegt darin, dass es denen eine hohe narzisstische Belohnung in Aussicht stellt, die sich aufgrund ihrer unreifen Persönlichkeitsentwicklung von einem Leben ohne sexuelle Beziehungen angezogen fühlen.

Nicht der Zölibat an sich ist das Problem – den gibt es auch in anderen Religionen –, sondern ein kirchliches Milieu, das für Menschen mit einer gestörten psycho-sexuellen Entwicklung besonders interessant ist und die so aus ihrer Not eine Tugend machen. Dieses sexuelle Gewalt begünstigende Milieu besteht in einer monogeschlechtlichen Hierarchie mit hoher Unterwerfungsbereitschaft, der Spaltung in Kleriker und Laien, einem sadomasochistischen Verständnis des Opfertodes Jesu, dem Jungfrauenideal und der Verherrlichung des Märtyrertums.

Die Spaltung in einen asexuellen Klerikerleib und einen sexuellen Körper bildet den spezifisch kirchlichen Hintergrund für die sexuelle Gewalt. Weil der Körper durch diese Spaltung seine Lebendigkeit verliert und zu einem leblosen Ding verkommt, wird er gehasst, verfolgt und abgetötet. Er soll nicht zum idealen Selbstbild des Klerikers gehören und wird als Fremdkörper von diesem geschieden. Im sexuellen Übergriff auf andere wird der entseelte und verdinglichte Körper auf das Opfer projiziert. Dieses verliert seine Würde und Eigenständigkeit und wird so behandelt, wie der eigene, seiner Lebendigkeit beraubte Körper. Gleichzeitig hofft der Täter, im missbrauchten Körper des Anderen etwas von der eigenen Lebendigkeit (wieder) zu finden. Aufgrund dieser Spaltung wird der Andere auch nicht als Mensch mit eigenen Grenzen und Rechten erlebt, sondern wie ein Teil des eigenen Selbst. Im Anderen wird die erhoffte Verlebendigung und Befriedigung des unterdrückten Trieblebens gesucht. Für diese missbräuchliche Funktionalisierung wird der schutzbefohlene Andere als Kind oder Jugendlicher seiner Ganzheit und Integrität beraubt und schwer traumatisiert.

Diese Wunde schmerzt bei den Opfern von Missbrauch im kirchlichen Kontext umso mehr, je bedeutsamer der Täter und seine soziale Position für das Opfer ist. Denn die herausgehobene Stellung des Täters verschärft die Traumatisierung. Sie regt das narzisstische Begehren von Kindern und Jugendlichen an, glauben sie doch, durch Unterwerfung und Anpassung an eine solche ideale Figur an deren Größe, Vollkommenheit und Auserwähltheit Anteil zu erhalten. Dieses Begehren ist für Kinder ein notwendiges Entwicklungsstadium. Sie haben ein Recht, andere zu idealisieren, ohne dass sich jedoch daraus ein Recht auf Erwiderung durch Erwachsene ableiten ließe. Dieses Recht von Kindern wird von denen missachtet, die ihnen eine Mitschuld oder Mitverantwortung am sexuellen Übergriff zuschreiben. Darin zeigt sich, dass der Täter den Anderen als Anderen nicht anerkennen kann, weil er selbst von sich kein Bild als einem ganzen Menschen aufgebaut hat, der aus Körper, Geist und Seele besteht. Weil er selbst gespalten ist, beraubt er den Anderen seiner Ganzheit und leibseelischen Einheit; er macht ihn sich im Missbrauch gleich.

Eine Psychoanalyse der Kirche

Schuld und Leiden

Der Grund für die Verteufelung und Abspaltung des Sexuellen liegt darin, dass Trieb und Sexualität das Ideal des unbefleckten Klerikerkörpers bedrohen. Diesem kollektiven Klerikerideal liegen vergessene und verdrängte Traumatisierungen an den Wurzeln des Christentums zugrunde. Zu nennen ist hier vor allem die theologische Konstruktion der »Heiligen Familie«, die als traumatisierendes Beziehungsmodell Pate steht: Der Vater ist nicht der richtige Vater und kein sexueller Partner der Mutter. Die Mutter ist keine richtige Frau, sondern Jungfrau. Der Sohn wird auf diese Weise seiner Kind-Position beraubt und gerät zum Ersatzpartner der Mutter. Dieser wird von der Mutter zum besseren Partner gemacht, er sitzt auf Vaters Platz.

Solche Beziehungsmodelle sind geprägt von ständiger Rivalität und Machtkämpfen, von Größenfantasien und depressiven Schuldgefühlen, von Entwertungen und Idealisierungen, wie sie sich in der biblischen Konstruktion der Heiligen Familie wiederfinden. Jesus wird zum Partner von Maria, indem der Vater ausgeschlossen und das Kind sexualisiert wird. Das gibt Jesus das großartige Auserwähltheitsgefühl, wie es für Kinder typisch ist, die als Ersatzpartner missbraucht wurden. Gleichzeitig löst dies in ihm tiefe Schuldgefühle aus, die durch die Unterwerfung unter den Willen des Vaters bewältigt werden und worin der spätere christliche Masochismus der Leidensunterwerfung begründet liegt. Unterwerfungsbereitschaft (»unter die Schmach des Kreuzes«) und Überlegenheitsgefühle (Jesus wird an die Stelle des Vaters gesetzt) sind die Folgen der Funktionalisierung als Ersatzpartner.

Diese Feststellung ist keine moralische und hat nichts mit Schuld zu tun, sondern mit Verletzungen. In den biblischen Texten und den Erzählungen der Frömmigkeitsgeschichte wird eine traumatisierte Familie beschrieben: Die Geburt Jesu findet in der Heimatlosigkeit statt, dann folgen Flucht und Morddrohung. Die Eltern sind überfordert. Natürlich hat sich Jesus als Kompensation für diese Traumatisierungen nicht selbst an die Stelle Gottvaters gesetzt. Diese Sicht der Evangelien und der ersten nachchristlichen Jahrhunderte mit ihren Konzilien ist vielmehr das Konstrukt einer Gruppe von Jesus-Anhängern, die selbst schweren Verfolgungen und Entbehrungen ausgesetzt waren.

Der Verlust von Sicherheit und Bindung an eine kollektive Gruppe und die gewaltsamen Verfolgungen der ersten hellenistischen »Christianer« lassen sich als schwere Traumatisierungen verstehen

Indem sie sich vom Judentum lossagten, bildeten sie eine vaterlose Gesellschaft, der der Schutz der Väter abhandengekommen war. Der Verlust von Sicherheit und Bindung an eine kollektive Gruppe und die gewaltsamen Verfolgungen der ersten hellenistischen »Christianer« lassen sich als schwere Traumatisierungen verstehen, die, um mit ihnen leben zu können, in Form der Verehrung der Opfer als Märtyrer ins Gegenteil verkehrt worden waren. Diese traumatische Situation des Vaterverlustes, der sozialen und religiösen Ortlosigkeit sowie der gewaltsamen Verfolgung ließen sie das tun, was Einzelne und Gruppen regelmäßig tun, wenn sie sich in äußerst bedrängenden Situationen befinden: Sie nahmen Zuflucht zu Idealen, die ihnen eine heile und paradiesische Gegenwelt in Aussicht stellten.

Angst vor der Frau

Zu diesen Idealen gehört das kirchliche Bild der Frau, die das innere Bild vieler Kleriker bestimmt: Als idealisierte, reine und makellose Jungfrau (Maria) ermöglicht sie es den Jünglings-Männern, die infantile Bindung an die idealisierte Mutter in religiöser Gestalt fortzusetzen. Es ist die Frau, die zärtlich, innig und kindlich verehrt wird, aber nicht erotisch-sexuell begehrt werden darf.

Dieses seelische Profil vieler Kirchenmänner begünstigt jene entwicklungsgestörten Persönlichkeiten, die so wenig fähig sind, Partnerschaften auf Augenhöhe zu leben. Die Teilhabe an klerikalen Ritualen ist, weil sie nur Männern vorbehalten ist, eine Form der Vergewisserung, unabhängig von der Frau und den Wünschen nach ihr zu sein. Die Angst vor dem fremd und bedrohlich erscheinenden Weiblichen zeigt sich in der Abwehr von Sinnlichkeit, emotionaler Intimität und Hingabe. Wenn diese Angst allzu groß wird, kann sie nur noch durch Macht- und Gewaltfantasien im Sinne des Klerikerideals in Schach gehalten werden. Der Zölibat ist so gesehen ein Symbol für die Unabhängigkeit von der sexuellen Frau bei gleichzeitiger Unterwerfung unter die asexuelle Jungfrau-Mutter-Frau. Statt echter, die psychosexuelle Reifung fördernder Begegnung mit der Frau herrscht das Modell der masochistischen Unterwerfung vor. Wie kann man sonst verstehen, dass die neutestamentlichen Theologen den Tod Jesu als einen freiwilligen, ja gesuchten und herbeigesehnten Tod sowie als Unterwerfung und Selbsthingabe an den Willen des Vaters interpretieren?

Das kirchliche Klima, in dem sexuelle Gewalt gedeiht, könnte sich verändern, wenn sich die Kirche trennen würde von krankmachenden Beziehungsmodellen (Heilige Familie) und von neurotisierenden Erlösungsvorstellungen (Sadomasochismus des Opfertodes Jesu)

Es scheint ein heftiges Schuldgefühl daraus zu entstehen, dass die frühen Theologen Jesus an die Stelle des Vaters gesetzt und den Vater auf diese Weise beseitigt haben. Sie interpretierten, dass sich Jesus freiwillig in den Tod begab, um auf diese Weise sich und die späteren Gläubigen von dem quälenden Schuldgefühl zu erlösen. Damit wurde die Heiligung der Unterwerfung gleichsam dogmatisiert. Diese Unterwerfungsbereitschaft liegt – psychoanalytisch gesehen – in den entgleisten Beziehungsverhältnissen der Heiligen Familie begründet.

Heilung bedeutet, Einsicht zu gewinnen in das Verdrängte, Abgespaltene und Unbewusste. Das kirchliche Klima, in dem sexuelle Gewalt gedeiht, könnte sich verändern, wenn sich die Kirche trennen würde von krankmachenden Beziehungsmodellen (Heilige Familie) und von neurotisierenden Erlösungsvorstellungen (Sadomasochismus des Opfertodes Jesu). Dann könnten die Menschen ganzer und heiler werden und damit empfänglicher für mystisch-spirituelle Erfahrungen der Verbundenheit mit dem Göttlichen. Die daraus resultierende Überzeugung, dass in jedem ein unzerstörbarer göttlicher Kern anzutreffen ist, könnte helfen, auf die Abspaltung von Sinnlichkeit und Sexualität zu verzichten und damit den sexuellen Gewaltexzessen Einzelner das fördernde Klima zu entziehen

Dr. Dieter Funke

Dr. Dieter Funke geboren 1950, arbeitet als Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker in eigener Praxis in Düsseldorf und hat unter anderem Theologie studiert. Ausführlich entfaltet hat Dieter Funke seine Thesen in dem neuen Publik-Forum-Buch »Die Wunde, die nicht heilen kann. Die Wurzeln des sexuellen Missbrauchs – eine Psychoanalyse der Kirche«

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