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Biografie und Krankheit

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Biografie und Krankheit
© Gerd Altmann pixelio.de

In Krankheit und Krise am Leben genesen

Heilung ist immer »Selbstheilung«, so wichtig professionelle Unterstützung auch ist. Sie ist das Ergebnis eines inneren Gestaltungs- und Verarbeitungsprozesses. Zu diesem Ergebnis kommt die Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil in ihrem neuen Buch »Biografie und Krankheit« (Arbeitstitel), das im Herbst 2011 bei Kösel erscheinen wird.

Leben ist nur eine Idee, eine biografische Utopie und immer wieder neu eine entwerfende Geste für die Zukunft. Vom Gestern lernen, heute leben, auf ein Morgen hoffen und vor allem nie mit dem Fragen aufhören – so hat Albert Einstein die Aufgabe beschrieben, die der Mensch zu erledigen hat. Auch die Aufgabe und der Arbeitsprozess der Heilung könnten so beschrieben werden. Das Fragen beginnt, bevor wir sprechen können, mitten im Leben, das uns umgibt. Ohne Wenn und Aber, Versprechungen und Versicherungsschutz bekommt der Mensch mit dem Geschenk der nackten Geburt nur die Möglichkeit zu leben. Leben muss er das Leben selbst. Lebenslang streitet das Erhoffte mit dem Ungewollten, das Glück mit dem Leid, die Gesundheit mit der Krankheit, die Absicht mit dem Zufall, die Wirkung mit den Nebenwirkungen, die Ordnung mit dem Chaos. Leben ist ein Weg durch die Fremde, Widersprüche und Hindernisse säumen den Weg. Die heilsame Provokation des Lebens besteht in der Herausforderung, aus den unbekannten Möglichkeiten ein konkretes Leben zu machen und der eigenen Biografie subjektive Authentizität zu verleihen.

Als Teil einer umfassenden Schöpfungsgeschichte und andauernder Evolution müssen wir schöpferisch und kreativ tätig werden. Wir treten als Einzelne und in Gemeinschaften unsere Lebensreise an, ohne ihr Ziel, die Begleitpersonen, die zu lösenden Aufgaben oder die Reisezeit zu kennen. Niemand kann ahnen, was ihn irgendwann und auf welche Weise erwartet, welche Stationen zu erwarten sind, ob Krisen zur Richtungsänderung zwingen, welche Geduld verlangt wird, wie Gewinn und Verlust zueinander stehen, welche Wunden und Verletzungen geheilt werden müssen, welche Ankunft mit welchem Abschied verbunden ist. Ein scheinbar heil-loses Durcheinander liegt unvorhersagbar als Leben vor uns. Weder Krankheit, Verrat, Verlust, Krieg oder Naturkatastrophe, aber auch nicht die Liebe, das Glück oder die Gesundheit treffen Terminabsprachen mit uns. Sie kommen und gehen, wie sie wollen, mit und ohne Erklärung, haben Siege und Niederlagen im Gepäck! Jede Wunde, die sie erzeugen, wird zum Arbeitsauftrag für Heilung ohne Garantie auf Erfolg.

Das unbekannte »Ganze«

Alles, was geschieht, findet mitten im Leben statt, die Krankheit ebenso wie die Heilung, und ist Teil eines Prozesses, in dem es um das unbekannte »Ganze« geht. Eine Ordnung wird erfüllt oder aufgehoben, etwas zusammengefügt oder geteilt, verletzt oder geheilt. »Ganzheit«, »Heil-Sein« oder eben »Gesundheit« ist kein statischer Zustand von Dauer, nicht messbar, als Ware herstellbar oder käuflich. Was wir fühlen, wenn wir etwas wie Heil-Sein spüren, ist eher die Momentaufnahme eines bewegt-bewegenden Zustandes, der seinerseits einem Prozess geschuldet ist, den der Biologe und Philosoph Hans Jonas »Selbstintegration im tätigen Vollzug« nennt und in dem es für einen Augenblick die Erfahrung von Erfüllung, Einheit, Harmonie, Heilsein oder Heilung gibt. Der schwerkranke Mensch spürt und weiß plötzlich, dass er »über den Berg« ist oder sterben wird. Beides ist Heilung, denn Heilung ist nicht identisch mit dem Verschwinden der Symptome, der Verlängerung des Lebens oder der Überwindung des Todes. Wie unterschiedlich Menschen ihre Krisen durchwandern, was sie über das Wesen von Krankheit und Gesundheit erfahren und als Heilung oder Ganzheit erlebt haben, kann man in autobiografischen Krankengeschichten nachlesen. Dort kann man über »Heilung« lernen, was in keinem Lehrbuch der Medizin steht.

So wie Ebbe und Flut am Rande des Meeres eine Linie zeichnen, die sich mit jeder Welle verändert, so sind Gesundheit und Krankheit Übergänge und Gradunterschiede, Arten des Daseins, die immer wieder neu und verändernd unseren Lebenslauf durchziehen. Beide sind Ausdruck von Lebensbewegungen und beschreiben wie Vorder- und Rückseite einer Medaille den Zustand eines Lebens. Gesundheit ist nicht, sie wird. Sie kommt und geht. In ihr betrachten wir den Prozess des Werdens, den Teil der Heilung, der eine Wunde schließt, eine Krise beendet, die Herausforderung bewältigt hat. Heilung ist hier wesentlich Integration, Veränderung, zusammenfügen, was zerrissen war, Gestaltungsakt im ewigen Prozess des Geborenwerdens und der Erneuerung, der allem Leben zugrunde liegt. Auch die Krankheit ist nicht, sondern wird, sie kommt und geht ihre ganz eigenen Wege, ist im stetigen Kampf mit der Bewältigung und Umkehr des zerstörerischen Geschehens. Ihre Auseinandersetzung gilt den auszehrenden Kräften und den Bedrohungen von außen. In ihr betrachten wir den Prozess des Vergehens, die Auseinandersetzung mit dem täglichen Sterben in uns. Heilung ist deshalb auch Reinigung, Auflösung, Desintegration, Austausch, Zerstörung von etwas, das seine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann. Krankheit ist, so gesehen, Teil eines umfassenden Wandlungsprozesses, in dem Leben zwischen Geburt und Tod, Entwicklung und Stagnation, Freud und Leid um seine Fortsetzung ringt.

Was Gesundheit ist, erfahren wir oft durch die Provokation einer Krankheit

Gesundheit ist kein Wert an sich, vor allem kein Lebensersatz. Auch Heilung ist kein Wert an sich und nicht identisch mit dem Verschwinden der Symptome als dem Sichtbaren einer Krise. Was Gesundheit ist, erfahren wir oft durch die Provokation einer Krankheit. Und was Letztere für uns bedeutet, erfahren wir im Ringen um unsere Genesung. Leben ist eine Spannungsbeziehung zwischen den Polen Krankheit und Gesundheit. Und in dieser Spannung hat Heilung die Aufgabe, für jenen Ausgleich zu sorgen, den der Mensch braucht, um das zu erleben, was die WHO Gesundheit nennt: ein körperliches, geistiges, seelisches, soziales und spirituelles, sinnstiftendes Wohlbefinden. Harmonie, Gleichgewicht oder Glück haben es die Philosophen genannt und ihre Vorstellungen zur Lebenskunst daran orientiert. Das Wesentliche der Gesundheit wie der Krankheit ist die Tatsache, dass sie etwas darzustellen versuchen. Wie die Bläue und die dunklen Wolken den Himmel darstellen, wenn wir sagen, der Himmel ist blau oder bewölkt, so stellen Gesundheit und Krankheit den Zustand eines Lebens dar, wenn wir sagen, ein Mensch ist gesund oder krank.

Das Dargestellte ist immer nur ein Teil von dem, was Leben als Ganzheit umfasst. Kein Mensch ist in irgendeinem Augenblick seines Lebens nur das, was er gerade ist, nie ganz krank oder ganz gesund, sondern in Schwingung dazwischen. Es ist das Unverletzte, das noch Mögliche, die unverbrauchte Kraft, auf die wir uns beziehen, wenn wir auf Heilung hoffen. Ihr Versprechen ist nicht »Friede, Freude, Eierkuchen«, sondern Auseinandersetzung und klärender Umgang mit Wut, Enttäuschung, Mangel und Schmerz. Die Fähigkeit, Leben und Lebendiges zu erzeugen, zu heilen und geheilt zu werden, ist als Lebenskompetenz ein Ausdruck einer Gesundheit, die nicht einfach da ist, sondern vertrauensvolle Auseinandersetzung des Menschen mit sich und anderen, mit Natur und Gesellschaft voraussetzt, eben »Selbstintegration im tätigen Vollzug«. Gesund ist so gesehen nicht ein Mensch ohne Befund, sondern einer, der regelmäßig schwankt, der spürt, wie er sich befindet und inmitten der Störungen an seiner Heilung interessiert bleibt.

Biografie und Krankheit
© Rolf van Melio pixelio.de

Der Mensch als lebendiges Beispiel des Lebens

Im Leiden und im Schmerz spricht das Leben mit eindrücklicher Sprache und stellt Fragen, die kein Arzt beantworten, kein Röntgenbild durchleuchten kann. Der Mensch muss durch viele Gesundheiten, Krisen und Krankheiten hindurchgegangen sein, um seine Heilungsressourcen, Heilungswiderstände und seine subjektiven Heilungsmethoden zu erkennen. Was wir als Potenzial in uns haben, müssen wir entwickeln, um es zu besitzen. Menschen sind keine logischen, sondern lebendige Beispiele des Lebens, und ihre Befunde und Diagnosen sind Bilder, die ein biografisches Geheimnis in sich tragen, auch wenn sie noch so exakt auf dem Bildschirm erscheinen und als wichtige Wegweiser dienen, den medizinischen Teil der Heilung einzuleiten. Mitten in Krankheit und Krise, mitten in einem oft »unheilvollen« Leben am und im eigenen Leben zu genesen, das ist keine leichte Aufgabe, aber der einzig mögliche Weg. Krankheit ist, wie Viktor von Weizsäcker formuliert, eine »unvollendete Schöpfungstat«, der Versuch einer Antwort auf etwas, das offenbar nicht anders zu lösen war und nun durch Richtungsänderung auf Vollendung, nämlich Heilung drängt.

Therapie sollte nicht nur das kranke Organ, sondern die Geschichte eines Subjekts erörtern

Krankheit als Teil der Biografie

Heilung ist deshalb immer »Selbstheilung«, so wichtig professionelle Unterstützung auch ist. Sie ist nicht das Ergebnis äußerer Intervention, sondern Ergebnis eines inneren Gestaltungs- und Verarbeitungsprozesses, Integrationsarbeit vor Ort! Der erkrankte Mensch wird krank, bevor er krank ist. Seine Krankheit und seine Leiden sind Teil seiner Geschichte, aber die Geschichte des kranken Menschen ist mehr als die Geschichte seiner Krankheit. Dem »objektiven Befund« wohnt ein Subjekt inne, dem Produkt ein Produzent. Nicht ein Organ wird krank, sondern der ganze Mensch. Nicht ein Organ wartet auf Heilung, sondern der ganze Mensch ist einbezogen und aufgerufen, seine durch Krankheit gestörte Lebensordnung zu befrieden, neu zu gestalten und eben nicht nur darauf zu hoffen, dass alles wieder wie vorher wird.

Leben ist irreversibel, und Probleme können nicht mit den Mitteln gelöst werden, die sie erzeugt haben. Die gängige Auffassung von Gesundheit nimmt übermäßig Bezug auf die Verwendbarkeit des Körpers. Unauffälligkeit, Symptomfreiheit und Funktionstüchtigkeit werden erwartet, die »Maschine« muss laufen. Der leidende Körper und die »ausgebrannte Seele« werden der Gebärde des Leidens, ihrer Subjektivität und ihrer Botschaften an die Gesundheit beraubt. Als beseeltes Handlungsorgan, als Werkzeug in der Hand des Subjekts, als Erfahrungs- und Erlebnisorgan, das jederzeit zu Mitteilungen bereit und von ihnen abhängig ist, als Verkörperung des Lebens mit Eigenleben kommen sie im »Heilungsgeschäft« immer weniger vor. Damit aber wird den Potenzialen der Heilung ihr Boden entzogen, denn die menschliche Krankheit als ereignishafte, biografisch begründbare Einheit braucht eine Therapie, in der ebenfalls ein ereignishafter Umbruch möglich wird. Sie will nicht nur das kranke Organ, sondern die Geschichte eines Subjekts erörtern, das das Geschehen sowohl erleidet als auch mitgestaltet.

Krankheit ist sinnbildlich weniger eine pathologische Normabweichung als ein Ordnungsverlust, den die entstehende Gesundung durch die Gestaltung einer neuen Ordnung beheben muss. Erlebtes Leben beeindruckt unsere Sinne und hinterlässt im Erleben wie im Erleiden in Körper, Geist und Seele leibhaftige Spuren, die aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft weisen. Die leibhaftige Existenz des Menschen ist die einzigartige beseelte und geistige Bühne, die dem Leben für all seine Inszenierungen zur Verfügung steht. Unsere Beeindruckbarkeit, das heißt auch unsere Verletzlichkeit und Endlichkeit sind der Garant für unsere Zugänglichkeit zur Welt und die Antriebskraft für den Wunsch, mitten in der Zerrissenheit, in den Zumutungen und im Leiden heil zu werden und nach Heilung zu suchen.

Prof. Dr. Annelie Keil (Erstveröffentlichung Public Forum 22/2010)

Bücher

  • Annelie Keil: Wenn Körper und Seele streiken. Die Psychosomatik des Alltagslebens. Kreuzlingen, Ariston Verlag (2004)
  • Annelie Keil: Dem Leben begegnen. Vom biologischen Überraschungsei zur eigenen Biografie, Kreulingen/ München, Ariston/ Hugendubel(2006)

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