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Therapie bei Impotenz

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Impotenz
Marco Barnebeck © pixelio.de

Wenn Mann nicht kann

Die Tantralehrerin Advaita Maria Bach ist davon überzeugt, dass das heimliche Volksleiden »Impotenz« viel zu wenig Öffentlichkeit bekommt – und die Menschen nicht besonders gut informiert werden. Sie schaut auf die Ursachen in der Erziehung und empfiehlt eine körperorientierte Therapie

Durch meine Arbeit als Tantra-Lehrerin  (seit 1982) komme ich bei meinen männlichen Klienten sehr viel häufiger in Kontakt mit diesem oft verschwiegenen Thema, als mir lieb ist.  Auch in meinem Privatleben wurde ich mehrfach konfrontiert entweder mit Praecox (vorschneller Samenerguß) oder Erektionsschwierigkeiten.   

Durch die Beschäftigung mit Wilhelm Reich, Alexander Lowen, also den Grundlagen der Bioenergetik und deren Anwendung, einem eigenen lebendigen Liebesleben und anhand vieler Klientengeschichten habe ich  in 25 Jahren folgendes Bild über die so genannte Impotenz des Mannes entwickelt:

Ursachen

Die Ursachen können unter Umständen, je nach Biografie, sehr früh im Leben des Säuglings, Kleinkindes angelegt werden. Bei der Sauberkeitserziehung  entstehen oft schon die Grundlagen für eine gestörte, gehemmte oder sogar schwer traumatisierte Sexualität. Falls die Mutter oder Pflegeperson selbst sexuell unterdrückt ist, weil sie repressiv erzogen wurde, unter Umständen sogar einen geheimen Ekel vor den Exkrementen des Säuglings hat, dann wird sie dazu tendieren, das Kind schnell zu versorgen, oder auch ein wenig ruppig und hart anzufassen.

Wenn dann noch die ersten genitalen Entdeckungen des Kindes dazu kommen, die sie unterbinden will, indem sie seine Hand wegstößt oder heftig »Bah, bah, das macht  man nicht« in herrischem Ton sagt,  dann wird das Kind, das zu Beginn seines Lebens noch sehr offen und sensibel ist, sich aber nicht ausdrücken kann, zum Beispiel selbst Ekel entwickeln vor dem eigenen Körper, vor den eigenen lustvollen Impulsen, vor Kot und Urin, und sogar vor der Berührung durch eine Frau. Diese Entwicklung ist langwierig und sehr unterschwellig, oft dem erwachsenen Mann nicht mehr bewusst.

Auch wenn die Mutter gefühlskalt ist, teilt sich die Kälte den Genitalien mit bei der Berührung. Ist die Mutter vielleicht  sogar verborgen aggressiv, dann kommt die Angst dazu, die ein solches Verhalten bei einem wehrlosen kleinen Wesen erzeugt. Die Erfahrungen der ersten vier Lebensjahre werden im Stammhirn zu Urimpulsen. Im Grundes sind nur zwei Reaktionen bei unangenehmen Erfahrungen oder Gefahr möglich: Flucht oder Angriff. Beides ist für das Kleinkind nicht möglich, deshalb bleibt ihm nur die Kontraktion der kleinen Muskeln, das Anhalten des Atems und natürlich Schreien – was ihm aber unter Umständen auch abgewöhnt wird mit diversen Sanktionen. Zum Beispiel haben Generationen von Müttern nicht auf das Schreien ihrer Kinder gehört, weil man das Kind so »verwöhnen“ würde. Bis jetzt stimmt das für beide Geschlechter, Mädchen wie Buben.

Erziehung zur Sauberkeit

Bei den kleinen Jungen kommt ein wesentlicher Faktor dazu: sie werden im Allgemeinen später sauber als die kleinen Mädchen. Da gibt es dann eine Menge Motivation für den Kleinen, der Mama nicht mehr so viel Arbeit zu machen. Bevor der Kleine vom Schließmuskel her dazu in der Lage ist, verkrampft er den ganzen Urogenitaltrakt, damit Mama sich freut. Er wird gelobt und geliebt! Alle Muskeln im Beckenboden, die Peniswurzel, der Anus, sogar auch Bauch und Zwerchfell werden angespannt. Durch die chronische Muskelanspannung wird die Atmung automatisch flacher, deswegen werden dann auch Krachmachen, Beweglichkeit und sexuelle Impulse mit eingeschränkt. Das kam zumindest einer sehr großen Anzahl sexuell unterdrückter oder missbrauchter Mütter sehr entgegen: Fertig ist der brave, saubere und anständige kleine Bub. Das passte doch wunderbar ins Erziehungskonzept!

Impotenz
Rainer Jochens © pixelio.de

Instabile Erektion nagt am Grundgefühl der Männlichkeit

Onanie in der Pubertät

Wegen seines sehr hohen Testosteronspiegels kann der Heranwachsende nicht anders, als ab und zu oder auch häufiger zu masturbieren. Die Mutter erwischt ihn oder macht Bemerkungen wegen seiner befleckten Bettwäsche. Im schlimmsten Fall verhöhnt sie ihn wegen seiner nächtlichen Abenteuer. Fertig ist der Praecox – Mann, der schon vorher prädestiniert war wegen seiner Sauberkeitserziehung. Der inzwischen chronisch verspannte Beckenboden und die Peniswurzel erlauben nur noch eine sehr geringe Erregung. Ein so vorprogrammierter Mann wird Schwierigkeiten haben, überhaupt zu erigieren oder er ergießt seinen Samen innerhalb von fünf bis zehn Minuten.

Das hat dann zur Folge, daß er keine Frau befriedigen kann, die selbst halbwegs gesund ist und orgasmusfähig. Sie denkt, es hängt an ihrer mangelnden Schönheit. Sie entwickelt Minderwertigkeitsgefühle, verachtet ihn, weil er sie als Spucknapf benutzt hat und weiß nicht so recht, wie sie mit der Situation umgehen soll. Vielleicht behauptet sie, es mache ihr nichts aus. Das mag auch stimmen, wenn das alles ein Mal oder ab und zu vorkommt. Aber, wenn sich das häuft, wird sie frustriert und streitlustig. Es macht ihr nur wirklich nichts aus auf die Dauer, wenn sie selbst sexuelle Schwierigkeiten hat und mit ihm einen unbewussten Nichtangriffspakt geschlossen hat.

Sein Selbstwertgefühl ist schon im Keller, wiederholte schlechte Erfahrungen mit keiner, einer instabilen oder sehr kurzen Erektion nagen am Grundgefühl seiner Männlichkeit. Entweder er spaltet diese Tatsachen ab, kaschiert sie, indem er zum Beispiel sich daran gewöhnt, die Partnerin manuell oder oral zu befriedigen oder er kompensiert mit Höchstleistungen in anderen Lebensbereichen. Je nach eigenem Entwicklungsstand spielt die Partnerin mit oder lässt sich scheiden oder erträgt es, weil sie es im schlimmsten Fall nicht besser kennt.

Traumatisierte Väter oder Mütter

Zumindest in der Mutter- und Großmuttergeneration der heute Fünfzigjährigen gab es noch viele Frauen, die in den Kriegswirren auch vergewaltigt worden waren und sehr viel ohne Mann bewältigen mussten. Diese Frauen waren schwer traumatisiert, aber sie setzten Stein auf Stein fürs neue Häuschen – therapiert wurden sie so gut wie nie. Außerdem gab es noch kein Angebot für sexuelle Schwierigkeiten. Diese Frauen übertrugen oft ihren Männerhass auf den kleinen Jungen. All das kann natürlich auch in Friedenszeiten geschehen, wenn eine Mutter ihrerseits einen cholerischen Vater hatte, der sie im schlimmsten Fall missbraucht und geschlagen hat. Der Männerhass kann sich in abwertenden, demütigenden Äußerungen entladen, die es dem jungen Mann nicht gerade leicht machen, dennoch ein Selbstwertgefühl als Mann zu entwickeln. Vom Vater erhält er meistens auch keine Unterstützung. Das verschlechtert die Chancen auf ein emotional gesundes, sexuell befriedigendes Liebes- und Beziehungsleben. Im komplizierten Zusammenspiel der physischen und psychischen Startbedingungen ha er eine schlechte Karte gezogen.

Ein weiteres Szenario besteht aus einer allein erziehenden, vielleicht auch noch frustrierten Mutter, die den Kleinen als Ersatzmann dressiert. Er muss auf irgendeine Weise für alles hinhalten, wofür eigentlich der erwachsene Mann da sein sollte. Vielleicht sogar sexuell!

Therapie mit Körperarbeit

Ob eine Geschichte schwerer oder leichter ist, wird sich nach Aufdeckung der Ursachen in genauer Relation abbilden zu den Beschwerden, die Mann hatte, bevor er zur Therapie kam. Wie lange die dauern wird, kann man am Anfang schwer sagen, weil der Erfolg von vielen Faktoren abhängig ist: in der Körpertherapie hängt es sehr stark von der Mitarbeit des Klienten auch zwischen den Sitzungen oder den Seminaren ab, wie schnell sich zum Beispiel der Beckenboden lockern kann. Erotische Spannung muss eine Weile gehalten werden können – am besten mit Genuss, nicht aus Pflicht oder weil sich der Mann als Befriedigungsesel der Frau fühlt. Dafür müssen die entsprechenden Muskeln einen guten Tonus haben. Das lässt sich trainieren. Das Tantra bietet viele Übungen dafür an. Die Massage als Therapie wird meistens überschätzt. Als äußerst hilfreich haben sich in meiner Praxis verschiedene Tiefenatmungstechniken wie das holotrope Atmen oder auch das Rebirthing erwiesen – zur Aufdeckung emotionaler und sexueller Blockaden. Zum Trainieren der sexuellen Muskeln empfehlen sich tantrische Methoden.

Meiner Erfahrung nach lassen sich sexuelle Blockaden mit Gesprächstherapie nicht lösen. Dem genitalen Stau, laut Reich am Boden einer jeden Neurose, ist nur mit Körperarbeit, sprich Bioenergetik, beizukommen. Selbstverständlich braucht es aber auch einen emphatischen Therapeuten, des zusätzlichen Gesprächs und der Spiegelung der Widerstände. Tantrische Übungen und Yoga helfen zusätzlich, können aber die Therapie alleine auch nicht leisten – dafür wurden diese Methoden nicht erschaffen. Dazu sollten noch andere Methoden angewendet werden, die helfen, verdrängte Inhalte ans Licht zu bringen. Unter anderem ist auch Focussing, Hakomi und Gestalt von Nutzen.

Erfüllte Sexualität

Wenn alles zusammen passt: Therapeut und Klient, die Methoden, die Bereitschaft, für eine gesunde Sexualität zu tun, was nötig ist – dann kann das Werk gelingen. Mich wundert es allerdings in meiner Praxis immer wieder, wie lange Menschen damit warten, an ihren sexuellen Schwierigkeiten zu arbeiten – hängen doch viel andere Faktoren eines gelungenen, glücklichen Lebens davon ab. Oft kommen Menschen zu mir, die schon viele Jahre Therapie hinter sich haben. Dann soll die Kleinigkeit mit dem Sex schnell noch nachgeliefert werden. Der umgekehrte Weg wäre kürzer – und Mann hätte mehr Jahre mit befriedigender Sexualität. All die anderen Aspekte:

Selbstwertgefühl, Auftreten, Gesundheit – reihen sich in der Geschichte des erworbenen sexuellen Frusts von alleine auf, wie die Perlen an einer Kette. Vor allem ein gehemmter und blockierter Mann hat es sehr schwer mit seinem Ego: daß er überhaupt eine Therapie aufsucht. Aber vielleicht ist er ja auch nicht richtig informiert. Meiner Einschätzung nach gehört es mit zu den schwierigsten Aufgaben, genitale Störungen stabil zu beheben. Eine erfüllte Sexualität beinhaltet Erlebensdimensionen, die vielen Menschen verschlossen bleiben, die das Thema nicht wichtig genug nehmen.

Advaita Maria Bach

Advaita Maria Bach, Jg. 1949, Studium der Phil., Polit. und Soz. 1982–87 Ausbildung bei Margo Naslednikov im Skydancing Tantra. Seit 1987 eigener tantrischer Weg auf der Grundlage von Wilhelm Reich und den modernen Körpertherapien. Seit 1998 bietet Advaita eine fünfjährige Tantra-Lehrer Ausbildung an.

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