Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Nachruf Dieter Dorn

Details

Nachruf Dieter Dorn
Dieter Dorn

Der sehende Daumen

Am 19. Januar 2011 verstarb mit Dieter Dorn ein Pionier der Komplementärmedizin. Er sah die Ursache vieler Zivilisationskrankheiten in Fehlstellungen einzelner Wirbel und Gelenke. Diese Fehlstellungen entstehen seiner Ansicht nach durch unsymmetrische Arbeitstätigkeiten, durch Beckenschiefstände und Beinlängenunterschiede. Dorn entwickelte eine sanfte manuelle Behandlungsweise und ein System von Bewegungsübungen, das auch ausgewiesene Fachleute beeindruckte: Die Dorn-Methode

Dorn war die sprichwörtliche Antithese eines studierten Mediziners. Als Landwirt und Sägewerkbetreiber hatte er seine Methode zum Eigenbedarf entwickelt. Als er sich einmal beim Anheben eines Baumstamms verhob, konnte ihm sein Onkel mit einem Damendruck helfen. Aus der Erkenntnis, dass man durch sanften Druck Wirbel und Gelenke wieder einrichten kann, begann er in seinem bäuerlichen Umfeld zu behandeln - intuitiv, ohne die geringste Spur medizinischen Wissens.

Sein Ruhm verbreitete sich lokal und kam dem Chirurgen und Orthopäden Dr. Thomas Hansen zu Ohren. Hansen hatte selbst Rückenbeschwerden und ließ sich auf eine Behandlung bei Dorn ein. Diese war erfolgreich. Hansen überredete Dorn, zusammen mit ihm in Seminaren die Methode weiterzugeben. Durch Hansen gelangte Dorn auch zu einem gewissen medizinischen Wissen. Er betonte später jedoch immer, dass ihm die Methode völlig ohne externes Wissen »zugefallen« sei.

Nach Hansen ist die Dorn-Methode rational nachvollziehbar und könnte ohne weiteres in die Schulmedizin integriert werden. Sie unterscheidet sich von der Chiropraktik, indem nicht mit schnellen Bewegungen gearbeitet wird, sondern mit sanftem Druck, den der Patient selbst ausübt. Richtig angewandt, ist sie deshalb ungefährlich.

Dorn hat nie eine Heilpraktikerprüfung abgelegt oder sich um medizinische Konventionen gekümmert. Nach Feierarbeit im Sägewerk fand sich jahrzehntelang tagtäglich eine Schar von Hilfesuchenden bei ihm ein, die er in seiner Küche behandelte. Er schaffte es, die Patienten fast ununterbrochen zum Lachen zu bringen. Zusammen mit seiner bescheidenen Art mag dies auch einen wesentlichen Anteil zu seinem Behandlungserfolg beigetragen haben.

Nachruf Dieter Dorn

Streicheleinheiten

In einem abgelegenen Dorf im Allgäu versammelten sich jahrzehntelang, Tag für Tag, abends um sechs, nachdem die Arbeit im Sägewerk beendet war und die fünf Kühe gemolken waren, die Heilungssuchenden. Sie warteten im Wohnzimmer und wurden in der Küche behandelt. In einer Küche, die seit 50 Jahren nicht renoviert worden war. Dieter Dorn, der Sägewerksbetreiber und Bauer, empfing sie mit einem Witz. Er duzte sowieso jeden.

Jetzt schnell auf die Couch, Beinlängen überprüfen. Oh, da ist ja das eine Bein länger als das andere. Mit schnellem Handgriff macht Dorn die Beine wieder gleich lang. Nun an den Tisch stellen, um das Becken zu richten. Der Patient steht auf einem Bein und schwingt das andere hin und her. Ein Griff, und das Becken sitzt wieder gerade. Jetzt den Rücken freimachen. Da sagt die Patientin vielleicht: »Darf ich denn auch noch mal wiederkommen?«. Und Dorn darauf: »Ja, wenn du wieder ein rotes Höschen anhast, darfst du wiederkommen.« Und alle lachen.

Wo wurde bei der Leidensbehandlung je so viel gelacht? Die Stimmung ist so, dass man gleich wieder loslachen möchte. Jetzt wird der Rücken begutachtet, da tanzen noch einige Wirbel aus der Reihe! Der Patient schwingt mit dem Bein, später mit den Armen. Dorn hält seinen Wunderdaumen an die Wirbelsäule und die Wirbel richten sich wieder aus. Ja, man muss mit dem Daumen sehen können, sagt er, das sei das Geheimnis. So geht es die Wirbelsäule hinauf bis zum Kopf. Die Behandlung der Halswirbelsäule gleicht einer Streicheleinheit. Die Patienten kuscheln sich an den Meister, drehen den Kopf hin und her, und Dieter Dorn hält nur seinen Arm hin. Er scheint kaum etwas zu tun, aber die Leute sind anschließend wie neugeboren. Langjährige hartnäckige Leiden verschwinden. Nun möchte der Patient auch zahlen, man ist es so gewohnt, obwohl niemand danach fragt. Dieter Dorn wiegelt ab. Nein, nein, nicht so viel. na gut, wenn's sein muss, fünf Euro.

Wenn andere nach getaner Arbeit vorm Fernseher saßen, behandelte er, teilweise bis zwei Uhr nachts, Tag für Tag. Die Methode war ihm zugefallen, wie er sagte, nachdem er sich beim Anheben eines Baumstamms verhoben hatte. Sein Onkel konnte ihm damals mit einem Damendruck helfen, starb aber vier Wochen später. Aus dieser Erfahrung entwickelte Dorn seine Methode.

Frank Ziesing

   
© Connection AG 2015