Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Das Meta-Ich – Komplexitätsreduktion durch Bewusstseinsevolution

Details

Das Meta-Ich – Komplexitätsreduktion durch Bewusstseinsevolution
© Gerd Altmann pixelio.de

Selbstfreundlichkeit

Wir leben in einer Zeit großer gesamtgesellschaftlicher Veränderungen, die uns alle betreffen und fordern. Dies zeigt sich sowohl im beruflichen Kontext wie im Privatleben der meisten von uns. Die Suche nach Eindeutigkeit und Sicherheit in uns selbst und in unserer Welt wird deshalb immer schwieriger und komplexer.

Innen und außen

Lange Zeit meinte ich, wie wohl viele andere Menschen auch, dass erfreuliche innere und äußere Ereignisse im Leben einen glücklich machen bzw. dass man diese anstreben sollte, wenn man sich gut und erfolgreich fühlen möchte. Ich dachte, dass ich unerwünschte, unangenehme, bedrohliche Ereignisse im Leben befürchte und dass Sicherheit darauf beruhe, solche Ereignisse und Verhaltensweisen so gut wie möglich zu verhindern.

Es hat sich jedoch herausgestellt, dass das, was ich am meisten erstrebe bzw. befürchte, meine eigenen Bewertungen sind und meine Reaktionen auf Erfahrungen. Sie sind es, die mein Leben angenehm oder bedrohlich für mich machen, nicht die Ereignisse selbst.

Ich glaube, das gilt für die meisten von uns. Wenn wir Lob und Anerkennung von inneren oder äußeren Autoritäten erhalten – und diese auch annnehmen können – fühlen wir uns gut und für kurze Zeit eins mit der Welt. Doch selbst dann, wenn wir die Anforderungen erfüllen, währt die Ruhe meist nicht lange. Schnell fällt uns wieder etwas ein oder auf, das verbesserungsbedürftig wäre, oder wir begegnen einem Feedback von außen, das uns verunsichert. Dann machen wir uns Vorwürfe und schlagen uns mit Schuldgefühlen herum. Wir stellen rigide und überhöhte Leistungsansprüche an uns selbst und werten uns innerlich ab, wenn wir sie nicht erfüllen. Oft sind wir strenger zu uns selbst, als alle anderen! Wir solidarisieren uns dabei mit einem strengen Über-Ich, unserem Gewissen, das uns antreibt, bewertet und aburteilt.

Selbstverurteilung

In den fundamentalistischen religiösen und politischen Systemen oder der Leistungsgesellschaft des 20. Jahrhunderts waren die Werte eindeutiger als sie es heute sind. Damals mag ein solches sich selbst verurteilendes Verhalten, wie ich es eben beschrieben habe, eine sinnvolle und stabilisierende Funktion gehabt haben. Es gab uns Orientierung, wir wussten was richtig und falsch, gut und schlecht war. Wir konnten uns durch unsere inneren Kontrolleure und Antreiber zu systemkonformen (und damit unser eigenes Überleben sichernden) Verhaltensweisen motivieren und gesellschaftsgefährdendes Tun vermeiden. Das war auch der Sinn der Erziehung, durch die wir so konditioniert wurden.

Unsere Situation hat sich jedoch Anfang der 21. Jahrhunderts entscheidend verändert. Wir sind mit einem multikulturellen und globalen, auf chaotischer Dynamik basierenden System konfrontiert, das noch keine eindeutigen Werte verhandelt hat, das keine klaren Antworten auf persönliche und (gesellschafts-)politische Fragen gibt, das sich sichtbar und spürbar in einem Zerfalls- und Neuaufbauprozess befindet.

Hier sind sind diese unsere Orientierungshilfen (wie Schuldgfühle oder eindimensionale Leistungsanforderungen, Belohnungs- und Bestrafungsreaktionen) nicht mehr geeignet, uns klare Richtlinien für unser Verhalten zu geben.

Sich in der Reaktion anderer zu »spiegeln« und handlungsrelevantes Feedback für das eigene Vorgehen zu finden wird in unserer multikulturellen (und zudem auf verschiedenen Bewusstseinsebenen operierenden) Gesellschaft immer schwerer

Vielfalt der Werte

Innerlich wie äußerlich sind wir heute mit einer Vielzahl gültiger Werte und Standpunkte konfrontiert. Deshalb machen wir, egal was wir tun, immer etwas falsch und zugleich richtig – je nachdem welcher der Stimmen in uns oder außerhalb von uns wir gerade Gehör schenken. Denken wir nur an die unterschiedlichen Bewertungsmöglichkeiten einer Ehescheidung, an die Einschätzung von früher als »sündig« betrachteten sexuellen Verhaltensweisen. Es gilt aber auch für ganz alltägliches Verhalten, dass die Art des Umgangs miteinander je nach kulturellem und weltanschaulichem Hintergrund sehr unterschiedlich bewertet wird.

Viele Menschen fühlen sich dadurch verunsichert, dass sie sogar in sich selbst mehrere unterschiedliche Standpunkte – und daraus resultierende Gefühle – zu diversen Fragestellungen vorfinden. Sich in der Reaktion anderer zu »spiegeln« und handlungsrelevantes Feedback für das eigene Vorgehen zu finden wird in unserer multikulturellen (und zudem auf verschiedenen Bewusstseinsebenen operierenden) Gesellschaft immer schwerer.

Das Meta-Ich – Komplexitätsreduktion durch Bewusstseinsevolution
© Rainer Brückner pixelio.de

Der Modus der Selbstliebe

Hier gibt es aus meiner Sicht und Erfahrung nur einen Ausweg: das Entwickeln der Haltung einer unbedingten, stetigen Liebe, Ermutigung und Fürsorge für sich selbst, in der das Wohl der (menschlichen und natürlichen) Umwelt auch im eigenen Interesse so gut wie möglich integriert ist. Bei auftauchenden Problemen sollten wir stets so schnell wie möglich in einen Modus der Selbstliebe und der Selbstunterstützung wechseln. Im Idealfall befinden wir uns ständig in diesem Modus; das allerdings braucht Praxis.

Das Ziel dabei ist, durch die aus einer solchen Haltung entwickelten Lösungen möglichst viel Freude und Nutzen für möglichst viele Beteiligte zu kreieren. In unserer vernetzen Welt, wo die Anforderungen und Probleme so vielfältig und unberechenbar sind, können diese Lösungen aber nicht linear, nicht absolut und nicht perfekt sein. Sie sind immer nur ein Entwurf, der sich durch Versuch und Irrtum erst noch bewähren muss.

Umso wichtiger ist es, sich nicht selbst Zeit und Energie zu rauben, indem man gemäß der alten Wege der Selbstregulierung und des Selbstmanagements Schuldgefühle und perfektionistische Leistungsansprüche an sich richtet. Es ist nicht nur das Angenehmste, sondern auch das am besten Funktionierende und in die Zukunft weisende, sich selbst gegenüber unter allen Umständen liebevoll, tolerant und konstruktiv zu bleiben.

Wir haben einfach nicht mehr die Zeit, uns mit inneren und äußeren Konflikten, Schuldzuweisungen und Abwertungen aufzuhalten und uns um inneren und äußeren kurzfristigen Applaus zu bemühen. Selbstverständlich dürfen – teils auch: sollten – wir das Feedback unserer Gefühle und die Reaktionen anderer auf uns als Anregung einbeziehen. Wir sollten dies nur nicht als Meta-Instanz für unsere Selbstbewertung betrachten.

Diese Ziele umzusetzen erfordert allerdings einen Lern- und Übungsprozess, der viel Bewusstheit braucht. Es ist also auch bei diesem Umlernen entscheidend, keine perfektionistischen Maßstäbe anzulegen, während wir unsere Aufmerksamkeit neu ausrichten und neu lernen, mit uns selbst zu kommunizieren.

Eine solche Haltung sich selbst gegenüber motiviert auch die meisten anderen Menschen zu konstruktiven Antworten. Wahrscheinlich motiviert sie sie! Sicher aber ist es nicht. Es gibt keine Garantien dafür, dass unser freundliches Verhalten uns selbst gegenüber eine positive Auswirkung auf die Reaktion anderer hat.

In unseren chaotischen Systemen von heute brauchen wir eine solche Meta-Persönlichkeit nun aber, um in problematischen Situationen so schnell wie möglich in ein unmittelbar konstruktives Verhalten wechseln zu können

Eine Meta-Persönlichkeit entwickeln

Es geht also individuell und kollektiv darum, eine neue Meta-Instanz, eine Art Meta-Persönlichkeit zu entdecken oder zu entwickeln. Diese soll uns gegenüber eine freundliche, unterstützende und nährende Haltung einnehmen und dies auch unseren Gedanken, Empfindungen und Reaktionen gegenüber. Diese Meta-Instanz muss nicht nur achtsam und unmittelbar, sondern auch autonom agieren können. Sie muss in der Lage sein, uns entgegen unserer (an eindeutigen Belohnung-/ Bestrafungsszenarien orientierten) Erziehung/Konditionierung und auch entgegen unserer (an eindeutigen Lust- bzw. Schmerzempfindungen orientierten) animalisch-genetischen Ausstattung zu führen.

Sie muss sich nicht nur auf äußeres, sondern eben auch auf inneres Feedback beziehen können. Das heißt, sie muss auf unsere emotionale und mentale Reaktion reagieren, sich auf unsere Bezugnahme beziehen können. Die Forderung nach einer solchen inneren Unabhängigkeit für breite Schichten der Bevölkerung ist neu in der Bewusstseinsentwicklung. Eindeutige, weniger komplexe Systeme haben danach noch nicht verlangt – jedenfalls nicht so dringlich wie heute.

In unseren chaotischen Systemen von heute brauchen wir eine solche Meta-Persönlichkeit nun aber, um in problematischen Situationen so schnell wie möglich in ein unmittelbar konstruktives Verhalten wechseln zu können. Auch in Gesellschaften, die von der Natur und ihren unvorhersehbaren Dynamiken gekennzeichnet waren, war schnelles und pragmatisches Handeln in Bezug auf äußere Ereigisse nötig. Heute aber geht es in viel höherem Maße auch um unsere Reaktion auf innere Ereignisse.

Sinnvollerweise trifft diese gesuchte Meta-Instanz die grundsätzliche Entscheidung, dass liebevolle, konstruktive Kommunikation mit sich selbst immer die beste und effizienteste Wahl ist. bauen

Zu sich selbst freundlich sein

Sinnvollerweise trifft diese gesuchte Meta-Instanz die grundsätzliche Entscheidung, dass liebevolle, konstruktive Kommunikation mit sich selbst immer die beste und effizienteste Wahl ist. Die Haltung, mit der diese Instanz dann inneres Feedback gibt, nenne ich »Selbst-Freundlichkeit«. Damit meine ich etwas anderes als das in so vielen unterschiedlichen Bedeutungen verwendete Wort »Selbst-Liebe«. Selbst-Freundlichkeit ist mehr ein Tun im Hier und Jetzt.

Diese »selbst-freundliche« Metainstanz kann also autonom und unabhängig einen Überblick über alle Empfindungen und Reaktionen behalten, ohne sich davon lenken oder ablenken zu lassen. Sie ermöglicht die Zusammenarbeit unterschiedlicher intrapersoneller und gesellschaftlicher Kräfte mit minimalen Reibungsverlusten und leistet so auch die häufig eingeforderte Eindeutigkeit der Werte und die dringend nötige Komplexitätsreduktion.

Die neue Werthaltung und Orientierung besteht also darin, immer bzw. stets so rasch wie möglich, mit Selbst-Freundlichkeit zu reagieren und sich konflikt-kreierender, energieraubender Kommunikation zu enthalten. Um auch unsere globalen Probleme anzugehen, müssen möglichst viele innere und äußere Kräfte möglichst rasch und effektiv zu konstruktiven Lösungen und zu chaos-tolerantem Handeln kommen.

Nicht ist für immer

Zu unserem System gehört auch, dass gesamtgesellschaftlich und politisch keine eindimensionalen, für alle Zeit gültigen Lösungen möglich sind. Irrtum und überraschende Entwicklungen sind Teil des globalsierten (und von diversen unvorhersehbaren Katastrophenszenarien geprägten) Lebens sind und müssen in unsere Planung einbezogen werden.

Auch wenn es hier und heute nur schwer vorstellbar ist, wäre das auch ein sinnvoller Umgang politischer Parteien miteinander. Stellen wir uns Poltiker vor, die ermutigend und tolerant, konstruktiv und kooperativ mit sich selbst – und in der Folge auch miteinander – umgehen: Wie viel Zeit und Energie hätten sie, um Probleme zu bewältigen!

Dies ist jedoch nur denkbar, wenn wir auch von ihnen keine eindeutigen Antworten, keine perfekten Lösungen und keine absoluten Sicherheiten erwarten. Wir kommen nicht umhin, es auch ihnen zu ermöglichen, in dieser venetzten, unüberschaubaren Welt zu lernen, auszuprobieren und Vorgehensweisen immer wieder sich ändernden Gegebenheiten anzupassen. Sanftheit und Konsequenz, das Entwickeln konstruktiver, flexibler Vorgangsweisen und eines effektiven (Selbst)-Managements schließen einander nicht aus.

Das Meta-Ich

Abschließend noch der Versuch einer Begriffsklärung und Zusammenfassung. Die Meta-Instanz, von der ich spreche – ich möchte sie »Meta-Ich« nennen – ist nicht der Zeuge, nicht das Höhere Selbst, nicht das Ich-Ich, der Regisseur, das Selbst oder das Reine Freie Bewusstsein, um hier nur einige der Instanzen zu benennen, die das konditionierte Ich transzendieren und die uns aus der Literatur oder der eigenen Erfahrung bekannt sind.

Das Meta-Ich ist eine als Ich erschlossene und erlebte, handlungsfähige und autonome, sich zu Werten der Liebe und Effizienz bekennende Instanz, die die Vielfalt der inneren und äußeren Strukturen und Positionen bestmöglich überblickt und managt. Sie kann mit Widersprüchen und Polaritäten umgehen, ohne sie relativieren, verdrängen oder eleminieren zu müssen, und sie kann mit vorläufigen, relativen Lösungen leben.

Auf Basis der Entwicklung dieses Meta-Ich ist es dann denkbar und möglich, für uns alle wünschenswerte win-win-win-Lösungen für die großen Fragen zu entwerfen, sie zu erproben und auszuwerten und ein aufbauenderes, energiespendenderes Miteinander in unserem Alltag zu entwickeln.

Liselotte Jetzinger

Liselotte Jetzinger lebt und arbeitet in Wien als Psychotherapeutin, Lebensberaterin, Huna-Lehrerin und Autorin (einiger Bücher und Artikel). Das Thema Bewusstseinsentwicklung, globale Veränderungen und die damit zusammenhängende und notwendige geistige Evolution interessieren und beschäftigen sie seit vielen Jahren. www.liselotte-jetzinger.at

Links

   
© Connection AG 2015