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Stress aus spiritueller Sicht

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Stress aus spiritueller Sicht
Foto: Gerd Altmann pixelio.de

Ausstieg aus dem Hamsterrad

Laut einer AOK-Studie für 2010 sorgt in Deutschland psychischer Stress für die längsten Fehlzeiten am Arbeitsplatz. »Allein mit Burnout waren vergangenes Jahr knapp 100 000 Menschen krankgeschrieben. Seit 2004 seien die Burnout-Fehltage damit um fast das Neunfache auf insgesamt 1,8 Millionen angestiegen.« Der Leidensdruck ist so hoch, dass selbst in wirtschaftlichen Krisenzeiten Arbeitnehmer immer weniger bereit sind, sich krank zur Arbeit zu schleppen (AOK-Studie 2009). Um Stress wirklich zu überwinden, ist es unabdingbar, sich den Sinn-Fragen des Lebens zu stellen. Oliver Steimel stellt den herkömmlichen Stresstheorien eine ganzheitlichere Sicht entgegen.

Nach dem Pionier der Stressforschung Hans Selye sind wir dem Stress ohnmächtig ausgeliefert und: je stärker der Stress-Auslöser, umso stärker auch die entsprechende Stress-Reaktion. Selye hat jedoch keine Menschen untersucht, sondern in den 1950er und 60er Jahren Tiere auf grausame Art und Weise unter Stress gesetzt und sie dabei tödlich endenden Ohnmachtsituationen ausgeliefert. Die Ergebnisse wurden einfach auf den Menschen übertragen. Richard Lazarus räumte 1974 mit seiner Theorie dem Menschen in der Reaktion auf Stress zumindest eine gewisse Flexibilität ein. Er sah eine Verbindung zwischen dem individuellen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und dem jeweiligen Erfolg oder Misserfolg, beobachtet an Studenten in einer Prüfungssituation.

Es ist nicht der berufliche Stress, der einen krank macht, sondern die Verdrängung von Gefühlen.

Die Unterdrückung der Gefühle

Unsere beiden Gehirnhälften repräsentieren zwei wichtige innere Instanzen: die linke Hemisphäre den Verstand, die rechte Hemisphäre das Gefühl. Auch wenn diese Aufteilung wissenschaftlich umstritten ist, verfügt der Mensch zweifellos über diese Funktionen. Räumen wir beiden Aspekten den ihnen gebührenden Platz ein, dürfen sie in Harmonie arbeiten. Nach Neale Donald Walsh sind Gefühle die Sprache unserer Seele. Häufig jedoch neigen wir dazu, mit unserem Verstand unsere Gefühle zu kontrollieren. Wir verleugnen für uns wichtige Bedürfnisse und überhören unsere innere Stimme, die uns mitteilt, ob etwas für uns stimmig ist oder nicht. Und das mit gesundheitlichen Folgen. Die Psychoanalytikerin Alice Miller sagte diesbezüglich: »Was uns krank macht, ist die Unterdrückung der authentischen Gefühle.« Der an Burnout erkrankte Kreativdirektor einer Frankfurter Werbeagentur drückt es in einem Artikel des Spiegel Anfang 2011 so aus: »Ich bin fest überzeugt davon: es ist nicht der berufliche Stress, der einen krank macht, sondern die Verdrängung von Gefühlen.« Im selben Artikel wird Stress als »Geißel der Industrienationen« bezeichnet und damit auch auf unsere moderne Lebensweise in Bezug gesetzt.

Stress als Alarmsignal der Seele

Sind wir also dem Stress hilflos ausgesetzt? Handelt es sich dabei einfach um ein Opfer, das wir im Tausch für ein komfortables und sicheres Leben erbringen müssen? Sind wir wie Tiere in einem Labor, ausgestattet vielleicht noch mit einer gewissen gedanklichen Eigenleistung? Oder sind wir mehr als das? Christoph Bamberger sieht positiven Stress als »Teil der Kraft, die uns … am Leben hält und …etwas zustande bringen lässt«. Dieser Kraft gegenüber steht die Kraftlosigkeit im negativen Stress, die Müdigkeit und Erschöpfung. Der Mensch hat also beide Möglichkeiten und damit auch Wahlmöglichkeiten. Er ist nicht einfach nur reagierender Körper oder Verstand, sondern ein komplexes, spirituelles Wesen. Stress ist ein Alarmsignal der Seele. Wenn wir glauben, wir wären unserem Leben ausgeliefert und könnten bestenfalls erfolgreich auf eine Situation reagieren, erliegen wir einer Illusion. Seit jeher verkünden unterschiedliche Religionen und spirituelle Traditionen, dass wir unser Leben selbst bestimmen und wir für unser Leben verantwortlich sind. Robert Betz sagt über den Zusammenhang zwischen Stress und dieser universellen Regel: »Burnout ist vermeidbar, wenn der Mensch wieder begreift, dass er Schöpfer seiner Lebenswirklichkeit ist«. Ein derartig starker Einfluss von uns selbst auf unsere Realität scheint sich (physikalisch belegbar) bis auf die atomare Ebene auszudehnen: »Aus den Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten« des Lebens werden »erst… mit Hilfe unseres Bewusstseins« konkrete Tatsachen in Zeit und Raum geschaffen, so die »Kopenhagener Deutung« der Quantenphysik.

Stress aus spiritueller Sicht
Foto: Dieter Schütz pixelio.de

Die innere Wirklichkeit

Unsere Einflussmöglichkeiten auf das Leben sind also viel größer, als sich die meisten wahrscheinlich bis jetzt vorstellen konnten. Insofern reagieren wir auf eine Situation, die wir selbst hervorgebracht haben und für die wir selber die Verantwortung tragen. Wenn ich mich wie in einem Hamsterrad fühle, sollte ich mir klarmachen, dass ich nicht nur der Hamster bin, sondern auch das Rad aufgestellt habe, auf dem ich jetzt munter laufe. Gestresst bin ich, wenn ich auf eine Weise handle, die nicht oder nicht mehr mit meinen Bedürfnissen übereinstimmt. Wenn ich zu viele Dinge tue, von denen ich innerlich nicht überzeugt und schon gar nicht begeistert bin. Dadurch bringe ich nicht nur die übliche Kraft für eine Sache auf, sondern brauche eine vielfach höhere Energie, um immer wieder diesen inneren Widerstand zu überwinden. Dann wird aus Stress Dauerstress, Burnout, Depression.

Die Lebensumstände sind nur ein Spiegelbild unserer inneren Wirklichkeit

Symptome oder schon ausgewachsene Erkrankungen, die alles andere als angenehm sind, uns aber gerade dadurch auf etwas aufmerksam machen wollen, oder wie Kurt Tepperwein es formuliert: »Wer sich ein besseres Leben wünscht, sollte damit beginnen, sich und sein Verhalten zu überprüfen, denn die Lebensumstände sind nur ein Spiegelbild unserer inneren Wirklichkeit«. Bis wir aus dem Hamsterrad aussteigen und uns wieder auf unsere Rolle im kosmischen Spiel besinnen. Und das ist eine aktive Rolle! Dazu kann ich mir Fragen stellen wie: welche Gefühle lasse ich nicht zu, wonach sehne ich mich wirklich, was liegt mir am Herzen, was will gelebt und ausgedrückt werden? Wenn ich die so für mich gewonnenen Antworten umzusetzen beginne und in ein selbst bestimmtes Leben zurückfinde, handle ich wieder in Übereinstimmung mit meinem inneren Lebensplan. Ich finde aus der Kraftlosigkeit zurück in meine Kraft, meine Seele muss keine Alarmsignale mehr senden, die Stresssymptome können gehen.

Oliver Steimel

Quellen

»Immer mehr Angestellte psychisch krank«, www.handelsblatt.com, Artikel vom 19.04.2011
»Stress-Intelligenz«, S. 13ff , Christoph Bamberger, Knaur, 2007
»Nackte Herrscherin - Das Manifest gegen Tierversuche«, S. 122ff, Hans Ruesch, Nymphenburger, 1984
Interview für das slowenische Magazin ONA, Juni 2005
»Ich verliere mein Selbst«, S. 13ff, Spiegel Wissen Nr. 1, 2011
»Burnout - nicht mit mir«, Artikel von Robert Betz, robert-betz.de
Interview mit Dr. Ulrich Warnke, www.scorpio-verlag.de, 16.02.2011
»Erfolg-Reich-Sein«, S. 7, Kurt Tepperwein, Silberschnur, 2001

Oliver Steimel ist Diplom-Sozialpädagoge, Ganzheitlicher Lebensberater, Entspannungstrainer und -kursleiter, Seminarleiter für Autogenes Training. www.entspannt-zum-selbst.de

   
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