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Die Balance zwischen Ernst und Witz in der Therapie und im Alltag

Details

Wir tragikomische Wesen

GBP
Begründerin der biodynamischen
Psychotherapie: Gerda Boyesen

Auf der GBP-Tagung (Gesellschaft für biodynamische Psychologie/
Körperpsychotherapie) »Ganzheitlich gesund gelacht« vom 19. bis 23. Oktober 2011 in Herrenberg bei Stuttgart habe ich drei Workshops angeboten: Mi-Fr den 2-Tages-Workshop »Rettendes für harte Zeiten – Humor als Ausweg«; am Sa und So danach noch die zwei, jeweils drei Stunden dauernden Kurzworkshops mit dem Thema »Flüchten oder Standhalten – Humor als Lösungsmittel«. Außerdem am Fr Abend mein Kabarett »Alles ist eins – und noch eins drauf« im großen Saal des Tagungshauses, dort kamen auch noch Besucher von außen zu dieser Veranstaltung.

Der Zwei-Tages-Workshop war mit 17 Teilnehmern gebucht, fast alles Therapeutinnen, ein paar Lehrerinnen waren auch dabei. Nur ein Mann war unter den 17 Frauen, er war mit seiner Frau hergekommen, einer Therapeutin. Bei den Kurzworkshops hatte ich 9 und 10 Teilnehmer (mit erst zwei Männern, dann einem). Am zweiten der beiden Kurzworkshops nahm auch Mona-Lisa Boyesen teil, eine der beiden Gründerinnen der GBP.

Mein Gesamteindruck von der Tagung: gutes Thema, sehr zeitgemäß, sehr nötig. Die GBP ist ein kleiner , aber feiner Berufsverband mit ca. 250 Mitgliedern. Er wurde 1994 u. a. gegründet von Ebba und Mona Lisa Boyesen, den Töchtern der Biodynamik-Gründerin Gerda Boyesen. Die von diesen drei Frauen begründeten Therapien weisen weiblichere, praktischere, alltagsnähere Elemente auf als die von Männern begründeten therapeutischen Richtungen – fast alle anderen der bedeutsameren Therapien wurden ja von Männern begründet. Ich habe mich auf der Tagung sehr wohl gefühlt, sehr gut aufgenommen und gut verstanden. Als ich bei unserem Abschiedsessen am Sonntag durch Mona-Lisa in karnevalesker Weise zu einer Art »Ehrenmitglied« der GBP ernannt wurde (»Das war biodynamische Arbeit, was du da gemacht hast!«), war das für mich dann ein auch irgendwie ernster Höhepunkt und jedenfalls ein sehr schöner Abschluss.

Nimmst du mich ernst?

Wenn ich aus den drei Workshops ein Hauptthema herauspicken müsste, das alle beschäftigte, wäre das die Balance zwischen den beiden Polen »witzig sein« und »ernst genommen werden«. Wir alle stehen zwischen diesen beiden Polen. Einerseits wollen wir ernst genommen werden mit all dem, was uns wichtig ist. Andererseits wollen wir auch Quelle von Freude sein, und Lachen macht froh. Worüber lachen wir? Am besten über uns selbst. Spott ist das Lachen über andere, Humor das Lachen oder Lächeln über sich selbst. Also präsentieren wir uns den anderen am besten als Witzfigur, dann haben sie was zu lachen. Kleiner Tipp am Rande: Je peinlicher und blamabler du dich benimmst, umso mehr haben die anderen zu lachen. Du schenkst ihnen damit also etwas: Freude. Sich zu blamieren ist Altruismus. Wer das nicht als Aufforderung verstehen möchte, mag sich damit vielleicht zumindest getröstet fühlen bei die Ausheilung der psychischen Folgen des letzten Sprungs in ein bereit stehendes Fettnäpfchen…

Ja, einerseits wollen wir die Quelle von Gelächter sein. Die andere Seite aber ist auch immer mit dabei und mindestens ebenso mächtig, manchmal übermächtig: Werde ich hier ausgelacht (was ausgrenzend ist und eben gerade nicht integrierend – wo doch die Integration das vielleicht höchste Ziel aller Psychotherapien ist), oder werde ich hier freudig mitfühlend angelacht? Werde ich in dem, was mir wirklich wichtig ist, ernst genommen, wenn ich hier (oder sonstwo) als Witzfigur auftrete? Wie fast überall im Leben geht es auch hier um eine Balance. Wenn wir uns auf nur eine dieser beiden Seite schlagen – wenn wir versuchen, entweder nur ernst oder nur witzig zu sein – dann fehlt unserem Ernst die Menschlichkeit und unserem Witz die Tiefe. Und so eierten, torkelten oder balancierten wir in jedem dieser drei Workshops um diese beiden Pole herum: Werde ich genug ernst genommen in dem, was mir wichtig ist? Was genau ist das überhaupt, worin ich ernst genommen werden möchte? Und dem anderen Pol: Wie finde ich in dem, was mir beruflich oder privat am wichtigsten ist, eine Perspektive, aus der das, was mich beschwert, komisch aussieht? So dass das Schwere leicht und die Konflikte lösbar werden.

Spielen

Eine der besten Methoden, Schweres zu erleichtern, ist das Spiel. Um dabei nicht nur auf Nebenschauplätzen zu arbeiten, bat ich die Teilnehmer, sich die drei größten Konfliktfelder im beruflichen wie privaten Bereich innerlich zu vergegenwärtigen. Dann galt es einen davon herauszupicken, mit dem man es wagen könnte, sich hier zu zeigen. Je größer der Konflikt und je existenziell berührender das Thema, umso mehr Mut braucht es dafür. Allerdings ist dann auch, wenn die Lösung gelingt, der Erfolg umso größer. Bald wagten sich einige mit ihren Beziehungskonflikten aufs Parkett. Ich bat sie, den Konflikt kurz zu beschreiben. Im Gespräch ergaben sich die Hauptkonfliktlinien und die gegnerischen Parteien. Dann wurde aufgestellt, ähnlich dem systemischen Famlienstellen. Wer steht für mich, wer für meine/n Gegner, wer für eine evtuelle dritte oder vierte Kraft oder Partei. Die Stellvertreter fühlten sich erstmal in ihre Position ein, dann wurde gespielt, und das oft so grandios gut, dass wir Zuschauer das Gefühl hatten, hier ohne Theaterkarten in der ersten Reihe sitzen zu dürfen – was für ein Geschenk! Die Schauspieler sind ja auch immer selbst emotional Beteiligte. »Nichts Menschliches ist uns fremd«, die Konflikte der anderen sind im weiteren Sinne auch immer die unseren.

Mal ergaben sich dabei Lösungen, mal nicht oder nicht so leicht. Meist stellte ich nach dem Spiel der Stellvertreter die Aufstellerin in ihre eigene Rolle. Manchmal musste ein aufgestellter Konflikt auch ohne Lösung erstmal so stehen bleiben.
Oft hilft Übertreibung, eine Lösung zu finden. Das Übertreiben wirkt wie ein Vergrößerungsglas, das die Essenz des Konfliktes sichtbar macht. In dieser Karikatur kommt einem das Drama lächerlich vor, und das Lachen löst. Man muss dabei aber den Emotionen ihre Zeit lassen, sich selbst zu dieser Lösung hinzuführen, eine zu künstliche oder zu frühe Übertreibung löst nicht nachhaltig.

Der kosmische Joker

GBP
Mona-Lisa und Ebba Boyesen

Sehr mutig ist es, sich beim Spielen ohne Hoffnung auf eine Lösung voll aufs Pathos des Konfliktes einzulassen. Einigen gelang das in den Workshops auf dieser Tagung. Der Konflikt überspitzt sich dann im Spiel quasi von selbst, wird zur Karikatur und löst sich in einem tiefen Gelächter auf; in einem Lachen, das oft einem Weinen sehr ähnlich ist.
So wie überhaupt ein Schluchzen in seiner Tiefe manchmal fast wie ein Lachen ist. In dieser Tiefe ist das Drama unserer menschlichen Existenz Tragödie und Komödie zugleich. Wir weinen, weil wir ins Leben Geworfene, Sterbliche, auf unserer Heldenreise letztlich immer die Verlierer sind. Wir lachen, weil wir das erkennen und in diesem Erkennen nicht mehr mit der Rolle identifiziert sind. Der Spieler steigt aus, streift die Rolle von sich ab, ist wieder nichts und alles, der kosmische Joker. Wer so aus einer Rolle aussteigen kann, wird es dann auch eines Tages leicht haben, dem Ende der eigenen körperlichen Existenz mit einem Lächeln zu begegnen.

»Alles ist eins«

Ein Highlight für mich war auch der Freitag Abend, an dem ich mit meinem Esoterik-Kabarett »Alles ist eins – und noch eins drauf« vor circa 70 Zuschauern auftreten durfte. Ich glaube, ich hatte noch nie ein so gutes Publikum. Die neun Sketche sind ja zum Teil interaktiv, und das Publikum dieser Tagung nutzte die Chancen sich einzubringen ausgiebig: durch lautes Gelächter, Zurufe und Fragen, die in der Channeling-Session dem von Christl Oberhuber gechannelten Satana gestellt wurden, oder im Abschluss-Sketch dem Satsang-Lehrer Shri Shitananda (»von der Scheiße zur Erleuchtung«). Auch das 'geheime' Wissen um das achte Chakra, das Chakra der Ernüchterung, das auf das siebte Chakra (Sahasrara, das Chakra der Erleuchtung) folgt, wurde hier von einem schmunzelnden Publikum mit einem Wiedererkennen begrüßt – wissend um die eigenen Höhenflüge und die ihrer Klienten und die darauffolgenden, unvermeidlichen Landungen auf dem manchmal sehr harten Boden der Tatsachen.

Die therapeutische Anwendung

Therapie braucht Humor, dass wussten die hier teilnehmenden Therapeuten und Therapeutinnen mit durchschnittlich wohl über 20 Jahren Berufserfahrung. Dieser Humor muss wohl dosiert eingesetzt werden und mit einem guten Gespür für den richtigen Zeitpunkt, sonst fühlt sich der Patient bzw. Gesprächspartner (oder wer auch immer an der sozialen Interaktion teilnimmt) nicht ernst genommen, und das Vertrauen leidet oder wird im wahrsten Sinne des Wortes »verspielt«. Vor allem bei der Lösung aus Suchtabhängigkeiten und von allem Chronischen, wozu auch die schlechten Gewohnheiten zählen, kann Humor Wunder wirken, weil dort der Krankheitsgewinn für den Leidenen am höchsten ist. Das Leiden wird chronisch durch die Identifikation mit der Rolle des Leidenden als Opfer von Umständen, die er/sie glaubt, nicht verändern zu können. Humor wirkt heilsam, weil er die Loslösung von dieser Opferrolle ermöglicht, die dem Leidenden den Krankheitsgewinn (z.B. Zuwendung) einbringt. Das macht eine wohldosiert mit Humor spielende Therapie besonders bei Süchten und chronischen Verhaftungen erfolgversprechend.

Wolf Schneider

Die nächste GBP-Tagung ist vom 3. bis 7. Oktober 2012 in Goslar, mit dem Thema »Lust am Heilen – Lust aufs Leben«

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Verschiedene therapeutische Ausbildungen. Seit 1980 eigene Seminare. 1985 Gründung der Zeitschrift Hrs. connection, die er seitdem herausgibt. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Seit 2007 Theaterspiel. Seit 2009 Esoterik-Kabarett. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Blog: www.schreibkunst.com

   
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