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Orthorexie

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Orthorexie
Foto: Benjamin Thorn pixelio.de

Wenn gesunde Ernährung zur Religion wird

Orthorektiker kaufen in Bioläden, essen Vollwertkost und meiden Lebensmittel mit künstlichen Zusatzstoffen. Das alles ist unbestritten gesund. Bedenklich ist aber ihre Zwanghaftigkeit, mit der sie die Regeln gesunder Ernährung an sich selbst anwenden. Einkaufen und Essen, naturnahe Anbaumethoden und Rohkost werden Menschen mit Orthorexie zum Lebensinhalt. Fast nur um diese Themen kreisen ihre Gedanken…

In anderen Teilen der Welt müssen die Menschen um ihr Essen kämpfen, wie sollen wir da so entspannt und achtlos damit umgehen! Irgendwann kommt dann noch das Bewusstsein hinzu, dass Essen ja die Grundlage unseres Lebens ist und wir uns möglicherweise falsch ernähren, gar unsere Gesundheit zerstören. Jedes zusätzliche Kilo auf den Rippen erscheint als lebender Beweis einer falschen Lebensweise. Also in Ernährungsbüchern lesen, was richtig ist, den Schweinebraten durch ein Gemüsegratin ersetzen, das Bratwurstbrötchen durch Vollkornbrot mit Räuchertofu.

Du bist, was du isst

Auch das Einkaufen gehen ist kein lustvolles Greifen mehr im Schlaraffenland der Supermärkte, sondern ein bewusstes Wählen: das ist »gesund«, das »ungesund«. Und weil wir in einer sozialen Umgebung leben, möchten wir natürlich auch, dass sich unser Partner gesund ernährt. Da kann es schon mal zu Debatten kommen, denn schließlich gelte ja der Satz: Du bist, was du isst. Und es gibt Partnerschaften, die zerbrechen, weil der eine die ungesunden Ausdünstungen des anderen nicht mehr riechen kann oder mag. Kinder sollten die Prinzipien am besten schon von klein auf lernen, und die eigenen Kinder vor allem. Auf den eigenen Körper hören oder auf die Lust – das ist out. Ein Eis in der Fußgängerzone? »Wo denkst du hin. Das können die anderen machen, die von gesunder Ernährung keine Ahnung haben, du kannst ja eine Möhre knabbern, ich hab dir eine eingepackt.« Das Essengehen mit Freunden und Bekannten wurde schwierig, in die Pizzeria gehen, unmöglich: das viele Fett, der ungesunde Käse, das Weißmehl im Teig. Auch auf Einladungen und Geburtstagsfeiern steht man etwas ratlos am Büffet vor diesem Haufen von Ungesundem, das einen bestenfalls anödet, schlimmstenfalls krank macht, wenn man dann aus sozialen Gründen doch ein wenig isst (und nachts an Verdauungsstörungen leidet). Natürlich will man den anderen mitteilen, was richtige, gesunde Ernährung ist. Aber die meisten Menschen sind Junkfood-Esser, sind uneinsichtig und wollen sich partout die Leberkäsesemmel oder den Döner nicht vermiesen lassen. Lieber wollen sie nichts mehr mit einem zu tun haben. So sind die Menschen nun mal. Und manchmal ertappt man sich selbst, so zu sein wie die anderen, ertappt sich bei miesen Ernährungssünden, fühlt sich schuldig und ist dann umso strenger mit sich selbst.

Orthorexie
Foto: Alexander Dreher, pixelio.de

Rohkost essen aus mangelndem Vertrauen zum Körper

Ob man in diesem Zustand bereits an Orthorexia nervosa bzw. Orthorexie leidet oder nicht mehr weit entfernt davon ist, kann sich jeder selber fragen. Wann der Grat vom sinnvollen Essverhalten zum Zwangsverhalten überschritten wird, ist Ansichtssache. Die bedenkliche Seite des Terrains betritt man jedenfalls dann, wenn sich das Gefühl einstellt, gesund essen zu müssen; andernfalls fühlt man sich nicht mehr wohl. Insofern lässt sich Orthorexie beispielsweise mit einem krankhaften Putzzwang vergleichen: Gegen Putzen ist ja nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber wenn man sich nicht mehr wohl fühlt, wenn man nicht geputzt hat? Dass Orthorexie ein krankhaftes Verhalten ist, zeigt sich allein an der Tatsache, dass die Betroffenen – darunter auch viele Männer – gerade nicht vor Gesundheit strotzen, obwohl sie doch alles dafür zu tun scheinen, und durchaus auch Waschbrettbäuche vorzuweisen haben.

Was nicht heißen soll, gesundes Essen sei ungesund. Ungesund ist lediglich der fundamentale bis fanatische Umgang damit, das Müssen, das Nicht-anders-können, das Asketische, das pingelige Studieren des Kleingedruckten auf jeder Lebensmittelpackung; das Fehlen des Vertrauens, der eigene Körper wisse schon, was Recht ist. Gerade dieser Vertrauensverlust lässt Orthorektiker verzweifelt nach jedem ideologischen Ernährungsstrohhalm greifen, macht sie aus innerer Not und nicht aus Vergnügen und Einsicht zu Rohköstlern, Fruktariern oder Lichtnahrungsbewegten, treibt sie in obskure Diäten wie die Lila-Ernährung, die Pink-Diät (nur noch lila oder rosa Lebensmittel sind gesund) oder die Baumwollball-Ernährung (bei der Baumwollbällchen geschluckt werden). Noch extremer, aber kein Einzelfall, sind Menschen, die sich gezielt mit einem ungewöhnlichen Haustier verbünden: Sie lassen sich einen Bandwurm einsetzen; gesunde Ernährung als Religionsersatz. Dabei kann gesundes Essen durchaus lustvolle Aspekte haben, kann Spaß machen und den Geschmackshorizont unglaublich erweitern. Orthorektiker hingegen engen sich ein und sind häufig zwischen 30 und 40 Jahre alt. Ein typisches Beispiel ist Maria. Sie beichtet im Internet: »Mein Körper reagierte nicht mehr und ich achte immer noch darauf, was ich esse, meist Tage vorher plane ich, was ich mir zubereiten kann ... der sichere Weg zu einer gesunden Ernährung ist völlig ausgeartet und ich komme da nicht mehr raus, die Krankheit hat mein Leben völlig eingenommen, zumal ich mir immer mehr Lebensmittel verbiete ... abends gehe ich hungrig ins Bett, habe nur Tomaten gegessen oder 2 Birnen und wache mit Krämpfen wieder auf...«.

Orthorexia ist eine verhaltenspsychologische Ernährungsstörung mit zwanghaften Anteilen

Lebensorientierung oder Fixierung?

Der amerikanische Arzt Steven Bratman, der den Begriff der Orthorexie 1997 einführte, legt Wert darauf, die wertvolle Lebensorientierung einer gesunden Ernährung nicht mit einer zwanghaften Fixierung auf gesunde Ernährung zu verwechseln. Der Schwerpunkt liege hier auf »zwanghaft« und nicht auf »gesund«. Bratman: »Der Ausdruck sollte sich nie auf etwas anderes beziehen als auf extreme Fälle, bei denen ‚gesunde Ernährung' eine übertriebene Bedeutung hat. Personen dieses Typs wären erleichtert, wenn sie aufhören könnten, ständig daran zu denken.« Das würde ihnen auch helfen, sich wieder aus der sozialen Isolation zu befreien, in die sie ihre Fixierung manövriert hat. Doch der Weg aus der Orthorexie ist schwer. Professor Reinhard Pietrowsky vom Institut für experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf bezeichnet sie nicht als Essstörung, sondern als eine verhaltenspsychologische Ernährungsstörung mit zwanghaften Anteilen. Doch anders als Menschen mit beispielsweise einem Waschzwang sind Orthorektiker von ihrem Verhalten vollkommen überzeugt. Kein Wunder, es erlaubt ihnen schließlich, sich allen anderen Normalos – also eben den meisten – überlegen zu fühlen. Hilfe ist deshalb kaum möglich, lediglich viel Geduld im Umgang, um die Fixierung bei den Betroffenen allmählich zu lockern. Um sich selbst einzuschätzen, steht im Internet unter diversen Seiten ein Selbsttest zur Verfügung, beispielsweise unter www.sprechzimmer.ch, Stichwort Orthorexia nervosa.

Bobby Langer

Quellen: ehow.com; pharmazeutische-zeitung.de; sueddeutsche.de; stern.de; taz.de; web.de; wikipedia

Bobby Langer, Jg. 53, Redakteur und Vater von drei Kindern, lebt in Würzburg. Seit 35 Jahren beschäftigt er sich mit spirituellen Themen. Er unterrichtet Meditation und Gewaltfreie Kommunikation. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
   
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