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Die Wellness-Industrie

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Die Wellness-Industrie
Foto: Petra Dirschl pixelio.de

Was gut tut

Wellness allüberall – geht es uns wirklich so schlecht, dass das Wohlbefinden überall gepriesen werden muss und wir die Fähigkeit dazu sogar noch teuer einkaufen? Jedenfalls signalisiert die Größe des Wellnessmarktes, dass es da ein Bedürfnis gibt: Die natürliche Fähigkeit sich wohlzufühlen ist uns abhanden gekommen. Offenbar fällt es uns schwer, es uns gut gehen zu lassen. Da muss schon ein Arzt kommen und uns verschreiben: »Lassen Sie es sich gut gehen! Das ist wichtig für Ihre Gesundheit!« Irgendwer muss uns das sagen, sonst haben wir nicht das Gefühl, dass wir uns wohl fühlen (well sein) dürfen. Und das sich Wohlfühlen muss einen allgemein für gut befundenen Zweck haben: Gesundheit, Resilienz, Leistungsfähigkeit, Lebensdauer. Wenigstens sollte es dem Krebs vorbeugen und das Immunsystem stärken.

Die Wellness-Industrie

Vielleicht ist es auch einfach wieder modern geworden, nach all den Jahren der Leistung und Maloche, es sich gut gehen zu lassen. Es liegt im Trend. Es gibt die Fitnessstudios dazu, die Wellnesshotels, die locker-sportliche Kleidung und viele weitere Accessoires, von der Wellnesslotion über das energetisierte Schweißtuch bis zum Après-well Abendprogramm. Eine ganze Zulieferindustrie beschäftigt sich damit, dass wir es uns well gehen lassen; wir sorgen damit also auch für Umsatz, für ein Wachstum unserer krisengeschüttelten Wirtschaft, die ja sonst kaum mehr Zuwachs verzeichnet.

Wenn es dann dabei ein bisschen zu anstrengend und kostspielig werden sollte, es uns wohl ergehen zu lassen, vielleicht sogar ein bisschen gesundheitsschädlich, dann müssen wir das wohl (well) in Kauf nehmen, wir tun es schließlich für einen guten Zweck: das neuerdings gesamtgesellschaftlich geadelte Wohlbefinden …

Es geht auch einfacher

Dabei könnte es so einfach sein: Atme, streck' dich, iss, was dir gut tut! Und wenn du müde bist, ruh' dich aus. Das ist sogar bei einem Leben auf Sozialhilfeniveau möglich. Wir bräuchten also eigentlich keine Angst zu haben. Aus Protest gegen die Konsumgesellschaft verzichten ein paar Extremsportler unter den Alternativen sogar ganz aufs Geld und ernähren sich dabei gut – besser als der durchschnittliche Mainstream-Esser! – aus den Abfällen der Biolandwirtschaft oder, bei guter Auswahl, sogar auch noch von dem, was bei den Discountern im Abfallcontainer landet.

Das Problem, das sich der Umstellung auf eine so radikal andere Lebensweise in den Weg stellt, ist jedoch, dass wir normalerweise nicht die geistige Freiheit haben, es uns so gut gehen zu lassen wie Diogenes in der Tonne. Als Alexander der Große anbot, ihm einen Wunsch zu erfüllen, soll Diogenes ihm geantwortet haben: Geh mir aus der Sonne! Mehr wünschte er sich nicht vom Imperator des damals größten Weltreichs, nur das: wieder vor seiner Tonne in der Sonne sitzen zu dürfen und es sich – well, gut gehen zu lassen.

DiyWeYo

Um Yoga zu machen, fahren wir mit Auto, Bus oder U-Bahn irgendwo hin, buchen dort einen Kurs, bezahlen ihn und absolvieren die vorgeschriebenen Stunden. Selbstverständlich muss die Leiterin dafür die entsprechende Ausbildung gemacht haben, und während ich Stunde um Stunde bei ihr Yoga mache, träume ich davon, auch irgendwann Yogalehrer zu werden, weil ich endlich nicht mehr nur als Buchhalter arbeiten will, sondern mir viel lieber mit dieser wirklich guten Sache – Yoga – etwas hinzuverdienen möchte. Aber … ginge das nicht auch einfacher? Könnte ich nicht nach dem Aufwachen einfach mal ausgiebig gähnen? Mich dann gemütlich räkeln und dabei die Glieder dehnen? Und dann gleich noch ein bisschen mehr: mich strecken und dabei diesem Wohlgefühl folgen, das keinen Körperteil auslassen möchte? Ohne dabei das Atmen zu vergessen! Was für ein Tagesbeginn! Uns es kostet nichts und schont auch noch die Natur! Und damit wir dabei auch das Gefühl haben, etwas richtig Gutes und echt Wirksames zu tun, geben wir ihm einen Namen: Do-it-yourself-Wellness-Yoga – DiyWeYo.

Da sitzen wir nun am übervoll gedeckten Wellness-Tisch und sind unter Stress

Der Wellnessmarkt

Nach diesen spöttischen Worten – und um dem vorzusorgen, dass sich jetzt nicht eine Leserin das schnell als Trademark schützen lässt, bevor ich selbst dazu komme – nun doch auch noch ein paar versöhnliche Worte über die anderen Anbieter auf dem Markt. Leider leben wir in einer Kultur, die Wachstum und Leistung verehrt, fast egal was da gerade wächst und wofür etwas geleistet wird. Was unsere Fähigkeit zu Wohlgefühl anbelangt, hat uns diese Kultur ziemlich versaut. Wir sind kaum mehr imstande, in unseren Körper und unsere Seele hineinzuhorchen und zu spüren, was uns gut tut. Da sitzen wir nun am übervoll gedeckten Tisch – voll mit Informationen, Nahrungs- und Heilmitteln und vor tausendeiner Methode für persönliches Wachstum, spirituellen Fortschritt, Welldies und Welldass – und sind unter Stress.

Die Wellness-Industrie
Foto: Petra Bork pixelio.de

Zurück zur Unschuld?

Weil das so ist, kann kaum einer von uns einfach zurückspazieren ins Paradies, ins Land der Unschuld und des Wohlbefindens. Die kindliche Sicherheit in der Auswahl dessen, was uns gut tut, haben wir verloren, und wir können nicht einfach so tun, als hätten wir sie noch. Aber es gibt Hoffnung: Die Erinnerung daran, dass wir dieses sichere Gespür einmal hatten, hilft! Sie hilft uns, den gröbsten Unsinn der Wellness- und Fitnessindustrie zu vermeiden und uns bei der Auswahl der richtigen Methoden mehr selbst zu vertrauen.

Sogar anscheinend hoffnungslos verirrten Seelen und extrem verspannten Körpern hilft es, einfach mal den Atem ein- und ausströmen zu lassen

Der Atem

Was dabei auf jeden Fall helfen kann, ist der Atem. Sogar anscheinend hoffnungslos verirrten Seelen und extrem verspannten Körpern hilft es, einfach mal den Atem ein- und ausströmen zu lassen, so wie er von alleine es will, ohne Anspruch dabei alles richtig zu machen. Das kannst du beim Lesen dieses Textes machen, in einer Ruhepause machen, am Morgen oder am Abend und sogar inmitten höchster Anspannung, wenn es scheint, als ginge nichts mehr – und jetzt auch noch den Atem beobachten, nein danke! – doch, auch jetzt, gerade jetzt. Der Atem ist der Königsweg zur Meditation genannt worden, und er ist auch der Königsweg zum körperlichen und seelischen Wohlbefinden.

Morgenyoga

Vom Aufwachen habe ich schon gesprochen. Wer sich den Luxus gönnen kann, mit dem Tageslicht aufzustehen und die eigene Arbeitszeit selbst zu bestimmen, ist glücklich dran. Für die anderen gilt: Es hilft, den Wecker ein bisschen früher zu stellen. Die Minuten, die du dann hast, bevor "es losgeht", verbringe sie mit Gähnen, dich Räkeln, die Glieder dehnen und strecken – du wirst merken, wie gut das tut! Und damit dein spirituelles Ego dir dabei nicht dazwischenfunkt und sagt, dass sei ja kein richtiges Yoga, Kungfu oder Taiji, und Feldenkrais ist es auch nicht: Nenne es DiyWeYo! Am besten, du sprichst es Englisch aus: Daiwijou; das macht noch mehr her – Japanisch, Tibetisch und Hawaiianisch sind inzwischen ein bisschen out. Du wirst du merken: Es wirkt Wunder! (Über deine Autorisierung als zertifizierter DiyWeYo-Trainer sprechen wir dann später mal, bei Gelegenheit – ganz entspannt.)

Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Lebenskunst seitdem. Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

   
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