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Interview mit Thomas Hübl über die spirituelle Dimension von Fukushima

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Interview mit Thomas Hübl über die spirituelle Dimension von Fukushima
Thomas Hübl

Spirituelles Selbstvertrauen in einer erschütterten Welt

Tom Steininger, Leiter des deutschen EnlightenNext-Zentrums, im Gespräch mit dem spirituellen Lehrer Thomas Hübl über die spirituelle Bewusstseinsarbeit nach der Atomkatastrophe in Japan.

Wir erleben gerade eine Katastrophe, die uns alle betrifft. Natürlich gibt es sehr viele Dimensionen der Situation in Japan – die politische, ökologische oder humanitäre Dimension. Aber ich möchte versuchen, die Ereignisse aus der Perspektive unserer spirituellen Bewusstseinsarbeit anzusprechen: Mit welchem Bewusstsein begegnen wir dem, was dort gerade geschieht?

Ja, es geht um einen Bewusstseinsschwerpunkt, der nicht abgeschnitten ist von dem, was durch solch eine Katastrophe in uns ausgelöst wird, und auch nicht mit schnellen Meinungen, Vorstellungen und Annahmen reagiert. Wir brauchen eine tiefe Verankerung in einer Bewusstseinsdimension, in der Tiefendimension unseres Erlebens und unserer Erfahrung. In den angenehmen Phasen, wenn wir im Meditationsraum sitzen, wenn wir unsere spirituelle Praxis üben oder mit Menschen unserer Sangha umgeben sind, dann ist das recht einfach. Aber was passiert, wenn das auf so einen ganz extremen Prüfstein gestellt wird? Und was hat das für einen Einfluss auf die ganze Welt?

Mir ist in den letzten Tagen und Wochen aufgefallen, dass es sehr leicht ist, depressiv, verängstigt und, wie du auch richtig gesagt hast, mit sehr schnellen Meinungen zu reagieren. Und natürlich ist so etwas wie eine nukleare Katastrophe, wie der Tsunami, das Erdbeben, das Zusammenspiel von allen diesen drei Dingen gleichzeitig, etwas, was einen nicht kalt lassen kann, was einen wirklich zutiefst berührt und erschüttert. Es ist etwas, das uns mit unseren eigenen Wurzeln konfrontiert. Es wirft die Frage auf, wie sehr wir mit in einer Dimension verwurzelt sind, die solchen Herausforderungen standhält.

Ja genau. Es gibt zwei Fallstricke: Der eine ist, dass wir sehr, sehr abgeklärt sind, wo uns diese Dinge nicht mehr wirklich erreichen. Wir lassen uns nicht berühren und halten das für weit entwickelt. Aber es berührt uns so tief, weil es uns in unserer Natur berührt. Gerade so eine Katastrophe ist etwas, was uns in der tiefsten Existenz angreift, im Prinzip. Und ich glaube, dass es sehr gut ist, wenn uns das wirklich tief berührt. Aber gleichzeitig kann eine Bewusstseinsdimension anwesend sein, eine Präsenz, eine Verbundenheit mit dem Ganzen, in dem wir das halten können. Wir werden nicht zu Robotern, lassen uns menschlich berühren und gleichzeitig sind wir aber auch integriert genug, und regredieren nicht in niedrige Formen von Bewusstsein, die nicht so dienlich sind. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die so in sich verankert sind, in ihrer Tiefe und in ihrer Integration, dass sie in diesen Augenblicken mit einem offenen Herzen anwesend sein können.

Es hat etwas mit dem zu tun, was wir gerade in den letzten Wochen in der Arbeit von EnlightenNext viel diskutiert haben. Andrew Cohen bezeichnet es als Spiritual Self-Confidence, spirituelles Selbstvertrauen, und erklärt, dass das Wichtigste an der spirituellen Erfahrung nicht die Erfahrung selbst ist, der tiefe Frieden, den man beispielsweise in einer tiefen Meditation erfahren kann. Sondern es geht vielmehr um die Entwicklung dieses spirituellen Selbstvertrauens, in dem man in das Absolute gegründet ist und daraus lebt. Und es ist offensichtlich, wenn das Leben von diesem spirituellen Selbstvertrauen getragen wird. Dann können wir von solchen Herausforderungen nicht erschüttert werden, weil sich etwas Tieferes in unserem Bewusstsein gezeigt hat. Dann entsteht eine seelische Kraft. Wenn wir diese Kraft gemeinsam halten können und gemeinsam eine Kultur entwickeln können, die aus dieser seelischen Stärke lebt, können wir wirklich neue Antworten findet, wie wir mit so einer Situation umgehen können.

Und wenn wir diese neue Dimension von "Wir" im globalen Kontext wirklich mit einbeziehen, dann entsteht etwas Neues.

Ja, und dann verlagert sich der Bewusstseinsschwerpunkt von dem Ich, das sich so in den Mittelpunkt aller Aktivitäten stellt und mit den eigenen kleinen Problemen zu tun hat, auf etwas Neues, das gerade global entsteht. Denn es ist ein großer Unterschied, ob ich mein Leben für mich lebe, mit dem kleinen Kontext rund um mich, oder ob ich diesen größeren gesamten Kontext mit einbeziehe in meine Handlungen, in dem, was mir wichtig ist und in dem, wie ich mich an der Welt beteilige. So eine Situation ist ein Riesenaufruf an uns alle, um für uns zu prüfen: Wo investiere ich meine Energie und meine Zeit? Und wenn wir diese neue Dimension von "Wir" im globalen Kontext wirklich mit einbeziehen, dann entsteht etwas Neues. Ich glaube, solche Katastrophen können dann Teil eines Lernprozesses sein. Und da zeigt sich dann, ob wir diesen Sprung machen oder nicht.

Es ist ein Lernprozess. Und es ist ja fulminant, was momentan auf uns zukommt. Nicht nur, was in Japan geschieht, sondern auch was gerade im Nahen Osten und in Libyen vor sich geht. Wir sind mit der Gleichzeitigkeit einer globalen Welle von bedeutsamen Veränderungen und Umwälzungen konfrontiert, die uns wirklich herausfordern, wie wir als ein globales Bewusstsein einen Weg finden, gemeinsam eine Antwort darauf zu finden.

Das erinnert mich an einen meiner Lieblingssätze aus dem Tao Te King von Laotse: Bring things in order before they exist – Bringe die Dinge in Ordnung, bevor sie existieren. Das heißt, wenn diese Bewusstseinsdimension die erste Priorität in unserem Leben ist, dann entwickeln wir uns, bevor die Dinge existieren. Wir entwickeln uns mit der Entstehung der Dinge. Solche Krisen sind ein Weg, um uns zu entwickeln. Und wenn es uns betrifft und berührt, dann spüren wir einen Ruf. Wir wollen uns beteiligen. Wir sehen, dass das Internet zu einer Art externem, globalem Gehirn geworden ist, in dem wir so vernetzt sind, dass die Reichweite unseres Tuns nicht mehr limitiert ist. Wenn wir jetzt über unseren egoistischen Bewusstseinsschwerpunkt hinausgehen und sehen, dass alles wirklich miteinander verbunden ist, dann wird das eine Auswirkung auf die ganze Welt haben. Dann wollen wir einen Beitrag leisten und wir sehen, dass das Geben eine hohe Intelligenz ist. Und wenn sich diese Transformation vollzieht, ist das ein Zeichen von Bewusstseinsevolution und dann zeigen sich plötzlich Möglichkeiten in der Welt, die wir vorher nicht sehen konnten. Wir konnten sie von dem vorherigen Level nicht sehen. Hier gehen wir in ein Nichtwissen, wir gehen in ein neues Territorium.

Interview mit Thomas Hübl über die spirituelle Dimension von Fukushima
Das schwer beschädigte Kernkraftwerk in Fukushima.
Foto: Reuters

Ja, es ist wirklich eine riesengroße Versuchung, der Gewalt und Mächtigkeit solch einer Katastrophe ein Wissen überzustülpen. In einigen Gesprächen habe ich solche Reaktionen gehört und kann sie auch nachvollziehen. Manche sind beispielsweise ganz überzeugt, dass jetzt Mutter Natur spricht und eingreift, weil wir vieles falsch gemacht haben. Aber ich denke, wir müssen uns schlicht und einfach eingestehen, dass wir nicht wissen. Dieses Nichtwissen ist der Anfangspunkt, der alles Neue möglich macht. Und sobald ich glaube, hier eine schnelle Antwort zu haben, werde ich diesen Anfangspunkt nie finden.

Das Nichtwissen ist die größte Notwendigkeit für einen Fortschritt. Der Fortschritt kommt nicht aus der Struktur, die ich schon kenne, weil ja der Fortschritt jenseits meiner Zimmerdecke erst beginnt. Das heißt, das Einzige, was mir hilft, meine jetzige Wirklichkeit nicht auf die Zukunft zu projizieren, ist einfach in den Zustand des Nichtwissens zu gehen. Und damit kann sich das Tor in eine größere Wirklichkeitsdimension öffnen.

Es verlangt wirklich existenziellen Mut, sich dieser radikalen Nacktheit des Nichtwissens zu stellen und von da her zu schauen: Was ist hier das Potenzial, das sich hier aus der Zukunft zeigt, und aus dem wir gemeinsam ein neues Handeln finden können? Nur Menschen, die wirklich in einer spirituellen Tiefe verankert sind, haben, glaube ich, die Kraft und das Vertrauen, sich dieser Realität zu stellen. All unsere Glaubenssysteme sind oft nichts anderes, als Versuche, dieser Realität zu entkommen. Tiefe, authentische Spiritualität bedeutet immer, sich dieser Realität des Nichtwissens stellen zu können. Und das öffnet neue Potenziale für uns alle.

Und in diesen Augenblicken beweist sich die spirituelle Praxis. Solche Situationen erschüttern plötzlich den gewohnheitsmäßigen Ablauf unserer Wirklichkeit und das ist gut so. Denn die Gewohnheit ist das Valium des Erwachens. Und wir können uns, egal ob auf niedrigem oder hohem Niveau, in Gewohnheiten einpendeln, und dann kommt plötzlich so etwas und es scheint, als würde uns der Boden unter den Füßen weggezogen. Aber das Leben zeigt uns immer wieder, wie wichtig es ist, dass wir das, an das wir uns gewöhnt haben, immer wieder loslassen. Und dadurch den Raum aufmachen, um neues Potenzial hervorzubringen. Und oft haben wir Angst vor diesem Nichtwissen, wenn unsere Systeme, unsere Strukturen zerfallen. Das einzige, was uns wirklich die Kraft gibt, ist dieses Gottesvertrauen oder dieses tiefe Verankertsein in etwas, das größer ist als meine Person – das spirituelle Selbstvertrauen, von dem du vorhin gesprochen hast. Und das ist der einzige Platz, von dem aus Strukturen zerfallen dürfen, weil ich weiß, dass der evolutionäre Impuls immer wieder Strukturen zerfallen lässt, um neue zu bilden. Und dann entsteht im Prinzip eine Intelligenz, die größer ist als das, was wir uns vorstellen können. In diesem Sinne können uns tief erschütternde Dinge auch wach rütteln. Krisen können Erlebnisse des Erwachens sein. Ich glaube, wir hören gerade diesen Ruf zur Vertiefung und Entwicklung.

Das Interview führte Tom Steininger

Dieses Gespräch wurde im Rahmen von Radio EnlightenNext geführt, dem wöchentlichen Web-Radio für Evolution und Bewusstsein. Mehr Info unter http://enlightennext.com/germany/radio-enlightennext/

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