Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Interviews

Interview mit Marcus H. Rosenmüller über »Sommer in Orange«

Details

Interview mit Marcus H. Rosenmüller über »Sommer in Orange«
Marcus H. Rosenmüller am Set von »Sommer in Orange«.
Foto: Christian Hartmann

»Ich wollte die Sannyasins nicht verärgern«

»Sommer in Orange« ist eine Culture Clash-Komödie über jene Zeit, als Selbsterfahrung noch kein Mainstream und die bayerische »Seele« noch nicht lässig war. Kultregisseur Marcus H. Rosenmüller (»Wer früher stirbt, ist länger tot«) zeichnet für die Umsetzung des höchst unterhaltsamen Drehbuchs verantwortlich, das auf den Kindheitserinnerungen der Drehbuchautorin Ursula Gruber und ihres Bruders Georg Gruber beruht. Beide wuchsen in einer Bhagwan- Kommune südlich von München auf. Wolf Schneider traf den Regisseur in München...

Ich hab dir grad schon gesagt, wie begeistert ich bin davon, dass du da den Clash dieser beiden Szenen inszenierst – dieses oberbayerische Dorf auf der einen Seite und diese Kommune von 68ern und Bhagwanfans auf der anderen. Wie das Aufeinandertreffen dieser beiden Seiten aus der Perspektive eines zwölfjährigen Mädchens aussieht. Was mich dabei besonders interessiert ist, wie du es schaffst, durch Überzeichnung, Zuspitzung, Übertreibung solche Effekte zu erzielen. Sei es ein Lachen oder Weinen oder auch Entsetzen – manche Szenen erzeugen ja auch ein Entsetzen, so ein Fremdschämen. Das ist ja ein Typ von Gemeinschaft ist, in dem ich auch selbst gelebt habe. Ich hab in diesem Film zwischen Weinen und Lachen geschwankt, und ich meine, das liegt einerseits am guten Drehbuch, andererseits aber auch an deiner spezifischen Art der Regie. Meine Kernfrage dabei ist: Was ist dein Verhältnis zum Humor?

Also, das ist eine ganz schwierige Frage, weil ich ganz viel über Bauchgefühl mache. Das hat viele Aspekte. Eine große Sache ist, dass ich mich immer sehr wohl gefühlt hab, wenn mir was Menschliches über Humor erzählt wurde, ob das jetzt durch Ringelnatz oder Heinz Erhardt Gedichte oder in Helmut Käutner-Filmen war – das sind Vorbilder für mich.

Für mich ist Kurt Tucholsky so einer ..

Ja, natürlich, auch der. Vielleicht ist das die Art, wie ich gerne erzählen möchte. Dass man einerseits darüber lachen kann, dass diese Geschichten andererseits aber auch als Metaphern gelten können. Es gibt da eine Stelle in dem Film, wo der Witz sehr platt ist, die Aussage aber tiefer. Das ist die Stelle, wo die überspitzte, klischeereiche Nachbarin vom Balkon runterfällt. Das war für mich ganz klar ein Witz und ein Zeichen. Wenn sie dann aber nochmal aufsteht und sagt: Jetzt hab ich mich ausgsperrt! Das ist Aussage: Wenn du dich innerlich wehrst, wenn du immer nur dagegen bist, dann sperrst du dich selbst aus. Oft denk ich mir bei sowas: Ja, kann ich das jetzt überhaupt so sagen? Das ist ja übertrieben, das ist nicht realistisch. Aber wenn du das zeigst in einem Film, dann ist es plötzlich real. Denn im Film, da kannst du die Welt erschaffen. Dieses Freiheit zu haben, die Welt zu erschaffen, das ist das Schöne an unserem Beruf, und dass ich da sagen kann: Wenn ich das so haben will, dann machen wir es eben so. Ich denke, der Humor, der komödiantische Aspekt hilft uns manch tragische Situation erträglicher zu überstehen.

Ich finde auch, dass das Komische und das Tragische nah beieinander liegen. Mein erster Eindruck von dem Film war: Er ist tragikomisch. Dann hab ich gesehen, dass er als Komödie vermarktet wird. Also, es ist jetzt keine Tragödie, auch durch das witzige Happy End. Aber dadurch, dass dort diese Suche nach einem selbst gezeigt wird und die nach Heilung – und dann dieses Eltern-Kind-Drama da drin ist und auch so dargestellt wird, dass es weh tut – dadurch hat diese Geschichte Tiefe.

Für mich geht es immer um das eigene Suchen nach dem richtigen Weg. Zu begreifen, dass ich nicht in den Fußstapfen anderer gehen muss, sondern dass ich durchaus meinen eigenen Weg finden kann, und dass ich die Maskerade nicht mitmachen muss. Dass ich immer lernen muss, mich zu demaskieren. Dass ich meine Klamotten – und damit meine ich jetzt das Verhalten – dass ich das immer den anderen anpasse, das kann's ja nicht sein. Ich muss auch schauen, was mir gut tut, ohne dabei andere zu verletzten. Aber vielleicht muss man auch mal andere verletzen, wenn es so ist, dass ich sehr darunter leide, dass ich mich in diesen Konventionen verhalten muss. Das war das Elementare für mich. Und das birgt ja auch so viel Komik in sich ...

… ja, irrsinnig viel …

Und bei ganz schlimmen Sachen, da braucht man dann einfach Distanz. Erst nach einiger Zeit gelingt es dir, auf manch schlimmes Erlebnis mit Humor draufzuschauen. Dann erzählt man das Erlebte als lustige Anekdote.

Für mich waren die schmerzhaftesten Szenen die von dieser Autoritätshörigkeit. Wie sie da diesen Bramana bewundern. Und diesen Jubel dabei … einerseits sind das doch Sucher nach Freiheit, die suchen Freiheit von jeglicher Autorität. Die sagen 'Ich bestimme über meine Leben, ich selbst'. Und dann doch diese Autoritätshörigkeit. Dann laufen sie diesem Deppen nach. Und wie sie dann den anglotzen, wie er da auf der Bühne sitzt, mit diesen heiligen Gesichtern, das ist einerseits sehr komisch, aber es tut auch richtig weh.

So isses. Einerseits erwischt man sich selber dabei, dass … ich zum Beispiel mal irgendwas verherrliche, aus einer Verklärung heraus. Aus dieser Sehnsucht nach was Göttlichem, nach jemand Geschicktem, der mich leitet. Man schwimmt ja manchmal. Es gibt einfach Phasen im Leben, wo man keinen Halt hat. Und wenn dann solch' eine Heilsfigur kommt, zu der man aufschauen kann, dann ist das für einige sehr verführerisch.

Interview mit Marcus H. Rosenmüller über »Sommer in Orange«
Gebannt folgt Amrita (Petra Schmidt-Schaller, m.) den Worten des großen Prem Bramana.
Foto: Christian Hartmann

Jedenfalls hast du das Thema Autorität, Autoritätshörigkeit und Freiheit da angeschnitten und es auf komische und teilweise auch schmerzvolle Weise dargestellt. Jetzt noch zum Schluss des Films. Die Lily hat da eine Vision von Bhagwan, und da bekommt der Film etwas sehr märchenhaftes. Ist das etwas vom Drehbuch, von der Ursula, oder ist das von dir? Sie hat mir vorhin gesagt, dass sehr vieles von dir ist, zum Beispiel auch die Schmetterlinge, die ich sehr schön finde. Das und die Vision von Osho, das ist etwas, das den Film ins Märchenhafte zieht.

Ganz klar hat das Märchenaspekte. Allein schon wie das Mädel dasteht, mit einem roten Dirndl im Wald! Das hat eine archaische Märchenstruktur und Bildhaftigkeit. So ist aber die Realität von Kindern, dass sie Kontakt mit diesen Figuren haben. Ob das jetzt Jesus ist oder jemand anders – für die Kinder ist das was ganz Realistisches. Als Kind hat man Zugang zu den göttlichen Figuren oder zu den Geistern, und das in der Natur. Und sich dann auf einen Stein drauf zu stellen und so plötzlich ganz woanders zu sein. Die Schmetterlinge, ich weiß gar nicht mehr, ob diese Szene von mir war, und die Bhagwan-Szene kam mir besser im Wald platziert vor, eben weil die Natur selbst sowas Göttliches hat.

Eine sehr schöne Stelle …

Und sehr menschlich, dieses Kind, wie sie da lacht und dieses Urvertrauen hat und im inneren Monolog ist mit jemand anderem. Das ist etwas ganz Enormes, was man als Erwachsener manchmal verliert; ich jedenfalls hab das verloren. Als Kind hab ich das viel öfter gehabt, dass ich ganz klar mit Gottheiten sprechen konnte. Das war für mich ganz real. Deshalb hatte ich als Kind auch überhaupt keine Angst vor dem Tod, weil ich aufgehoben war. Und dann ist da noch ganz wichtig in dieser Szene: den eigenen Weg zu finden bedeutet dieses Entkleiden von dem Gewand, in das sie in ihrer Verzweiflung reingeschlüpft ist. Das ist die einzige Szene, wo sie weder Sannyasin-Kleidung noch Tracht anhatte. Wo sie verstand: Ich bin unschuldig auf die Welt gekommen, und ich muss meinen eigenen Weg finden! Und ich glaube an die Welt außerhalb von mir. Ich öffne mich ihr und bin ihr erlegen und mach mit mir was. Also vom Kopf her kann ich das kaum verstehen (lacht).

Und jetzt möchte ich noch wissen, was die Schmetterlinge für dich bedeuten!

Die haben natürlich was Sanftes. Was von Seelenwanderung, von Erleuchtung, von … unglaublicher Schönheit. So ein Schmetterling, der sich verpuppt, dass der die nächste Stufe erreicht. Aus der Raupe kommt der Schmetterling. Und so steht er für etwas Auflösendes, gut Gemeintes. Der Argwohn hinter Bewegungen ist oft das Schwierige. Das man eine andere Gruppe mit Argwohn betrachtet. Die andere Gruppe sucht aber vielleicht das Gleiche wie du, nur auf eine andere Weise. Man muss ja suchen! Der Schmetterling, das ist die Verpuppung, die Seelenwanderung. Das Verletzliche, durch diese Schönheit. Das Grazile .. unglaublich viel ... Göttliches (lacht).

Nochwas zu der Stimme von Bhagwan. Sowohl zum Wortlaut wie zu der Stimme, das fand ich nicht gut passend. Da habe ich mich gefragt, warum du da nicht O-Ton reingebracht hast. Ist das ein Copyright-Problem?

Das auch. Ja, das war auch ein Copyright-Problem, da hätten wir Geld bezahlen müssen. Aber als wir uns dann entschieden hatten, da nicht O-Ton zu nehmen, war ich auch sofort begeistert von dem indischen Hausmeister.

Interview mit Marcus H. Rosenmüller über »Sommer in Orange«
Eine ganz normale Familie
Die WG in Marcus H. Rosenmüllers
SOMMER IN ORANGE
Foto: Mathias Bothor

Ah, ja der Hausmeister …. Wo sie da so traurig in der Schule sitzt, und vor der Tafel steht der Hausmeister der Schule und der sagt solche Worte … ich hatte gar nicht gemerkt, dass das der Bhagwan sein sollte (lachend), aber jetzt, ja, jetzt hab ich's verstanden.

Das ist die Weisheit im ganz anderen Menschen. Und dass das jetzt auch grad der Hausmeister ist. Und der Hausmeister, der verschwindet dann ja auch. Der geht raus und löst sich beim Rausgehen auf. Der geht nicht real raus. Und nachher auf der Brücke, da sagt sie zu ihrem Bruder »Das hat der Bhagwan gesagt«, aber das war nicht der Bhagwan, sondern der Hausmeister. Das mit der Wahrheit, ja. Muss das immer so sein, dass nur der Prophet wahre Aussagen machen kann? Also zum Beispiel hier: Nur der Prem kann wahre Aussagen machen. Gibt es nicht auch da mal eine wahre Aussage, bei so einem Hausmeister. Das ist Weisheit in einem so einfachen Gemüt.

Ja, das hatte ich schon gemerkt, dass der weise ist, nur nicht, dass der Bhagwan darstellen sollte.

Man darf ja nicht alles vorwegnehmen. Es muss da auch was zu entdecken sein.

Und jetzt sag mir noch was zu dem bayerischen Dorf, zu deinem Verhältnis dazu. Das fand ich auch ganz großartig dargestellt. Mit dem Bürgermeisterpaar und den Leuten da drumrum. Zum Beispiel auch die Choreografie dieser Schlägerei, wo du dann auch die Kamera von oben kommen lässt, wie so aus einer göttlichen Perspektive, vom göttlichen Auge runtergeschaut.

Genauso wie die anderen Kommunen sehe ich auch die bayerische Kommune. Es gibt da interessante Menschen, es gibt offene Menschen. Das ist die Bürgermeisterin. Und in der Seele ist vielleicht auch der Bürgermeister offen, aber der braucht ein bisschen länger …

Die Rede von ihm auf der Feier: grandios!

Ja, ich hab eine klare Liebe zu solchen Menschen. Aber in meinen Augen gibt es in jeder Gruppe Deppen und welche, die keine Deppen sind. In der Hinsicht sind sich alle Gruppen ähnlich. Manche sind da rege, und andere sind verbohrt.

Willst du noch was ergänzen zu dem Gesagten?

Ja, man soll sich den Film einfach mit einem Augenzwinkern, mit Humor anschauen. Sich nicht so sehr ärgern, wenn man sich angegriffen fühlt. Es gibt welche, die sich angegriffen fühlen.

Ah, hast du schon Resonanz bekommen von Leuten, die den Film gesehen haben?

Ja, es gibt ein paar Sannyasin, die sehr erbost waren. Die haben mich angesprochen.

Darf ich wissen, wer das war?

Das weiß ich nicht, die haben sich nicht mit Namen gemeldet. Aber ich wollt sie nicht verärgern! Ich schwörs!

Das Interview führte Wolf Schneider

Der Film startet am 18. August in den Kinos. Die connection spirit 09/11 (erscheint am 26. August) enthält zwei ausführliche Film-Besprechnungen, eine von Wolf Schneider und eine von Barbara Wollstein

Interview mit M. Rosenmüller über »Sommer in Orange«

{jcomments on}
   
© Connection AG 2015