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Interview mit dem Dalai Lama

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Interview mit dem Dalai Lama
Der Dalai Lama mit Franz Alt. Foto: Bigi Alt

»Nur die Wahrheit macht frei«

 

Der Dalai Lama berichtet im Interview mit Franz Alt über die aktuelle Menschenrechtssituation in China und Tibet, begründet, warum er vom Amt des politischen Führers der Tibeter zurückgetreten ist und erklärt, warum die Klimafrage endlich gelöst werden muss

Heiligkeit, lieber Freund! Ich soll Ihnen die Grüße der Bundeskanzlerin überbringen.

Dankeschön, darüber freue ich mich. Wir sind ja alte Freunde. Es war mutig von ihr, dass sie mich trotz heftiger Proteste der chinesischen Regierung vor einiger Zeit im Bundeskanzleramt empfangen hat.

Was wissen Sie über die aktuelle Menschenrechtssituation in China und in Tibet?

Es sieht ganz schlecht aus. Darüber kann man nur traurig sein. Viele Menschen werden gequält, nur weil sie anderer Meinung sind als die Herrschenden in der Regierung. Menschen mit Visionen für eine bessere Zukunft, Schriftsteller, Gläubige, Intellektuelle und Minderheiten wie die Tibeter oder die Uiguren sind besonders hart betroffen. Kurz vor unserem Gespräch habe ich einen chinesischen Schriftsteller empfangen, der viele Jahre im Gefängnis war und gefoltert wurde.

Warum traten Sie vor kurzem vom Amt des politischen Führers der Tibeter zurück?

Die Tradition, dass der Dalai Lama sowohl politischer wie spiritueller Führer Tibets ist, war 400 Jahre alt. Aber irgendwann geht jede Tradition zu Ende, weil sie veraltet ist. Eine Theokratie passt nicht mehr in unsere Zeit. Dann kam eine sehr egoistische Überlegung dazu: Ich bin doch in der ganzen Welt sehr populär – in China, in Indien, in den USA, in Europa. Populärer konnte ich doch gar nicht mehr werden (lacht lange) Also war das der richtige Zeitpunkt zum Rücktritt (lacht noch mehr).

Ich freue mich, dass mir die Menschen auf der ganzen Welt vertraut haben, dass sie mich respektieren. Das tun sie auch ohne dass ich ein politisches Amt habe. Ehrlich gesagt: Die Tradition der Ämterhäufung ist nicht nur alt, sondern auch altmodisch. Vor 20 Jahren habe ich zum erstenmal an meinen politischen Rücktritt gedacht. Aber jetzt war die Zeit einfach reif dafür. Vielleicht habe ich damit auch anderen Politikern ein Zeichen gegeben – auch den kommunistischen Führern in Peking (lacht wieder). Es ist besser für eine Demokratie, wenn politische und spirituelle Führerschaft getrennt sind. Jetzt bin ich mit 76 Jahren wenigstens halb im Ruhestand. So kann ich meine Energie und Zeit besser einteilen.

Denken Sie, Ihr politischer Nachfolger, Ministerpräsident Lobsang Sangay, wird gegenüber China Ihrem »Kurs des mittleren Weges« beibehalten?

Das hat er gleich nach seiner Wahl öffentlich bekräftigt. Mittlerer Weg heißt: Tibet bleibt außenpolitisch bei China, bekommt aber mehr kulturelle und religiöse Autonomie und mehr Rechte für eine effektive Umweltpolitik. Ich stelle mir für Tibet eine Lösung vor wie sie Südtirol gegenüber Italien hat: Autonomie, aber keine Unabhängigkeit. Diese Politik des mittleren Weges fordere ich schon seit über 20 Jahren. 99 Prozent der Tibeter unterstützen mich dabei – und meinen Nachfolger.

Was denken Sie über die Revolutionen in der ganzen arabischen Welt und über die Jugend-Aufstände auch in westlichen Ländern: Ist das auch eine Chance für die Demokratiebewegung in China?

Das ist schwer zu sagen. Eine gewisse Mitsprache des Volkes gibt es ja schon in China und auch Protestbewegungen. Aber vieles muss sich noch ändern auf dem Weg zur Demokratie. Die Machthaber in Peking sind sehr nervös über die Aufstände in der ganzen Welt. Sie sind ja wirtschaftlich sehr erfolgreich, aber haben trotzdem Angst vor Veränderung. Es mangelt ihnen einfach an Selbstbewusstsein. Sie wissen genau, dass alle autoritären Systeme an ihr Ende kommen. Die frühere UdSSR war nach 60 Jahren am Ende. Die Volksrepublik China ist inzwischen genauso alt. Ein Blick auf den chinesischen Staatshaushalt zeigt die Gefährlichkeit der Lage. Die kommunistische Regierung muss inzwischen mehr Geld für die Innere Sicherheit als für die äußere Verteidigung ausgeben. Das sagt eigentlich alles. Ich sage meinen chinesischen Freunden immer, dass ihre Regierung dem Volk die Wahrheit sagen muss. Ehrlicher Wandel basiert auf Wahrheit.

Dalai Lama
Dalai Lama

Auf einem Kongress über Achtsamkeit haben Sie in diesen Tagen an der Universität Hamburg gesagt, dass Achtsamkeit in der tibetisch-buddhistischen Tradition ganz wichtig ist. Warum?

Ohne Achtsamkeit (englisch:mindfullness) zerstören wir unsere Familien, unsere Wirtschaft, aber auch den Planeten. Wir müssen lernen, mehr auf die Folgen unseres Tuns zu achten. Die buddhistische Philosophie will die Transformation unseres Denkens. Zum Denken gehört immer auch Fühlen. Mit dem Verstand allein kommen wir nicht zur Vernunft. Wir müssen lernen, ganzheitlich zu denken, zu empfinden und zu fühlen.

Ist Achtsamkeit auch wichtig für Politik und Politiker?

Nehmen Sie zum Beispiel George W. Bush, den ich persönlich mag und schätze. Aber seine Politik, vor allem seine Militär- und Kriegspolitik, war ein einziges Desaster. Hunderttausende Tote im Irak sind die Folge. Die Ursache ist ein Mangel an holistischem, an ganzheitlichem Denken. Wir brauchen mehr Politiker wie Gandhi einer war.

Gilt diese Urteil auch für Afghanistan?

Ja, ganz klar! Mit Gewalt kann man keine politischen Probleme lösen. Gewalt ist immer ein Mangel an Einsicht und entsteht durch falsches Denken.

Was ist der Kern aller Religionen?

Die Praxis von Liebe, Mitgefühl und Respekt. Theorien und Dogmen darüber sind nicht wichtig – allein die Praxis entscheidet.

Im letzten Jahrhundert sind durch Kriege über 200 Millionen Menschen umgebracht worden. Sehen Sie eine Chance, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Friedens wird?

Die Möglichkeiten dafür sind viel größer als in der Vergangenheit. Weil wir heute mehr voneinander wissen. Deshalb ist journalistische Aufklärung so wichtig. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg waren die Menschen sogar kriegsbegeistert. Und deshalb machten auch alle mit. Das ist heute unmöglich. In Europa zumindest will fast niemand mehr einen Krieg. Und die Menschen wären dafür auch nicht mehr zu begeistern. Gott sei Dank – wir haben gelernt. Wir sind achtsamer geworden. Europa ist pazifistisch geworden. Die deutsch-französische Freundschaft ist vorbildlich – ebenso die deutsch-polnische Aussöhnung.

Was sind die Voraussetzungen für ein Jahrhundert des Friedens?

Nur die Wahrheit wird uns frei machen für eine neue Zeit. Also wir müssen ehrlich sein, wahrhaftig, offen für die sogenannten Fremden. Wir müssen verzeihen und lieben können.

Was ist für die Zukunft das Wichtigste für die junge Generation?

Wiederum Achtsamkeit. Die jungen Menschen aller Länder und Kontinente müssen miteinander ins Gespräch kommen. Ohne Dialog gibt es keinen Frieden. Das gilt persönlich, aber auch politisch. Deshalb hoffe ich auch in Zukunft auf einen Dialog zwischen uns Tibetern und China. Je mehr junge Menschen sich gegenseitig kennen lernen, desto besser für die Friedenschancen in der Zukunft. Viele junge Chinesen wollen ein gutes Verhältnis zu Tibet. Chinas Jugend ist meine Hoffnung für die Zukunft. Die Jugend sollte außerdem nicht nur materielle Interessen verfolgen, sondern auch geistige und spirituelle. Leider überwiegen heute bei den erwachsenen Generationen die materiellen Interessen. Der Jugend fehlt es an Vorbildern. Die weltweiten Jugendaufstände zeigen aber, dass die junge Generation auf de Suche nach neuen Werten ist. Sie scheint mir grundsätzlich systemkritisch zu sein. Auch das lässt mich hoffen. Die junge Generation sucht ein Konzept für gemeinsame Anstrengungen in einer besseren Welt.

Sie waren mal der jüngste politische Flüchtling der Welt. Sehen Sie eine Chance, eines Tages wieder nach Tibet zurück zu können?

Wenn ich nächste Woche sterbe, sehe ich Tibet nicht mehr. Wenn ich in 10 Jahren sterbe, vielleicht. Und wenn ich in 20 Jahren sterbe, sehr wahrscheinlich.

Ich wünsche Ihnen ein langes Leben. Sie haben mal gesagt, Journalisten sollten eine lange Nase haben. Warum denn das?

Damit Sie, lieber Freund, Ihren Rüssel überall hineinstecken können. Journalisten sind die Augen und die Ohren und die Nasen der Öffentlichkeit in einer guten Demokratie. Politiker und Manager reden oft anders als sie handeln. Und um diesen Widerspruch aufzudecken, braucht es gute, neugierige Journalisten. Nur dann kann eine Demokratie funktionieren. Nur dann lassen sich Größenwahn und Lügen stoppen. Sie müssen alles aufklären. Auch die Übelstände.

Vor einigen Monaten haben Sie in einer indischen Zeitung gesagt: »Die Tibet-Frage ist wichtig. Aber die Umwelt- und Klimafrage sind wichtiger«. Können Sie diese Aussage präzisieren?

Die Umweltkrise und die Klimakrise sind so dramatisch, dass sie nicht länger auf konkretes Handeln warten können

Politisch kann man immer noch etwas warten. Tibeter sind geduldig und können noch zehn Jahre warten. Aber die Umweltkrise und die Klimakrise sind so dramatisch, dass sie nicht länger auf konkretes Handeln warten können. Gerade in Tibet, auf dem Dach der Welt, spüren wir die ökologische Krise sehr deutlich. Der Klimawandel führt zu einer raschen Gletscherschmelze und damit zu einem dramatischen Wasserproblem für weit mehr als eine Milliarde Menschen in Asien. Ohne Wasser kein Leben. Die Natur kann nicht länger warten. Die ökologische Frage ist die Überlebensfrage der Menschheit.

Beten Sie auch für die kommunistischen Führer in Peking oder sind das Ihre Feinde?

Als Buddhist tue ich mein Bestes, um meine Religion in die Tat umzusetzen. Alle Menschen sind Brüder und Schwestern. Ich bete natürlich auch für meine kommunistischen Brüder und Schwestern und für die Führer in Peking. Wie bei Jesus in der Bergpredigt: Feindesliebe ist wichtig. Eigentlich habe ich gar keine Feinde. Es gibt lediglich Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe.

Das Interview führte Franz Alt (www.sonnenseite.com)

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