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Interviews

Interview mit Silke Weiß zur Schule der Zukunft

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Die Schule der Zukunft
Silke Weiß

Die Schule der Zukunft

Das Modell Schule hat in seiner heutigen Form für viele ausgedient. Lehrer, Schüler und Eltern wünschen sich zeitgemäße Erneuerungen und die Diskussion darüber, welche Werte und Qualitäten Schule heutzutage sinnvoll vermitteln könnte und welche Strukturen es dafür braucht. Die Gymnasiallehrerin Silke Weiß hat deshalb die Forschungsgruppe "Education & Consciousness" an der Academy of Inner Science für Menschen, die in der Bildung und Ausbildung tätig sind (Schule, Hochschule, Früherziehung), ins Leben gerufen.

 

Zurzeit scheinen alle unzufrieden mit dem Schulsystem: Schüler, Lehrer, Eltern und sogar Ausbildungsstätten bemängeln die Schulbildung ihrer Lehrlinge. Was ist in den letzten Jahren passiert?

In unserem Gesellschaftssystem hat sich viel verändert – nur das Modell Schule hat sich nicht angepasst. Die Motivation zu lernen ist meiner Meinung nach gesunken. Die Inhalte werden als nicht mehr relevant für das empfunden, was Schüler tatsächlich brauchen, um in der Gesellschaft zu bestehen. Es wird an veralteten Inhalten festgehalten, um Schülern einen Überblick zu geben und am Ende bleibt für die aktuellen Themen keine Zeit mehr.

Früher war die Abmachung klarer: Hatte man eine gute Schulbildung, bekam man einen guten Job. Je höher die Schulbildung, desto besser der Job, desto mehr Geld konnte man verdienen. Also lernte man, egal, ob das sinnvoll war oder nicht, denn es gab einen Gegenwert dafür. Und man hatte Respekt vor dem Lehrer, denn er hatte das Wissen, das man brauchte.

Dieser Vertrag wird nicht mehr erfüllt: Zum einen garantiert auch ein Abitur oder Hochschulstudium keinen Arbeitsplatz mehr, zum anderen haben Lehrer ihr Wissensmonopol an Bücher und das Internet abgegeben. So haben wir jetzt folgende paradoxe Situation an Schulen: Die Schüler kommen und sitzen ihre Zeit mehr oder weniger lustlos und müde ab. Kaum kommen sie nach Hause, beginnt das Lernen. Wer schon einmal Jugendliche dabei beobachtet hat, wie sie sich ein neues Computerspiel erschließen, etwas über Sportwagen lernen oder für die Freundin eine Foto-Love-Story auf dem PC zusammen basteln, wird nicht mehr behaupten, sie seien lernfaul oder dumm. Wenn sie sich ihre Themen aussuchen dürfen und das lernen können, was sie gerade interessiert, sind sie zu erstaunlichen Leistungen fähig.

Anders in unseren Schulen. Dort sitzen die Schüler eher in Lernfabriken als in Kreativwerkstätten. Unser Schulsystem ist in Anlehnung an seine Entstehungszeit und den Entstehungszweck ähnlich wie eine damalige Fabrik organisiert. Das war zu Beginn der industriellen Revolution sinnvoll, denn sie diente dem Zweck der Ausbildung einer großen Masse von qualifizierten Arbeitern für die Produktion. Daher kommen auch die Strukturen: Altersgleiche Gruppen (gleiches Fabrikationsdatum) lernen das Gleiche zur gleichen Zeit, wie am Fließband, es gibt einen Aufseher, eine Fabrikglocke läutet die Pausen ein... Was in einer Fabrik annähernd funktioniert, ist für das Lernen nicht sinnvoll. Damit wir lernen können, müssen alle Sinne angesprochen werden und es braucht angenehme Räume dazu. Auch heißt gleiches Alter nicht gleiches Leistungsvermögen oder gleiche Interessen.

Dass Lernen so nicht besonders gut funktioniert, wissen Reformpädagogen schon seit 100 Jahren. Passiert ist trotz vielfältiger Bewegungen aber noch nichts Grundlegendes. Es gibt zwar Reformschulen, freie Schulen, Montessori-Schulen etc., aber der Großteil der Schulen funktioniert immer noch nach dem gleichen Prinzip.

Warum dies immer schlechter funktioniert, liegt daran, dass Schüler heute den Sinn dessen hinterfragen. Hinzu kommt, dass es durch den stärkeren Einfluss der Medien und die Reizüberflutung immer schwieriger wird, mit ein paar Buchstaben an der Tafel und Vorträgen vor ca. 30 Schülern jemanden in den Bann zu schlagen.

Außerdem brauchen wir den Typus des brav angepassten Auswendiglerners in unserer Gesellschaft nicht mehr.

Außerdem brauchen wir den Typus des brav angepassten Auswendiglerners in unserer Gesellschaft nicht mehr. Wir brauchen Menschen, die kreative Ideen haben, die aus Fakten Wissen machen, in dem sie es auf Problemsituationen anwenden, und die in neuen Bahnen denken können. Menschen, die wissen, was ihre Fähigkeiten und Potenziale sind, und die diese einsetzen und nutzen. Die Schule nimmt darauf noch zu wenig Rücksicht und betreibt zu viel Gleichmacherei. Auch wenn es nicht direkt ausgesprochen wird: Jugendliche ahnen, dass das, was ihnen die Schule im Moment bietet, nicht das ist, was sie brauchen. Und wozu sollten sie sich dann anstrengen?

Das Paradoxe daran ist, dass alle zu wissen scheinen, dass es so nicht funktioniert und wir etwas anderes brauchen – aber alle halten daran fest.

Wie könnte sie denn aussehen – die Schule der Zukunft?

Schüler wünschen sich berührbare Lehrer

Ich denke, die Schule der Zukunft gestaltet sich aus Überlegungen darüber, welche Qualitäten wir an unseren Schülern ausbilden wollen, welche Werte wir ihnen vermitteln wollen und welche Strukturen es dafür braucht. Die Inhalte stehen meiner Meinung nach nicht mehr im Vordergrund. Denn in der heutigen Zeit mit all seinen Krisen in der Ökologie, der Ökonomie und der Energie, braucht es selbstbewusste junge Menschen, die verantwortungsvoll handeln und sozial denken können.

Für mich ist die Schule der Zukunft ein Platz, an dem ich mich selbst erfahre, meine eigenen Potenziale erkenne und wo ich Menschen um mich habe, die mich inspirieren und die die Fähigkeit haben, mich in meinen Stärken zu sehen, diese ansprechen und mir helfen, diese zu entwickeln. Dabei geht es für Lehrer vor allem darum, für Schüler erreichbar zu sein – nicht nur fachlich, sondern auch emotional.

Solch ein Lehrer ist jemand, der sich selbst beobachtet und kennt, der weiß, was eine Gruppe braucht, um sich so wohl zu fühlen, so dass man sich trauen kann, sich zu zeigen, und der diese Umgebung dann auch für seine Gruppen schafft. Denn es geht nicht darum, die Position des Lehrers abzuschaffen, so dass alle gleich sind.

Lehrer der Zukunft haben immer eine Führungsrolle. Das Positive daran ist, dass sie in der klaren Position eines Lehrers sind und von der Gruppe autorisiert wurden, sie zu leiten. Wenn der Lehrende diese Position vollständig einnimmt, weiß er, was der nächste Schritt für die Gruppe ist und wie Einzelne gefördert werden können.

Steigende Disziplinprobleme zeigen meiner Meinung nach, dass Schüler eine Macht- oder Führungs-Position nicht mehr ohne Weiteres akzeptieren und nicht daher, dass Schüler prinzipiell gegen hierarchische Strukturen sind. Sie wünschen sich berührbare Lehrer. Menschen, die sie spüren können, die ihnen nicht hinter Schutzmechanismen begegnen, sondern direkt. Die dadurch angreifbar werden, auch verletzlich und dennoch offen bleiben. Die ihre Meinung sagen, ohne zu demütigen und zu beschämen. Die sich bemühen, ihre Schüler zu sehen und das ansprechen, was sie wahrnehmen. Dann erfolgt Führung nicht verordnet durch die Position, die Macht, sondern durch Ermächtigung, durch den Respekt, den man voreinander hat. Dann entsteht der Wunsch, sich führen zu lassen.

Das alles muss nicht heißen, dass der Lehrer nur ganz sanft ist und einfühlsam auf seine Schüler eingeht. Wenn Wut da ist, hat sie genauso ihren authentischen Platz wie die Freude. Und auch wenn die Emotion überkocht, darf das sein. Schüler haben ein feines Gespür dafür, ob das echt ist, was ihnen da gegenüber steht, egal welche Schrullen sich dabei entpuppen. Und umgekehrt genauso.

Und diese Lehrer führen nur so lange, bis ihre Schüler soweit sind, sich selbst dazu zu ermächtigen, ihren eigenen Weg zu gehen. Bis wir schließlich die Erkenntnis gewinnen: Wir alle können voneinander lernen.

So bekommt lebenslanges Lernen eine neue Bedeutung. Lehrer beginnen sich oft durch das ewige Wiederholen immer gleicher Inhalte zu langweilen. Deshalb sollte ein neues Schulsystem offen sein für flexible Inhalte, so dass Lehrer wieder mehr mit ihrer Freude zu lernen dabei sein können – und das im regulären Unterricht und nicht nur an Projekttagen.

Ich glaube auch, dass es auf Dauer nicht gut ist, so wenig Kontakt zu den Schülern zu haben. Hier spreche ich vor allem aus Sicht einer Gymnasiallehrerin, wo die Zahl der zu betreuenden Schüler je nach Unterrichtsfach 200 bis 300 Personen erreichen kann. Da bleibt für das Eingehen auf den individuellen Schüler keine erwähnenswerte Zeit. Das ist unbefriedigend. Und es führt dazu, dass Lehrer zu unberührbaren Wesen werden, die man kaum kennt. Hier müssen auch neue Strukturen geschaffen werden.

Academy of Inner Science
Academy of Inner Science

Sie haben eine Forschungsgruppe zum Thema Bildung gegründet und bieten Seminare, Vorträge und Konferenzen an. Was ist Ihre Motivation, was wollen Sie erreichen?

Wir haben diese Gruppe gegründet, um genau diese Gründe zu erforschen: Weshalb spüren alle, dass wir etwas anderes brauchen und warum passiert nichts – oder nicht so viel, dass es sich grundlegend ändert.

Die Gruppe nennt sich "InnerScience Circle Education and Consciousness". Wir sind Menschen, die in der Bildung und Ausbildung tätig sind (Schule, Hochschule, Früherziehung). Formal gehören wir zur Academy of Inner Science, die von Thomas Hübl gegründet wurde. Zu den Entwicklungen der Reformpädagogik und neuen Erkenntnissen aus der Hirnforschung etc. nehmen wir in unsere Erforschungen auch das "innere Wissen" mit hinein.

Das heißt, wir lassen in der Gruppe ein Kraftfeld entstehen, in dem höhere Einsichten, die aus einer kollektiven Intelligenz kommen, möglich werden. Deshalb betreiben wir auch eine spirituelle Praxis in Form von regelmäßiger Meditation. Es hat sich gezeigt, dass hier genau das kreative Feld entsteht, aus dem neue Impulse kommen. Mit Hilfe verschiedener Techniken wie z.B. der Transparenten Kommunikation reflektieren wir Vorgänge und erkennen immer wieder auch die persönlichen Anteile am Geschehen, also eigene Glaubenssätze, die einen persönlich davon abhalten, Dinge umzusetzen, die man für wichtig hält. Aber auch die Limitierungen, die vom System kommen, werden deutlicher.

Menschen, die diese Veränderungen bewirken können, müssen erst selbst die Erfahrung gemacht haben, wie es sich anfühlt, aus solch einem Gefühl der Verbundenheit heraus zu arbeiten.

Wie wahrscheinlich viele meiner Kollegen denke ich gerne über Veränderungen im System nach. Sinnvoll ist das für mich nur, wenn diese Überlegungen in einem Raum geschehen, der schon den Geschmack dessen hat, wo wir hinwollen. Um ein Bildungssystem mit zu gestalten, bei dem z.B. Beziehungen eine größere Rolle spielen, braucht es genau diese Beziehungsräume. Menschen, die diese Veränderungen bewirken können, müssen erst selbst die Erfahrung gemacht haben, wie es sich anfühlt, aus solch einem Gefühl der Verbundenheit heraus zu arbeiten. Wenn jeder seinen Platz hat, wo er seine Potenziale einsetzen kann und an den Themen arbeiten kann, für die er brennt, werden Strukturen für eine Schule entstehen, die es Schülern und Lehrern erlauben, das auch in der Schule zu leben. Ebenso verhält es sich mit den Potenzialen. Wenn ich weiß, was ich kann und dazu stehe, kann ich auch meinen Schülern ermöglichen, ihr Potenzial zu leben.

Es geht also zum einen um persönliche Weiterentwicklung, und damit um einen besseren Umgang mit schwierigen Unterrichtssituationen, und zum anderen um Projekte und Veränderung im System.

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