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Interviews

Interview mit Evelyn Zais über Erwachen und andere Unwichtigkeiten

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Evelyn Zais

Über das Erwachen und andere Unwichtigkeiten

Würde man Laila (ihr richtiger Name ist Evelyn Zais) nach ihrer Biographie befragen, würde sie vermutlich antworten, dass sich ihr Leben nicht großartig von dem anderer unterscheidet. Sie ist 47 Jahre alt, hat zwei erwachsene Kinder, hat im Laufe ihres Lebens verschiedene Jobs ausgeübt, hat geheiratet, wurde wieder geschieden, und so weiter. Auch in spiritueller Hinsicht gibt es nicht viel zu erzählen. Dachte sie zumindest lange. Bis sie im Laufe ihres Lebens in der Begegnung mit Menschen feststellte, dass sie von Beginn an eine Art "natürliches Wissen" besaß, das für andere offenbar nicht selbstverständlich war, und welches sie gerne in Gedichten und Tagebucheinträgen zum Ausdruck bringt. Eine spirituelle Sucherin war sie jedoch nie. Erst vor wenigen Jahren konnte sie ihre Erkenntnisse durch die eher zufällige Konfrontation mit der Lehre des Advaita Vedanta in einen spirituellen Kontext integrieren. Ob das wirklich nötig war, darüber kann man trefflich streiten. Muss man aber nicht. Denn sie selbst interessiert die Integration in irgendeinen Kontext herzlich wenig. Sie schreibt frisch von der Leber weg, beantwortet ganz spontan die Fragen, die ihr gestellt werden, ohne darüber nachzudenken.

Ist wirkliche Hingabe möglich, ohne dass vorher eine Erkenntnis der absoluten Machtlosigkeit stattgefunden hat?

Nein.

Ist eine Therapieform denkbar, die in Bezug auf ein Erwachen hilfreich wäre?

Jede Therapie die dich deine Gefühle fühlen lässt, die dich näher zu dir bringt, die dir langsam zeigt was du nicht bist ist hilfreich, um sich zu erkennen.

Man sagt doch, dass alles, was passiert, richtig ist, weil es passiert. Sind quälende Gedanken und Grübeleien trotzdem etwas "Falsches"?


Bild: Evelyn Zais

So lange der Geist getrübt ist durch Gedanken, ist er in sich geschlossen und gefangen, ohne das es ihm bewusst ist. So lange die Gedanken als eigene Gedanken gesehen werden, kann der Geist nicht wirklich sehen. Gedanken, an die sich der Geist heftet und durch die er sozusagen verunreinigt wird, sind „falsch“, weil sie zu einer Vorstellung über das Leben führen, aber nicht Leben selber sind. Die Gedanken sind immer da, die Entscheidung, welche Wichtigkeit ihn ihnen gebe und somit ernähre, treffe ich immer wieder neu, in dem Moment, wo mir klar wird, das es nicht meine Gedanken sind. Niemals sind es „meine“ Gedanken. Es sind einfach nur Gedanken. Sie dürfen da sein aber sie dürfen auch einfach wieder verschwinden, ohne dass ich etwas mit ihnen anstellen muss…

Wieso führt Gott sich selbst in die Irre, indem er sich in Form des Egos (scheinbar) von sich selbst abspaltet? Ist er ein Masochist, der leiden will?

Gott hat damit nichts zu tun. Wir sind durch die Möglichkeit, Körper wahrzunehmen, einfach nur vollkommen verwirrt. Für Gott ist es absolut vollkommen, wie es ist. Keine Trennung - keine Zweiheit. Die Form ist ohne jede Bedeutung für Gott. Innerhalb der Form spielt Gott ein Spiel der Verwirrung und des Wiederentdeckens. Ich sehe in dir Gott und du in mir. Alles was du nicht als Licht und mit ewiger Unvergänglichkeit wahrnimmst, ist nicht wirklich. Ein Traum, in dem Körper und Planeten, Sterne, Meere, Galaxien und ganze Welten einfach verschwinden und wieder neu entstehen… vollkommen wahnsinnig und doch geborgen in absoluter Intelligenz und Liebe.

Es scheint so, als befänden sich heutzutage immer mehr spirituelle Sucher in der sogenannten Advaita-Falle. Wie kann man ihnen helfen? Muss man das überhaupt?

Nein. Du kannst niemandem helfen. Es gibt dich gar nicht als etwas Getrenntes. Es ist nur ein Aspekt, der genauso unwirklich ist, wie der Aspekt, den du für dich darstellst. So lange du dich auf dein Körpersein beschränkst und glaubst, Verbesserungen wären notwendig, meinst du anderen helfen zu können… das ist Teil der Verdunklung des Geistes, Teil der Trennung, die sich nur ein Geist vorstellen kann, der blind ist und im Dunklen umhertastet und aus dem, was er meint zu erkennen, sich Weltbilder und alles andere kreiert. Aspekte innerhalb eines Traumes sind Traumgebilde - ohne jeden Wahrheitsinhalt. Vergängliches ist bedeutungslos.

Wenn man einem Sucher sagt, dass er viel tun kann, um für die Erleuchtung "anfällig" zu werden, verstärkt man damit letztlich nicht eher die Identifikation mit der Person?"

Das Spiel wird innerhalb der Regeln der Dualität begonnen. Enden tut das Spiel innerhalb der Dualität, wenn die Person ihre Illusionshaftigkeit begreift. Suchen ist die Sehnsucht innerhalb der Traumsequenzen, die irgendwann nicht mehr ertragen werden. Dann kann Erwachen geschehen. Die Person, die individuelle Energie, ist nicht verschwunden. Sie hat nun aber die ganze Freiheit realisiert, aus der sie als Traum geschaffen wurde. Suchen führt im Kreis herum… Das Ende der Suche ist der Anfang des Lebens, Erwachen heißt sich in allem zu spiegeln und dieses mit großer Hingabe zu genießen.

Gibt es so etwas wie eine unsterbliche Seele?

Nein

Gibt es Wiedergeburt?

Was nie geboren wurde kann nicht sterben…Leben ist!

Was passiert nach dem Tod?

Wo es keinen Tod gibt, gibt es kein Vorhehr und kein Nachher…Leben ist immer hier in diesem Moment. Es gibt nichts anderes…Niemals. Alles andere ist der Versuch sich von allem zu trennen. Das führt zu einen scheinbaren Tod, und einem scheinbaren getrennten Leben.
Ist Erwachen wirklich das Ende des Leidens und der Angst?

Erwachen ist der Beginn des Lebens. Gott genießt alles… ohne Wertung ohne Urteil. Du bist das Göttliche. Erwachen heißt dieses ohne jeden Zweifel wieder zu sein.

Wieso bleiben so viele auf halbem Weg zur Erleuchtung oder sogar noch viel früher stecken und meinen, sie hätten es bereits?

Welche vielen anderen? Es gibt nur dich.

Ist man nicht mehr wütend oder traurig, wenn man erwacht ist?

Die Person spielt weiter ihre Rolle. Wenn es dazu gehört wütend zu sein oder traurig, wird sie es sein.

Viele Erleuchtete verbringen ein Leben des Dienens. Wieso dienen, wenn doch Erleuchtung auch die Erkenntnis ist, dass alles, so wie es ist, bereits gut ist und nichts getan oder verändert werden muss?

Innerhalb des Traumes gibt es unendlich viel zu tun. Der Erwachte wird das von ihm als Wesen gewählte Tun anstreben aus Mitgefühl und in dem tiefen Wissen, das es keine Trennung gibt, ist „Dienen“ für ihn also auch immer, etwas Gutes für sich selbst schaffen.

Ist Erwachen übertragbar?

Nein, Erwachen geschieht, wenn es geschieht, innerhalb der Zeit ohne Handeln der Person.

Was ist "außerhalb" des Traums von Maya?

Es gibt kein außerhalb und kein innerhalb von Maya. Maya ist der Traum, die Illusion, das Phantom der Trennung.

Du hast mal gesagt, Bewusstsein sei Teil von Maya. Wie meinst Du das?

Bewusstsein gehört zur Täuschung, und kann als Werkzeug dazu benutzt werden, sich dieser Täuschung zu besinnen. Das wahre Wesen Gottes ist sich selbst vollkommen. Das Spiel beginnt durch den Gedanken der Trennung, damit geht die Identifizierung der Person einher. Daraus entsteht der ganze Traum. Innerhalb des Traumes ist Gewahrsein möglich, aber nicht zu beschreiben. Kein Wort kann darauf deuten, kein Werk kann es erklären. Es ist unser Sein ohne Wissen eines vorgestellten Zweiten.

Gibt es Karma?

Der Traum von der Trennung enthält alles Gedachte und Ungedachte. Warum also nicht auch so etwas wie Karma?

Muss das Ego transzendiert oder aufgelöst werden?

Ego ist die Täuschung, dass es eine Person gibt, die hilflos und angreifbar ist, die sich schützen muss, die etwas zu verteidigen hat. Der Glaube an die Trennung ist der Auslöser dafür. Das Ego ist ein Phantom. Was es nicht gibt, kann auch nicht zerstört werden… es kann im Bewusstsein erscheinen und dadurch wird es irrelevant. Die Bedeutungslosigkeit wird gesehen.

Sind Person und Ego dasselbe?

Ja

Ist ein schwaches Ego "hilfreicher" auf dem Weg zur Erleuchtung als ein starkes Ego?

Nein, es muss groß und sichtbar werden… das Spiel wird erst begriffen wenn das Ego sich selbst als nicht existent sieht. Der Dorn ist das Hilfsmittel, um den Dorn zu entfernen, danach ist der Dorn obsolet.

Sind wir alle Sünder? Und wenn ja, wessen haben wir uns schuldig gemacht?

Es gibt keine Schuld. Wir sind die manifestierte Idee Gottes. Sünde und Schuld sind Dämonen, die aus der vorgestellten Trennung geboren werden.

Was meint ein erleuchteter Meister damit, wenn er sagt, er sei bereits gestorben?

Er hat erkannt, dass die Person nie existiert hat, für die er sich gehalten hat. Das was wir sind, kennt weder Tod noch Geburt…

Muss die Psyche gereinigt werden?

Für das Leben in der Dualität, in der wir ja alle ein Scheindasein führen, ist es sicherlich eine der wichtigsten Erfahrungen, frei von Ängsten und Zwängen zu werden. Wenn die Klärung der Psyche dazu beträgt, ist das durchaus erfreulich. Als Weg zur Erleuchtung ist es irrelevant.

Wenn klar erkannt ist, dass man nicht der Körper ist, muss man sich dann überhaupt noch um dessen Wohlergehen und Gesundheit kümmern?

Es ist eine Freude und ein Schmerz, sich um den Körper liebevoll zu kümmern. Er ist unser Vehikel auf dieser Reise. Ich pflege ja auch mein Auto, obwohl ich weiß, das ich es nicht bin…oder? (lacht)

Wie erklärst du dir, dass es Menschen wie Osho gibt, die scheinbar von Beginn an wach waren, während andere einen langen Weg zum Erwachen beschreiten müssen? Sind die erstgenannten Bodhisattvas, die lediglich hier sind, um anderen zu helfen?

Jeder, der die Reise im Körper antritt, ist der Spiegel seines Bruders. Also ist jeder nur hier, um dem Nächsten zu offenbaren, wer er wirklich ist. Auch der Mörder hilft … Wir sind nicht getrennt. Trennung ist das Spiel der Verdunkelung, das Spiel von Maya

Was ist damit gemeint, wenn gesagt wird, dass Gott oder das Wesen/das Eine sich nur als Kontrast zu dem erkennen kann, was er/es nicht ist? Könnte es sich nicht auch ohne die Manifestation als etwas Vergängliches erkennen?

Wie sollte sich etwas Unvergängliches als etwas Vergängliches erkennen? Der Kontrast ist nur Schein. Gott ist vollkommen in allen Erscheinungen, die Vielfalt offenbart die Essenz in Ewigkeit.

Es wird immer wieder gesagt, dass man den einzigen wahren Guru in seinem eigenen Inneren trage. Wenn das so ist, ist es dann überhaupt nötig, nach einem Guru im Außen zu suchen?

Jeder Weg im Außen führt nur in eine Richtung. Immer nur zu dir. Egal wie ausschweifend die Suche erscheinen mag. Alles gehört absolut zu dieser Reise, so wie es dir erscheint. Es gibt keine falschen Wege, keine falschen Methoden, keine falschen Gurus. Wenn du es satt hast, all die flüchtigen Erfahrungen festzuhalten, beginnst du den Sadguru zu erkennen. Das bist Du. Tat Tvam Asi

Die meisten Menschen leben in einer permanenten Außenschau. Wenn man ihnen rät, sich nach innen zu wenden, mißverstehen sie diese Aussage oftmals, und meinen, kontemplativ zu sein, bedeute, sie sollen sich ihren Gedanken zuwenden. Was kannst du dazu sagen?

Gedanken kommen aus dem Verstand. Das kann durchaus hilfreich sein im alltäglichen Leben. Um sich selber zu erforschen, sind Gedanken eher hinderlich. Es bedarf einer Disziplinierung des Verstandes. Diese ist allerdings nicht Kontemplation oder Meditation. Beides können erste Schritte sein, um sich überhaupt bewusst zu werden, dass permanent Gedanken erscheinen und die Person sich an diese heftet, indem sie meint, die Gedanken wären aus ihr erstanden. Klarheit des Denkens bedeutet einen offenen Raum in sich zu erspüren, welcher Unendlich ist Dieser raumlose Raum ist das, was wir sind. Innenschau fängt vielleicht mit Kontemplation an, wenn sie dort scheinbar endet, hat sie noch gar nicht angefangen.

Habe ich mich bewusst entschieden, als genau dieser Mensch geboren zu werden? Wenn ja, wieso erinnere ich mich nicht daran?

Bewusstsein entscheidet nicht. Bewusstsein ist der Weg zur Manifestation der Idee Gottes. Der Mensch ist die geträumte Idee seiner selbst. Er hat die unbeschreibliche Sehnsucht, sich selber immer wieder zu erfahren. In dieser Sucht nach Erfahrungen verliert er sich und findet sich immer wieder. Jede Nacht, jeder scheinbare Tod ist die subtile Erinnerung an unsere wahre Natur. Je klarer der Geist wird, desto leichter ist es diese Urnatur ohne Zweifel zu berühren.

Wie kann ich meine Gedanken loslassen? Muss ich das überhaupt?

Gedanken erscheinen. Wenn du dich nicht an sie heftest, verflüchtigen sie sich. Es ist ein Endlosspiel der Kreativität des Lebens. Du kannst sie anschauen, und einfach dabei deiner Arbeit und sonstigen Tätigkeit nachgehen. Sie sind bedeutungslos, so lange du sie einfach ziehen lässt. Vielleicht erscheinen wundervolle Gedanken, die zu erstaunlichen Projekten im Außen führen. Dann ist es kaum möglich, ihnen nicht zu folgen. Aber nötig ist es nicht. Dinge geschehen, weil sie geschehen. Wir wissen nicht warum. Sie geschehen um ihrer selbst willen. Wir tragen alle Potenziale in uns. Diese zu erforschen, auch über die Gedanken, ist der Luxus jedes menschlichen Lebens.

Wenn da niemand ist, der loslassen könnte, ist dann nicht jeder Versuch der Person, loszulassen, von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Loslassen ist immer nur in Bezug auf die scheinbare Person möglich. Die Identifikation mit derselben ist der Haken, an dem sie hängt. Fällt die Identifikation in sich zusammen, wird erkannt, dass sie eine Fiktion ist, ist das Loslassen als solches obsolet. Loslassen ist ein Abfallprodukt der Gewissheit, dass ich nicht der Körper bin, Weder Verstand, Person, Ego, Gefühle, Gedanken, Schmerzen, Freude habe Bedeutung. Sie erscheinen innerhalb der vorgestellten Person, sie vergehen mit ihr. Was bleibt ist nicht vergänglich. Da ist kein loslassen nötig.

— Die Antworten lieferte Evelyn Zais, die Fragen stellte ihr Freund Eric

   
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