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Interviews

Rebecca Bowe zur Occupy Wallstreet Bewegung

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Occupy Bewegung
In der Occupy-Bewegung vereinen sich
Friedensaktivisten und Anarchisten

»Die Ungleichheit von Reichtum ist obszön«

Die Bewegung »Occupy Wall Street« prangert die soziale Ungleichheit an und sieht in sich die 99 Prozent der Bevölkerung, »die nicht länger die Gier und Korruption von 1 Prozent der Bevölkerung hinnehmen wird«. Im kalifornischen Oakland eskalierte die Situation, als ein friedlicher Demonstrant von einem Tränengasbehälter der Polizei getroffen wurde und ins Koma fiel. Daraufhin kam es zeitweiligen Schließung des dortigen Industriehafens, der von mehreren tausend Demonstranten besetzt wurde. Connection Korrespondent Peter Erlenwein sprach mit Rebecca Bowe, einer Reporterin des San Francisco Bay Guardian, einer Zeitschrift des links-progessiven Spektrums.

 

Wie siehst du die Occupy Bewegung, die im September 2011 in New York vor der Wallstreet begann, jetzt im Zusammenhang mit den Unruhen in Oakland?

Es sieht für mich so aus, dass sie hier in der Bay Area wirklich an Fahrt gewinnt. In dieser kurzen Zeit, seit die Bewegung hier in Oakland existiert, anfangs nur mit ein paar Zelten vor der City Hall, entwickelte sie sich zu einer starken Gruppierung mit vielen Demonstrationen in den Strassen der Stadt. Und vor einer Woche hatten wir dann so was wie einen Generalstreik, der von der Bewegung organisiert worden war. Er bestand aus einem Tag machtvoller Massenaufmärsche und endete mit einem Gang zum Hafen von Oakland, mit dem Ansinnen, ihn für den internationalen Schiffsverkehr zu blockieren, als ein Warnzeichen an die 1 % der Besitzenden in diesem Land. So kann man wirklich sagen, dass damit ein starkes Signal insgesamt für die Bewegung im Lande gegeben worden ist. So etwas haben wir über lange Zeit nicht mehr gesehen, vor allem eine solche Massivität. Und die Bewegung steht gerade in ihrer Vielfalt für die 99% der wenig Besitzenden in den USA. Es handelt sich also nicht nur um eine kleine Schicht von Menschen. Im Gegenteil, es gibt ein ziemlich weites Spektrum von Leuten, die sich heute mit großen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Hausverlust, sehr begrenzten Arbeitsmöglichkeiten und sinkenden Löhnen konfrontiert sehen. Daher kommen die Menschen jetzt zusammen und solidarisieren sich. Es gab auf diesem Weg viele Herausforderungen und Probleme, gar nicht zu sprechen von den ständigen Konfrontationen durch die Polizei. Es gab auch in den Camps Streitereien, provoziert durch Einzelne. Die Bewegung versucht ja, sich selbst Spielregeln zu geben, um miteinander zurechtzukommen: Demokratie jetzt und hier. Das ist wirklich spannend.

Es gab ja immer, gerade seitens der Presse auch Vorwürfe, dass die Occupy Bewegung es an Führung mangeln ließe und an konkreten Zielen, bzw. dass man Führungsgestalten nicht genau ausmachen könne. Die Bewegung selbst empfindet dass aber gerade als ihre Stärke?

Das ist eine sehr interessante Debatte, ob Occupy überhaupt Forderungen stellen soll. Die Weise wie die Camps in San Franzisko und Oakland bislang funktioniert haben, ist, dass sie allgemeine Versammlungen abgehalten haben. Man hat also keine besonderen Leiter. Jeder kann bei den Treffen erscheinen, und am Prozess der Entscheidungsfindung teilhaben. Die Oaklandgruppierung hatte immer nur mit solchen Consensusentscheidungen, zumeist 90 %, operiert. Man kann sich vorstellen, wie lange das ganze Prozedere braucht. Die Idee der direkten Demokratie ist ja Ermächtigung auf der individuellen Ebene: jeder der in diesen Meetings auftaucht, kann ein Organisierer sein, jeder kann seine Vorschläge einbringen, solange er die Unterstützung von anderen hat. Das ist eben das Besondere, dass die Bewegung nicht hierarisch organisiert ist, stattdesssen eine Art von Selbstregierung. Na ja, und so wundert man sich in der konventionellen Welt, wann sie nun endlich damit rauskommen, was sie eigentlich wollen, obwohl es diese Liste der zehn Forderungen gibt.

Ich habe hier diesen gelben Flyer, da sind mindestens 20 Themen aufgeführt. Was mich besonders berührt hat: es dreht sich weniger um strategische Ziele als um persönliche sowie moralische Haltungen. Stimmt das?

Das ist sicher wahr. Was man erkennt, wenn man draußen in den Straßen ist, dass die Leute dort sich wirklich diesen 99 % Menschen zugehörig fühlen, die nicht reich sind. Das ist Ausdruck einer moralischen Haltung. Schließlich haben sie durch Bankspekulationen ihre Häuser verloren, haben keine Gesundheitsfürsorge und vieles mehr. Also muss man sich zusammentun und dagegen angehen.

Occupy Bewegung
In New York nahm die Bewegung ihren Anfang.
Foto: David Shankbone

Bislang ist es auch eine sehr pazifistische Bewegung, die Auseinandersetzungen mit der Polizei zu vermeiden sucht. Wie weit ist nun die Occupy Bewegung von Obama abgerückt?

Es gibt eine Mischung von Leuten, die damals Obama unterstützt hatten, die aber nun doch sehr enttäuscht sind von ihm und seiner Politik als Präsident. Es gibt auch solche, die man als reguläre Wähler einschätzen muss. Dabei bleibt eines klar: Occupy Wallstreet will im Wesentlichen mit keiner der beiden Parteien irgendwie identifiziert werden, bzw. zu tun haben. Sie wollen auch nicht eine grüne Partei mit einem neuen Kennedy. Sie versuchen, außerhalb der etablierten Parteienstruktur ihre Ziele zu verwirklichen.

Kann man sagen, dass das eine typisch amerikanische Haltung ist: »We are the people«, wie ja auch in den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts, geschehen, zum Beispiel mit der Schaffung eines »Peoples Park« in Berkeley damals? Für Europäer hat das schnell den Anschein einer apolitischen Bewegung, was viele (Linke) verabscheuen.

Occupy Wallstreet ist eine organische Graswurzelbewegung, die nur durch die Leidenschaft der Organisatoren zustande gekommen ist und die sozialen Netzwerke

Das kann man so sehen: An eine amerikanische Tradition angeknüpft worden ist z.B. mit der Gründung der Tea-Party aus der radikal rechten Szene. Die wollten so tun, als seien sie Ausdruck einer populären geschichtlichen Bewegung. Das muss man allerdings bezweifeln, angesichts der massiven finanziellen Unterstützung seitens der Großunternehmen. Dagegen sehe ich Occupy Wallstreet wirklich als eine organische Graswurzelbewegung, die nur durch die Leidenschaft der Organisatoren zustande gekommen ist und die sozialen Netzwerke.

Andererseits gibt's inzwischen bei einigen Radiosendern klare Aussagen, die von Klassenkampf sprechen, angesichts der Reichtumsverhältnisse in den USA. Ein Vokabular, das man lange nicht mehr gehört hatte?

Unser Bay Guardian hat immer schon soziale und wirtschaftliche Fragen direkt diskutiert; das hat Tradition. Er ist hierin viel progressiver als der San Francisco Chronicle zum Beispiel, der sehr viel mehr Mainstream ist. Und ja, es gibt diese klare Analyse, dass ein Bruchteil der Bevölkerung ein riesiges Vermögen besitzt im Vergleich zum Rest. Etwas, worüber wir immer wieder im Bay Guardian schreiben, ist die Notwendigkeit, die Reichen mehr zu besteuern. Hinsichtlich des Themas Klasse ist zu sagen, es gibt ein Mainstream Denken hier, welches besagt, dass man darüber lieber nicht spricht; man zielt auf ein höheres Einkommen in seinem Job, arbeitet hart, aber diskutiert sein Schicksal nicht nach draußen. Das ist eben Tabu, und das hat die Bewegung nun gerade ins Zentrum ihrer Aktionen gerückt. Das heißt, man outet sich als arm und arbeitslos oder Middle class, die um ihr Überleben kämpft.

Damit kommt dann die Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass der amerikanische Traum, dass jede Generation noch mehr bekommt, am Zerbröckeln ist?

Die Jugend fragt sich: Wo sind die versprochenen Jobs?

Ja, man sieht gerade die Jugend, die auf die Straße geht, die eben ihr Studium beendet hat und nun damit konfrontiert ist, riesige Summen, die sie sich von den Banken leihen musste, um die Studiengebühren zu zahlen, nun wieder zu begleichen. Sie fragen sich natürlich, wo sind die versprochenen Jobs, welche Möglichkeiten gibt's eigentlich noch, um eine Familie zu gründen und in der Welt seinen Platz einnehmen zu können. Diese Themen haben den Nerv getroffen, an dem sich alles heute entzündet.

Das Verrückte ist ja, dass die Ursachen dieser wirtschaftlichen Katastrophen schon weit zurückliegen; Reagan und in Europa Thatcher hatten ja damals in den 80iger Jahren die Deregulierung der Finanzmärkte eingeleitet. Seitdem geht's nicht mehr um ein paar clevere Gauner, sondern um strukturelle Veränderungen zugunsten einiger; das wird erst heute so richtig bewusst?

Ja, viele hatten das Gefühl, geschlafen zu haben; nun ist man aufgewacht und die Illusionen sind weg. Jetzt kommt die radikale Kritik an denjenigen, die ungeheure Geldsummen gewinnen, während die andern leer ausgehen, ohne Zukunftschancen sind.

Wie stehen die US-Mainstreammedien zur Occupybewegung?

Sie sind zum einen wirklich fasziniert, gleichzeitig versuchen sie herauszufinden, wohin das führen könnte. Zum anderen puschen sie Kleinigkeiten hoch, z.B. wenn jemand in der Bewegung mal ausrastet und bringen so was als Schlagzeile. Oder dass sich Bettler unter die Bewegung mischen, von dieser versorgt werden, und es so zu Gesundheitsproblemen kommen könnte, wg. mangelnder Sauberkeit. Das bringt die entsprechenden Behörden ins Spiel. All so was schürt Negativität und lenkt von den eigentlichen Problemen ab.

Werden sie den Winter durchhalten?

Ich habe mit Freunden schon öfter diskutiert, ob die Bewegung in Form von Zeltdörfern weiter auf der Straße existieren wird, oder ob die Energie zu was anderem gebündelt wird. Sie haben die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bekommen für ihre Sache, in den Internet Portalen wie Facebook sind sie präsent. Vielleicht verlagert es sich mehr dahin; aber es gibt Demonstranten, die ohne jede Unterkunft sind, und sie sind entschlossen, weiter auf der Straße zu sein. Man weiß nicht genau, wohin es gehen wird, wenn der Winter jetzt kommt.

Die Globalisierung der Bewegung drückte sich dadurch aus, dass ägyptische Jugendliche vom Tahirplatz sich solidarisch erklärten. Was bedeutet das?

Ja, genau, der 25. Oktober war ein wichtiger Tag dafür in Oakland. Die Polizei stürmte das Camp mit Tränengas und Knüppeln. Menschen wurden verwundet. Es waren tausende von Leuten in den Straßen, es gab heftigste Zusammenstöße. Dabei wurde ein Vietnamveteran von einem Gummigeschoß getroffen und schwer verletzt. Das ging durch die Medien. Als die Ägypter am nächsten Tag davon hörten, machten sie einen spontanen Solidaritätsmarsch vom Tahirplatz zur US-Botschaft in Kairo. Die Demonstranten in Oakland waren davon unglaublich berührt; niemand hatte solche internationale Aufmerksamkeit für möglich gehalten. Das ist diese allseitige Verbundenheit heute. Die Leute verfolgen alles live auf den sozialen Plattformen. mit der Botschaft, dass die Ungleichheit von Reichtum obszön ist, kann sich wohl jeder identifizieren.

Das Interview führte Peter Erlenwein

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