Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Interviews

Interview mit Kirsten Loesch über die Suche nach der Weltweisheit

Details

Interview mit Kirsten Loesch über die Suche nach der Weltweisheit
Kirsten Loesch

Universelle Wahrheiten

Die Journalistin und freie Autorin Kirsten Loesch hat in einer Lebenskrise ein Experiment gewagt. Sie zog sich für eine lange Zeit zurück, um durch das Lesen von Büchern zu den Themen Biologie, Physik, Gehirnforschung, Bewusstseinsforschung und Mystik eine Antwort auf die Frage zu finden »Warum bin ich wozu da?« Analog zu den Naturwissenschaftlern, die auf der Suche nach der Weltformel sind, ist Kirsten Loesch auf der Suche nach der Weltweisheit. Die Antwort ist in ihrem Buch »Das Lächeln des Universums« zu finden.

 

Ihre Hauptfigur im Buch, Nuria, zieht sich ein Jahr lang in ihre Studierstube zurück, um zu sich selbst zu finden. Wie lange haben Sie gebraucht?

Ich glaube nicht, dass man verallgemeinern kann, was es eigentlich bedeutet, sich selbst zu finden. Es gibt mehrere innere Epochen, die von einem entscheidenden Thema geprägt sind, um dann irgendwann in eine neue Epoche mit einem anderen Entwicklungsfokus überzugehen. Das ist ein individuell unterschiedlicher Prozess. Im Buch macht Nuria einen enormen Sprung von Frustration zu Glück und findet am Ende einer ihrer inneren Epochen sich selbst – in dem Sinn, dass sie ihre Lösung für ihr Lebensthema findet: Vertrauen in sich selbst und das Universum. Nuria und ich sind uns da sehr ähnlich, aber ich bin nicht so schnell wie sie. Bei mir hat es so lange gedauert, wie ich an dem Buch gearbeitet habe, fünf Jahre.

Sie müssen eine Unmenge an Büchern verschlungen haben, im Anhang zähle ich ungefähr 60. Wie haben Sie in diesem Wust von Informationen den Durchblick behalten?

Ich habe gar nicht immer den Durchblick behalten, gerade weil Gehirnforschung, Physik und die Geschichte mystischer Traditionen für mich völlig neu waren. Diese Themen sind uferlos und haben mich manchmal in die Verzweiflung getrieben. Aber ich hatte eine große Leidenschaft für sie und wollte wie Nuria im Buch endlich verstehen, wie sie zusammenhängen und ob sie ein Gesamtbild des Menschen in diesem Universum entwerfen können, das mir in meinem persönlichen Leben weiterhilft. Das war wie eine Schnitzeljagd, bei der jeder einzelne Hinweis die Spannung erhöht und antreibt.

Auffällig ist der stilistische Unterschied zwischen den sachlich Ergebnissen der Buchrecherchen und den poetisch gehaltenen biografischen Erzählungen, die zwischen die einzelnen Kapitel gestreut sind. Sind die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden?

So unterschiedlich finde ich sie gar nicht, weil das Sachliche auch erzählerisch geschrieben ist. Aber klar, die beiden Teile erfüllen einen unterschiedlichen Zweck. Zuerst musste ich selbst herausfinden, welche neuen Einsichten der einzelnen Forschungsgebiete für mein Leben interessant sind und wie sie mein auf dem gesunden Menschenverstand beruhendes Verständnis von Mensch und Universum verändern. Erst als der eher sachliche Teil stand, habe ich bemerkt, wie tief die Wissenschaft mein persönliches Leben und mein Herz berührt – daraus ist der eher poetische Teil entstanden. Mein Hintergrund dazu ist, dass ich ein sehr rationaler Mensch bin, der schon früh meditiert hat. Ich wollte Vernunft und Spiritualität miteinander aussöhnen, weil beide zu mir gehören und meinen psychischen Frieden zu sehr durcheinander bringen, wenn sie nicht harmonieren. Ich glaube, diese Aussöhnung ist ein wichtiges Thema in einer Zeit, die nach neuen Wegen des Miteinanders von Menschen, Tieren und Umwelt sucht.

Kirsten Loesch: Das Lächeln des Universums

Ihre selbstangefertigten Zeichnungen illustrieren anschaulich die Ergebnisse ihrer Recherchen. Haben Sie auch ihre künstlerische Ader entdeckt?

Leider nicht wirklich. Mir hat es Spaß gemacht, Ideen in ein Bild zu übersetzen, das man auf einen Blick erfassen kann. Dann hat eine Grafikerin meine schlechten Zeichnungen in gute verwandelt.

Nach dem Selbstexperiment sind ein Bauernhof, ein Hund und ein Freund in ihr Leben getreten. Wie erklären Sie sich diese wundersame Wandlung?

Wenn ein innerer Knoten sich löst, dann läuft alles von alleine – und man stellt fest, dass das Leben die eigene Fantasie überflügelt

Die Arbeit am Buch, die Erkenntnisse, die ich währenddessen hatte, haben meine Sicht auf die Welt und mein Selbstverständnis geändert. Alte Denkmuster und Blockaden haben sich gelöst. Dadurch habe ich plötzlich Dinge bemerkt, die mir zuvor nie aufgefallen wären oder bei denen ich mir früher selbst im Weg stand. Zum Glück gerade rechtzeitig, um am richtigen Partner nicht vorbei zu laufen und den Sprung in das Leben, das ich mir immer gewünscht habe, zu schaffen. Ich glaube, wenn ein innerer Knoten sich löst, dann läuft alles von alleine – und man stellt fest, dass das Leben die eigene Fantasie überflügelt.

Ihre Protagonistin Nuria sagt: »Wie die Wissenschaftler eine mathematische Weltformel suchen, die alle Geheimnisse der Natur erklärt, suche ich, Nuria, das Pendant dazu: Eine Weltweisheit, die mir die Geheimnisse des Menschseins innerhalb dieses Universums erschließt«. Ist dieser Versuch nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil es eine universelle Wahrheit gar nicht gibt, sondern nur eine persönliche Wahrheit?

Meiner Meinung nach existieren universelle Wahrheiten

Meiner Meinung nach existieren universelle Wahrheiten. Eine davon ist: Es gibt keinen Mittelpunkt im Universum. Das ist ein neutraler wissenschaftlicher Fakt mit großer philosophischer Tiefe. Was jeder in seinem Leben daraus macht, ist seine persönliche Wahrheit. Es wird erst dann problematisch, wenn jemand seine Interpretation der Dinge anderen aufdrängt. Nuria verkündet nicht »die« Weltweisheit, sondern sie sucht »eine«, die ihr persönliche Einsichten schenkt.

Wie hat die Veröffentlichung ihres Buches ihr Leben verändert?

Das Buch selbst hat mein Leben verändert. Vieles, von dem ich dachte, es sein oder tun zu müssen, interessiert mich nicht mehr.

Das Interview führte Oliver Bartsch

Kirsten Loesch: Das Lächeln des Universums – Warum bin ich wozu da?, 230 Seiten, Kamphausen Verlag, 16,95 Euro
{jcomments on}
   
© Connection AG 2015