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Interview mit Wolf Schneider über spirituelle Politik

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Interview mit Wolf Schneider über spirituelle Politik
Wolf Schneider

»Die wirklich tiefen Themen berühren immer auch das Paradoxe«

Die Partei, die in Deutschland für spirituelle Politik steht, sind »Die Violetten«. Die werden von den etablierten Parteien allerdings kaum wahrgenommen. Umgekehrt sind die Violetten auch nicht bereit, in die Politik zu gehen. Wolf Schneider diskutiert mit Andreas Bleeck von den Violetten über das schwierige Verhältnis von Spiritualität und Politik

Hallo Wolf, du bist der Herausgeber der Zeitschrift Connection. Es freut mich, dich hier zum Interview zu haben. Wie kamst du zu der Arbeit, und wann hast du mit der Zeitschrift begonnen?

Ich habe im Frühjahr 1985 damit begonnen. Damals war ich Taxifahrer in München. Ich habe mit Osho-Sanyasins zusammen gelebt und hatte Lust etwas Interessanteres zu machen als nur Fahrgäste von einem Ort zum anderen zu kutschieren. Nach ein paar Monaten ist auf diese Weise eine transpersonale, transkulturelle Zeitschrift entstanden. Die wurde zwar in der Sannyas-Szene geboren, geht aber weit über sie hinaus. Ich habe schon nach ein paar Monaten gemerkt, dass es keinen Sinn macht, nur für ein paar tausend Sannyasin-Freunde zu arbeiten, sondern dass ich eine spirituelle Zeitschrift machen möchte, die alle echten mystischen Wege repräsentiert.

Zu Anfang wusste ich nichts vom Zeitschriftenmachen. Wir hatten viele Schwierigkeiten, aber im Lauf der Zeit habe ich mir alles, was ich dazu brauchte, selbst angeeignet. Erst war Connection ein Verein, dann eine GmbH, jetzt ist der Verlag eine AG mit Aktionären. Ich hatte inzwischen auch ein Haus gekauft, wo wir als Gemeinschaft wohnten, aber ich bin mein Business zu optimistisch angegangen, so dass der Verlag viele Jahre lang rote Zahlen schrieb. Dadurch bin ich schließlich vor rund drei Jahren insolvent geworden. Der einzige Ausweg, um den Verlag und die dort entstandenen Werte zu erhalten, war, meine Kreditgeber zu Aktionären zu machen. Ich war anfangs einfach zu optimistisch, man könnte auch sagen: zu leichtsinnig. Wir waren überzeugt, dass das investierte Geld wieder reinkommt, wenn wir nur unser Bestes geben würden und dabei »gute Energie aussenden«, wie man das in spirituellen Kreisen nennt. Das war aber sehr naiv. Obwohl ich damit, was meine Person anbelangt, finanziell völlig auf die Schnauze gefallen bin, glaube ich nach wie vor, dass Connection etwas ist, das die Welt braucht. Deshalb mache ich weiter. Wir lassen zur Zeit circa 10.000 Hefte drucken, 16 Mal im Jahr – ein Hauptheft und zwei Ableger für die Nischen Tantra und Schamanismus. Wir sind stolz drauf, die älteste spirituelle Zeitschrift auf Deutsch zu sein, und nicht nur alt, sondern auch mit einem hohen Anspruch an die innere Reife unserer Leser. Auf esoterische Gemeinplätze wie: »Es gibt keine Zufälle« oder »Das Herz ist besser als der Kopf« oder »Wir schaffen uns unsere Wirklichkeit selbst« bin ich inzwischen nicht mehr so gut zu sprechen.

Du hast auch das »Kleine Lexikon esoterischer Irrtümer« geschrieben?

Das zu schreiben hat mir sehr viel Spaß gemacht. Das Gütersloher Verlagshaus hat das dann herausgebracht, und es hat in den Medien sehr viel Aufmerksamkeit erregt – ich bekam darauf ungefähr vierzig Interviews und Rezensionen, von stern.de über Talkrunden im Fernsehen bis zu diversen Lokalzeitungen. Ich habe das Buch sehr schnell herunter geschrieben, und nicht alle Leser haben den darin versteckten Humor verstanden. Aber es ist ja nicht nur lustig. Es geht darum, genau aufzupassen, was man sagt und was man tut und sich nicht für blöd verkaufen zu lassen, wenn gerade ein esoterisches Paradigma aktuell ist und alle so daherreden, von »Energien« zum Beispiel, und man dann den Jargon mitmacht, um irgendwie auch mit dabei zu sein. Die Weisheit kommt nicht über Nacht zu uns. Die wirklich tiefen Themen berühren immer auch das Paradoxe. Da man muss man sich mit einer Sache auch ihr Gegenteil anschauen, und damit sind die meisten Menschen doch überfordert.

Um es mal konkret zu machen: Als Beispiel hast du Reiki erwähnt und seinen Anspruch der Universalität. Gleichzeitig behauptet Reiki aber, dass es nur eine richtige oder authentische Methode gäbe, diese »universelle« Energie anzuzapfen.

Ja, da sind wir schon mitten drin in der Paradoxie. Die Leute sagen: Ich brauche ein bestimmtes asiatisches Zeichen und die zugehörige Methode. Wenn ich das anwende, dann gehöre ich dort dazu – und schon ist das nicht mehr universell, denn dann bin ich dort ja einer der wenigen Erwählten, die das verstehen. Da ist ganz viel Suggestion dabei. Die Menschen verstehen sich dann als Teil einer Gemeinschaft, die die Wahrheit weiß. Das Zeichen könnte auch ein anderes sein, z.B. der Schriftzug von Coca Cola, wenn diese Firma das nicht schon für sich besetzt hätte. Wenn die Leute glauben, dass das die universelle Energie herbeiruft, dann funktioniert das mit diesem Schriftzug genauso wie mit dem Reiki-Symbol. Brand- und Markennamen schaffen Abgrenzung, und diese Abgrenzung steht im Widerspruch zu dem Anspruch der Universalität, dass jeder diese Energie benutzen und spüren kann. Überall in der spirituellen Szene werden derart die Claims abgesteckt. Ich finde es in Ordnung, ein Haus zu haben und einen Zaun drum herum zu ziehen. Aber es ist auch wichtig zu wissen, dass mein Nachbar auch so ein Haus hat, und möglicherweise auch er gutes Gemüse anpflanzt. Zu glauben, dass nur mein Gemüse das universelle, echte, authentische ist, das ist arrogant.

Die Violetten
Die Violetten

Inwieweit ist die Beschäftigung mit diesen Themen für dich auch eine Mission, die Gesellschaft zu ändern? Mir gefällt deine Idee, durch das Lexikon besser zu differenzieren und nicht nur eine Wahrheit als die absolute hinzustellen. Aber wie kann man das Wissen um die Relativität der verschiedenen Wege konkret auf der gesellschaftlichen Ebene verwirklichen?

Die asiatischen Religionen sagen, dass du dich zuerst selbst erkennen und meditieren musst; nur wenn du dich selbst verstanden hast, dann kannst du die Welt verändern.

Ich komme aus einem atheistischen, wissenschaftlich orientierten Elternhaus und habe dann als 22-jähriger den Buddhismus kennengelernt. Da war ich so fasziniert davon, dass ich gleich Mönch wurde und zwei Jahre später Sanyasin. Osho und Buddha sind die beiden Figuren, die mich nach meiner Herkunftsfamilie am meisten geprägt haben. Ich nenne sie gerne als meine Quellen. Beide lebten nicht nach einer kleinmütigen Ordnung. Sie imitierten niemand. Buddha war genauso wenig Buddhist wie Jesus Christ war oder Osho Sannyasin. Ich bekenne mich zu diesen Wurzeln, bin dabei aber offen für Menschen, die andere Wege gehen, wie etwa den Sufiweg oder die Orientierung an Meister Eckhard oder Jiddu Krishnamurti, und natürlich gibt noch viele andere großartige Gestalten, die einem Orientierung geben können. Ich schaue mir dabei immer an, wie die Menschen mit sich selbst und miteinander umgehen.

Weil du von der gesellschaftlichen Ebene gesprochen hast: Die asiatischen Religionen sagen, dass du dich zuerst selbst erkennen und meditieren musst; nur wenn du dich selbst verstanden hast, dann kannst du die Welt verändern. So blicken viele auf die politische Sphäre verächtlich herab und sagen: Dies sind Leute, die an Macht und Materialismus interessiert sind. Ich meine, dass alles zusammen gehört. Der spirituelle und der materielle Bereich, das lässt sich nicht voneinander trennen. Beide Bereiche befruchten einander, jedes politische Programm hat auch eine spirituelle Dimension, auch ohne das zu wissen oder es so zu nennen. Das sind immer zwei Seiten einer Medaille. Die eine Seite ist eher wirtschaftlich und strukturell, die andere führt in inneren Dimensionen des Bewusstseins.

Erkennst du für dich in der heutigen Politiklandschaft Beispiele, wo spirituelle Ansätze sind oder Beispiele von Menschen, die dich faszinieren und die eine Botschaft haben, die dich anspricht?

Unter den lebenden politisch aktiven Menschen fallen mir als erstes der Dalai Lama und Nelson Mandela ein. Die waren ja auch in realer politischer Verantwortung. Wobei der Dalai Lama gerade als politisches Oberhaupt von Tibet zurück getreten, und Nelson Mandela ist ja nun schon 93 Jahre alt und hat sich längst aus der Politik zurückgezogen.

Ist Angela Merkel für dich kein positives, Beispiel von ihren diplomatischen Fähigkeiten und dem Ausgleichenden her?

ich glaube, dass zur Zeit ein Mensch mit einer starken spirituellen Vision gar nicht nach oben kommen kann, weil unsere politischen Strukturen, die Parteien, anders selektieren.

Ich finde es schon mal ganz gut, dass mit Angela Merkel eine Frau Bundeskanzler ist. Und ich sehe durchaus Gefühl und Intuition bei ihr. Aber ich glaube, dass zur Zeit ein Mensch mit einer starken spirituellen Vision gar nicht nach oben kommen kann, weil unsere politischen Strukturen, die Parteien, anders selektieren. Man kommt nicht hoch, wenn man eine starke spirituelle Motivation hat. Mag sein, dass sich das ändern wird. Als Obama gewählt wurde, habe ich mich gefreut, dass ein Mensch mit dieser Herzensgüte und Wärme gewählt wurde. Es hat sich dann aber gezeigt, dass er so sehr politischen Zwängen unterworfen ist, dass er trotz seiner guten Ziele kaum etwas erreichen kann. Er muss so viel lavieren und sich sogar mit der Teaparty-Bewegung arrangieren. Dabei reibt er sich auf und geht zu viele Kompromisse ein. Ich sehe durchaus eine spirituelle Vision in ihm. Er ist ursprünglich pazifistisch angetreten. Ab dann hat er den Krieg in Afghanistan nicht beendet, hat sogar noch mehr Truppen hin geschickt und sich auch nicht klar gegen Folter gestellt usw. Auch ein kluger Mensch mit einer starken, positiven Vision kann in einem politischen System aufgerieben werden, selbst wenn er dort an der Spitze steht.

Immerhin erreicht uns seine Botschaft, die Welt ist zusammen gewachsen. Und wir spüren die Missstände im eigenen Bereich. Wir haben zwar kein Guantanamo, aber auch viel Gewalt und Ungerechtigkeit.

Deutschland geht es Moment wirtschaftlich etwas besser, aber wir sind ja von den anderen Ländern abhängig. Was uns wirtschaftlich hoch hält, ist der Export. Die nationale Politik dient nicht wirklich der Bevölkerung, sie stolpert von einer Krise in die andere und versucht immer noch, irgendwie das alte System zu retten. Ich finde es nur zu verständlich, dass die Griechen auf die Straße gehen und dieses extreme Sparprogramm nicht dulden. Ein Land nach dem anderen wird von den Finanzjongleuren ins Visier genommen, sie wetten auf dessen Abstieg, und dann muss es sich noch mehr verschulden. Die Vermögenden werden immer reicher und die Schulden des Rests steigen. Das jetzige kapitalistische System ist nicht mehr tragbar.

Wenn man 27 Jahre lang eine Zeitschrift herausgibt, dann hat man sicherlich Hoffnung, dass sich das, wofür diese Zeitschrift steht, in der Gesellschaft allmählich zu zeigen beginnt. Bist du in der Hinsicht noch optimistisch? Glaubst du, dass deine Arbeit etwas verändern kann?

Nichts schützt so sehr vor Fundamentalismus und Fanatismus, diesen beiden großen Krankheiten der religiösen Bewegungen, wie Humor.

Doch, ich glaube, dass wir etwas verändern können. Ich gucke mir ja auch Beispiele an, wo kleine Gruppen als Katalysatoren und als Zünglein an der Waage etwas auslösen konnten. Neulich dachte ich wieder an die Montagsdemonstrationen in der DDR. Es waren weniger als ein Prozent der Bevölkerung, die dort hingegangen sind. Nur ein kleiner Teil war bereit sich zu zeigen und zu sagen: »Ich will dieses System nicht mehr!« Trotzdem wurden die Mitläufer des alten Systems innerhalb weniger Monate, spätestens einiger Jahre, zu Mitläufer des neuen Systems. Der größte Teil der Gesellschaft besteht aus Wendehälsen. Es sind immer nur ganz kleine Gruppen, die vorausdenken und bereit sind, Veränderungen anzuregen. Meine Zeitschrift, die Connection Spirit, hat circa zehn bis zwanzig tausend Leser. Das ist nicht viel, aber ich weiß, dass viele von ihnen Multiplikatoren sind. Sie sind politisch, ökologisch oder therapeutisch aktiv. Oder auch als Humoristen – seit ein paar Jahren versuche ich ja verstärkt, durch Humor etwas zu ändern. Nichts schützt so sehr vor Fundamentalismus und Fanatismus, diesen beiden großen Krankheiten der religiösen Bewegungen, wie Humor.

Ich sehe heute eine größere Bereitschaft als je, das ganze System in Frage zu stellen. Man kann ja an das jetzige Wirtschaftssystem nicht mehr glauben. Der Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, hat kürzlich einen Artikel geschrieben mit dem Tenor: Und die Linken hatten doch Recht! Wenn Leute wie er das sagen, dann ist das ein gutes Zeichen, auch wenn viele der Macher nur hinter vorgehaltener zugeben würden, dass sie das bestehende System für irreparabel halten. Der Papst war wieder mal in Deutschland und er hat immer noch viele Anhänger, aber wirklich gläubig sind die nicht. Die sind fast alle nur noch aus Bequemlichkeit noch in der Kirche. Die meisten tiefgläubigen Christen in Deutschland wollen mit der Kirche nichts zu tun haben.

Du sprichst von »avantgardistischen Gruppen«, die Änderung bewirken können, ebenso wie einzelne charismatische Persönlichkeiten. Glaubst du, dass es eine Massenbewegung geben kann, eine spirituelle Partei – eine Massenbewegung, die sich nicht korrumpieren lässt?

Es gibt ja Umfrageergebnisse, wonach sich ein Drittel der Bevölkerung zu den Kulturell Kreativen zählt. Nach den aktuellen Finanzmarktkrisen könnte das leicht auch auf fünfzig Prozent angewachsen sein. Es ist ein riesiges Potential da. Bei einer spirituellen Partei besteht für mich der Nachteil darin, dass Spiritualität eine gewisse Strukturfremdheit hat. Da ist der Sog in die Einsamkeit, ins Retreat. Das ist auch richtig so. Als Meditierer sollte man sich nicht vereinnahmen lassen. Andererseits braucht die Politik kluge und fähige Menschen, die ich aber nur unter Vorbehalt »spirituell« nennen würde. Sie müssen klare Vorstellungen und Leitlinien haben. Die Violetten haben ja z.B. in ihrem Programm, so wie ich das sehe, das Bedingungslose Grundeinkommen. Dafür habe ich sehr viel Sympathie, aber ich möchte das erst getestet sehen. Ebenso mit der Freiwirtschaft. Ich bin ein großer Anhänger von Silvio Gesell und dem damaligen Experiment, das dann als »Wunder von Wörgl« bekannt wurde, aber ich möchte das an weiteren Stellen praktisch verwirklicht sehen, ehe man nach dieser Theorie eine Weltrevolution anzuzetteln versucht. In gewisser Weise bin ich Sozialist, aber, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken: Nicht alle Sozialisten sind in der Lage gewesen, ein menschenfreundliches Programm zu realisieren. Eine spirituelle Partei, die 20 bis 40% der Stimmen auf sich vereinen will, müsste weit über die bisherigen Ansätze hinausgehen und sich in der Praxis der Politik beweisen. Der Kern der Politik ist die Wirtschaft und die damit verbundenen Machtstrukturen. Mit denen muss man sich befassen. Der freie Geist aber will sich nicht vereinnahmen lassen – das sind Widersprüche. Wer sagt: »Ich will an die Macht, um etwas verändern zu können«, muss es aushalten können, dann angegriffen zu werden. Und natürlich muss er ein klares Programm haben und nicht nur ein Bauchgefühl für das,
was richtig ist.

Ich nehme an, wenn du Macht sagst, dann meinst du den Begriff Einfluss im positiven Sinne.

Ja, das meine ich. Die spirituelle Szene redet da lieber von Power, von Selbstermächtigung oder Empowerment oder ähnlichen Umschreibungen. Aber auch das ist Macht, da sollte man nicht drumrumreden. Klar kann Macht auch positiv sein! Sie sollte allerdings abwählbar sein, also keine Diktatur.

Bei unseren Stammtischen bei den Violetten ist es so, dass selten über Politik geredet wird. Das ist das, was du vielleicht kritisierst. Ich finde es aber sehr wohltuend. Sobald du in die herkömmlichen politischen Themen gehst, gibt es ermüdende Diskussionen. Das ganze Feld ist negativ besetzt. Die Erfahrung, nicht unbedingt Lösungen präsentieren zu müssen auf Fragen, die man nicht beantworten kann, finde ich sehr wohltuend. Unsere Erfahrung ist, dass es besser ist, sich dieser Macht zu entziehen und aus dem Gefühl der Gemeinschaft zu handeln.

Ich denke, dass Menschen, die zuerst ihre Wunden heilen wollen, nicht geeignet sind für ein politisches Programm.

Es kann individuell heilsam sein, sich erstmal aus der Politik rauszuziehen und sich aus dem Herzen auszusprechen. Aber wer in die Politik rein will, muss sich mit der Macht auseinander setzen. Ich denke, dass Menschen, die zuerst ihre Wunden heilen wollen, nicht geeignet sind für ein politisches Programm. In der Politik muss man mit Gegenwind rechnen. Ich erfahre das bei meiner Zeitschrift auch, wenn ich eine klare Position beziehe. Es ist sicherlich so, dass das Bedürfnis nach einem ruhigerem Austausch da ist, aber in der Politik ist man auf dem Präsentierteller. Da wird der politische Gegner seine Nase auch immer in meine Angelegenheiten reinstecken, das ist ja die Rolle der Opposition, des Vergleichs, der Alternativen, das gehört zu den Stärken der Demokratie. Ich denke, bei den Violetten gibt es viele Leute, die froh sind, dort Freunde zu finden und nicht gleich für blöd gehalten zu werden, wenn sie das Wort »spirituell« benutzen. Aber deshalb muss man sich noch nicht gleich zur Wahl aufstellen. Der eine ist als Therapeut geeignet, der andere als Unternehmer. Um Politiker zu sein, muss man bereit sein, sich mit anderen auseinander zu setzen, man muss »streitbar« sein, wie man das bei uns nennt. Nicht jeder Mensch mag das.

Das erlebe auch ich so. Es gibt starke Individualisten innerhalb der Partei. Wenn man den spirituellen Weg geht, muss man lernen sich abzugrenzen, aber auch zusammenstehen, wenn es brenzlig wird. Es ist schwierig, diese Individualisten immer wieder zusammen zu bringen. Aber es gibt bei uns auch viele Angebote der Kommunikationsarbeit, Mediationen und Coaching, ebenso wie bei den Grünen. Bei uns geht das dann noch tiefer in Form von Forumsarbeit und Aufstellungen und viel mehr ins Gespür. Das wird dann natürlich belächelt, du hast es »Heilungsweg« genannt. Ich denke, die Heilung ist ein Nebeneffekt, es geht um die Kultivierung einer anderen Form von Kommunikation.

Ich meine, dass die Violetten noch nicht politisch genug sind, um in irgend eines der Parlamente einziehen zu können.

Ja, aber dann stellt sich die Frage, ob ein politischer Zirkel dafür die geeignete Form ist. Die Piraten haben ja den Einzug ins Berliner Parlament geschafft. Das hätte ich den Spirituellen auch gegönnt. Ich meine aber, dass die Violetten noch nicht politisch genug sind, um in irgend eines der Parlamente einziehen zu können. Sie haben noch nicht den richtigen Inhalt gefunden, und es sind auch noch nicht die richtigen Leute da. Man braucht dazu Stehvermögen und menschliche Reife.

Ja, wir brauchen dich, Wolf (lacht)! Ich habe das Gespräch jetzt ein wenig umgedreht, aber ich habe das Gefühl, dass du auch ein politisch denkender Mensch bist, der sich nicht scheut, sich vorne hinzustellen.

Ich bin auch schon mal »Rampensau« genannt worden. Das fand ich gut, da ich eigentlich ein schüchterner Mensch bin. Als ich das hörte, dachte ich: Endlich habe ich meine Schüchternheit überwunden! Mein esoterisches Kabarett geht ja auch in diese Richtung. Da stelle ich mich dem Publikum, und da werde ich ausgepfiffen oder bejubelt. Ich bin ja auch dieses Jahr wieder auf dem KIP Kongress und werde dort auch wieder spielen. Vielleicht sehen wir uns da wieder.

Das Interview führte Andreas Bleeck von der Partei Die Violetten

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